Der Artikel Jesiden in Deutschland behandelt die Geschichte und soziale Situation der nach Deutschland eingewanderten Jesiden. Jesiden kamen zuerst in größeren Gruppen in den 1960er Jahren im Rahmen der Anwerbung türkischer Arbeitskräfte nach Deutschland. Ihre Verfolgung und Unterdrückung als ethnisch-religiöse Minderheit, die von vielen als angebliche Teufelsanbeter diffamiert wird, führte ab den 1980er Jahren zu einer großen Fluchtwelle aus der Türkei, dem Irak und aus Syrien.Jesiden in Norddeutschland. Die zweite Heimat, Jean-Philipp Baeck, taz, 16. August 2014 Jesiden sind vor allem in den Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen vertreten. Die Anzahl der Jesiden in Deutschland wird auf 100.000 bis 200.000 geschätzt, aber mangels einer amtlichen Statistik ist eine genauere Angabe nicht möglich. In der europäischen Diaspora haben sich ihre religiösen und sozialen Normen zum Teil gewandelt.

mini|hochkant=1.3|Demonstration von Jesiden vor der US-Botschaft in Berlin am 22. Oktober 2014; in Washington empfing das US-Außenministerium auch jesidische Vertreter aus Deutschland.

Geschichte der Einwanderung Einwanderung aus der Türkei Durch die Anwerbepolitik der Bundesrepublik Deutschland konnte eine Vielzahl der türkischen Jesiden Anfang 1964 als Gastarbeiter aus der Türkei in die Bundesrepublik einwandern. Um einreisen zu können, mussten die Gastarbeiter vollkommen gesund und alphabetisiert sein. So waren es zunächst hauptsächlich junge Männer, die entweder eine fünfjährige Schulbildung absolviert hatten oder während ihres Militärdienstes halbwegs Lesen und Schreiben gelernt hatten. Wahrscheinlich führten wirtschaftliche Interessen die ersten Jesiden nach Deutschland. Erst nach einem Anwerbestopp für Gastarbeiter am 23. November 1973 durch die Bundesregierung kamen weitere Jesiden durch die Familienzusammenführung oder über das Asylverfahren nach Deutschland. Nach dem dritten Militärputsch in der Türkei von 1980 trieb zunehmende Unterdrückung Jesiden zur Flucht nach Deutschland.Savucu: Yeziden in Deutschland. 2016, S. 85 f.

Die ersten Jesiden aus der Türkei hatten in ihrer Heimat hauptsächlich in der Landwirtschaft gearbeitet.Tagay: Die Eziden und das Ezidentum. 2016, S. 96. Generell stammten die meisten Jesiden aus sehr einfachen sozialen Verhältnissen und waren nicht sehr gebildet.Kreyenbroek: Yezidism in Europe. 2009, S. 43. Die jesidischen Mädchen und Frauen waren überwiegend Analphabetinnen, weil ihre Familien, aus Angst vor Belästigungen oder Entführungen, sie nicht zur Schule schickten. Daher wies die erste Generation bis Ende der 1980er Jahre noch ein sehr niedriges Bildungsniveau auf. Erst mit der zweiten Generation wurden die Bildungsmöglichkeiten in Deutschland auch von Jesiden genutzt. Für den Großteil der in Deutschland lebenden Jesiden ist eine qualifizierte Ausbildung ihrer Kinder heute sehr wichtig, weil sie ihnen unter anderem eine Integration in die deutsche Gesellschaft sowie Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt ermöglicht.

Einwanderung aus Syrien Syrische Jesiden bilden die zweitgrößte Gruppe der in Deutschland lebenden Jesiden. Ihre Einwanderung erfolgte vor allem im Zeitraum zwischen 1980 und 1990.Kreyenbroek: Yezidism in Europe. 2009, S. 42. In Syrien, wo sie hauptsächlich in Afrin und in der Provinz al-Hasaka angesiedelt waren, wurden sie nicht als religiöse Gemeinschaft anerkannt. Bei einer Volkszählung 1962 in al-Hasaka wurde 120.000 Kurden, darunter Sunniten und Jesiden, die syrische Staatsbürgerschaft entzogen; sie wurden zu Ausländern erklärt. Bis 2006 waren mehr als 300.000 Kurden staatenlos.Buried alive. Refugees international. S. 1.

Nach Halil Savucu, dem Gründungsmitglied des Zentralrates der Yeziden in Deutschland (ZYD), wurden ihnen bestimmte Rechte wie das Wahlrecht, Besitz- und Eigentumsrechte oder das Recht auf Ausreise vorenthalten. Zudem schreibt er, dass jesidische Kinder, im Gegensatz zu christlichen Schülern, zum Islamunterricht an Schulen gezwungen wurden.Savucu: Yeziden in Deutschland. 2016, S. 89 f.

