Veritas (lat. für Wahrheit) war nach dem Zweiten Weltkrieg eine deutsche Marke für Renn- und Sportwagen. Der Sitz der verschiedenen Hersteller war in Hausen am Andelsbach und Meßkirch im Landkreis Sigmaringen, in Muggensturm bei Rastatt, jeweils in der damaligen Französischen Besatzungszone (später Baden-Württemberg), und zuletzt am Nürburgring in Rheinland-Pfalz. mini|Veritas RS mit dem 6-Zylinder-Motor des BMW 328, 1971 cm³, ca. 125 PS mini|Motor eines Veritas RS, Baujahr 1948 mini|Cockpit
Geschichte Veritas GmbH in Hausen am Andelsbach Der ehemalige Motorradrennfahrer und Motorenspezialist Ernst Loof, der vor dem Krieg als Rennleiter bei BMW großen Anteil an der Entstehung der erfolgreichen Rennsport-Modelle hatte, entwickelte auf der Basis des BMW 328 ab 1946 Sport- und Wettbewerbsfahrzeuge. Zu diesem Zweck schloss er sich mit dem vormaligen kaufmännischen Leiter des BMW-Werks Allach, Lorenz Dietrich, dem Rennfahrer und BMW-Mitarbeiter Georg „Schorsch“ Meier und dem früheren Sechstage-Radrennfahrer Werner Miethe zusammen. Die von ihnen gegründete Veritas-Arbeitsgemeinschaft für Sport- und Rennwagenbau nahm im März 1947 den Betrieb auf. Der Firmenname ist angeblich auf Lorenz Dietrich zurückzuführen, dem dieses Wort spontan in den Sinn gekommen sein soll, als er von einem Vertreter der französischen Verwaltung nach dem Namen der neugegründeten Gesellschaft gefragt wurde.Titelstory in Der Spiegel, Ausgabe vom 7. Mai 1949. Zunächst war der Sitz auf dem Betriebsgelände des ehemaligen Rüstungsbetriebs Weimper im hohenzollerischen Hausen am Andelsbach.
Ein erster Prototyp eines sowohl straßen- als auch renntauglichen offenen zweisitzigen Sportwagens wurde im Verlauf des Jahres 1947 unter Verwendung von Fahrgestell und Motor eines gebrauchten BMW 328 aufgebaut. Die Modellbezeichnung lautete dementsprechend BMW-Veritas. Das Fahrzeug hatte eine für die damalige Zeit ungewöhnliche pontonförmige Stromlinienkarosserie aus Aluminium, wie sie auch die letzten vor dem Krieg gebauten Wettbewerbsmodelle von BMW aufwiesen. Karosseriebauer bei Veritas war Kurt FrickDieses Auto verbindet. In: Südkurier. 9. November 2006. aus Meßkirch.
Mit diesem und einem weiteren von Karl Kling nach Originalplänen in Eigenregie aufgebauten Wagen kam es im Verlauf des Jahres zu ersten kleineren Wettbewerbseinsätzen. Daneben gingen bereits erste Bestellungen ein, wobei das Geschäftsmodell der Veritas in der Zeit des Schwarzmarkts in Deutschland vorsah, dass der Kunde neben einer Anzahlung in bar ein gebrauchtes Sportwagenfahrgestell als Plattform sowie weitere Produktionsmittel beisteuern musste. Entsprechend der Einteilung der Sportwagenklassen in Wettbewerben standen Motorvarianten mit 2 Liter und 1,5 Liter Hubraum zur Auswahl.
Veritas GmbH in Meßkirch Im Frühjahr 1948 wurde der Betrieb auf ein etwas größeres Gelände ins badische Meßkirch verlegt. Es handelte sich dabei um Arbeitsunterkunftslager (sogenannte Zugsbaracken) des ehemaligen Reichsarbeitsdienstes (RAD)Gudrun Beicht (bei): Zwei Damen und ein Auto. In: Südkurier. 2. September 2005. auf dem heutigen Bizerba-Gelände. Gleichzeitig wurde Jean-Baptiste Lefêbvre, ein französischer Offizier, über den Dietrichs Verbindungen zu den Besatzungsbehörden und nach Frankreich liefen, Teilhaber der am 1. März 1948 gegründeten Veritas GmbH. Zur gleichen Zeit schied Georg Meier aus dem Kreis der Anteilseigner aus.
