mini|Wolfgang F. Rothe spricht nach dem „Segnungsgottesdienst für alle sich liebenden Paare“ auf dem Bahnhofsvorplatz Köln, 2023 Wolfgang F. Rothe (* 16. Juli 1967 in Marburg) ist ein deutscher römisch-katholischer Priester, Theologe und Kirchenrechtler. In den letzten Jahren ist er für seine Kritik an der kirchlichen Hierarchie und Morallehre sowie für Veranstaltungen und Publikationen zur Spiritualität des Whiskys bekannt geworden.

Leben Jugend Rothe stammt aus der Pfarrei St. Heribert in Hallenberg und wuchs im benachbarten Bromskirchen auf, wo er auch die Grundschule besuchte. Den Besuch des Gymnasiums Edertalschule in Frankenberg (Eder) schloss er 1987 mit dem Abitur ab.

Theologe und Priester Das Studium der katholischen Theologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und an der Katholischen Universität Eichstätt schloss er 1993 mit dem Diplom und 1994 mit dem Lizenziat ab. Betreuer der kirchenrechtlichen Lizenziatsarbeit war Peter Krämer. Bis 1994 war Rothe eigenen Angaben zufolge vier Jahre lang in der umstrittenen Katholischen Pfadfinderschaft Europas aktiv, von der er sich 2023 nach Aufkommen von Missbrauchsvorwürfen im Umfeld der Gemeinschaft ausdrücklich distanzierte.Annalena Müller: Wolfgang F. Rothe: «Die konservative Kirche meiner Kindheit war eine heile Welt für mich». kath.ch, 22. Dezember 2023. Abruf am 4. Januar 2024 Der KPE zufolge soll er (ohne Datierung) auch Kurat gewesen sein.Günther Walter: Neues aus St. Pölten. In: Pfadfinder Mariens, 4. Quartal 2005, S. 11

Er wurde 1995 für die Diözese St. Pölten zum Diakon und 1996 zum Priester geweiht. Im Anschluss daran war er bis 1999 als Kaplan in Weitra tätig.

Danach studierte er kanonisches Recht an der Päpstlichen Universität Santa Croce, die unter Leitung der Personalprälatur Opus Dei steht, wo er 2002 zum Doktor des kanonischen Rechts promovierte. Relator (Doktorvater) war der damalige Privatsekretär von Joseph Ratzinger, Georg Gänswein.Wolfgang F. Rothe: Ad plenam Communionem (Doktorarbeit). Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main u. a., ISBN 3-631-50605-8, S. 7.

Seit 2002 war er Sekretär und Referent für kirchenrechtliche Fragen des Bischofs von St. Pölten, Kurt Krenn, sowie Lehrbeauftragter für kanonisches Recht an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten, ab 2003 zusätzlich Subregens am dortigen Priesterseminar.

Im Juli 2004 legte er das Amt des Subregens nieder, nachdem ihm vorgeworfen worden war, Homosexualität im Priesterseminar (siehe hierzu auch Homosexualität in Österreich) geduldet zu haben. Die Verbreitung eines Fotos, das ihn scheinbar selbst bei homosexuellen Handlungen zeigte, wurde später gerichtlich untersagt. Schon 2003 waren auf einem allgemein zugänglichen Computer im Priesterseminar Kinderpornos heruntergeladen worden; Rothe erstattete daraufhin zusammen mit dem Regens Ulrich Küchl Strafanzeige, woraufhin der Täter, ein Seminarist, von der Polizei ermittelt und verurteilt wurde. Die von Krenns Nachfolger, Bischof Klaus Küng, infolge dessen getroffenen und vom Vatikan 2008 bestätigten Maßnahmen basieren auf weder zivilrechtlich noch kirchenrechtlich zu sanktionierenden Sachverhalten, sondern auf einer im Sinn der katholischen Kirche moralischen Bewertung seines Verhaltens. Diese Tatsachen seien dergestalt, dass „weder die staatlichen noch kirchlichen Untersuchungen ein Verhalten von Herrn Dr. Rothe an den Tag brachten, das zu ahnden wäre“; Rothe ließ sich daraufhin in der Erzdiözese München und Freising nieder, blieb aber Priester des Bistums St. Pölten.

