mini|Psychiatrisches Hospital Teramo Das psychiatrische Hospital von Teramo war eine der größten und bekanntesten Nervenheilanstalten Süditaliens und Europas. Benannt war es nach Antonius dem Großen. Das 1323 geschaffene Gebäude ist eines der bekanntesten Bauwerke in der historischen Altstadt Teramos. Es wurde mit wechselnden Funktionen genutzt, davon 117 Jahre als psychiatrische Anstalt, die am 31. März 1998 geschlossen wurde.
Geschichte Entstehung als Hospitium mini|hochkant|Haupteingang
Es war das Vorhaben eines gewissen Bartolomeo Zalfone, Bürger und Wohltäter der Stadt, für Kranke und Notleidende am 28. Februar 1323 eine Unterkunft zu schaffen. Er widmete sie dem Heiligen Antonius dem Großen. Zu diesem Zweck stellte er Teile seines Hauses zur Verfügung und vertraute die Pflege und Verwaltung der Kirche an.
Das Sant'Antonio Abate fungierte als Hospitium (ital. ospizio), was auch heute noch die über dem Haupteingang hängende Marmorplatte bezeugt. Die Funktion des Hauses Sant'Antonio Abate bestand hauptsächlich in der Versorgung mit Essen und Unterkunft für Bedürftige, aber auch für durchreisende Pilger. Es wurden auch Kräuter und Medikamente an Kranke verteilt sowie Waisenkinder versorgt und erzogen.
Als Joachim Murat 1811 die Kommission der Hospitien schuf, kam auch das Haus in Teramo unter die direkte Kontrolle der neuen Organisation. 1816 ging die Verwaltung an die Kirche zurück.
Mit der italienischen Einigung erfolgte ein erneuter Wechsel an die Regierung, da mit dem Gesetz vom 17. Juli 1890 in jeder Gemeinde eine „Congregazione di Carità“ eingerichtet wurde. Diese übernahm die Verwaltung sämtlicher Krankenhäuser und sonstiger Einrichtungen des Gesundheitswesens. Der Gesundheits- und der karitative Aspekt blieben auch weiterhin eng miteinander verknüpft.
Umnutzung als psychiatrisches Hospital mini|Steintafel im Erdgeschoss des ersten Raumes des psychiatrischen Abschnitts
Auf Initiative des damaligen Präsidenten der Congregazioni di Carità, Costantini, wurde im Juli 1881 in einem Saal auf der ersten Etage des Gebäudes eine Abteilung zur psychiatrischen Betreuung für 20 Patienten (7 Männer und 13 Frauen) eröffnet. Costantini selbst war in dieser Abteilung, unterstützt von Krankenpflegern und Nonnen, für die medizinischen Bereiche zuständig.
Eine Steintafel in diesem Saal erinnert heute an dieses Ereignis: Dieser Saal war der erste der Nervenheilanstalt. Er wurde im Juli 1881 eröffnet. Präsident Costantini.
Durch die Entscheidung, Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen in einer eigenen Einrichtung zu betreuen, wurde das Hospitium zur Anlaufstelle für Patienten aus Teramo und umliegenden Provinzen, die in ihren Familien nicht bleiben konnten und von anderen Kliniken oder Waisenhäusern abgewiesen wurden. Mit der Zeit musste die psychiatrische Abteilung immer mehr Patienten aufnehmen, weswegen sich auch die Kasuistik und die Komplexheit der behandelten Erkrankungen änderte. So wurde die Kongregation gezwungen, schrittweise die Zahl der Psychiater und des Pflegepersonals sowohl mit weltlichen als auch kirchlichen Kräften zu erhöhen. Später wurden die psychiatrischen Dienstleistungen von eigenem medizinischen Personal übernommen.
Von 1892 bis 1916 war Raffaele Roscioli Leiter der psychiatrischen Abteilung; er war vorher als Arzt im Hospital „Vittorio Emanuele II“ in Nocera Inferiore tätig. Rosciolis Leistung war es, aus einer verwahrenden Unterbringung einen Ort der Behandlung zu machen, indem er eine permanente Beobachtung der Kranken sowie die Dokumentation des Krankheitsverlaufs einführte und eine Krankenakte für jeden Patienten erstellen ließ.
mini|links|Porta Melatina 1894 wurde ein Trakt an die schon bestehenden Gebäudeteile angebaut. In den folgenden Jahren zwischen 1895 und 1900 wurden die Arbeiten an den Erweiterungen kontinuierlich fortgesetzt, unter anderem mit dem Erwerb angrenzender Gebäude und dem Bau neuer Gebäude. Ebenso wurden Gebäude, die, wie Porta Melatina, bisher anderen Zwecken gedient hatten, der psychiatrischen Abteilung zugewiesen.
