mini|Kopf der Skulptur Vater Staat vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin
Vater Staat ist der Titel einer Skulptur des Bildhauers Thomas Schütte aus den Jahren 2007–2010. Sie zeigt einen stehenden Mann mit realistisch ausgeführten Gesichtszügen, der mit einer Mütze und einem den Körper verhüllenden bodenlangen Mantel bekleidet ist. Von der Figur existieren Ausführungen in verschiedenen Größen und Materialien, von denen vor allem die überlebensgroßen Skulpturen in Bronze oder Stahl bekannt wurden. Diese monumentalen Figuren waren international in vielbeachteten Ausstellungen zu sehen, einige Exemplare gelangten in Museumsbesitz. Obwohl der Künstler nach eigener Aussage mit der Figur explizit keine politische Aussage verbindet, sehen mehrere Autoren in der Skulptur Vater Staat einen Bezug zur aktuellen politischen Situation und reihen sie in die Tradition historischer Standbilder ein.
Ausführungen und Beschreibung mini|Vorderansicht der Skulptur Vater Staat im Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal mini|Rückansicht der Skulptur Vater Staat im Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal
Thomas Schütte begann 2007 mit einer ersten Figur von Vater Staat, die er aus Knetmasse modellierte.Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte, S. 33. Hieraus entwickelte er in seiner Werkstatt schließlich die finale Form. 2010 entstanden kleinformatige Bronzeskulpturen mit den Abmessungen 49,5 cm × 22,2 cm × 11 cm. Diese Bronzefiguren sind jeweils auf einer Stele aus Stahl montiert, die eine Höhe von 120 cm aufweist und eine Grundfläche von 30 cm × 30 cm hat. Von dieser Serie gibt es eine Auflage von sechs Stück plus drei Künstlergüsse. Eine solche – auch als Modell bezeichnete – Figur wurde 2015 für 782.000 Pfund Sterling versteigert.Siehe Angaben zur Versteigerung einer solchen kleinformatigen Skulptur im Auktionshaus Christie’s.
Neben diesen kleinformatigen Figuren wurden 2010 und 2011 großformatige Skulpturen gegossen. Es gibt sie als Ausführung in patinierter Bronze oder in rostfarbenem Stahl. Die Bronzefiguren werden mit einer Höhe von 383 cm, einer Breite von 155 cm und einem Gewicht von 1,1 Tonnen angegeben.„Vater Staat“ in Bronze, Artikel in der Berliner Morgenpost vom 5. Juli 2011. Für die Ausführung in Stahl finden sich die Maße 373 cm × 155 cm × 110 cm.Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte, S. 156.
Alle Ausführungen zeigen, unabhängig von ihrer Größe oder dem Material, die gleiche Figur. Dargestellt ist ein stehender Mann, der mit einer Mütze und einem bodenlangen Mantel bekleidet ist. Die Kopfbedeckung ist mal als „Marokkanische Mütze“Wolfgang Bergem: „Herrschende Dienerinnen“ der politischen Theorie: Metaphern vom Staat, in: Markus Kink (Hrsg.): Staatsansichten – Staatsvisionen: ein politik- und kulturwissenschaftlicher Querschnitt, S. 54. und mal als „orientalische Kopfbedeckung“Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte S. 33. bezeichnet worden; Thomas Schütte nennt sie „Afghanische Mütze“. Tatsächlich hat die Mütze der Skulptur Vater Staat Ähnlichkeiten mit den Kopfbedeckungen des ehemaligen afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. Als Grund für die Kopfbedeckung nannte Schütte: „Die Mütze habe ich draufgemacht, damit ich keine Frisurprobleme habe“. Und weiter: „Jeder menschliche Kopf besteht ja zu drei Vierteln aus Frisur, aber es ist fast unmöglich, eine Frisur zu zeichnen oder zu modellieren.“Interviewäußerungen von Thomas Schütte zur Mütze der Skulptur wiedergegeben in Berggruens neue Gabe eingeflogen, Artikel in der B.Z. vom 3. Juli 2011. Auch zum langen Mantel der Figur hat sich Schütte geäußert: „Das Mäntelchen hatte der schon im Modell, denn Knie und Bein sind schwierig zu machen.