Dankbarkeit ist ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat oder erhalten wird. Man kann dem Göttlichen, den Menschen oder sogar dem Sein gegenüber dankbar sein, oder allen zugleich. Geschichtlich gesehen stand und steht die Erfahrung der Dankbarkeit im Blickpunkt einiger Weltreligionen.Emmons, R. A., & Crumpler, C. A. (2000). Gratitude as a human strength: Appraising the evidence. Journal of Social and Clinical Psychology, 19, 56-69 Sie wurde intensiv diskutiert von Moralphilosophen wie etwa Adam Smith in seiner Theorie der ethischen Gefühle (1759). Das systematische Studium der Dankbarkeit begann innerhalb der Psychologie um das Jahr 2000, ausgehend von der Positiven Psychologie.Daniela Blickhan: Dankbarkeit als Weg zum persönlichen Glück.
Vergleich mit Dankesschuld Dankbarkeit ist nicht dasselbe wie das Gefühl der Dankesschuld. Beide Gefühle stellen sich zwar nach empfangener Hilfe ein, aber das Gefühl der Dankesschuld tritt auf, wenn die Person erkennt, dass sie verpflichtet ist/wird, die Hilfe in irgendeiner Weise zu vergüten.Greenberg, M. S. (1980). A theory of indebtedness. In K. J. Gergen, M. S. Greenberg & R. H. Wills (Eds.), Social exchange: Advances in theory and research: New York: Plenum. Die beiden Gefühle führen zu verschiedenen Resultaten: Dankesschuld (ein negatives Gefühl) kann dazu führen, dass der Empfänger der Hilfe den Helfer in Zukunft meidet, während Dankbarkeit (ein positives Gefühl) den Empfänger dazu motivieren kann, seinen Wohltäter aufzusuchen, wodurch sich die Beziehung zwischen den beiden verbessert.Watkins, P. C., Scheer, J., Ovnicek, M., & Kolts, R. (2006). The debt of gratitude: Dissociating gratitude and indebtedness. Cognition and Emotion, 20, 217-241, .Tsang, J. A. (2006).
Verhaltensänderung nach Empfang von Dankbarkeit Dankbarkeit kann auch dazu führen, dass sich positives soziales Verhalten im Wohltäter verstärkt. Beispielsweise fand man in einem Experiment, dass Kunden eines Juweliers, bei denen man sich nach dem Kauf in einem Telefongespräch bedankte, später um 70 % mehr gekauft haben. Zum Vergleich: Kunden, bei denen man sich bedankte und die über einen Ausverkauf informiert wurden, zeigten nur eine 30-prozentige Erhöhung ihrer Käufe, und Kunden, die gar nicht angerufen wurden, zeigten gar keine Erhöhung.Carey, J. R., Clicque, S. H., Leighton, B. A., & Milton, F. (1976). A test of positive reinforcement of customers. Journal of Marketing, 40, 98-100. In einer anderen Untersuchung gaben Stammgäste eines Restaurants mehr Trinkgeld, wenn die Kellner „Danke“ auf die Rechnung schrieben.Rind, B., & Bordia, P. (1995). Effect of server's "Thank you" and personalization on restaurant tipping. Journal of Applied Social Psychology, 25, 745-751.
Religiöse Zugänge Das Studium des Zusammenhangs zwischen Religion, Spiritualität und Dankbarkeit ist in letzter Zeit üblich geworden. Wenn auch diese beiden Charakteristika sicher nicht voneinander abhängig sind, so wurde doch in Untersuchungen festgestellt, dass Spiritualität die Fähigkeit zur Dankbarkeit erhöhen kann. Daher zeigen die Menschen, die regelmäßig Gottesdienste besuchen oder sich anderweitig religiös engagieren, wahrscheinlich in allen Lebenssituationen größere Dankbarkeit.McCullough, M.E., Emmons, R.A., & Tsang, J. (2002). The grateful disposition: A conceptual and empirical topography. Journal of Personality and Social Psychology, 83, 112-127Robert A. Emmons, Michael E. McCullough: In christlichen, buddhistischen, moslemischen, jüdischen und hinduistischen Traditionen wird die Dankbarkeit als wertvolle menschliche Neigung gesehen. Anbetung mit Dankbarkeit gegenüber Gott ist ein Thema, das all diesen Religionen gemeinsam ist; daher durchzieht der Begriff der Dankbarkeit religiöse Texte, Lehrinhalte und Traditionen. Dankbarkeit ist somit eines der wichtigsten Gefühle, das Religionen in ihren Anhängern erwecken und erhalten wollen und gilt als universelle religiöse Haltung.Emmons, Robert A., and Teresa T. Kneezel. "Giving Gratitude: Spiritual and Religious Correlates of Gratitude." Journal of Psychology and Christianity 24.2 (2005): 140-48. Print.
