Hans-Günther Däßler (* 1. April 1925 in Benau, Niederschlesien; † 5. Dezember 2023; beerdigt in FreitalTraueranzeige, in: Sächsische Zeitung vom 9. Dezember 2023.) war ein deutscher Pflanzenchemiker und Immissionsforscher, der sich hauptsächlich mit der Einwirkung von Schwefeldioxidimmissionen auf Bäume und Wälder befasste. Er war von 1968 bis 1990 ordentlicher Professor und Lehrstuhlinhaber für das Fach Pflanzenchemie an der Sektion Forstwissenschaft Tharandt der Technischen Universität Dresden. Zur Erfassung von Schwefeldioxid und Staub führte das Institut für Pflanzen- und Holzchemie Tharandt ab 1965 unter Däßlers Verantwortung im Erzgebirge und im Elbsandsteingebirge Dauermessnetze ein.

Ausbildung Däßler wurde am 1. April 1925 in Benau/Niederschlesien geboren. Sein Vater war Tierarzt, seine Mutter Apothekerin. Von 1931 bis 1935 besuchte er die Volksschule Freital, und von 1935 bis 1943 das humanistische Vitzthum-Gymnasium in Dresden. Nach dem Abitur leistete Däßler von 1943 bis 1945 Wehr- und Kriegsdienst. 1945 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde noch im selben Jahr entlassen.

Von 1946 bis 1951 studierte Däßler Chemie an der Universität Dresden. 1951 diplomierte er bei Heinrich Wienhaus mit einer Arbeit Zur Chemischen Untersuchung der Extraktstoffe des Schwarzerlenholzes und wurde wissenschaftlicher Assistent am Institut für Pflanzenchemie und Holzforschung. Ab 1953 absolvierte er ein Zusatzstudium der Toxikologie an der Medizinischen Akademie „Carl Gustav Carus“ in Dresden. 1954 wurde er Lehrbeauftragter an der Fakultät für Forstwirtschaft.Heiner Hegewald: Pflanzenchemie, Holzchemie, Immissionsforschung, Agrikulturchemie. Das Tharandter Chemische Institut – Geschichte und Gegenwart. Dresden 2010, S. 56. Im selben Jahr begann er mit seiner Dissertation Über Mentofuran und dessen Autoxidation bei Heinrich Wienhaus und wurde zum Dr. rer. nat promoviert. Er arbeitete dann eineinhalb Jahre im Zellstoffwerk Gröditz. 1957 wurde er Oberassistent am Institut für Pflanzenchemie und Holzforschung. Ebenfalls 1957 begann er bei Heinrich Wienhaus seine Habilitationsschrift: Über die Einwirkung von Schwefeldioxid auf Terpene und Pflanzenwachse – ein Beitrag zur Chemie der Rauchschäden.Heiner Hegewald: Pflanzenchemie, Holzchemie, Immissionsforschung, Agrikulturchemie. Das Tharandter Chemische Institut – Geschichte und Gegenwart. Dresden 2010 S. 100.

Berufliches Wirken

1958 regte Heinrich Wienhaus seinen Oberassistenten an, „die Rauchschadenforschung wieder ins Leben zu rufen“. Damit war gemeint, dass Däßler die Rauchschadenforschung, die zwischen 1952 und 1961 von Erich Zieger und dem Institut für Forstschutz wahrgenommen wurde,Erich Zieger: Rauchschäden im Walde. Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Hochschule Dresden 3, 1953/1954, 271 – 280.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 76. wieder an das Institut für Pflanzenchemie und Holzforschung zurückholen solle.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 108. Erich Zieger verstarb 1960, fünf Jahre vor seiner zu erwartenden Emeritierung,Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 94. und daraufhin beschloss der Fakultätsrat, eine Dozentur für die „Chemie des Rauchschadens und des Forstschutzes“ einzurichten.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 109. 1961 wurde Däßler habilitiert. Am 26. April 1961 schlug die Fakultät vor, die Dozentur für die „Chemie des Rauchschadens“ dem Institut für Pflanzen- und Holzchemie zuzuordnen, und nicht mehr dem Institut für Forstnutzung und Forstschutz, und schlug vor, sie mit Däßler zu besetzen.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 110. Die Deutsche Akademie für Landwirtschaftswissenschaften und die Fakultät beauftragten gemeinsam Däßler ab dem 26. Mai 1961 mit der Koordinierung und Leitung der Rauchschadenforschung. Däßler transportierte daraufhin die Forschungsunterlagen vom Institut für Forstnutzung und Forstschutz an das Institut für Pflanzen- und Holzchemie. Die dritte Tagung Forstlicher Rauchschadensachverständiger in Tharandt am 24. Juli 1961 richtete indes noch das Institut für Forstnutzung und Forstschutz aus.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015 S. 148.

