Die Geschichte der Stadt Gdynia beginnt mit der Siedlung Gdina, die 1253 erstmals urkundlich erwähnt wird. Das Stadtrecht erhielt Gdynia 1926. Die wichtigste Hafenstadt der Zweiten Polnischen Republik wurde in den 1930er Jahren mit über 100.000 Einwohnern zur Großstadt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das während dieser Zeit Gotenhafen genannte Gdingen erheblich zerstört. Das größte Unternehmen Stocznia Gdynia war ein Schauplatz des Arbeiteraufstands von 1970.

Herzogtum Pommerellen Die älteste Nachricht über einen Teil des heutigen Gdingens (poln. Gdynia) stammt aus dem Jahr 1209, als der seit 1926 zur Stadt gehörende Vorort Oxhöft (pl. Oksywie, kasch. Òksëwiô) erstmals erwähnt wurde.Gdynia. In: Stephanie Kirste: Juni 2006, abgerufen am 27. September 2011. Oxhöft gehörte damals zum Herzogtum Pommerellen (Pomorze Gdańskie), dessen Territorium heute überwiegend von der Woiwodschaft Pommern eingenommen wird.Im polnischen Sprachgebrauch bezeichnet Pomorze die Gebiete, die auf Deutsch einerseits als Pommern und andererseits als Pommerellen bezeichnet werden. Noch in den 1920er und 1930er Jahren war es üblich, die polnische Bezeichnung Województwo Pomorskie bzw. ab 1. April 1938 Województwo Wielkopomorskie, der 1919–1939 und 1945–1950 bestehende Küstenbezirk Polens, mit Woiwodschaft (Groß-)Pommerellen zu übersetzen. Vgl. Witold Stankowski: Lager für Deutsche in Polen am Beispiel Pommerellen, Westpreußen (1945–1950): Durchsicht und Analyse der polnischen Archivalien. Kulturstiftung_der_deutschen_Vertriebenen, Bonn 2001, ISBN 3-88557-207-9, S. 17 (Einheitssachtitel: Obozy dla Niemców w Polsce na przykładzie Pomorza Gdańskiego (1945–1950)).

mini|Oxhöft: Erzengel-Michaelis-Kirche, 1224 gegründet

Der Name Oxhöft leitet sich vermutlich von dem altsächsischen Wort Oxihoved (Ochshaupt) ab. Die Schreibung Oxhöft widerspiegelt die plattdeutsche Form. Der Ort erhielt den Namen, weil die Oxhöfter Kämpe (Kępa Oksywska), eine Küstenformation, in den Augen der seinerzeitigen Betrachter der Form eines Ochsenhauptes ähnelte. Oxhöft liegt im südöstlichen Teil der Oxhöfter Kämpe. 1224 wurde in Oxhöft die Erzengel-Michaelis-Kirche gegründet, eine der ältesten Pfarreien an der pommerellischen Küste. Sie ist das älteste Gebäude Gdingens und liegt 42,5 m über dem Meeresspiegel auf der Kämpe.Wojciech Antoszkiewicz, Mariusz Jablonski, Bogdan Kwiatkowski u. a.: Gdynia: Touristen-Vademekum [Einheitssachtitel: Gdynia: vademecum turysty], Jerzy Dąbrowski (Übs.), Gdynia Turystyczna, Gdingen 2009, ISBN 978-83-929211-0-3, S. 41. Ihr heutiges Aussehen geht auf Umbauten des 17. Jahrhunderts zurück. Auf dem Friedhof der Kirche finden sich Gräber bekannter Persönlichkeiten wie diejenigen Antoni Abrahams (1869–1923), oder Bernard Chrzanowskis.

In den Dokumenten der Bischöfe von Kujawien wird die Siedlung Gdina 1253 als nach Oxhöft eingepfarrt genannt, was die erstmalige Erwähnung Gdingens darstellt.Wojciech Antoszkiewicz, Mariusz Jablonski, Bogdan Kwiatkowski u. a.: Gdynia: Touristen-Vademekum [Einheitssachtitel: Gdynia: vademecum turysty], Jerzy Dąbrowski (Übs.), Gdynia Turystyczna, Gdingen 2009, ISBN 978-83-929211-0-3, S. 11. Gdingen war zu dieser Zeit und bis in das beginnende 20. Jahrhunderts hinein ein Dorf, das im Wesentlichen vom Fischfang lebte.

Deutschordensstaat In den Jahren 1309/1310 eroberten Kreuzritter Pommerellen und seine damalige Hauptstadt Danzig für den Deutschordensstaat (vgl. Übernahme von Danzig durch den Deutschen Orden). Ab 1316 zählte Gdingen zum Besitz der Zisterzienserabtei in Oliva (Oliwa), kam aber später an Peter von Rozecina (Russoschin, Rusocin, heute Teil der Landgemeinde Pruszcz Gdański).Historia Gdyni. 1. Abschnitt, abgerufen am 27. September 2011. Die Herren von Russoschin erteilten den Dorfbewohnern das Fischereirecht in der Bucht, was sie 1379 und 1384 bestätigten. 1382 stiftete Johannes von Russoschin Gdingen der Kartause in Karthaus in der Kaschubei (kaschub. Kartuzë; poln. Kartuzy), die diesen Besitz bis 1772 hielt. Die Kartäuser errichteten 1429 ein Wirtshaus in Gdingen, das sie verpachteten.

