mini|Frontansicht, Auffahrt, Vorplatz mini|Rückansicht mini|Luftaufnahme mini|Palais Schaumburg mini|Villa Loeschigk (zwischen 1879 und 1894) mini|Palais Schaumburg (um 1900) mini|Palais Schaumburg, 1950 mini|Palais Schaumburg als Bundeskanzleramt, 4. Oktober 1964 mini|Parkanlagen mini|Nebeneingang: Bundeskanzleramt, Dienstsitz Bonn
Das Palais Schaumburg ist ein schlossähnliches Gebäude in Bonn, das von 1949 bis 1976 erster Dienstsitz des Bundeskanzleramtes und damit des Bundeskanzlers war. Ursprünglich eine 1858–1860 erbaute Villa, erhielt es sein heutiges Erscheinungsbild Ende des 19. Jahrhunderts nach mehrfachen Um- und Erweiterungsbauten. Nach Fertigstellung eines Neubaus des Bundeskanzleramts 1976 wurde es, weiterhin als „Haus des Bundeskanzlers“ bezeichnet, vorwiegend zu repräsentativen Zwecken genutzt. Infolge der Verlegung des Regierungssitzes nach Berlin im Jahre 1999 diente das Palais Schaumburg von Mai 2001Volker Busse, Hans Hofmann: Bundeskanzleramt und Bundesregierung: Aufgaben – Organisation – Arbeitsweise, Hüthig Jehle Rehm, 2010, ISBN 978-3-8114-7734-6, S. 33. bis zu einer sanierungsbedingten Schließung im August 2013 als zweiter Dienstsitz des Bundeskanzleramtes und Bundeskanzlers. Seit 2024 ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben Eigentümer des Palais und seine zukünftige Nutzung ist derzeit ungeklärt. Benannt ist es nach seinem zweiten Besitzer aus dem Fürstenhaus Schaumburg-Lippe ab 1890.
Das Palais liegt im engeren Bundesviertel östlich der Adenauerallee (B 9; Hausnummer 141) und westlich des Rheinufers (Wilhelm-Spiritus-Ufer) direkt südlich der Villa Hammerschmidt, des derzeit zweiten Amtssitzes des deutschen Bundespräsidenten. Es ist eine Station des Geschichtsrundwegs Weg der Demokratie.
Das Palais Schaumburg steht als Baudenkmal unter Denkmalschutz.Die Bundesregierung – Presse- und Informationsamt, Pressemitteilung 65/2013: Palais Schaumburg wird saniert – Führungen zunächst nur noch bis Ende Juli möglich, abgerufen am 23. April 2014.
Geschichte Privatbesitz (1860–1939) Das spätklassizistische Gebäude wurde 1858 bis 1860 im Auftrag des Aachener Tuchfabrikanten Aloys Knops (1814–1898) als Stadtvilla in Stil und Größe eines barocken Lustschlosses (maison de plaisance) nach einem Entwurf des Aachener Architekten und Baumeisters Andreas Hansen, Schwiegervater von Knops, errichtet. Die Ausführung lag in den Händen des Maurermeisters Josef Porcher. Dieses zweigeschossige Ursprungsgebäude mit Mezzanin und flachem Walmdach umfasst sieben Längs- und fünf Querachsen, wurde im Erdgeschoss mit Quaderputz versehen und erfuhr seine Gliederung durch Rechteckfenster mit Gebälk und Gesims. Zum Garten hin entstand am Salon dreiseitig ein Vorbau mit zwei Geschossen, dem sich eine Gartenterrasse anschließt.
1860 wurde die Villa von dem aus Thüringen stammenden Tuchfabrikanten und US-amerikanischen Staatsbürger Wilhelm Loeschigk (1808–1887) erworben, als er mit seiner Familie aus New York nach Bonn übersiedelte. Loeschigk ließ den Bau unter anderem um den kleinen Rundturm und 1875–1879 um einen kleinen erkerartigen Anbau an der Nordseite erweitern; seine Familie bewohnte das Haus bis 1890. Er gab dem Haus den seinerzeitigen Namen Villa Loeschigk. Sie war neben der damaligen Villa Troost und der Villa Prieger eine von drei städtebaulich zunächst gleichwertigen Villen am damaligen Südrand der Stadt Bonn. Loeschigk betrieb auf seinem Grundstück mit Weinhaus und Hühnerhaus auch landwirtschaftlichen Anbau, außerdem hatte er eine Schmiede einrichten lassen.