In der ersten Phase nach der Eröffnung der nervenheilkundlichen Abteilung (1881) wurden für etwa 10 Jahre die medizinische Funktion und die Betreuung Bettlägeriger von den weltlichen und kirchlichen Mitarbeitern des Hospitals übernommen.
Ende des 19. Jahrhunderts waren die Lebensbedingungen der Bevölkerung in der Region schwierig, da durch Mangelernährung, hohe Kindersterblichkeit, mangelnde und ungesunde Wohnunterkünfte sowie Hygiene- und Gesundheitsmängel die psychische und körperliche Verfassung beeinflusst wurden. Das Hospital, das den sogenannten Geistesgestörten Unterkunft und Hilfe geben sollte, wurde dadurch Zufluchtsort für einen über diese Funktion hinausgehenden Teil der Bevölkerung.
Roscioli führte eine Arbeitstherapie ein: Die sogenannten „friedlichen“ Patienten konnten in externen Arbeitskolonien, die im Februar 1905 geschaffen wurden, arbeiten, oder in den internen Werkstätten, die mit der Zeit entstanden. Das psychiatrische Hospital konnte sich dadurch selbst versorgen. Durch diese Form der Ergotherapie konnten neue Werkstätten für Schuhmacher, Schneider, Schreiner und Schmiede geschaffen werden. Später kam die Strohverarbeitung für Besen und Matratzen hinzu. Die Bewohner reinigten die Räumlichkeiten und arbeiteten in der Wäscherei sowie im Lager. Die Frauen waren zumeist mit Kochen, Sticken, Nähen und Weben beschäftigt.
Ständiges Engagement von Roscioli galt der Ausbildung des Personals, das meist ohne Vorbildung angestellt wurde. Zur Überwachung der Bewohner wurden in der Regel Personen angestellt, die kräftig und robust waren. Der Direktor gründete eine interne Krankenpflegeschule, die über Jahrzehnte hinweg bestand.
Um die Überbelegung und die durch Raummangel bedingten Unbequemlichkeiten zu vermindern, wurde 1910 im Corso di Porta Romana in Teramo eine Spezialunterkunft für chronische, aber ruhige, psychisch Kranke eröffnet.
mini|links|Flügel für die leicht Erkrankten, später Speiseraum, und Trakt Giuseppe Cerulli Die Veränderungen, die von Roscioli umgesetzt wurden, wurden vom neuen Direktor Guido Garbini übernommen, der das Hospital von 1917 bis 1919 leitete. Er machte es sich zum Ziel, die erzieherischen und rehabilitativen sozialen Funktionen des Hospitals zu entwickeln und zu verstärken. Er schuf so die Voraussetzungen für das Entstehen einer moderneren Struktur, die sich nicht als Ort der Verwahrung, sondern der Behandlung verstand. Er führte das neue klinische Labor ein und gründete eine außergewöhnliche, heute noch existierende Bibliothek. Er ordnete die Entfernung einer übermäßigen Anzahl von Schließtoren und Gittern an. Diese Demontage versorgte die Schmiedewerkstatt für zwei Jahre mit Arbeit (1917/18). Auch veranlasste er den Abriss einiger Isolationszellen; die anfallenden Steine wurden für das Pflastern des größten Innenhofs benutzt. In den Kellern wurde eine Art Grotte eingerichtet, die zum Schlachten benutzt wurde, sowohl für den direkten Verzehr als auch für das Konservieren des Fleisches.
Als Zeugnis des wissenschaftlichen Impulses von Garbinis Direktion sind zahlreiche von ihm erstellte Veröffentlichungen im Hospital erhalten.
Infolge der Aufnahme kriegstraumatisierter Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg verschlechterte sich die Situation des Hospitals durch die entstehende Überbelegung und baufällige Räumlichkeiten. Es kam zu Missständen bei den Gesundheitsdienstleistungen und durch Personalmangel.
Die Umwandlung zu einem modernen psychiatrischen Krankenhaus fand unter dem Psychiater Marco Levi Bianchini statt, der die Klinik von 1924 bis 1931 leitete und überzeugter Unterstützer und Förderer der Psychoanalyse war. Es wurden die bestehenden Behandlungsräume restauriert und neue Räume angelegt, Laboratorien geschaffen und eine Bibliothek eingerichtet sowie Weiterbildung und Umschulung des Pflegepersonals vorangetrieben. Er sorgte dafür, dass weitere Abteilungen geschaffen wurden, die sich auf besondere Krankheitsbilder spezialisierten.
