Italienische Konzentrationslager wurden vom faschistischen Italien in Kolonien und besetzten Gebieten Afrikas und Europas sowie auf dem italienischen Festland errichtet.

Die Konzentrationslager in der nordafrikanischen Cyrenaika von 1930 bis 1934 wurden während des Zweiten Italienisch-Libyschen Krieges betrieben und waren Teil des faschistischen Genozids an der cyrenäischen Bevölkerung, bei welchem ein Viertel bis ein Drittel der Einwohner infolge von Todesmärschen und Lagerhaft umkam. Sie waren die ersten faschistischen Konzentrationslager der Geschichte und werden von Historikern auch als Todes- bzw. Vernichtungslager klassifiziert. Die Konzentrationslager in Italienisch-Ostafrika von 1935 bis 1941 wurden infolge des italienischen Angriffskriegs gegen das Kaiserreich Abessinien als Straflager für politische Gefangene errichtet. Von den insgesamt 10.000 Häftlingen, die in den Konzentrationslagern Danane und Nocra interniert wurden, überlebten 3.300 die Haftbedingungen nicht.

Weitere Konzentrationslager entstanden nach Italiens Eintritt in den Zweiten Weltkrieg auf dem italienischen Festland (1940–1943), der Kolonie Italienisch-Libyen (1942–1943) sowie den besetzten Gebieten Jugoslawiens, Albaniens und Griechenlands (1940–1943). Die dritte Welle von KZ-Gründungen erfolgte ab September 1943 im deutschen Satellitenstaat Italienische Sozialrepublik.

Lager in Afrika Konzentrationslager in der Cyrenaika (1930–1934) Im Frühjahr 1930 gelangten der italienische Kolonialminister Emilio De Bono und der Generalgouverneur für Libyen Pietro Badoglio zu der Einsicht, dass man die aufständischen Beduinen, die um ihre traditionelle Lebensgrundlage als Halbnomaden kämpften, nur durch eine weitere Eskalation der Gewalt befrieden könnte. Die Abriegelung der Grenze zu Ägypten durch einen Zaun (faschistischer Limes) sollte den Kämpfern und Zivilisten die Versorgungs- und Rückzugsmöglichkeit entziehen, Giftgasbombardements und die Deportation der Bevölkerung in Konzentrationslager wurde angeregt.Aram Mattioli: Die vergessenen Kolonialverbrechen des faschistischen Italien in Libyen 1923–1933. S. 216 f.

Badoglio machte mit General Rodolfo Graziani die Nichtkombattanten zu den Hauptleidtragenden der Kriegführung. Am 25. Juni 1930 ordnete er die Zwangsumsiedlung und Internierung von 100.000 Menschen in Konzentrationslager an. Unter der sengenden Sommersonne starben etwa 10.000 Menschen an den Strapazen der Märsche.Aram Mattioli: Die vergessenen Kolonialverbrechen des faschistischen Italien in Libyen 1923–1933. S. 218 Gewalt, Hunger und Seuchen machten die Lager zu eigentlichen Todeslagern mit nach Mattioli glaubwürdigen Schätzungen von 40.000 Toten. Angelo Del Boca nennt 40.000 Opfer aus Deportation und Lagerhaft. Beide gehen davon aus, dass etwa ein Viertel der Bevölkerung der Cyrenaika durch Deportation und Haft umkamen.Aram Mattioli: Die vergessenen Kolonialverbrechen des faschistischen Italien in Libyen 1923–1933. S. 219 und De Boca: Faschismus und Kolonialismus – Der Mythos von den anständigen Italienern. S. 195 Dieses Massensterben kam dem Endziel des faschistischen Kolonisationsprozesses, neuen „Lebensraum“ (spazio vitale) zu gewinnen, entgegen.Aram Mattioli: Die vergessenen Kolonialverbrechen des faschistischen Italien in Libyen 1923–1933. S. 221

Die Bewachungsmannschaften der Lager bestanden aus Esercito, Carabinieri, eritreischen Askari und einheimischen Kolonialpolizisten.Campo di Concentramento auf I Campi Fascisti, abgerufen am 20. Februar 2017

Der Anführer der Aufständischen, al-Muchtar, wurde 1931 gefangen genommen, zum Tode verurteilt und im Konzentrationslager Soluch vor 20.000 Libyern erhängt.De Boca: Faschismus und Kolonialismus – Der Mythos von den anständigen Italienern. S. 201