In Preußen königlichen Anteils und als Teil Polen-Litauens 1466 gehörte Gdingen zu den separatistischen Westgebieten Deutschordens-Preußens, die sich nach dem Zweiten Frieden von Thorn erfolgreich als selbstständiger Ständestaat Preußen königlichen Anteils etablierten. Preußen königlichen Anteils suchte um die Protektion des polnischen Königs Kasimir IV. Jagiełło nach und erhielt sie. Im Zuge der Einführung polnischer Verwaltungsstrukturen kam Gdynia an die Woiwodschaft Pommerellen. Für 1488 ist der Bau eines Kauffahrteischiffs in Gdingen belegt, das ein Danziger Kaufmann in Auftrag gab.Wojciech Antoszkiewicz, Mariusz Jablonski, Bogdan Kwiatkowski u. a.: Gdynia: Touristen-Vademekum [Einheitssachtitel: Gdynia: vademecum turysty], Jerzy Dąbrowski (Übs.), Gdynia Turystyczna, Gdingen 2009, ISBN 978-83-929211-0-3, S. 25. 1569 vereinigte sich Preußen königlichen Anteils mit Polen, das bald darauf mit Litauen durch die Lubliner Union zu Polen-Litauen verschmolz. Während der Belagerungen Danzigs (Gdańsk) durch König Stephan Báthory von Polen 1577 und 1734 durch russische und sächsische Truppen wurde Gdingen stark in Mitleidenschaft gezogen, und danach jeweils wieder aufgebaut.

1756 wurden von der Naturforschenden Gesellschaft Danzig Wacholder- und Rotfichten-Bestände in GdingenGeorg Schwengel: Herrn Georg Schwengel, Hochwürdigen Priors des Karthäuser Klosters bey Danzig, Schreiben an Herrn Secr. I. T. Klein von einigen natürlichen Merkwürdigkeiten auf den Gütern dieses Klosters, aus dem Lateinischen übersetzt von Gottfried Reyger: Versuche und Abhandlungen der Naturforschende Gesellschaft in Danzig. Dritter Teil, Danzig und Leipzig, 1756, S. 468/469 (books.google.com). beschrieben.

mini|Gutshaus Koliebken

Die heute zu Gdingen gehörenden Ortschaften Groß Katz (pl. Wielki Kack, kasch. Wiôldżi Kack), Klein Katz (1933 zu Gdynia, pl. Mały Kack, kasch. Małë Kack) und Koliebken (pl. Kolibki, kasch. Kòlëbki), unterstanden feudalen Grundherren, die ab 1383 nachweisbar sind. Adelige wechselten mit Danziger Ratsfamilien. 1685 erwarben König Johann III. Sobieski und Königin Marie Casimire Louise de la Grange d’Arquien Koliebken. Nach Johanns III. Tod (1696) nutzte die Königinwitwe Koliebken als Wohnsitz. Sie ließ einen Park anlegen, der noch heute besteht und für seinen alten Baumbestand bekannt ist. Später kehrte die Königinwitwe nach Frankreich zurück. Ihr Sohn Jakob Louis Heinrich verkaufte Koliebken 1720 an den Grafen Peter Georg Prebendow (Piotr Przebendowski). Dessen Neffe Józef Przebendowski ließ 1763 in Koliebken die katholische St. Josefskirche errichten, die 1939 zerstört wurde.

Königreich Preußen und ab 1871 als Teil Deutschlands Bei der Ersten Teilung Polens 1772 annektierte das Königreich Preußen Preußen königlichen Anteils mit Gdingen, aber zunächst ohne die freien Städte Danzig, Elbing und Thorn. Preußen königlichen Anteils wurde – ohne Ermland – zunächst als Provinz Westpreußen reorganisiert, zu der Gdingen nun gehörte.

mini|Der Bahnhof Gdingen um 1900

1789 zählte Gdingen 21 Häuser, in denen 20 Familien wohnten. In der ulica Folwarczna (Vorwerksstraße) im Stadtteil Adlershorst (Orłowo) befindet sich das im 17. und 18. Jahrhundert neogotisch erbaute Vorwerk Klein-Katz (pl. Mały Kack, kasch. Małë Kack), das selbst nicht zum gleichnamigen benachbarten Stadtteil gehört. Gdingen wuchs langsam. In den Jahren 1820 bis 1822 wurde die Landstraße von Stettin nach Danzig durch Gdingen befestigt. Bis 1870 wurde die Bahnstrecke Stargard–Danzig erbaut, die durch Gdingen führt. Zu dieser Zeit hatte Gdingen ca. 1.200 Einwohner.