In den 2010er Jahren outete er sich als schwul.„Gewollt. Geliebt. Gesegnet.“ Schwuler Priester veröffentlicht Buch über katholisches Queersein. Redaktionsnetzwerk Deutschland, 30. Januar 2022

2013 wurde Rothe zum Doktor der Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München promoviert; Erstgutachter (Doktorvater) war Stephan Haering.

Im Juli 2022 beteiligte er sich als erster katholischer Priester, der dabei durch seine Kleidung offen als solcher erkennbar war, am Münchner Christopher Street Day. Ebenfalls als erster katholischer Priester hielt er im Juni 2024 eine Ansprache auf der CSD-Hauptbühne auf dem Münchner Marienplatz.

Bis zum 31. Juli 2024 war er als Pfarrvikar im Pfarrverband (München-)Perlach tätig; obwohl sich die Gemeinde „für einen Verbleib von Wolfgang Rothe starkgemacht“ hätte, unter anderem „durch Bittschreiben, eine Petition und sogar Mahnwachen vor dem erzbischöflichen Palais“, wurde er mit Wirkung vom 1. August 2024 aus dem Pfarrverband Perlach abberufen zur Seelsorgemithilfe in insgesamt elf Seelsorgeeinheiten des Dekanats München-Nordwest sowie beim Katholischen Bestattungsdienst München ernannt.

Am 10. November 2024 wurde Rothe zusammen mit 16 anderen Seelsorgern und Seelsorgerinnen offiziell als Queer-Seelsorger des Erzbistums München und Freising, geleitet von Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, vorgestellt.Rosemarie Vielreicher: Erzdiözese München startet Seelsorge für queere Menschen. Abendzeitung, 11. November 2024, abgerufen am 13. November 2024Queerseelsorge – Kontaktpersonen. Erzdiözese München und Freising, undatiert, Abruf am 24. Oktober 2025

Im Dezember 2024 wurde Rothe vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, den Limburger Diözesanbischof Georg Bätzing, zusammen mit vier weiteren neuen Mitgliedern in den Betroffenenbeirat der Bischofskonferenz für Opfer sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland berufen. Vorausgegangen war ein Auswahlverfahren durch eine unabhängige Auswahlkommission. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer protestierte gegen die Aufnahme Rothes in den Betroffenenbeirat und gab gegenüber der Zeitschrift Cicero an, dass es für ihn unerträglich sei, „zu wissen, dass ein Priester, der als Subregens sexuelle Beziehungen zu seiner Fürsorge anvertrauten Seminaristen unterhielt, Mitglied im Betroffenenbeirat bei der DBK ist“. Im Zusammenhang der Verleihung des Bayerischen Verfassungsordens an Rothe im Dezember 2025 wurde kirchlicherseits ähnliche Kritik geäußert. Die Bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) wies diese Kritik über ihre Pressesprecherin zurück: Die damaligen Vorwürfe seien durch die zuständigen staatlichen Fachabteilungen geprüft worden. Sie hätten sich nicht bestätigt; Rothe sei ‚unbescholten‘.

„Whisky-Vikar“ Rothe gilt als Experte für schottischen Whisky und ist bekannt dafür, dieses Wissen in Vorträgen und Publikationen sowie in Rundfunk und Fernsehen mit spirituellen Themen zu verknüpfen.

Seit 2015 organisiert er in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Pilgerbüro so genannte Whisky-Wallfahrten nach Schottland; dabei werden Orte angesteuert, die sowohl für die iro-schottische Whiskykultur als auch für das iro-schottische Christentum von Bedeutung sind.

Ebenfalls einmal jährlich veranstaltet er seit 2016 in München einen Gottesdienst, der mit Dudelsack und Orgel musikalisch gestaltet wird; daran nehmen regelmäßig mehrere Hundert Menschen teil.

Er gehört zum Autorenteam des größten deutschsprachigen Fachmagazins für Whisky, Der Whisky-Botschafter; darin hat er eine eigene Rubrik mit dem Titel „Spurensuche“, außerdem schreibt er regelmäßig in den Rubriken „Mystery Distillery Check“ und „Taste Notes“.