Laut dem Schweizer Historiker Aram Mattioli (2004) könne man die italienischen Konzentrationslager in der Cyrenaika von 1930 bis 1933 zwar nicht mit den nationalsozialistischen „Vernichtungsfabriken“ während des Zweiten Weltkrieges vergleichen, allerdings hätten sie als „eigentliche Todeslager“ dem Genozid an der autochthonen Bevölkerung gedient, um Platz für italienische Siedlerfamilien zu schaffen.Vgl. Aram Mattioli: Die vergessenen Kolonialverbrechen des faschistischen Italien in Libyen 1923–1933. In: Fritz-Bauer-Institut (Hrsg.): Völkermord und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 2004, S. 205 u. 219. „Italien war das erste faschistische Regime, das ganze Volksgruppen deportierte und in Todeslagern zugrunde gehen ließ“, so Mattioli in einem Artikel für Die Zeit im Jahr 2003.Aram Mattioli: Libyen, verheißenes Land. In: Die Zeit. 15. Mai 2003, abgerufen am 30. März 2015. Der italienische Historiker Angelo Del Boca (2004)Angelo Del Boca: Faschismus und Kolonialismus. Der Mythos von den „anständigen Italienern“. In: Fritz-Bauer-Institut (Hrsg.): Völkermord und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 2004, S. 196. und der US-amerikanisch-libysche Historiker Ali Abdullatif Ahmida (2009) bezeichnen die KZs in der Cyrenaika als „Vernichtungslager“.Amida schreibt im Englischen von „genocidial camps“, die von Aram Mattioli ins Deutsche mit „Vernichtungslager“ übersetzt werden, vgl. Ali Abdullatif Ahmida: The Making of Modern Libya. State Formation, Colonization and Resistance, 1830–1932. New York 2009, S. 139 und Aram Mattioli: Die vergessenen Kolonialverbrechen des faschistischen Italien in Libyen 1923–1933. In: Fritz-Bauer-Institut (Hrsg.): Völkermord und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 2004, S. 203–226, hier S. 226. Der libysche Historiker Abdulhakim Nagiah (1995) spricht ebenfalls von den „ersten faschistischen Konzentrationslagern in der Geschichte“ und von einem Genozid, bei dem in Cyrenaika zwischen 1923 und 1931 schätzungsweise ein Drittel der Gesamtbevölkerung umgekommen sei.Abdulhakim Nagiah: Italien und Libyen in der Kolonialzeit: Faschistische Herrschaft und nationaler Widerstand. In: Sabine Frank, Martina Kamp (Hrsg.): Libyen im 20. Jahrhundert. Zwischen Fremdherrschaft und nationaler Selbstbestimmung. Hamburg 1995, S. 78 u 80.

+ Liste der Konzentrationslager in der Cyrenaika 1930–1933Campo di Concentramento auf I Campi Fascisti, abgerufen am 20. Februar 2017. Lager Ort von bis geschätzte HäftlingszahlAgedabiaAdschdabiyaMärz 1930September 19339.000Ain GazalaGazala193019332.130ApolloniaMarsa Susah193019333.140Barceal-Mardsch193019332.190BescerBishr19301933?CarcuraCarcura Baiadi19301933?CoefiaKuwayfiyah19301933365DernaDarnis19301933725DrianaDaryanah193019331.375el Nufiliaan-Nawfalīyah193019331.125el-Abiaral-Abyār1931Oktober 19338.000el-Agheilaal-AgheilaJanuar 1930Oktober 193234.500GuarsciaBengasi19301933360Marsa al Bregaal-BurayqaMärz 1931Juni 193320.072Sidi Ahmed el-Magrunal-MaqrunSeptember 1930Oktober 193313.050Sidi ChalifaSid Khalifah19301933650SoluchSulūqOktober 1930Mai 193320.123Suani el-AchuanSawānī al IkhwānJanuar 1932Oktober 19332.300Suani el-TerriaSawani Tik19301933500

Konzentrationslager in Ostafrika (1935–1941) Infolge des italienischen Überfalls auf das Kaiserreich Abessinien 1935 wurde dieses in die neugebildete Kolonie Italienisch-Ostafrika eingegliedert. Das Gebiet sollte durch eine Strategie des Massenterrors befriedet werden. Anders als an anderen Gewaltschauplätzen waren Konzentrationslager aber nicht die zentrale Institution der Verfolgung. Angehörige des Widerstandes wurden nach der Gefangennahme exekutiert und nur ein paar Hundert Mitglieder der Aristokratie erhielten eine Chance zum Überleben in Gefängnissen. Jedoch kam der italienische Unterdrückungsapparat auch in Ostafrika nicht ganz ohne Konzentrationslager aus. In Eritrea und Somalia entstand je ein Straflager für politische Gefangene.Aram Mattioli: Experimentierfeld der Gewalt. Der Abessinienkrieg und seine internationale Bedeutung 1935–1941. Zürich 2005, S. 142; Ders.: Ein vergessenes Schlüsselereignis der Weltkriegsepoche. In: Asfa-Wossen Asserate, Aram Mattioli (Hg.): Der erste faschistische Vernichtungskrieg. Die italienische Aggression gegen Äthiopien 1935–1941. Köln 2006, ISBN 3-89498-162-8, S. 17 f.