Einwanderung aus dem Irak Saddam Hussein Im Irak erlitten Jesiden durch das Baath-Regime unter Saddam Hussein in den 1970er Jahren zunehmende Unterdrückung und Diskriminierung. Das Ziel des damaligen Diktators war es, alle Jesiden und Kurden im Irak zwangsweise zu arabisieren.Savucu: Yeziden in Deutschland. 2016, S. 91. Während der Anfal-Operation gegen die Kurden wurden viele Jesiden aus ihren Dörfern zwangsvertrieben und in Camps umgesiedelt. In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren flohen viele Jesiden nach Europa.

Nach dem Ende des Baath-Regimes

Im Gegensatz zur Türkei oder Syrien erkennt der Irak auf dem Papier das Jesidentum an. Seit 2007 allerdings fordern einige konservative Islamgelehrte (ʿUlamā') den Kampf gegen die „ungläubigen“ Jesiden.Savucu: Yeziden in Deutschland. 2016, S. 92. 2007 wurden in den Dörfern Til Ezer und Siba Scheich Khidir im Nordirak ca. 500 Jesiden von islamischen Fundamentalisten getötet.Zeit Online: Tod der kleinen Völker. http://www.zeit.de/2007/35/Tod_der_kleinen_Voelker [28.07.2017].

Besonders nach dem zweiten Irakkrieg im Jahr 2003 und ab 2009 flohen vermehrt Jesiden aus dem Irak nach Deutschland.Ute Winsemann: Zuzug irakischer Flüchtlinge: Bürgermeister mahnt Konzept an. In: Weser Kurier. 1. Januar 2010, abgerufen am 25. August 2014.Artikel: In: Pforzheimer Zeitung. 19. Juli 2011, abgerufen am 25. August 2014.Ludger Osterkamp: Gütersloh: Hilfe für Jesiden gesichert – Stadt verlängert ihr Förderprojekt, Integration gilt als geglückt. In: Neue Westfälische. 18. Januar 2012, abgerufen am 25. August 2014. Aber vor allem nach Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs 2011 sowie dem Völkermord an den Jesiden durch die Terrororganisation des Islamischen Staates vom 3. August 2014 stieg die Zahl der Jesiden in Deutschland.

Einwanderung aus anderen Ländern Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 siedelten auch Jesiden aus den ehemaligen GUS-Staaten Armenien und Georgien sowie Russland und Ukraine in die Bundesrepublik um.Tagay: Die Eziden und das Ezidentum. 2016, S. 93.

Anerkennung und asylrechtliche Einordnung in Deutschland 1982 erwirkte der mit den Gegebenheiten vor Ort vertraute Orientalist Gernot Wießner der Universität Göttingen mit einem Gutachten beim Verwaltungsgericht Stade die asylrechtliche Anerkennung der Jesiden als Flüchtlinge. 1993 hat sich dieser Status vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg allgemein durchgesetzt, nachdem bereits am 30. Juni 1992 das deutsche Bundesverfassungsgericht entschieden hatte, den Jesiden dauerhaft Asyl zu gewähren.Savucu: Yeziden in Deutschland. 2016, S. 88 f. Allerdings hatte dieses Urteil nur für diejenigen Asylverfahren Auswirkungen, die zum Zeitpunkt des Urteils noch nicht rechtskräftig abgeschlossen waren.

1989 bereitete auf politischer Ebene Herbert Schnoor als Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen den Weg für ein Bleiberecht der Jesiden. Er war zuvor in die Türkei gereist, um sich persönlich von der Unterdrückung und Diskriminierung der Jesiden zu überzeugen.Tagay: Die Eziden und das Ezidentum. 2016, S. 94. Berichte über die Reise von Schnoor und Wießner in der Festschrift für Hans Engel, Der Herr schafft Gerechtigkeit und Recht, Wuppertal 2000, S. 49ff und 59 ff. Auch die Gesellschaft für bedrohte Völker, bei der Wießner Beiratsmitglied war, hat sich als Menschenrechtsorganisation für die Jesiden eingesetzt.

Seit den 1990er Jahren gelten Jesiden in Deutschland wegen ihrer Religion als gruppenverfolgt und sind daher asylrechtlich anerkannt.Yalkut-Breddermann: Der Wandel der yezidischen Religion in der Diaspora. 1999, S. 51. Bis vor Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges verfügten syrische Jesiden nur über eine Duldung, die keinen rechtlich legalen Aufenthaltsstatus darstellte. Aufgrund der politischen Situation und der Gefahr durch den Islamischen Staat im Irak werden Jesiden aktuell nicht aus der Bundesrepublik abgeschoben.Savucu: Yeziden in Deutschland. 2016, S. 93.

