Das Holz-Erde-Kastell auf der Breitung in Weißenburg, auch als Holzkastell Weißenburg bekannt, war ein römisches Militärlager, das nahe am Obergermanisch-Raetischen Limes, einem UNESCO-Weltkulturerbe, errichtet wurde und im Stadtgebiet von Weißenburg im mittelfränkischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen liegt. Die Anlage befindet sich rund 1,60 Kilometer nordöstlich des Reiterkastells Weißenburg auf der Breitunger Flur.

Lage und Forschungsgeschichte

mini|links|Die Lage von Weißenburg am Obergermanisch-Raetischen Limes

Die nur kurzfristig belegte Anlage wurde auf einem großen, flachen Plateau über dem Ausgang des Rohrbachtales errichtet und orientierte sich mit seiner Längsseite in nordwestlich-südöstlicher Richtung.Hans-Jörg Kellner, Gisela Zahlhaas, Hans-Gert Bachmann: Der Römische Tempelschatz von Weißenburg in Bayern. Zabern, Mainz 1993, ISBN 3-8053-1513-9, S. 12. An gleicher Stelle befand sich zuvor eine mittel- bis spätlatènezeitliche Gehöftsiedlung und nahebei eine Viereckschanze.Claus-Michael Hüssen: Holz-Erde-Kastell auf der Breitung. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 33, Berlin, New York 2006, S. 422.

Der trockene Sommer des Jahres 1976 ermöglichte es dem Luftbildarchäologen Otto Braasch, in der damals noch unbebauten Flur „Breitung“ die Doppelgräben des großen Holz-Erde-Lagers wahrzunehmen.Harald Koschik: Das römische Feldlager von Weißenburg in Bayern. In: Jahresbericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 21, 1980, S. 138–154; hier: S. 138. Im gleichen Zuge fand sich auch die keltische Viereckschanze, von der obertägig ebenfalls nichts erhalten geblieben war.Konrad Spindler (Bearb.): Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Denkmäler und Fundstätten (= Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland. Band 15). Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0504-3, S. 205.

Noch im September 1976 konnten mit dem Bagger sieben Suchschnitte durch das Grabenwerk des Kastells gelegt werden. Im Sommer 1978 wurde bekannt, dass eine Fläche von über 9000 Quadratmetern im südwestlichen Kastellbereich durch den 1981 begonnenen Bau eines neuen Kreiskrankenhauses (heute Klinikum Altmühlfranken) zerstört werden sollte. Die nun anlaufenden Grabungen fanden mit Unterbrechungen vom 28. Februar bis zum 1. Juni 1979 statt und standen unter der örtlichen Leitung des Grabungstechnikers Ferdinand Leja von der Außenstelle Nürnberg des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Die wissenschaftliche Leitung hatte der Archäologe Harald Koschik inne. Nach dem großflächigen Oberbodenabtrag und dem Anlagen dreier Testflächen zeigten sich für Leja und Koschik auf dem Planum keinerlei Spuren einer Innenbebauung. Zudem wurde dort kein einziges Fundstück geborgen. Auf eine weitere Untersuchung des Kastellinneren konnte somit verzichtet werden. Nun wurden erneut Baggerschnitte durch den Doppelgraben gezogen, sowohl an der Südwestecke als auch unmittelbar östlich des Südtores.Harald Koschik: Das römische Feldlager von Weißenburg in Bayern. In: Jahresbericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 21, 1980, S. 138–154; hier: S. 140–142.

In zwei weiteren Grabungskampagnen, die in den Jahren 1984 und 1985 stattfanden, gelang es dem Archäologen Claus-Michael Hüssen, den Ostteil des Kastells, rund ein Viertel der Gesamtanlage, zu untersuchen. Mit den Grabungen von 1986 sowie 1989 bis 1991, die ebenfalls von Hüssen in Zusammenarbeit mit der Römisch-Germanischen Kommission geleitet wurden, konnte das Lager anschließend fast vollständig untersucht werden.Eveline Grönke: Das römische Alenkastell Biricianae in Weißenburg in Bayern. Die Grabungen von 1890 bis 1990 (= Limesforschungen. Band 25). Zabern, Mainz 1997, ISBN 3-8053-2318-2, S. 15. Im Gegensatz zu Leja und Koschik konnte Hüssen den Nachweis einer hölzernen Innenbebauung liefern, und das sogar unmittelbar neben der 1979 aufgezogenen Fläche.

