310px|rechts mini|Münzporträt des Septimius Severus mini|Kastellareal, Ansicht von Ost mini|Mauerrest der NO-Ecke mini|Befundskizze Steinkastell mini|Rekonstruktionsversuch des Nordtores von Kastell Favianis (Mautern an der Donau), so ähnlich könnte auch das Südtor von Habitancum ausgesehen haben mini|West Woodburn, Brücke über den Rede mini|Chesterhope Burn nahe Ridsdale mini|Mogoninschrift des Marcus Gavius Secundinus mini|„Robin of Risingham“, Abzeichnung a.d. 18. Jahrhundert mini|Replik des Steinrelief am Originalstandort mini|Herkulesaltar des Tribunen L.A. Salvianus mini|Fortunaaltar des Julius Severinus
Habitancum war ein römisches Hilfstruppenkastell auf dem Gebiet der Gemeinde (Parish) Corsenside/Hamlet Risingham, County Northumberland, England.
Es war Teil der aus insgesamt fünf Kastellen bestehenden Vorfeldsicherung des Hadrianswalls und stand an einer römischen Fernstraße, die bis weit in den Norden Caledonias führte. Das Kastell spielte wohl auch eine wichtige Rolle als Ausgangs- und Rückzugsbasis bei Feldzügen der römischen Armee in den Norden. Das frühe Holz-Erde-Kastell wurde unter Kaiser Antoninus Pius errichtet und im späten 2. Jahrhundert zerstört. In der Regierungszeit des Septimius Severus in Stein wieder aufgebaut, brannte es im späten 3. Jahrhundert erneut nieder. Im frühen 4. Jahrhundert noch einmal instand gesetzt, wurde es am Ende des Jahrhunderts endgültig verwüstet und von den Römern aufgegeben. Zum Lager gehörte mit ziemlicher Sicherheit auch eine größere Zivilsiedlung und ein Gräberfeld. Sein Areal birgt für zukünftige Ausgrabungen wohl noch zahlreiche bedeutende archäologische Funde, die neue Einblicke in das Leben an der äußersten Randzone des römischen Britanniens bieten werden.
Name Das Kastell wird in drei antiken Schriftquellen erwähnt. Bei einer handelt es sich um einen im Fluss Rede gefundenen Weihealtar, der von einem Benefiziarier gestiftet wurde (Habitanci). Auf einem Weihealtar, dem Kaiserpaar Septimius Severus und Julia Domna und den Geistern ihrer Ahnen gewidmet, wird der Ort als Habitancum bezeichnet. Er ist weiters in der Ravenna-Kosmographie des Geographen von Ravenna (7. Jahrhundert), ebenfalls als Habitancum, aufgelistet. Die Etymologie des lateinischen Ortsnamens ist unsicher. Er scheint aus zwei Teilen zu bestehen: dem römischen Namen Habitus, dessen Bedeutung unklar ist, aber möglicherweise auf ein Clanoberhaupt oder einem Grundbesitzer zurückgeht oder auch für eine ganze Gruppe steht (wie das angelsächsische ingas, ‚Leute‘). Das Cognomen ist Avitus, neben vielen abgeleiteten Formen (Abitus, Avithus, Avittus). Die Endsilbe -ium, ist ein lateinisches Suffix, das Eigentum bezeichnet. Der Ortsname könnte daher als „Platz der Leute des Habitus“ gedeutet werden. D.h. die Festung wurde vielleicht auf Land erbaut, das ursprünglich im Besitz eines Romano-Briten gewesen sein könnte. Römische Festungen wurde für gewöhnlich nicht nach ihrem Bauherren oder ersten Kommandanten benannt.RIB 1225, RIB 1235, R&C Nr. 184, Rivet/Smith, S. 361–362
Lage Das Kastell liegt 21 km nördlich von Corbridge (Coriosopitum/Coria) und 13 km südlich von High Rochester (Bremenium), der nächstgelegenen römischen Festung an der Dere Street, die bis nach Melrose (Trimontium) und zum Antoninuswall führte. Das Areal befindet sich in einer nördlichen Senke zwischen den Hügeln nahe dem Südufer des Rede, auf einem Feld westlich der heutigen A68 zwischen Corbridge und Jedburgh, etwa 800 Meter vom Weiler Woodburn, nahe der Stelle, wo die Autostraße A68 den Fluss beim Ortseingang von West Woodburn überquert, und gehört zu den Weidegründen der Broadgate Farm. Im Südwesten fließt der Chesterhope Burn am Lager vorbei und mündet unmittelbar nordwestlich in den Rede. Dort weicht die Trasse der antiken Dere-Street in Richtung Westen von der A68 ab und trifft im Norden, nach etwa 3 km, wieder auf die A68. Das Kastellareal ist heute fast 200 Meter vom Ufer des Rede entfernt, da sich sein Lauf inzwischen weiter nach Nordwesten verlagert hat. Zur Zeit der Römer waren es nur etwa 45 Meter. Der Fluss diente wohl auch als Transportweg mit dem das Kastell durch Flachbodenfrachtern mit Nachschub aus den Lagerhäusern von Corbridge versorgt werden konnte. Spuren einer römischen Brücke konnten bislang nicht entdeckt werden. Über die Dere Street war das Kastell im Norden mit den Lager in High Rochester (Bremenium), im Süden mit Halton Chesters (Onnum), dem Walldurchgang am Portgate und dem Nachschubzentrum Coriosopitum verbunden.