Ihren ersten großen und öffentlich angekündigten Auftritt hatte die neue Marke beim Rennen auf dem Hockenheimring, am 9. Mai 1948, das mit Siegen von Kling in der Klasse der Sportwagen bis 2 Liter und von Meier in der Kategorie für formelfreie Rennwagen endete. Im Verlauf der Saison folgten weitere Erfolge, sodass wegen der damit verbundenen breiten Aufmerksamkeit BMW kurze Zeit später die Verwendung der Bezeichnung BMW-Veritas verbieten ließ. Die Wagen wurden daher fortan unter der Modellbezeichnung Veritas RS (RS für „Rennsport“) gebaut.
Schnell entwickelte sich Veritas zur dominierenden Marke bei allen deutschen Rennveranstaltungen der frühen Nachkriegszeit. Obwohl von der Bauweise eigentlich zweisitzige Sportwagen, konnten die RS wegen des sehr locker gefassten Reglements auch in der neu geschaffenen Formel 2 eingesetzt werden und erwiesen sich hier selbst gegen reinrassige Monopostos als konkurrenzfähig. Daher kam es schnell zu weiteren Bestellungen, wobei ein großer Teil der zwischen 30 und 40 gebauten RS an ausländische Kunden verkauft wurde. Hauptabnehmer waren Rennfahrer aus der Schweiz, Belgien und Frankreich, aber es gingen auch Wagen nach Italien, in die Niederlande, nach Skandinavien und in die USA. Auf diese Weise waren Veritas-Rennwagen während der 1950er-Jahre auf allen Rennstrecken Europas und darüber hinaus vertreten.
Um auch zahlungskräftige Kunden anzusprechen, die nicht an Renneinsätzen interessiert waren, wurde vom Modell RS ein in der Leistung etwas gedrosseltes, für den Alltagsverkehr geeignetes Coupé abgeleitet. Das mit Karosserien von Spohn versehene und unter der Bezeichnung Comet angebotene Modell war zu seiner Zeit das teuerste deutsche Serienautomobil, allerdings wurden lediglich etwa acht Stück hergestellt.
Trotz der zahlreichen Erfolge waren die RS wegen ihrer ausladenden Stromlinienkarosserie und der damit verbundenen Unhandlichkeit auf kurvenreichen Strecken in der deutschen Presse sehr umstritten, die diesem Fahrzeugtyp schnell den Beinamen Aerosaurier verlieh. Parallel dazu begann Veritas daher mit der Entwicklung erster Prototypen für eine Kleinserie von Monoposto-Rennwagen für die in diesen Jahren sehr populäre Formel 2. Mit der Zeit wurde allerdings die Beschaffung gebrauchter BMW-Motoren immer schwieriger und so kam es im Zug der Währungsreform zu dem Entschluss, mit der Entwicklung eigener Motoren zu beginnen.
Finanziert von dem Schweizer Hermann Trümpy wurde hierfür in Caslano im Tessin ein Entwicklungsbüro eingerichtet. Dort wurde unter der Leitung des früheren BMW-Motorenkonstrukteurs Ernst Zipprich unter der Bezeichnung Meteor ein hauseigener OHC-Sechszylindermotor aus Leichtmetall entwickelt. Damit wurden ab etwa Herbst 1949 sowohl die Veritas-Rennwagen als auch – in leicht gedrosselter Ausführung – luxuriöse Sport- und Reisewagen für den öffentlichen Straßenverkehr ausgerüstet. Mangels ausreichender eigener Produktionskapazität lief die Serienfertigung dieser Antriebsaggregate bei Heinkel in Stuttgart-Zuffenhausen, während die Karosserien von Hebmüller und Spohn angefertigt wurden. Die Straßenfahrzeuge liefen unter den Modellnamen Scorpion (zweisitziges Cabriolet) und Saturn (zweisitziges Coupé, zusammen ebenfalls ca. acht Stück gebaut), während die Rennsportwagen als Comet S und die etwa zehn hergestellten Formel-2-Rennwagen als Meteor bezeichnet wurden.
Speziell für den Einsatz dieser Rennwagen wurde ein neuer Schweizer Rennstall, die Ecurie Suisse, gegründet. Insgesamt vier Veritas-Meteor wurden für die Fahrer Peter Hirt, Paul Glauser, „J.M. Marcy“ und Max de Terra bestellt und vorfinanziert, diese Fahrzeuge kamen in der Saison 1950 zum Einsatz. Weitere Wagen wurden für Rennfahrer wie Karl Kling und die beiden Vorkriegs-Asse Hermann Lang und Paul Pietsch gebaut und auch aus Belgien gingen Bestellungen ein.
Veritas Badische Automobilwerke GmbH Rastatt/Baden
Die Produktion dieser Modelle erforderte jedoch erneut größere Produktionskapazitäten, sodass im März 1950 ein erneuter Umzug notwendig wurde, diesmal auf das Gelände der Oberrheinischen Automobil GmbH Freiburg (ORAG) in Muggensturm (Landkreis Rastatt). Nach dem Ausscheiden von Werner Miethe wurde die Produktionsleitung nun vom ehemaligen Technischen Direktor von BMW, Dipl.-Ing. Dorls übernommen.