Das KZ Danane entstand im Herbst 1935 als mitten in der Wüste gelegenes Zeltlager, 40 Kilometer von der somalischen Hauptstadt Mogadischu entfernt. Die Insassen wurden vom faschistischen Vizekönig Italienisch-Ostafrikas, Rodolfo Graziani, als „Elemente bescheidener, aber trotzdem schädlicher Bedeutung“ eingeschätzt. Dabei handelte es sich um abessinische Adelige und Staatsbeamte mittleren Ranges, um Offiziere der kaiserlichen Armee von niederem Rang, um Mönche und einige wenige „Patrioten“, die von der italienischen Besatzungsmacht entgegen der Gewohnheit nicht exekutiert wurden. Unter den Gefangenen waren auch Frauen und Kinder. Viele Häftlinge des KZ Danane wurden infolge des gescheiterten Attentats auf Vizekönig Graziani interniert. Im KZ Nocra waren die Lebensbedingungen noch unerträglicher. Es befand sich auf einer unwirtlichen Insel beim eritreischen Massaua – einer der extremsten Klimazonen der Welt, mit Temperaturen bis zu 50 Grad Celsius bei hoher Luftfeuchtigkeit. Dabei wurden die Gefangenen zur Arbeit in Steinbrüchen gezwungen, viele starben an den Folgen von Malaria und Ruhr, schlechter Ernährung und Isolation. Wie im KZ Danane waren auch im KZ Nocra Frauen und Kinder unter den Häftlingen. Insgesamt wurden zwischen 1935 und 1941 rund 10.000 Gefangene in beiden Lagern interniert, von denen 3.300 die durch Klima und miserable Haftbedingungen verursachten Strapazen nicht überlebten.Angelo Del Boca: Faschismus und Kolonialismus. Der Mythos von den „anständigen Italienern“. In: Fritz-Bauer-Institut (Hrsg.): Völkermord und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 2004, S. 193–202, hier S. 196; Nicola Labanca: Italian Colonial Internment. In: Ruth Ben-Ghiat, Mia Fuller (Hg.): Italian Colonialism. New York 2005, S. 27–36, hier S. 32; Aram Mattioli: Experimentierfeld der Gewalt. Der Abessinienkrieg und seine internationale Bedeutung 1935–1941. Zürich 2005, S. 142 f.

Der italienische Historiker Angelo Del Boca (2004) klassifiziert die Lager in Italienisch-Ostafrika ebenso wie jene, die von 1930 bis 1933 in der Cyrenaika betrieben wurden, als „Vernichtungslager“. Aram Mattioli spricht im Zusammenhang mit dem KZ Danane von einem „Todeslager“. Auch die Historikerin Mariana de Carlo (2013) hält in ihrer Studie zum KZ Danane fest, dass man aufgrund der außerordentlich hohen Todesrate Danane „eher als Todes- denn als Internierungsinstrument“ betrachten könne.Angelo Del Boca: Faschismus und Kolonialismus. Der Mythos von den „anständigen Italienern“. In: Fritz-Bauer-Institut (Hrsg.): Völkermord und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 2004, S. 193–202, hier S. 196; Mariana de Carlo: Colonial internment camps in Africa Orientale Italiana. The case of Dhanaane (Somalia). In: Lars Berge, Irma Taddia (Hg.): Themes in African Modern History and Culture. Festschrift for Tekeste Negash. Libreriauniversitaria.it, Padua 2013, S. 193–208, hier S. 203 f; Aram Mattioli: Eine Veritable Hölle. In: Die Zeit, Nr. 51/2001, 13. Dezember 2001.

Konzentrationslager in Italienisch-Libyen (1942–1943) KZ Giado

Lager in Europa mini|hochkant|Internierungslager Campagna mini|hochkant|Caserma Concezione Konzentrationslager des Innenministeriums (1940–1943) 1939 errichtete Italien das erste und neue Konzentrationslager in Pisticci, das als Modell für weitere konzipiert war. Gefährliche Oppositionelle sollten erstmals nicht mehr in der politischen Verbannung, sondern im Landesinnern durch Arbeit umerzogen werden. Durch den Zweiten Weltkrieg wurden keine Pläne für weitere Lager dieses Typs mehr realisiert.Amedeo Osti Guerrazzi, Costantino di Sante: Die Geschichte der Konzentrationslager im faschistischen Italien. S. 184.