1894 erwarb Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe (1859–1916), ein Sohn des regierenden Fürsten Adolf I., die Villa. Prinz Adolf heiratete im selben Jahr Prinzessin Viktoria von Preußen (1866–1929), eine Tochter Kaiser Friedrichs III. und der Kaiserin Victoria und jüngere Schwester Kaiser Wilhelms II.; die Ehe blieb kinderlos. Nach der Hochzeitsreise zog das Paar 1891 in die Bonner Villa ein und ließ den Bau 1894 bis 1896 durch den Berliner Hofbaumeister Ernst von Ihne um einen L-förmigen Baukörper erweitern, bestehend aus je einem Flügel im Norden (neunachsig) und Osten (fünfachsig). Auch dreiachsige Mittelrisalite an der Straßenfront, am Neubau mit Söller sowie am Altbau mit zweigeschossiger Säulenordnung und Rundbogenfenster gehen auf Ihne zurück – ebenso die Alt- und Neubau verbindende Gartenfassade mit Rundbogenloggia. Eine Vorhalle und ein großer Treppenaufgang bildeten den neuen Haupteingang. Außerdem ließ von Ihne die Villa mit wertvollen Möbeln und Kunstwerken ausstatten.
1904 gehörten neben dem Wohnhaus zur Villa noch ein Pförtnerhaus, ein Seitenhaus (Orangerie, Wohnung und Gewächshaus), ein Maschinenhaus, zwei Treibhäuser, ein Wagenschuppen, eine Reitbahn sowie ein Tennisplatz.
In den folgenden Jahren bis zum Ersten Weltkrieg stand das Anwesen regelmäßig im Mittelpunkt gesellschaftlicher Festivitäten und kaiserlicher Besuche; aus dieser Zeit stammt seine bis heute übliche Bezeichnung als Palais Schaumburg. Nach dem Tod des Prinzen Adolf 1916 erbte 1917 seine Witwe Viktoria das Palais Schaumburg,Erbschein des Amtsgerichts Bonn vom 8. Mai 1917; Eintragung Viktorias als Eigentümerin im Grundbuch vom 22. Januar 1920. Vgl. Grundakte Bonn 11535, Grundbuch Bonn Bd. 150 Blatt Nr. 5976. in dem nach Kriegsende bis 1919 englische und kanadische Soldaten, darunter auch der kanadische Befehlshaber Arthur Currie,Horst-Pierre Bothien: Bonn sur-le-Rhin: Die Besatzungszeit 1918–1926 (=StadtMuseum Bonn: Forum Geschichte, Nr. 14). morisel Verlag, München 2018, ISBN 978-3-943915-34-1, S. 28, 33, 115. untergebracht waren. Ende 1919 verkaufte Viktoria das Palais an Adolf II. zu Schaumburg-Lippe, einen Neffen ihres verstorbenen Mannes, sicherte sich jedoch ein lebenslanges Wohn- und Nutzungsrecht zu.Kaufvertrag vom 29. Dezember 1919; Eintragung Adolfs als Eigentümer im Grundbuch vom 9. März 1920. Vgl. Grundakte Bonn 11535, ebd.
1927 heiratete Viktoria im „Roten Salon“ (dem späteren Kabinettssaal) des Palais Schaumburg den russischen Hochstapler Alexander Zoubkoff (1900–1936), der aufgrund mehrerer Betrügereien bereits 1928 nach Luxemburg ausgewiesen wurde. Die Familie Schaumburg-Lippe entzog der hochverschuldeten Viktoria daraufhin ihr Wohnrecht im Palais und ließ das gesamte Inventar im Oktober 1929 versteigern; in den Gebäuden wurden Büros und Mietwohnungen eingerichtet. Nach dem Tode Adolfs 1936 erbten dessen Geschwister das Palais Schaumburg zu gleichen Teilen.Erbschein des Amtsgerichts Bückeburg vom 27. Januar 1937
Staatsbesitz und Besatzungszeit (1939–1949) Im Februar 1939 wurde das Palais Schaumburg für 709.000 Reichsmark vom Deutschen Reich erworben, um dort Teile eines Militärstabs der Wehrmacht, das „Armeekommando 2“ unterzubringen.Kaufvertrag vom 24. Februar 1939; vgl. Grundakte Bonn 11535, ebd. Zu juristischen Aspekten des Verkaufs durch Wolrad zu Schaumburg-Lippe vgl. Alexander vom Hofe: Vier Prinzen zu Schaumburg-Lippe und das parallele Unrechtssystem, Madrid 2006, ISBN 84-609-8523-7, S. 294–315 (online) Das dem Wehrkreis VI (Münster) unterstellte Kommando zog dort im November 1939 ein, beendete aber mit Beginn des Westfeldzugs am 10. Mai 1940 seine Tätigkeit im Palais.Olga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer: 1819–1914, Bouvier Verlag, Bonn 1998, ISBN 3-416-02618-7, Band 2, Katalog (1), S. 227.