Forschungsgeschichte Viele in Risingham gemachte römische Funde wurden im 17. Jahrhundert von Robert Bruce Cotton zunächst nach Conington gebracht und später dem Jesus College in Cambridge vermacht. Teile des Kastells wurden während des 19. und 20. Jahrhunderts freigelegt. Bei Untersuchungen zwischen 1839 und 1842 wurden von Richard Shanks die Reste des Kastellbades an der Südostecke und die des Lagerhauptquartiers im Zentrum der Festung entdeckt. Nahe dem Badegebäude wurde 1844 eine Bauinschrift ausgegraben und von John Bell abgezeichnet. Das Original ist seitdem verschollen. Das Lagerhauptquartier wurde bei Grabungen in den Jahren 1840, 1849 (Robson) und 1935 freigelegt. Dabei konnte die Bauinschrift der Steinbauphase aus dem Jahr 213 geborgen werden. John Kenneth Sinclair St. Joseph fertigte in den 1960er Jahren Luftaufnahmen vom Kastellareal an. Bei Baumaßnahmen im Jahr 2004 konnte ein Bruchstück römerzeitlicher Keramik (sog. Black Coarse-Ware) aufgelesen werden. Zwischen 2009 und 2012 fanden geophysikalische Untersuchungen auf dem Kastellareal statt und enthüllten eine dichte Bebauungsstruktur. Zusätzlich wurden wieder Luftaufnahmen des Platzes angefertigt. Da das Kastellgelände nie modern überbaut wurde, dürfte eine größere archäologische Grabung noch eine Fülle von Erkenntnissen über dieses Bodendenkmal zutage fördern.Frere/St.Joseph 1983, S. 119 und 121.
Fundspektrum Aus Risingham und seiner näheren Umgebung sind zahlreiche römische Inschriften (Achtzehn Altäre und sieben Widmungsinschriften) bekannt. Der antike Ortsname ist auf zwei von ihnen angegeben; Ein undatierter Altar für den Gott Mogon und eine Widmung, die zu Beginn des dritten Jahrhunderts angefertigt wurde. Fünf Altäre waren u. a. dem obersten Staatsgott, Iupiter Optimus Maximus, gewidmet. Zwei dem Iupiter Dolichenus, drei der Fortuna, drei dem Herkules, zwei dem Mars, zwei dem Mogon und noch jeweils ein Altar für Diana, Cocidius, eine lokale Gottheit, die Muttergöttinnen, die Nymphen und den Genius des regierenden Kaisers. Im Badehaus stieß man bei den Ausgrabungen von 1840 auch auf einen kleinen, aus 15 Münzen bestehenden Hortfund, die aus der Zeit von Gallienus (254) bis Claudius Gothicus (269) stammten.
Robin of Risingham Zu den bemerkenswertesten antiken Artefakten im Umland des Kastells zählt ein antikes, etwa 1,2 Meter hohes Sandsteinrelief, das im Volksmund „Robin of Risingham“ oder auch „Robin of Redesdale“ genannt wird. Entweder handelt es sich dabei um die Darstellung eines lokal verehrten Jagdgottes, die des römischen Gott des Waldes, Silvanus, oder des keltischen Gottes Cocidius. Die Gottheit steht wahrscheinlich neben einem Altar, trägt eine gegürtete Tunika sowie einen Köcher mit Pfeilen auf dem Rücken, über seiner rechten und linken Schulter ist ein Mantel drapiert. Er hält mit der Linken einen Bogen über den Kopf und in der rechten Hand sitzt ein kleines Tier. Es wurde erstmals im 18. Jahrhundert von John Horsley beschrieben und ist das einzige bekannte römerzeitliche Bildwerk in Northumberland, das aus einem Felsen herausgemeißelt wurde. Im 18. Jahrhundert zersprengte der damalige Grundbesitzer aus Ärger über den großen Besucherandrang den Oberteil des Reliefs mit Schießpulver. Die Unterseite mit den Beinen der Figur sind heute alles, was von dem ursprünglichen Bildwerk noch erhalten ist. Vor dem antiken Original wurde 1983 von der Redesdale Society eine Replik des zerstörten Oberteils aufgestellt.RIB 1208, RIB 1209, RIB 1212, RIB 1215, RIB 1221, RIB 1224, RIB 1225, RIB 1228, The Gentleman's Magazine, Bände 169–170, F. Jeffries 1841, S. 135, Lapidarium Septentrionale, S. 329, John Hodgson 1827, S. 166.