Am 1. Dezember 1961 wurde am Institut für Pflanzenchemie und Holzforschung auf Veranlassung des Ministeriums für Wissenschaft und Technik eine Abteilung Rauchschadenforschung eingerichtet und Däßler zu ihrem Leiter bestellt. Sie publizierte von da an unter der Bezeichnung „Arbeitsgemeinschaft Forstliche Rauchschadenforschung Tharandt.“ Erste PublikationTobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 114. war der Aufsatz von Däßler: Probleme der forstlichen Rauchschadenforschung.Hans-Günther Däßler: Probleme der forstlichen Rauchschadenforschung. Biologisches Zentralblatt 82, 1963, 217 – 228. Darin knüpfte Däßler ausdrücklich an die Arbeiten Erich Ziegers an.Hans-Günther Däßler: Probleme der forstlichen Rauchschadenforschung. Biologisches Zentralblatt 82, 1963, 217 – 228 [219 o., 228 u.].a. A. Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 114.

1962 und 1963 wurde Däßler verantwortlich für die zweite und dritte Phase des Aufbaus eines von Erich Zieger angestoßenen Rauchschadenprüffelds nahe der Warnsdorfer Quelle im Tharandter Wald.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 122.Heiner Hegewald: Pflanzenchemie, Holzchemie, Immissionsforschung, Agrikulturchemie. Das Tharandter Chemische Institut – Geschichte und Gegenwart. Dresden 2010, S. 57, 100. 1963 wurde er zum Professor mit Lehrauftrag berufen. Im gleichen Jahr wurde er Mitbegründer der zentralen Kommission „Reinhaltung der Luft“;Heiner Hegewald: Pflanzenchemie, Holzchemie, Immissionsforschung, Agrikulturchemie. Das Tharandter Chemische Institut – Geschichte und Gegenwart. Dresden 2010, S. 57., von 1964 bis 1970 war er dort Leitungsmitglied.Heiner Hegewald: Pflanzenchemie, Holzchemie, Immissionsforschung, Agrikulturchemie. Das Tharandter Chemische Institut – Geschichte und Gegenwart. Dresden 2010, S. 101. Er wurde auch in den 1957 von Karl Friedrich Wentzel eingerichteten Kreis der internationalen Rauchschadensachverständigen aufgenommen, der sich alle zwei Jahre zu Tagungen traf. 1963 standen neue Erkenntnisse über Ursachen, Verbreitungswege und Rauchschäden im Osterzgebirge zur Verfügung.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 121 f. Der dort gelegene Kurort Seiffen sollte ab 1960 offensiv zu Fremdenverkehrsort ausgebaut werden. Seiffen lag aber im zu erwartenden Zentrum des neuen Rauchschadengebietes. Dies nahm Däßler zum Anlass, am 12. Februar 1964 eine Denkschrift zur Situation im Osterzgebirge an das Zentralkomitee der SED, die Staatliche Plankommission und an verschiedene Ministerien zu übersenden.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 126 f. Die Denkschrift stieß auf Interesse.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 131 f. 1964 bezog die Deutsche Akademie für Landwirtschaft das Erzgebirge in eine Großraumdiagnose ein.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 131.