Diese Grabungen waren notwendig geworden, da das Bodendenkmal einem geplanten Neubaugebiet und einer Umgehungsstraße im Wege stand. Die Auswertung der Befunde und des geringen römischen sowie des reichen latènezeitlichen Fundmaterials erfolgte an der von Hüssen seit 1990 geleiteten Außenstelle Ingolstadt der Römisch-Germanischen Kommission.Claus-Michael Hüssen: Weißenburg (LK Weißenburg-Gunzenhausen). In: Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelfranken 97, 1994, S. 453. In Weißenburg war es den Archäologen erstmals in Deutschland möglich, ein solch großes einphasiges Holz-Erde-Kastell mit seiner Innenbebauung aus Pfostenbauten vollständig zu untersuchen.Claus-Michael Hüssen: Vortrag zur Jahressitzung 1990 der Römisch-Germanischen Kommission. Römische Okkupation und Besiedlung des mittelraetischen Limesgebietes. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 71, 1990 (1991), S. 5ff.; hier: S. 10.

Baugeschichte

mini|300px|Das Holz-Erde-Kastell mit Eintrag der Grabungsergebnisse von 1976 bis 1985

Umwehrung Das östliche der beiden Weißenburger Kastelle wurde als rechteckige, etwas in sich verschobene, 240 × 160 Meter (= knapp 3,2 Hektar) große Holz-Erde-Anlage errichtet. Typisch für die Grundform mittelkaiserzeitlicher Kastelle waren die abgerundeten vier Ecken (Spielkartenform).

Der Garnisonsort war von zwei Spitzgräben umschlossen, von denen der innere in einer Breite von bis zu 4,5 Metern und einer Tiefe von bis zu 1,4 Metern erhalten war, der äußere in einer Breite von bis zu 4,0 Metern und einer Tiefe von bis zu 1,3 Metern.Claus-Michael Hüssen: Das römische Holz-Erde-Kastell auf der Breitung in Weißenburg i. Bay. Gebr. Mann, Berlin 2018, ISBN 978-3-7861-2809-0, S. 29. Diese Gräben besaßen einen Böschungswinkel zwischen 35 und 45 Grad und waren in einen sehr harten anstehenden Kalkschuttboden eingetieft, der stellenweise mit Sand- und Lehmlinsen durchsetzt war. Die Härte des Bodens machte die Grabenwände äußerst standfest. Die im Verhältnis geringe Tiefe der Gräben kann unter anderem auch durch einen hohen Grundwasserspiegel erklärt werden. Ursache hierfür ist eine Tonbank unterhalb der Kalkschuttschicht, die das Wasser staut.Harald Koschik: Das römische Feldlager von Weißenburg in Bayern. In: Jahresbericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 21, 1980, S. 138–154; hier: S. 142–143.

An allen vier Seiten war je eine doppelspurige Tordurchfahrt errichtet worden, die von der Spina geteilt wurden. Diese Spina trug auch die Torbrücke, welche die das Tor flankierenden Türme verband. Vor diesen Toren setzten die beiden Umfassungsgräben jeweils aus, doch wurde die direkte Zufahrt zum Tor durch kurze, vorgelagerte Gräben (Titula) unterbunden. Hüssen nahm an, dass die aufgehende Befestigung des Kastells aus einer rund vier bis fünf Meter breiten Rasensodenmauer mit aufgesetzter Brustwehr bestand. Von alledem hatten sich jedoch keinerlei Spuren erhalten.Claus-Michael Hüssen: Neue Ergebnisse der Grabungen im Holzkastell von Weißenburg in Bayern. Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen, Mittelfranken. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1985 (1986), S. 108–109.; hier: S. 108. Von den aus Holz errichteten Wehrbauten blieben nur spärliche Reste erhalten. Im Bereich des Westtores waren noch die Pfostengruben der Spina, die in den gewachsenen Boden eingetieft waren, feststellbar und auch am Osttor waren noch Spuren der hölzernen Tortürme und der Spina erkennbar. In der Nordostecke ließen sich noch tiefe Pfostengruben eines rund 5 × 5 Meter großen Eckturms untersuchen.