Im Januar 2023 hat der Deutsche Bundestag den Völkermord an den Jesiden von 2014 anerkannt.

Im August 2024 forderten die Jesiden eine kulturelle Anerkennung in Deutschland ein, die ihren Ausdruck in Schulen, Universitäten und Erinnerungsorten finden solle. Jesidische Kinder und Jugendliche würden an Schulen nach einem im Nahen Osten existierenden Vorurteil als „Teufelsanbeter“ beschimpft und Lehrkräfte griffen nicht ein, kritisierte der Vorsitzende vom Zentralrat der Êzîden in Deutschland (ZÊD), Irfan Ortac. Die Bundesrepublik habe gegenüber den rund 250.000 in Deutschland lebenden Jesiden eine Verantwortung, denn an den Mordtaten des IS hätten sich rund 1400 deutsche Staatsangehörige beteiligt. Neben einer Gedenkstätte sollten Bildungseinrichtungen über das Jesidentum informieren und gegen Diskriminierung vorgehen. Unter anderem sollten sich auch Hochschulen mit der jesidischen Kultur, Religion und dem Genozid befassen.

Anzahl und Verbreitung Über die genaue Anzahl der in Deutschland lebenden Jesiden gibt es keine gesicherten Informationen. Der Zentralrat der Êzîden in Deutschland (ZÊD) schätzt ihre Zahl auf 190.000,vgl. Jesiden in Deutschland - Abschied von Afrin In: Deutschlandfunk, 26. März 2018. der Politikwissenschaftler und ZÊD-Gründungsvorsitzende Irfan Ortac gibt sie mit 200.000 an.Jesiden in Deutschland organisieren sich. In Deutschlandfunk, 26. Januar 2017. Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst (REMID) gibt ihre Anzahl seit 2015 unverändert mit etwa 100.000 Jesiden an, weist aber darauf hin, dass ihre Anzahl durch Einwanderung inzwischen zugenommen hat und nach Selbsteinschätzung der Jesiden höher liegt.Mitgliederzahlen: Yeziden REMID

Die Jesiden haben sich vor allem im südlichen Niedersachsen und im nördlichen Nordrhein-Westfalen niedergelassen. Sie bilden in dieser Region häufig größere Gemeinden, so in Bad Zwischenahn, Hannover, Oldenburg, Kalkar, Celle, Landkreis Celle, Bielefeld, Halle (Westf.), Wilhelmshaven, Emmerich am Rhein, Rees, Köln und Kleve und zunehmend in Mecklenburg-Vorpommern. Aber auch in Gießen, Frankfurt am Main, Berlin und im süddeutschen Raum leben Jesiden.Tagay: Die Eziden und das Ezidentum. 2016, S. 30.

Jesidische Gemeinden und Vereinigungen mini|Jesiden-Gemeinde vor dem Gemeindehaus / der Begegnungsstätte „Mala Ezdaî“ in Kalkar (Verein der Eziden am unteren Niederrhein e.V.) Anfang der 1990er Jahre gründeten die Jesiden Kulturvereine und Gemeinden in Deutschland. Diese Vereine sind ein Ort für religiöse Feste, interreligiöse Dialoge mit anderen Glaubensgemeinschaften und Jesiden anderer Herkunftsländer. Darüber hinaus werden die Räumlichkeiten auch für die rituelle Waschung der verstorbenen Jesiden genutzt. Auch werden verschiedene Bildungsprogramme und Diskussionsveranstaltungen über die jesidische Religion, Tradition, Kultur und Geschichte angeboten,Tagay: Die Eziden und das Ezidentum. 2016, S. 138. um das Jesidentum transparenter und verständlicher zu machen. Zudem publizieren einige Gemeinden auch ihre eigenen Zeitschriften auf Deutsch, Kurdisch oder Arabisch wie „Dengê Ezîdiyan“, „Roj“, „Lalish“ oder „Qandîl“.Affolderbach/Geisler: Die Yeziden. 2001, S. 27.

Eines der wichtigsten Ziele der Vereine ist es, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene über ihre Kultur und Religion sowie die damit verbundenen Normen und Werte aufzuklären, denn Eltern finden oft keine passenden Antworten auf die religiösen Fragen ihrer Kinder.Affolderbach/Geisler: Die Yeziden. 2001, S. 27. Außerdem versuchen die Kulturvereine zu verdeutlichen, wie sie ihre Religion und ihre jesidische Identität mit den europäischen Werten in Einklang bringen können. Die Föderation der Ezidischen Vereine in Deutschland ist die größte Organisation mit mehr als 15 Mitgliedsvereinen, in denen vor allem türkischstämmige Jesiden zusammenkommen.Tagay: Die Eziden und das Ezidentum. 2016, S. 138 ff.