1965 begann das Institut für Pflanzen- und Holzchemie, ein eigenes, ständig betriebenes Messnetz zur Erfassung von Schwefeldioxidimmissionen einzurichten.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 132. Ab 1966 nahm Däßler an den Sitzungen der Arbeitsgruppe „Reinhaltung der Luft“ des Wirtschaftsausschusses DDR/CSSR teil, die auf Initiative des Sekretärs für Wirtschaft des Zentralkomitees der DDR gebildet wurde.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 226. Der Wirtschaftsausschuss verhinderte Lösungen zur Senkung von Immissionen;Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 228. Verhandlungen mit der CSSR wurden deshalb dem Ministerium für Umwelt übertragen.

1968 wurde Däßler Inhaber des Lehrstuhls für Pflanzenchemie an der Technischen Universität Dresden.Heiner Hegewald: Pflanzenchemie, Holzchemie, Immissionsforschung, Agrikulturchemie. Das Tharandter Chemische Institut – Geschichte und Gegenwart. Dresden 2010, S. 58, 101. Er wurde zum Leiter des Bereichs Pflanzenchemie der Sektion Forstwirtschaft bestellt, welche nach der Dritten Hochschulreform der DDR an die Stelle der Fakultät trat.Heiner Hegewald: Pflanzenchemie, Holzchemie, Immissionsforschung, Agrikulturchemie. Das Tharandter Chemische Institut – Geschichte und Gegenwart. Dresden 2010, S. 58. Die Sektion Forstwirtschaft wurde Hauptauftragnehmerin der komplexen Staatsplanaufgabe „Reinhaltung der Luft“. Ihr Ziel war es, die zersplitterte Forschung zusammenzufassen und doppelte Forschungsansätze zu vermeiden.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 149. Däßler wurde ihr Leiter.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 158. Er hatte ungefähr 20 Nachauftragnehmer für die Themen Reinhaltung der Luft, Abgasentschwefelung, Abgasentstaubung, katalytische Nachverbrennung, Kfz-Abgase, Korrosionsschutz, meteorologische Aspekte, Messverfahren und Messgeräte, und forstliche und landwirtschaftliche Rauchschadenforschung zu koordinieren. Allerdings erhielt Däßler ab 1970 keine Genehmigung für Westreisen mehr; Grund für die Ablehnung war, dass Däßler als Nicht-Mitglied der SED einen zu weitreichenden Einblick in alle wirtschaftspolitischen Maßnahmen erhalten würde, die sich im Zusammenhang mit der Rauchschadensproblematik ergeben.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 147. In die Staatsplanaufgabe flossen von 1970 bis 1975 über 52 Mio. M.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 150. Es wurde freilich festgestellt, dass mit einer entscheidenden Senkung der Schwefeldioxidimmissionen erst ab 2020 gerechnet werden konnte, wenn das Böhmische Becken ausgekohlt ist, weil großtechnisch einsetzbare und ökonomisch vertretbare Verfahren zur Beseitigung von Schwefeldioxid aus Kraftwerksabgasen nicht zur Verfügung standen.

1972 wurde der Technischen Universität Dresden die Koordinierung des Forschungsthemas des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe „Einfluss von Luftverunreinigungen auf Waldgesellschaften und Agrobiocönosen“ übertragen. Däßler wurde Koordinator des Vorhabens. Am Forschungsthema waren Forschungsinstitute aus der UdSSR, CSSR, Polen, Ungarn und Bulgarien beteiligt. Zusätzlich war er von 1974 bis 1978 Mitglied des Wissenschaftlichen Rates für das internationale Forschungsprogramm „Schutz der Natur“ in Preßburg. Der Perspektivplan der Sektion Forstwissenschaften aus dem Jahr 1975 sah vor, dass die Rauchschadenforschung folgende Einzelthemen zu bearbeiten hätte: Resistenzprüfung und Resistenzerhöhung einzelner Baumarten, Erfassung von Schadgebieten, Erarbeitung von Bewirtschaftungsmaßnahmen und Rekultivierung geschädigter Flächen nebst Wiederaufnahme der Holzproduktion.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 151. Däßler und Herbert Lux bescheinigten der Düngung von rauchgeschädigten Kiefern bemerkenswerte Erfolge.Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen 2015, S. 161