In den Jahren 1867/1871 wurde Preußen und damit Gdingen ein Teil des Deutschen Reiches. 1872 wurde das Vorwerk Grabau (pl. Grabówek, kasch. Grabòwka) nach Gdingen eingemeindet. 1882 eröffnete die Deutsche Reichspost ein Postamt in Gdingen, woran am 21. August 1982 die Poczta Polska mit einer 100-Jahr-Feier erinnerte.Gdynia Wspolczesna. In: Historia Gdyni. Abgerufen am 27. September 2011. Der Bahnhof Gdingen eröffnete 1884. Das älteste erhaltene Haus Gdingens, vom Ende des 19. Jahrhunderts, ist das Haus zweier Fischerfamilien am Plac Kaszubski 7b (Kaschubischer Platz). Das Haus beherbergt heute ein Café.

mini|Abraham-Museum des Stadtmuseums

Anfang des 20. Jahrhunderts entstand das ländliche Haus der Familie Skwiercz in der ulica Starowiejska 30 (Alte Dorfstr.), das von 1920 bis zu seinem Tode 1923 der kaschubische Kämpfer für ein polnisches Pommerellen, Antoni Abraham, bewohnte.Wojciech Antoszkiewicz, Mariusz Jablonski, Bogdan Kwiatkowski u. a.: Gdynia: Touristen-Vademekum [Einheitssachtitel: Gdynia: vademecum turysty], Jerzy Dąbrowski (Übs.), Gdynia Turystyczna, Gdingen 2009, ISBN 978-83-929211-0-3, S. 33. Die Dorfstraße war damals gewunden, weshalb das Haus heute nicht direkt an der später begradigten Straße liegt.Wojciech Antoszkiewicz, Mariusz Jablonski, Bogdan Kwiatkowski u. a.: Gdynia: Touristen-Vademekum [Einheitssachtitel: Gdynia: vademecum turysty], Jerzy Dąbrowski (Übs.), Gdynia Turystyczna, Gdingen 2009, ISBN 978-83-929211-0-3, S. 42. Dieses Haus birgt heute eine Abteilung des Museums der Stadt Gdingen mit einer Ausstellung über die Geschichte des Dorfes Gdingen.

Mit dem aufkommenden Badetourismus ab Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich Gdingen von einem Fischerdorf zu einer Sommerfrische mit mehreren Häusern aus Backstein, darunter Restaurants, Cafés und Ferienunterkünfte, und Fischräuchereien sowie einem Anleger für kleinere Schiffe. Eine Danziger Badegesellschaft errichtete ein Kurhaus und eine Badeanstalt am Strand der Danziger Bucht sowie 1904 eine Verbindungsstraße zum Bahnhof, seinerzeit Kurstraße (ulica Kuracyjna; seit 1929 ulica 10 Lutego).Wojciech Antoszkiewicz, Mariusz Jablonski, Bogdan Kwiatkowski u. a.: Gdynia: Touristen-Vademekum [Einheitssachtitel: Gdynia: vademecum turysty], Jerzy Dąbrowski (Übs.), Gdynia Turystyczna, Gdingen 2009, ISBN 978-83-929211-0-3, S. 11, 44. Zudem wurde die Danziger Chaussee (Szosa Gdańska, auch Oxhöfter Weg, Droga Oksywska, heute ulica Świętojańska) angelegt. Ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnete Johann Adler zwischen Gdingen und Zoppot einen Badebetrieb, der nach ihm Adlershorst (heute der Stadtteil Orłowo) genannt wurde.Wojciech Antoszkiewicz, Mariusz Jablonski, Bogdan Kwiatkowski u. a.: Gdynia: Touristen-Vademekum [Einheitssachtitel: Gdynia: vademecum turysty], Jerzy Dąbrowski (Übs.), Gdynia Turystyczna, Gdingen 2009, ISBN 978-83-929211-0-3, S. 39. An Adler erinnert zudem sein ehemaliges Haus, das Café Galeria Adlerówka am Katzer Fließ (Kacza).

1910 wurde unterhalb Oxhöfts ein Anleger für Fischerboote gebaut und die katholischen Barmherzigen Schwestern des Hl. Vinzenz von Paul eröffneten eine Niederlassung in Gdingen. Im Zuge des späteren Ausbaus Gdingens errichteten sie 1923/1924 das noch heute bestehende Ordenshaus in der ulica Starowiejska 2. Die Barmherzigen Schwestern widmeten sich v. a. Armen und Kranken, aber sie boten auch Fremdenzimmer an. 1927 errichteten die Schwestern am Płac Kaszubski ein Hospiz, das ausschließlich als Logis für Urlauber diente. Kurz darauf wurde es in ein Hospital umgewandelt, das die Schwestern noch heute betreiben.

mini|Das Haus von Jan Radtke bei Filmaufnahmen 2010