Die Whisky-Wallfahrt 2022 wurde von einem Filmteam der Deutschen Welle begleitet. Die dabei entstandene 26-minütige Dokumentation gibt es in deutscher, englischer, spanischer und arabischer Sprache.

Mutmaßliches Missbrauchsopfer Wegen eines nach seiner Darstellung 2004 versuchten sexuellen Übergriffs gegen seine Person erstattete Rothe im Jahr 2019 Anzeige gegen Bischof Klaus Küng, der vor seiner Bischofsernennung ein ranghoher Opus-Dei-Funktionär war. Küng, der auch Mediziner ist, habe ihm vorher zwangsweise ein Psychopharmakum aus der Gruppe der Benzodiazepine verabreicht. Eine Erklärung der Diözese bestätigte, dass Küng Rothe im Zusammenhang eines Schwächeanfalls ein Beruhigungsmittel „angeboten“ und verabreicht habe. Die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs wies Küng hingegen entschieden zurück und erklärte hierzu, er behalte sich rechtliche Schritte gegen wahrheitswidrige Behauptungen vor.

Anfang 2021 berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass es „in Sachen Rothe/Küng keine transparente kirchliche Ermittlung gegeben“ habe. Stattdessen habe der Nachfolger von Küng als Bischof von St. Pölten, Alois Schwarz, von Rothe verlangt, die Vorwürfe „ab sofort nicht weiterhin in der Öffentlichkeit aufrecht zu erhalten oder zu verbreiten“. Andernfalls müsse er mit kirchenrechtlichen Strafen bis hin zur Suspension rechnen. Das Bistum St. Pölten verweigerte zu dieser Drohung gegenüber der Süddeutschen Zeitung jede Stellungnahme.

Gegenüber der Süddeutschen Zeitung berichtete Rothe, dass er sich 2005 nach „Vorwürfen“ zu seinem Verhalten als früherer Subregens im Auftrag von Küng einem forensisch-psychiatrischen „Schwulentest“ unterziehen musste. Beauftragter Gutachter war Norbert Leygraf. Konkret sollte das Gutachten zu der Frage Stellung nehmen, ob bei dem betreffenden Geistlichen „eine homosexuelle Neigung vorliegt, die eine Einschränkung seiner Einsatzmöglichkeiten als angeraten, angebracht oder unbedingt empfohlen erscheinen lässt“. Die Einsatzmöglichkeiten beziehen sich dabei ausdrücklich „auch auf die seelsorgerische Tätigkeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen“. Der Forensiker Harald Dreßing, einer der Autoren der MHG-Studie, bewertete die Fragestellung des Gutachtens laut Süddeutscher Zeitung als „ungeheuerlich“ und „eindeutig diskriminierend“. Zu dem Gutachten selbst hat Dreßing keine Stellung genommen, da ihm dieses nicht vorlag. Auf die Frage, ob er den Auftrag für ein solches Gutachten annehmen würde, antwortete er: „Definitiv nein“. Die Diözese St. Pölten habe die Fragen der Süddeutschen Zeitung zu diesem Sachverhalt unbeantwortet gelassen.Bernd Kastner: Katholische Kirche: Priester kritisiert Sexualmoral. In: Süddeutsche Zeitung. 3. Januar 2021.

Ebenfalls Anfang 2021 äußerte Rothe gegenüber katholisch.de, Küng hätte ihn außerdem zu einem mehrmonatigen Aufenthalt in einem Kloster verpflichtet („Klosterhaft“). Weiterhin hätte Küng vergeblich versucht, Rothe zum freiwilligen Ausscheiden aus dem Priesteramt zu drängen, ihn laisieren zu lassen oder nach Rumänien abzuschieben.

Im autobiografischen Werk Missbrauchte Kirche verzichtet Rothe unter Hinweis auf die kirchlichen Strafandrohungen zwar darauf, den Vorwurf eines versuchten sexuellen Übergriffs erneut explizit zu erheben, er setzt aber voraus, dass dies der informierten Öffentlichkeit bekannt ist. Außerdem berichtet Rothe von einem weiteren Übergriff Küngs und erneuerte den Vorwurf eines von Küng verlangten forensisch-psychiatrischen „Schwulentests“ sowie einer ebenfalls von Küng angeordneten „Klosterhaft“.