Bianchini war sehr darum bemüht, das Hospital in der Öffentlichkeit in ein besseres Licht zu rücken und das Vertrauen in die medizinische Einrichtung zu stärken. Das psychiatrische Hospital von Teramo war unter seiner Leitung auch in Lehre und Forschung erfolgreich. So gründete er 1924 die Fachzeitschrift „Archivio generale di Neurologia, Psiciatria e Psicoanalisi“ als offizielles Sprachorgan des Krankenhauses. Am 7. Juli 1925 wurde in Teramo im psychiatrischen Hospital die „Italienische Psychoanalytische Gesellschaft“ (Società psicoanalitica italiana) gegründet. Diese existiert auch heute noch mit Sitz in Rom. Es erinnert eine Gedenktafel an einer Außenwand des Hospitals in Via Aurelio Saliceti an den Direktor Marco Levi Bianchini.
mini|Verwaltungstrakt Des Weiteren erforderte die stete Zunahme von Patienten weitere Räume, so dass die Kongregation in der Sitzung vom 28. Mai 1925 die Entscheidung fällte, ein neues Allgemeinkrankenhaus in Viale Francesco Crucioli zu errichten. Dadurch standen die Räumlichkeiten des Sant'Antonio Abate nun insgesamt zur psychiatrischen Versorgung zur Verfügung. Die Leitung des neuen Krankenhauses übernahm Antonio Abate.
Um den steten Zulauf von Patienten zu verringern, eröffnete Bianchini im Februar 1928 das Behandlungszentrum für Psychohygiene, das durch eine ambulante Behandlung die stationäre Aufnahme vermeiden sollte.
Gegen Ende seiner Zeit am Psychiatrischen Hospital 1931 gab es 1000 Patienten, über 100 Krankenpfleger, 5 Vollzeitmediziner, viele Bedienstete und Mitarbeiter, die in den Werkstätten und den landwirtschaftlichen Kolonien arbeiteten.
Geschichte des psychiatrischen Hospitals ab 1940
Die Kriegsjahre (1940–45) bedeuteten erneut schwierige sozio-ökonomische Bedingungen und eine Herausforderung für die Anstalt unter Leitung des neuen Direktors Danilo Cargnello.
Ihm folgte Carlo Romerio, unter dem die Psychiatrie auf gut geschultes und motiviertes Personal zurückgreifen konnte, das aus jungen spezialisierten Ärzten bestand, die neue und moderne Therapieformen erprobten. Das folgende Jahrzehnt erbrachte einen operativen Wandel. Es entstand der neue neuro-psychiatrische Komplex im Vorort Casalena a Teramo. In den neuen Räumlichkeiten konnte man den zahlreichen Patienten, die bisher in den alten und baufälligen Gebäuden untergebracht waren, eine verbesserte Betreuung zukommen lassen.
Die Behörde „Ospedali e istituti riuniti di Teramo“ leitete das Sant’Antonio Abate dann bis zur Bekanntmachung einer Gesetzesänderung im Februar 1968, durch das in Italien die Wohlfahrts- und Sozialfunktionen von der rein medizinischen Behandlung getrennt wurden.
Im Zuge der italienischen Psychiatriereform wurde die Behörde „Ospedali e Istituti riuniti di Teramo“ als Provinzkrankenhausbehörde definiert.
Sie sollte nun folgende Einrichtungen beinhalten: das städtische Krankenhaus „Giuseppe Mazzini“ das psychiatrische Krankenhaus „Sant’Antonio Abate“ das Sanatorium „Alessandrini Romualdi“
1974 wurden wegen Überbelegung des psychiatrischen Hospitals neue Gebäude als Nebenstellen errichtet. Dort wurden die männlichen Patienten des Hospitals untergebracht. Das Haupthaus selbst bewohnten ab diesem Zeitpunkt nur noch die weiblichen Patienten. Im Jahre 1976 wurde außerdem im Antonio Abate eine therapeutische Wohngemeinschaft eröffnet, die als offene Abteilung gedacht war, um ein Überwinden der schwierigen Bedingungen zu erreichen, unter denen Langzeitpatienten lebten. Im Jahr 1977 waren 870 Patienten stationär untergebracht und 358 Pflegekräfte beschäftigt. In diesen Jahren begannen die ersten Versuche, um die „Nervenheilanstalt“ zu öffnen und den Heimcharakter zu beenden.