Jüdische Zugänge miniatur|Juden danken Gott am Sabbat für die alltäglichen Segnungen, die er ihnen schenkt. Im Judentum ist Dankbarkeit ein wesentlicher Teil des Gottesdienstes, und sie durchzieht jeden Lebensaspekt des Gläubigen. In der jüdischen Weltsicht kommt alles von Gott, und daher ist Dankbarkeit ein zentraler Aspekt. Die hebräische Bibel ist voll von solchen Stellen; hier sind zwei Beispiele aus den Psalmen: „Herr, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit“, und „Ich will dir danken, Herr, aus ganzem Herzen!“ (Ps 30,13 und Ps 9,2). Dankbarkeit ist oft auch ein Teil jüdischer Gebete, so im Schma Jisrael, wo der Gläubige aus Dankbarkeit sagt: „Darum sollst du den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ (Deuteronomium 6,4). Das Schlussgebet, das Alenu, spricht auch von Dankbarkeit, indem es Gott für das besondere Geschick des jüdischen Volkes dankt. Außerdem betet der fromme Gläubige während des Tagesablaufs über hundert Segensgebete namens Berachot.Emmons, Robert A., and Cheryl A. Crumpler. "Gratitude as a Human Strength: Appraising the Evidence." Journal of Social and Clinical Psychology 19.1 (2000): 56-69. Print. Im Judentum wird auch die Dankbarkeit für menschliche Freundlichkeit und Güte betont. Wenn man aufhört, egoistisch zu sein, wird man offen für andere, man lernt zu schätzen, was sie Gutes tun, und man kann daher dankbar sein.
Im 5. Buch Mose kündigt Gott an, diejenigen zu bestrafen, die „genug haben“, Gott, der ihnen dies alles geschenkt hat, aber nicht „mit Freude und Lust des Herzens“ dienen.5. Buch Mose, 28:47 Neid und Habgier werden auch in den Zehn Geboten gebrandmarkt. Um solche natürlichen Begierden in gute Impulse zu verwandeln, schreibt die jüdische Tradition Dankgebete („Bracha“) vor, die ‒ besonders bei orthodoxen Juden ‒ als selbstverständliche Alltagsrituale den gesamten Tagesablauf begleiten. Auch am Sabbat sind die Gläubigen angehalten, Gottes Segnungen zu zählen und zu feiern.
Christliche Zugänge Es heißt, dass Dankbarkeit das gesamte Leben des Christen präge. Martin Luther nannte Dankbarkeit „Die wesentliche christliche Haltung“. Dankbarkeit ist „Das Herz des Evangeliums“. Da jeder Christ glaubt, von einem personalen Gott geschaffen zu sein, werden Christen ermutigt, ihren Schöpfer zu loben und ihm dankbar zu sein. Christliche Dankbarkeit sieht Gott als den selbstlosen Geber alles Guten. Dies geht einher mit der biblischen Aussage, dass jeder Mensch schuldig („Sünder“) ist. Dankbarkeit ist im Christentum die Anerkennung von Gottes Großmut, die den Christen dazu führt, seine eigenen Gedanken und Taten nach diesen Idealen auszurichten.Emmons, Robert A., and Cheryl A. Crumpler. "Gratitude as a Human Strength: Appraising the Evidence." Journal of Social and Clinical Psychology 19.1 (2000): 56-69. Print. Christliche Dankbarkeit ist nicht einfach nur ein sentimentales Gefühl, sondern vielmehr eine Tugend, die auch zu Taten führt. Nach Jonathan Edwards’ Treatise Concerning Religious Affections gehören Liebe und Dankbarkeit gegenüber Gott zu den Anzeichen wahrer Religiosität. Auch moderne Messgrößen religiöser Spiritualität enthalten Bewertungen von Dankbarkeit gegenüber Gott. Samuel und Lester (1985) fanden bei einer kleinen Versuchsgruppe katholischer Nonnen und Priester, dass – unter 50 möglichen Gefühlen – Liebe und Dankbarkeit die häufigsten Gefühle gegenüber Gott waren.