“Interviewäußerungen von Thomas Schütte zum Mantel der Skulptur wiedergegeben in Berggruens neue Gabe eingeflogen, Artikel in der B.Z. vom 3. Juli 2011. Tatsächlich verhüllt dieses „wallende lange Gewand“Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte S. 33. den Körper fast vollständig, und die Gliedmaßen sind nicht erkennbar. Da, wo Arme und Hände sichtbar fehlen, ist der „fast flauschig wirkende“Wolfgang Bergem: „Herrschende Dienerinnen“ der politischen Theorie: Metaphern vom Staat, in: Markus Kink (Hrsg.): Staatsansichten – Staatsvisionen: ein politik- und kulturwissenschaftlicher Querschnitt, S. 53. Mantel um die Hüfte eng zusammengebunden. Der Autor Wolfgang Bergem merkt hierzu an: „Möglicherweise sind die Arme durch den eng geschnürten Gürtel abgeschnürt“.Wolfgang Bergem: „Herrschende Dienerinnen“ der politischen Theorie: Metaphern vom Staat, in: Markus Kink (Hrsg.): Staatsansichten – Staatsvisionen: ein politik- und kulturwissenschaftlicher Querschnitt, S. 53. Selbst die Füße fehlen bei dieser bis auf den Boden reichenden Robe. Stattdessen gibt das faltige schwere Gewand der Skulptur Stabilität. Für Schütte ist die Figur „eigentlich nur ein Mäntelchen mit einem Gesicht drin“.Theodora Vischer (Hrsg.): Thomas Schütte: Figur, S. 158.
Die ausformulierten Gesichtszüge sind in Schüttes Werk ungewöhnlich bei der Darstellung von Figuren. Große Ohren, hohe Wangenknochen und offene, nach vorn gerichtete Augen kennzeichnen die Gesichtszüge, die, wie die Autoren Gundel und Täuber anmerken, „eine gewisse Strenge, aber auch väterliche Gelassenheit signalisieren“.Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte S. 33. Wolfgang Bergem spricht von einem Blick, der „ernst und würdevoll“ wirkt.Wolfgang Bergem: „Herrschende Dienerinnen“ der politischen Theorie: Metaphern vom Staat, in: Markus Kink (Hrsg.): Staatsansichten – Staatsvisionen: ein politik- und kulturwissenschaftlicher Querschnitt, S. 53.
Vater Staat – Werktitel und Rezeption Von Thomas Schütte gibt es eine generelle Aussage zu Werktiteln: „Leider muss man ja immer noch einen Namen beifügen, manche Künstler verteilen nur eine Nummer. Die Sprachlastigkeit der Journalisten führt dazu, dass ein Titel manchmal sehr viel mehr bedeutet als die eigentliche Arbeit.“Theodora Vischer (Hrsg.): Thomas Schütte: Figur, S. 158. Trotz der vermeintlich ablehnenden Haltung gegenüber Titeln gab Schütte seinen Arbeiten immer wieder sehr aussagekräftige Bezeichnungen, wie beispielsweise Bunker, Mein Grab oder Ferienhaus für Terroristen. Auch seine bekannten Figurendarstellungen tragen auffällige Titel. So nannte er seine Arbeit für die Documenta IX in Kassel Die Fremden, präsentierte später United Enemies und gab weiteren Arbeiten Titel wie Großer Geist oder Mann im Matsch.
Mit der Figur Vater Staat wollte Thomas Schütte nach eigener Angabe keine politische Aussage treffen, sie sei keine „Bekenntnis-Skulptur“.Anne Grages: Thomas Schütte leiht Wuppertal seinen „Vater Staat“, Artikel in der Westdeutschen Zeitung vom 23. November 2010. Den Titel hätten seine Mitarbeiter zufällig in der Werkstatt gewählt, als sie eine Ähnlichkeit zwischen dem Gesicht der Figur und dem des Finanzministers Wolfgang Schäuble entdeckten.Anne Grages: Thomas Schütte leiht Wuppertal seinen „Vater Staat“, Artikel in der Westdeutschen Zeitung vom 23. November 2010. Schütte selbst gab hierzu an: „Bei mir ist der Name fast immer nur ein Jux, Namen sind Etiketten, sie sind nicht weiter wichtig. Im Modell sah der Vater Staat unserem Finanzminister so ähnlich, ich konnte es zwar schlecht Schäuble Standing nennen, aber mit Vater Staat waren alle zufrieden.“Theodora Vischer (Hrsg.): Thomas Schütte: Figur, S. 158.
