Die Arbeitsgemeinschaft der Optanten für Deutschland (AdO) entstand am 30. Jänner 1940 und war eine NS-affine Vereinigung von Südtirolern, die bei der Optionsfrage für eine Emigration aus Italien ins Deutsche Reich gestimmt hatten.
Geschichte Zwischen 1928 und 1939 formierte sich in Südtirol auf verschiedenen Ebenen ein Widerstand gegen die Italianisierungspolitik des faschistischen Regimes. In den Katakombenschulen wurde den Kindern die verbotene deutsche Sprache beigebracht, kirchliche Medien und Vereine wehrten sich unter dem Schutz des Heiligen Stuhls gegen die Regierung Mussolinis, und mit dem Völkischen Kampfring Südtirols (VKS) bildete sich eine der NSDAP nahestehende Untergrundbewegung unter Peter Hofer.
Optanten
mini|Propagandapostkarte des Winterhilfswerks der AdO von 1941/42 (Entwurf von Albert Stolz) Am 21. Oktober 1939 schlossen Hitler und Mussolini ein Abkommen, das die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Italiens, also im Wesentlichen die Bevölkerung des heutigen Südtirol, vor folgende Entscheidung stellte: entweder Verbleib in Italien oder Option fürs Deutsche Reich mit anschließender Emigration. Die Option begann 1939 und hatte große gesellschaftliche Verwerfungen zur Folge. Die Frage, ob man im Zuge einer Emigration ins Deutsche Reich die Heimat verlassen oder im durch die faschistische Italianisierungskampagne geprägten Südtirol bleiben solle, entwickelte sich speziell durch die Propaganda des VKS zu einem großen Konfliktthema, was auch gewaltsame Übergriffen von „Optanten“ auf „Dableiber“ zur Folge hatte. Rund 85 % der Befragten entschieden sich letztlich für die Option.
Auf Weisung der Amtlichen deutschen Ein- und Rückwanderungsstelle (ADERST) unter Wilhelm Luig, die Heinrich Himmler, dem Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, unterstellt war, und mit Billigung der italienischen Regierung wurde die AdO Ende Januar 1940 gegründet, um den „Optanten“ eine Organisation zu bieten und auch vermögensrechtliche Fragen, insbesondere durch die Einrichtung von sog. Wertfestsetzungskommissionen, zu lösen. Die Gründung diente der Anerkennung und Legalisierung des bis dahin illegalen VKS. Man griff dabei auf die bereits bestehenden Strukturen und Personen des VKS zurück, Peter Hofer wurde als Leiter eingesetzt.
Alle Optanten wurden automatisch AdO-Mitglieder. Die VKS/AdO-Kader wurden auf den NS-Ordensburgen Sonthofen und Falkenburg sowie den Reichsschulungsburgen der NSDAP in Hohenwerfen in Erwitte ideologisch ausgerichtet. Dabei wurde auch massiver antiklerikaler Druck auf die Teilnehmer ausgeübt. Nach dem ideologischen und organisatorischen Vorbild des NS-Parteiapparats arbeitete die AdO mit Zellenabenden, Ortsgruppenappellen, Frauenschaftsversammlungen, Heim- und Schulungsabenden, Filmvorführungen, Brauchtumslagern, Heimatabenden, selbst Heldenehrungen für gefallene Südtiroler Wehrmachts- und SS-Angehörige sowie Julfeiern daran, die Umsiedler auf das Dritte Reich vorzubereiten. Nach der deutschen Kapitulation in Stalingrad begann die Werbung um drei- bis viertausend kurzfristig frontverwendungsfähiger Südtiroler Männer sowie ziviler Kräfte in erheblichem Umfang für den Arbeitseinsatz im Dritten Reich. Deutsche Besetzung Nachdem im September 1943 die deutsche Wehrmacht Südtirol besetzt und am 10. September 1943 die Operationszone Alpenvorland errichtet hatte, wurde die AdO im Oktober in Deutsche Volksgruppe Südtirol umbenannt.Michael Wedekind: Nationalsozialistische Besatzungs und Annexionspolitik in Norditalien 1943 bis 1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2003. ISBN 3-486-56650-4. Peter Hofer wurde zum „Volksgruppenführer“ befördert. Einige Mitglieder der AdO schlossen sich zum Südtiroler Ordnungsdienst zusammen und waren im September 1943 und in den folgenden Jahren unter anderem maßgeblich an der Deportation der Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Meran ins KZ (Durchgangslager Bozen) beteiligt; auch der kommissarische Bürgermeister von Brixen, Hans Stanek, übermittelte dem Kreisleiter der AdO Wolfgang Seifert am 20. September 1943 „ein Verzeichnis jener Personen, welche aufgrund der italienischen Gesetze als der jüdischen Rasse angehörig zu betrachten sind“.Joachim Goller: Der Griff nach Brixen. In: Hannes Obermair u. a. (Hrsg.): Regionale Zivilgesellschaft in Bewegung. Festschrift für Hans Heiss. Wien-Bozen: Folio Verlag 2012. ISBN 978-3-85256-618-4. S. 138–156, Bezug S. 143. AdO-Mitglieder versuchten auch flüchtige italienische Soldaten und Dissidenten zu verhaften und überfielen „Bleiber“, obwohl Kommissar Franz Hofer dies „offiziell“ verboten hatte. Nach dem Tod Peter Hofers durch eine Fliegerbombe im Dezember 1943 wurde Karl Tinzl als Präfekt der Provinz Bozen zu seinem Nachfolger in der Operationszone Alpenvorland ernannt.
Nachkriegszeit Nach 1945 wurde keiner der AdO-Führer für seine Tätigkeit zur Rechenschaft gezogen. Erst in jüngerer Zeit haben sich Historiker an eine erste Aufarbeitung dieser dunklen Zeit der Geschichte Südtirols herangewagt. Vieles bleibt noch zu klären.
Literatur Klaus Eisterer, Rolf Steininger: Die Option: Südtirol zwischen Faschismus und Nationalsozialismus. Haymon, Innsbruck 1989, ISBN 3-85218-059-7. Michael Wedekind: Nationalsozialistische Besatzungs und Annexionspolitik in Norditalien 1943 bis 1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2003, ISBN 3-486-56650-4. Margareth Lun: NS-Herrschaft in Südtirol: die Operationszone Alpenvorland 1943–1945. StudienVerlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2004, ISBN 3-70651-830-9. – 2., erw. Auflage, ebd. 2021, ISBN 978-88-95523-36-1.
Einzelnachweise
Kategorie:Geschichte Südtirols Kategorie:NS-Volkstumspolitik Kategorie:Faschistische Organisation (Italien) Kategorie:Historische Organisation (Italien) Kategorie:Organisation (Südtirol) Kategorie:Gründung einer politischen Organisation 1940 Kategorie:Aufgelöst 1943 Kategorie:Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich (1933–1945) und Italien
en:Arbeitsgemeinschaft der Optanten für Deutschland