Islamische Zugänge Der heilige Text des Islam, der Koran, ist von der Idee der Dankbarkeit erfüllt. So erwähnt er die Gläubigen als Dankbare Diener (عَبْدًا شَكُورًاAbd Schakuur), ein Name Allahs ist Al Schakuur (الْشَكُورٌ), wobei hier die gleiche sprachliche Form des dankbaren Gläubigen vorliegt, jedoch die ungefähre Bedeutung im Deutschen als „der zum Dank Bereite“ oder „der Belohnende“ wiedergegeben wird. Der Islam ermuntert also die Gläubigen, dankbar zu sein und Gott in allen Lebenslagen Dank zu sagen. Im Koran heißt es auch in Sure 14, dass der Dankbare mehr von Gott erhält. Viele Alltagstätigkeiten im islamischen Glauben fördern auch die Dankbarkeit. Die Säule des täglichen Gebets ermuntert die Gläubigen, fünfmal am Tag zu Gott zu beten, um ihm für seine Güte zu danken. Die Säule des Fastens während des Monats Ramadan dient dazu, den Gläubigen in den Zustand der Dankbarkeit zu versetzen.
Messung individueller Unterschiede Neuere psychologische Forschung über Dankbarkeit zielt auf die Natur individueller Unterschiede in Dankbarkeit und auf die Frage, wozu es führt, wenn man mehr oder weniger dankbar ist.Wood, A. M., Joseph, S., & Linley, P. A. (2007). Gratitude: The parent of all virtues. (Memento vom 31. Juli 2015 im Internet Archive) (PDF; 88 kB)Wood, A. M., Maltby, J., Stewart, N., & Joseph, S. (2008). (PDF; 131 kB) Personality and Individual Differences, 44, 619-630. Die Methode GQ6McCullough, M. E., Emmons, R. A., & Tsang, J. (2002). The grateful disposition: A conceptual and empirical topography. Journal of Personality and Social Psychology, 82, 112-127. misst individuelle Unterschiede mit Hilfe der Frage, wie oft und wie intensiv Menschen Dankbarkeit empfinden. Die EinschätzungsskalaAdler, M. G., & Fagley, N. S. (2005). Appreciation: Individual differences in finding value and meaning as a unique predictor of subjective well-being. Journal of Personality, 73, 79-114. misst acht verschiedene Aspekte der Dankbarkeit: Einschätzung von Personen, Besitz, des Augenblicks, Ritualen, Ehrfurchtsgefühlen, sozialen Unterschieden, existenziellen Ängsten, und von Verhalten, das Dankbarkeit ausdrückt. Die Methode GRATWatkins, P. C., Woodward, K., Stone, T., & Kolts, R. L. (2003). Gratitude and happiness: Development of a measure of gratitude, and relationships with subjective well-being. "Social Behavior and Personality", 31, 431-451. beurteilt Dankbarkeit gegenüber anderen Menschen, Dankbarkeit gegenüber der Welt im Allgemeinen und das Fehlen von Unzufriedenheit über das, was man nicht hat. Eine neue Studie hat gezeigt, dass alle diese Messmethoden eigentlich dieselbe Methode, sich dem Leben zu stellen, messen; das lässt vermuten, dass individuelle Unterschiede in Dankbarkeit alle diese Komponenten beinhalten.
Empirische Ergebnisse
Der Zusammenhang mit dem Wohlbefinden