Die Geschichte eines neuen Namens (Originaltitel: Storia del nuovo cognome) ist der zweite Band der „Neapolitanischen Saga“ von Elena Ferrante, erschienen 2012 im italienischen Original und 2017 in der deutschen Übersetzung durch Karin Krieger.

Der Roman, Teil einer Tetralogie, umfasst die im Untertitel als „Jugendjahre“ bezeichnete Lebensspanne zwischen 16 und 23 zweier Freundinnen aus Neapel, eingebettet in den historischen Kontext der Anfang- und Mittsechzigerjahre des 20. Jahrhunderts.

Mit einem gegenüber dem ersten Band nur unwesentlich erweiterten Personal, rückt er einen Sommerurlaub auf Ischia in den Mittelpunkt, den beide Protagonistinnen – Lila Carracci geb. Cerullo und Elena Greco – gemeinsam verbringen, während ihre Lebenswege vor- und nachher weitgehend getrennt und zunehmend entgegengesetzt verlaufen.

Inhalt mini|Die Piazza dei Martiri in Neapel: Dort wird das Solara-Schuhgeschäft mit den Cerullo-Modellen 1961 eröffnet. Der erste Band endet mit Lilas Hochzeitsfeier, der zweite beginnt mit der Hochzeitsnacht, in der nicht nur der Braut, nunmehr „Signora Carracci“, sondern auch ihrer Freundin und Ich-Erzählerin Elena ein erfüllendes „erstes Mal“ verwehrt bleibt. Lila, entrüstet über Stefanos Illoyalität, verweigert sich dem ehelichen Beischlaf, wird aber geschlagen und vergewaltigt. Elena, die bei der Feier die Nähe ihres Jugendschwarms Nino suchte und darüber in Streit mit ihrem Freund Antonio Cappuccio geriet, will mit Lila „mithalten“ und ihre Jungfräulichkeit verlieren, doch Antonio blockt ab; er will die Ehe, keine Liebschaft. Für Lila wird das in der Hochzeitsnacht Erlebte Teil ihres ehelichen Alltags. Sie nimmt dies nicht hin; sichtbarstes Zeichen ihres Widerstands ist die ausbleibende Schwangerschaft. Elena wiederum will am Status quo ihrer Beziehung festhalten; als Antonio sie beendet, verbeißt sie sich noch mehr ins Lernen. Lilas Angebot, dafür ein Zimmer in ihrer Wohnung zu nutzen, erleichtert ihr dies und bringt beide auf einem für sie vertrauten Gebiet wieder näher zueinander. Gemeinsam realisieren sie auch die Umgestaltung eines großformatigen Fotos, das Lila in Brautkleidung zeigt und im neuen Schuhgeschäft im Zentrum Neapels als Blickfang dienen soll. Lila, die als Ehe- und Geschäftsfrau ständig nach für sie erträglichen Kompromissen sucht, ändert es so ab, dass das Produkt – der Schuh, den sie trägt – hervorgehoben, sie selbst aber als Person unkenntlich wird. Am gleichen Tag schließlich, als das Geschäft eröffnet wird – unter dem Namen Solara –, erleidet sie eine Fehlgeburt.