Innenbebauung

Der etwas schiefwinkelige Grundriss der Umwehrung bestimmte auch das Aussehen die Innenbebauung. Wie die Wehrgräben waren auch die Lagerbaracken, Verwaltungsgebäude und möglichen Magazinbauten einphasig. Lediglich einzelne Pfosten der deutlich erkennbaren Holzbauten sind während der Nutzungsdauer ausgewechselt worden. Die Kurzfristigkeit des Lagers lässt sich auch an der Tatsache festmachen, dass die Archäologen keinerlei Versorgungseinrichtungen wie Brunnen, Zisternen, Abwasserkanäle oder Ähnliches finden konnten. Selbst Abfallgruben waren nicht zu entdecken.Hans-Jörg Kellner, Gisela Zahlhaas, Hans-Gert Bachmann: Der Römische Tempelschatz von Weißenburg in Bayern. Zabern, Mainz 1993, ISBN 3-8053-1513-9, S. 19. Von den Zentralbauten wie den Principia (Stabsgebäude) fanden sich keinerlei Spuren im tief umgepflügten Humus. Möglicherweise waren diese Gebäude im Gegensatz zu den umgebenden Baracken in einer anderen Bauweise errichtet worden. Denkbar wäre eine Gründung auf Schwellbalken- oder Pfostengräben.

Truppe

Der vollständig vorliegende Plan des Lagers lässt Aussagen über Stärke und Zusammensetzung der stationierten Truppe zu. So ist nach Anzahl und Innengliederung der Bauten an eine Cohors milliaria equitata zu denken. Der Ausgräber Claus-Michael Hüssen vermutet, dass möglicherweise die inschriftlich für Weißenburg bezeugte Cohors IX Batavorum equitata milliaria exploratorum hier Garnison genommen haben könnte.Claus-Michael Hüssen: Das römische Holz-Erde-Kastell auf der Breitung in Weißenburg i. Bay. Gebr. Mann, Berlin 2018, ISBN 978-3-7861-2809-0, S. 92–106 und S. 110. Die Inschrift stammt von einem bis 1892 an der Weißenburger Andreaskirche vermauerten Votivaltar für Jupiter.

Ende sowie vor- und nachkastellzeitliche Funde

Mit dem planmäßigen Abzug der Truppe und der Räumung des Lagers wurden auch die Holzbauten im Inneren der Umwehrung wenigstens teilweise niedergelegt. Die Kastellgräben müssen jedoch offen geblieben sein und haben sich langsam auf natürliche Weise verfüllt. In den dabei entstandenen unteren Einschwemmschichten fanden sich einige Fundstücke aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts. Zusammen mit diesen Befunden kamen Knochen ans Licht. Bereits Koschik hatte 1979 am Südtor Knochenfragmente von fünf Männern und einem Kind, Skelettreste von zwei Pferden und einem Hund freigelegt. Auch Hüssen konnte bis 1985 einen ähnlichen Befund feststellen. Um die nachkastellzeitlichen Funde lagen verstreut Menschen- und Tierknochen. Der Archäologe mutmaßte zunächst, dass dieses Material in Zusammenhang mit kriegerischen Ereignissen während der Markomannenkriege (166–180) gesehen werden könnte.Claus-Michael Hüssen: Neue Ergebnisse der Grabungen im Holzkastell von Weißenburg in Bayern. Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen, Mittelfranken. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1985 (1986), S. 108–109. Inzwischen ist klar, dass zumindest die Menschenknochen aus der mittel- bis spätlatènezeitlichen Gehöftsiedlung stammen, die zuvor an diesem Platz stand.Claus-Michael Hüssen: Holz-Erde-Kastell auf der Breitung. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 33, Berlin/New York 2006, S. 422.

Datierung