Entwicklung Im Jahre 122 befahl Kaiser Hadrian, im Norden Britanniens eine Sperrmauer, verstärkt durch Wachtürme und Kastelle, vom Tyne bis zum Solway-Firth zu errichten, um die britischen Provinzen vor den ständigen Einfällen der Pikten aus dem Norden zu schützen. Der Wall wurde größtenteils durch Soldaten der drei in Britannien stationierten Legionen und der Classis Britannica errichtet. Fünf Kastelle (zwei davon sollten zusätzlich das Stammesgebiet der verbündeten Briganten sichern) lagen im Nahebereich nördlich des Hadrianswalles. Zu den Aufgaben der Besatzungen zählten zunächst die Sicherung und Überwachung der Hauptverkehrswege.
Die Anfangsphase der römischen Besetzung Risinghams liegt noch weitgehend im Dunkeln; es tauchte bis heute kein Beweis dafür auf, dass das Kastell zur selben Zeit wie der Hadrianswall erbaut wurde. Eine erste Befestigung (Holz-Erde-Kastell) wurde von einer Bauvexillation der Legio VI – erst zwischen 139 und 140 – unter Kaiser Antoninus Pius errichtet, wie eine diesbezügliche Bauinschrift annehmen lässt. Sie konnte aber bislang jedoch nicht exakt datiert werden. Bei den Ausgrabungen wurden an der Westmauer Keramikscherben aus dem frühen zweiten Jahrhundert geborgen. Wahrscheinlich diente es zur Sicherung der Okkupation der Central Lowlands bis zum Antoninuswall. Noch im 2. Jahrhundert mussten die Mauer und eines der Tore renoviert werden. Es dürfte schon am Ende des 2. Jahrhunderts (ca. 197) bei einem Einfall der nördlichen Stämme niedergebrannt und danach vorübergehend von seiner Besatzung verlassen worden sein. Es könnte sich dabei aber auch um eine geplante Räumung und Zerstörung des Stützpunktes durch seine Garnison gehandelt haben.
Unter Septimius Severus wurde die Region wieder befriedet, das Kastell mit einer Vangionenkohorte besetzt und in Stein komplett neu aufgebaut. Dies vermutlich im Zuge der großangelegten Instandsetzungsarbeiten an der Infrastruktur des Hadrianswalls zwischen 205 und 208, zur Vorbereitung für einen Feldzug des Kaisers und seiner beiden Söhne in den Norden. Ab der Herrschaft des Caracalla diente die Festung als Vorposten. Bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts wurden Habitancum und das benachbarte Bremenium auch mit Aufklärern (exploratores) belegt, was auf zunehmend unruhigere Zeiten schließen lässt. Habitancum wurde schon im späten 3. Jahrhundert wieder zerstört (vermutlich bei einem konzertierten Angriff der Caledonen und Maeter im Jahre 296 nach der Niederlage des Allectus). Eine dicke Brandschicht über den Fußböden der severischen Gebäude lässt annehmen, dass Habitancum zu diesem Zeitpunkt überrannt worden war. Im frühen 4. Jahrhundert, um 306, wurde es aber erneut aufgebaut. Das Lager wurde – vermutlich gegen Ende des 4. Jahrhunderts (nach den Funden zu schließen zwischen 367 und 369) – wiederum zerstört und danach endgültig aufgegeben. Dies könnte im Zuge des Rückzugs der Armee hinter die Hadriansmauer, der vielleicht schon im Jahre 312 begann (unter Konstantin I.), vonstattengegangen sein. Vielleicht auch als ein Zugeständnis für einen Friedensvertrag, der mit den nördlichen Stämmen geschlossen wurde. Das römische Oberkommando dürfte schließlich zur Einsicht gelangt sein, dass der Nutzen einer militärischen Präsenz so weit nördlich des Walls in keinem Verhältnis zum dafür notwendigen Aufwand an Material und Soldaten stand. Spätestens am Ende dieses Jahrhunderts waren auch die anderen Vorpostenkastelle aufgelassen worden.