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unterstand es der britischen Militärverwaltung; von Herbst 1948 bis zum Herbst 1949 war es Hauptquartier der Belgischen Streitkräfte in Deutschland – die Einholung der Flaggen erfolgte am 2. November.Helmut Vogt: Neue Quellen zur britischen Besatzung des Raumes Bonn 1945–1949. In: Bonner Geschichtsblätter. Jahrbuch des Bonner Heimat- und Geschichtsvereins. Band 39/Jahrgang 1989, Bonn 1992, , S. 429–449, hier S. 438. Die Bauakten der einstigen Villa Loeschigk wurden durch die Alliierten beschlagnahmt und in England vernichtet, sodass sie heute als verloren gelten.Olga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer: 1819–1914, Bouvier Verlag, Bonn 1998, ISBN 3-416-02618-7, Band 2, Katalog (1), S. 217. Am 5. November 1949 bestimmte Bundeskanzler Konrad Adenauer, der zuvor zwei Monate im nahen Museum Koenig residiert hatte, das Palais Schaumburg zu seinem neuen Dienstsitz und zog am 25. November 1949 ein. Zwei Monate später empfing er dort als ersten Staatsgast den französischen Außenminister Robert Schuman. Adenauer stand im Palais auch eine kleine Wohnung mit drei Zimmern und Bad zur Verfügung, die er jedoch nicht zum Übernachten nutzte.Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.); Judith Koppetsch: Von der Villa zum Kanzlersitz. S. 27.
Bundeskanzleramt (1949–2013) Im Jahre 1950 baute Hans Schwippert das Gebäude für die Verwendung als Bundeskanzleramt bei Kosten von einer Million DM um;Stadt Bonn, Stadtarchiv (Hrsg.); Helmut Vogt: „Der Herr Minister wohnt in einem Dienstwagen auf Gleis 4“: Die Anfänge des Bundes in Bonn 1949/50, Bonn 1999, ISBN 3-922832-21-0, S. 165. es entstanden unter anderem eine überdachte Vorfahrt und ein Vestibül mit neuer Treppe. 1954/55 – nachdem der Bund Eigentümer des Areals der ehemaligen Villa Selve geworden war – wurde das Palais nach einem Entwurf der BundesbaudirektionBurkhard Körner: Der Kanzlerbungalow von Sep Ruf in Bonn. In: Bonner Geschichtsblätter. Jahrbuch des Bonner Heimat- und Geschichtsvereins, Band 49/50, Bonn 1999/2000 (2001), , S. 507–613, hier S. 512. an der Nordseite um zwei dreigeschossige, zueinander rechtwinklig angeordnete Verwaltungsgebäude mit flach geneigten, schiefergedeckten Walmdächern (Häuser 2 und 3; „Altes Kanzleramt“) erweitert, die miteinander und mit dem Palais durch eingeschossige, gläserne Quertrakte verbunden sind. Den Haupteingang zum Bundeskanzleramt bildete fortan das im neu entstandenen Gesamtkomplex die Stellung eines Mittelbaus einnehmende Haus 2.
Am äußersten Ende des Grundstücks – direkt an der Mauer zum Rheinufer – ließ Hausherr Adenauer 1955 einen Pavillon, das sogenannte Kanzler-Teehaus, errichten. Es entstand auf den Fundamenten einer hier zuvor existierenden Walhalla-Aussichtsarchitektur. Näher am Palais, unsichtbar von hier aus im weitläufigen Park, errichtete Sep Ruf 1963 bis 1964 im modernen Stil das erstmals von Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard bezogene „Wohn- und Empfangsgebäude des Bundeskanzlers“, den sogenannten Kanzlerbungalow. In der Regierungszeit von Kurt Georg Kiesinger (1966–69; CDU) wurde im Park des Palais Schaumburg ein Hubschrauberlandeplatz eingerichtet.Thomas Knoll: Das Bonner Bundeskanzleramt: Organisation und Funktionen von 1949–1999, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN 978-3-322-99199-7, S. 165.