Auch wenn die Intention des Künstlers möglicherweise ursprünglich eine andere war, steht die Deutung der Figur durch die von Schütte autorisierte Bezeichnung Vater Staat in enger Beziehung zu ihrem Titel.Wolfgang Bergem: „Herrschende Dienerinnen“ der politischen Theorie: Metaphern vom Staat, in: Markus Kink (Hrsg.): Staatsansichten – Staatsvisionen: ein politik- und kulturwissenschaftlicher Querschnitt, S. 54. Während bei einer ersten Präsentation die Journalistin Martina Schürmann das Werk als „eine Mischung aus Kleists Dorfrichter Adam und Adenauer im Schlafrock“ bezeichnete und damit auf die Hauptfigur in Kleists Der zerbrochne Krug und den ehemaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer anspielte, zogen andere Autoren einen direkten Bezug zu Wolfgang Schäuble, seinem Amt als Finanzminister oder zur Finanzkrise ab 2007. Die fehlenden Hände deutet Wolfgang Bergem damit, dass „der Staat in der Finanzkrise keine Hände zum Geldausgeben“ habe.Wolfgang Bergem: „Herrschende Dienerinnen“ der politischen Theorie: Metaphern vom Staat, in: Markus Kink (Hrsg.): Staatsansichten – Staatsvisionen: ein politik- und kulturwissenschaftlicher Querschnitt, S. 53. Die Berliner Boulevardzeitung B.Z. formulierte: „Die Ärmchen sind mager, die Hände stecken in den Taschen, der Gürtel ist schon enger geschnallt. Thomas Schüttes Skulptur Vater Staat (2010) zeigt einen miesepetrigen Herren im Bademantel. Geld verteilt so ein grimmiges Gesicht nicht.“Berggruens neue Gabe eingeflogen, Artikel in der B.Z. vom 3. Juli 2011. Michael Kohler stellte im art-Magazin fest: „Ernst und würdevoll blickt Vater Staat auf seine Kinder. Über sechs Jahrzehnte hat er gut für sie gesorgt, doch jetzt steht er unter seinem Morgenmantel ohne Arme da und wirkt trotz seiner Höhe von vier Metern erschreckend hilflos.“ Kohler betonte, dass Schütte in Vater Staat die „Bundesrepublik nach der Finanzkrise“ sehe. Für ihn steht Schüttes Vater Staat in direkter Folge zu dessen Skulptur Mann im Matsch, den der Künstler vor einer Sparkassen-Zentrale aufstellen ließ. Für ihn ist diese knietief eingesunkene Figur ein Beleg für Schüttes Haltung zur globalen Finanzwelt.
mini|Skulptur der République von 1883, Paris
Die Autoren Gundel/Täuber haben darauf hingewiesen, dass der Figur trotz eines „wahrhaft staatstragenden Titels“Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte, S. 32. die „Insignien der Macht“ fehlten.Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte, S. 33. Vater Staat sei zwar ein „würdevoller Hüne aus Bronze“Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte, S. 32., der aber trotz „feierlicher Frontalität“Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte, S. 34. eher ein staatsmännisches Standbild persifliere.Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte, S. 34. Während in der Vergangenheit die jeweiligen Repräsentanten des Staates, also „Monarchen, Staatsmänner, Diktatoren“Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte, S. 32. durch Denkmäler geehrt wurden, sei die Figur des Vater Staat eher als Allegorie zu verstehen und mit den Darstellungen der französischen République vergleichbar. Zu den bekanntesten Darstellungen gehört hierbei sicher die République von 1883 auf dem gleichnamigen Platz in Paris. Doch die Figur des Vater Staat stehe nicht für die mit der traditionellen Vaterlands-Metapher Vater Staat verbundenen Begriffe wie „Fürsorge, Gerechtigkeit und intakte soziale Ordnung“.Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte, S. 33. Schüttes Vater Staat vermittle durch die fehlenden Hände „weniger Tatkraft“,Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte, S. 33. sondern eher „Hilflosigkeit“.Marc Gundel, Rita E. Täuber: Thomas Schütte, S. 33. Für den Bildhauer Tony Cragg ist die Aussage der Figur Vater Staat seines Freundes Thomas Schütte eine „Kombination von Macht und Feigheit“.Zitiert in Markus Kink (Hrsg.): Staatsansichten – Staatsvisionen: ein politik- und kulturwissenschaftlicher Querschnitt, S. 54.
Ausstellungen und Museumsbesitz