mini|Strand von Citara auf Ischia: Dort treffen sich Lila, Elena und Nino im Sommer 1962. Ärztlicherseits wird ihr zu einem längeren Sommerurlaub am Meer geraten. Ihre Mutter Nunzia und ihre Schwägerin Pinuccia (selbst bereits schwanger) sollen sie begleiten. Lila setzt durch, dass Elena hinzukommt – und Elena ihrerseits, dass es nach Ischia geht, weiß sie doch, dass auch Nino sich dort aufhalten wird. In der Tat kommt es bald schon zu täglichen Treffs am Strand. Ninos Kommilitone Bruno Soccavo, ein eher schüchterner Wurstfabrikantensohn, gesellt sich in der Regel zu Pinuccia, Nino zu Lila und Elena. Lila, anfangs reserviert, entdeckt ihre Wissbegier neu und beginnt wieder zu lesen, wofür sie sich die Bücher leiht oder einfach nimmt, die Elena als Ferienlektüre mitgebracht hat auf Empfehlung ihrer sie fördernden Gymnasiallehrerin, Professoressa Galiani, die zugleich die Mutter von Ninos Freundin Nadia ist. Anders als die auf Harmonie bedachte Elena sucht Lila den gedanklichen Streit mit Nino, was diesen wiederum reizt und herausfordert. Irgendwann springt zwischen ihnen der Funke über, sie verlieben sich, und beide vertrauen sich Elena an (Lila wohlwissend, was ihre Freundin für Nino fühlt). Elena folgt nicht ihrem natürlichen Impuls, abzufahren. Stattdessen lässt sie sich sogar zur Komplizin machen und schmückt die Lüge, die Lila ihrer Mutter auftischt, um 24 Stunden mit Nino verbringen zu können, selbst noch aus. Die betreffende Nacht spiegelt erneut wichtige parallele Ereignisse im Leben beider Freundinnen: Während Lila zielbewusst erstmals ihre Liebesleidenschaft auslebt, fügt Elena sich in das, was ihr zustößt, und lässt sich von dem Mann deflorieren, der ihr am hartnäckigsten nachstellte und den sie, als Liebhaber, am heftigsten ablehnte – Ninos Vater Donato Sarratore.

Zurück in Neapel, trifft Lila sich ein Jahr lang heimlich mit Nino im neuen Schuhgeschäft, dessen Führung ihr Michele Solara übertragen hat. Sie wird schwanger, verlässt ihren Mann und bezieht mit Nino eine heruntergekommene Wohnung. Nach nur 23 Tagen nimmt er den erstbesten Streit zum Anlass, spurlos zu verschwinden. Freunde Lilas bewegen sie dazu, zu Stefano zurückzukehren; Enzo Scanno verspricht ihr persönlich, er wäre, falls dieser sie schlecht behandle, für sie da. Nach schwerer Geburt bringt Lila einen Sohn zur Welt, Rino. Nunmehr Hausfrau, widmet sie sich ganz der Kindererziehung, bildet sich diesbezüglich, denkt sich selbst Lernspiele aus und fördert außer Rino auch ihren Neffen. Ihre Ehe allerdings, vom ersten Tag an in Schieflage, gerät immer tiefer in die Krise. Stefano ist überfordert: die Ungewissheit über seine Vaterschaft, seine Affäre mit Ada Cappuccio, die (ein Kind von ihm erwartend) Lila verdrängen will, sein Kampf mit den Solara-Brüdern, die ihn als Geschäftsmann zunehmend zur Marionette degradieren – all das setzt ihn so unter Druck, dass er als Choleriker für Frau und Kind zur realen Gefahr wird. Über Elena wendet sich Lila an Enzo, der sein Versprechen einlösend mit ihr und Rino eine kleine Wohnung in einem schäbigen, ihrem Rione ähnlichen Viertel bezieht. Ihren Lebensunterhalt verdient er durch schwere körperliche Arbeit, und bald tut Lila es ihm gleich – in der Wurstfabrik Bruno Soccavos.

In Elena – inzwischen Stipendiatin eines Philologie-Studiums in Pisa – weckt diese Nachricht unangenehme Erinnerungen an den Sommer auf Ischia. Es gelingt ihr aber, das lange Verdrängte, besonders den jetzt als beschämend empfundenen Akt ihrer Entjungferung, in eine für sie befreiende Form zu bringen. In nur 20 Tagen schreibt sie, ihre Erlebnisse fiktionalisierend, einen Roman. Über ihren Verlobten Pietro Airota – einen scheuen, klugen Kommilitonen – und dessen Mutter findet er den Weg in einen Mailänder Verlag, der ihn umgehend veröffentlichen will. Stolz auf das Vollbrachte, ergänzt durch ihren Studienabschluss mit Bestnote, kehrt sie zu Besuch in ihre Heimatstadt zurück. Um zu Lila vorzudringen, muss sie in der Wurstfabrik all ihre Entschlusskraft aufbieten. Lila freut sich; äußerlich gezeichnet, scheint ihre Haltung ungebrochen: Sie unterstützt Enzo, der sich schon seit Jahren auf dem zweiten Bildungsweg nach oben kämpft, abends beim Lernen für sein externes Informatik-Studium. Die blaue Fee – ihre als Kind verfasste Erzählung, die Elena ihr mit der Bemerkung übergibt, sie sei die Keimzelle ihres jetzt entstandenen Romans – wirft Lila ins Feuer. Als sich Elena in einer Mailänder Buchhandlung erstmals ihren Lesern stellt, wird die von ihr befürchtete erste Kritik von einem jungen Mann gekontert – Nino Sarratore.