Dennoch zeichnete sich um diese Zeit ab, dass die Firma auf lange Sicht nicht vom Verkauf dieser für die damalige Zeit extrem teuren Modelle alleine existieren konnte. Direktor Lorenz Dietrich schloss daher ein Abkommen mit dem französischen Automobilhersteller Panhard über die Lieferung von Motoren und Komponenten des erfolgreichen frontgetriebenen Kleinwagenmodells Dyna, die mit gefälligen Cabriolet-Karosserien von Baur versehen ab 1950 unter der Bezeichnung Dyna-Veritas angeboten werden sollten. Daneben wurden auf dieser Plattform erste Prototypen einer Limousine (Karosserie von Baur) und von Roadster-Versionen (Karosserien von Baur und Drews) entwickelt.
Durch die Vielzahl der Aktivitäten wurden jedoch die Kapazitäten von Veritas überfordert und so geriet die Gesellschaft ab Anfang 1950 mehr und mehr in Schwierigkeiten. Aufgrund der Engpässe bei sowohl den Finanzen als auch Ressourcen kam es zu erheblichen Terminverzögerungen bei der Auslieferung der bestellten und zum großen Teil bereits bezahlten Fahrzeuge. Besonders gravierend wirkte sich dies auf die neuen Rennwagen-Modelle aus, deren Entwicklung nicht mehr mit der erforderlichen Sorgfalt durchgeführt werden konnte. So fielen beim Rennen zum Großen Preis von Deutschland 1950 alle sieben gestarteten Meteor-Rennwagen frühzeitig mit technischen Defekten aus, eine vernichtende Niederlage, die einen erheblichen Imageschaden zur Folge hatte. Und während die Marke Veritas bis 1949 in den heimischen Rennen noch äußerst erfolgreich gewesen war, wurde mit der Wiederzulassung Deutschlands zum internationalen Motorsport sehr schnell deutlich, dass die deutschen Konstruktionen den ausländischen Rennwagen-Modellen – insbesondere von Ferrari und Gordini – nicht gewachsen waren.
So kam es trotz einiger Anfragen nach staatlicher Unterstützung für den bedeutendsten deutschen Rennwagenhersteller schließlich im Herbst 1950 zum Konkurs und als Folge auch zur Trennung der beteiligten Partner.
Dyna-Veritas
mini|Dyna-Veritas von 1951 mini|Dyna-Veritas von 1951 Lorenz Dietrich verfolgte nach wie vor die Pläne zur Herstellung und zum Vertrieb des Dyna-Veritas und gründete zu diesem Zweck zusammen mit Lefêbvre die Dyna Import und Export GmbH. Diese Firma mit Hauptsitz in Baden-Baden und Zweigniederlassungen in Essen und München sowie einem Ableger in Paris sollte dazu auch den Vertrieb des originalen Dyna-Panhard in Deutschland übernehmen. Die Modelle hielten jedoch dem Preisvergleich, insbesondere zum Volkswagen, nicht stand und so blieben die Stückzahlen gering. Insgesamt wurden bis zum Produktionsende 1953 lediglich 176 Dyna-Veritas hergestellt, von denen ein erheblicher Teil in den Export nach Frankreich, Belgien, die Schweiz und Skandinavien ging.
Veritas-Nürburgring, Automobilwerk Ernst Loof GmbH Ernst Loof dagegen blieb weiterhin seiner Leidenschaft für Rennwagen und Autos der Luxusklasse treu. Nach dem Veritas-Konkurs gelang es ihm, ausreichend Maschinen und Material zum Nürburgring zu bringen, um dort in den Hallen, in denen vor dem Krieg die Auto Union AG ihre Rennwagen vorbereitet und gewartet hatte, einen bescheidenen Neuanfang zu starten. Seine neu gegründete VERITAS-Automobil-Werke Ernst Loof GmbH Nürburgring operierte dabei zunächst als Tuning-Betrieb für Rennwagen aller Art und als Renndienst für die in der Hand von Privatfahrern verbliebenen Meteor-Rennwagen. Dank dieser Unterstützung konnte der Verleger Paul Pietsch mit seinem Sieg beim Internationalen Eifelrennen 1951 auf dem Nürburgring den größten Erfolg in der Geschichte der Marke Veritas erringen und sich mit einem weiteren Sieg beim Schauinsland-Bergrennen darüber hinaus die Deutsche Meisterschaft in der Formel 2 desselben Jahres sichern.