Interpretation Figuren Hauptfiguren mini|Das Hauptgebäude der Scuola Normale Superiore in Pisa: An dieser Elitehochschule studiert Elena von 1963 bis 1967. Die im Untertitel als „Jugendzeit“ bezeichnete Lebensphase, die beide Protagonistinnen in der Geschichte eines neuen Namens noch weiter voneinander trennt, wird von der Literaturkritik unterschiedlich beurteilt. Für Lila gilt das noch mehr als für Elena. So wird ihre Haltung als Ehe- und Geschäftsfrau des aufstrebenden Lebensmittelhändlers Stefano Carracci einerseits als „vergebliches Aufbegehren gegen die Enge, Ignoranz, Korruption und Gewalt ihrer Umgebung“, als „verschwendete Jahre“ gedeutet, andererseits aber auch als respektable Kraftprobe, typisch für Lila, die nun ihren „Ehrgeiz ins Materielle“ verlagert (sie maximiert den Profit ihres Mannes und lebt zugleich auf großem Fuß), die als Frau die „Gesetze des Tauschgeschäfts“ dieser von Männern, vornehmlich von Camorristi, dominierten Welt durchschaut und den Versuch macht, „diesen Mechanismus außer Kraft zu setzen und selbst die Regeln festzulegen“. mini|San Giovanni a Teduccio: Der Stadtteil Neapels, in den Enzo und Lila ziehen, wird konkret benannt, anders als ihr Herkunftsviertel Rione. „In der Schule des Unglücks“ heißt die programmatische Überschrift einer dritten Rezension und bezieht sich ausdrücklich auf beide junge Frauen – auf Lila, die damit geschlagen ist, dass sie, nachdem sie den Falschen geheiratet hat, sich auch noch in den Falschen verliebt, ebenso wie auf Elena, die sich keines ihrer Erfolge sicher sein könne. Eine vierte Kritik kehrt das Prinzip, dass für beide Freundinnen auf „jedes kleine Glück zuverlässig die große Demütigung“ folge, genau um. Die eine, Elena, sei zwar beständig von inneren Selbstzweifeln und Ängsten geplagt, entwickle aber zunehmend nicht nur intellektuelle Qualitäten, sondern auch weibliche Vorzüge, indem sie sich vom „hässlichen Entlein zu einer höchst attraktiven jungen Frau mausert“. Selbst für Lila wird das Positive betont. Milieu und Zeitumstände erlaubten ihr keinerlei Gedanken an eine Scheidung von einem Mann, „den sie trotz der Gewalt, die er ihr antut, nicht einmal hasst, sondern nur noch verachtet“, doch aus dieser „Falle“, in die sie noch vor Erleben ihrer eigentlichen „Jugendzeit“ geraten sei, befreie sie sich „mit einer großen Kraft zum inneren Widerstand […], bis sie ihren Namen zurückgewinnt“.

Nebenfiguren Ferrantes Kunst, lobt einer der Rezensenten, zeige sich unter anderem darin, „Nebenfiguren plötzlich aus dem Schatten treten zu lassen und sie zu großen Gestalten aufzubauen“. Als Beispiel dafür nennt er Enzo Scanno, den „fast stummen Gemüsehändler […], der Lila, als sie ganz unten ist, selbstlos hilft“. Was Enzo dazu bewegt, bleibt, bis hierhin zumindest, weitgehend im Dunkeln. Klar ist aber, dass er sich damit gegen die Camorra stellt, denn Lila ist ein Wirtschaftsfaktor; das Fehlen ihres Talents und Charismas bedeutet finanzielle Verluste. Mit ähnlichen Konsequenzen, und mehr, muss Enzo auch für sich rechnen, weiß doch der neapolitanische Mann, dass er nur dann materiell reüssiert, wenn er sich der Camorra beugt. Enzo nimmt das bewusst in Kauf und kämpft mit offenem Visier, indem er seine und Lilas neue Adresse unaufgefordert preisgibt.