Santa Maria in Aracoeli (lat.: Sanctae Mariae de ara coeli, deutsch: Heilige Maria vom Himmelsaltar), offizieller Name Santa Maria in Ara Coeli al Campidoglio ist eine Kirche in Rom. Sie ist die Regionalkirche der Stadt Rom. Die ehemalige Franziskanerkirche ist auch unter ihrem früheren Namen Santa Maria in Capitolio bekannt.
Diese letzte als Basilika erbaute römische Kirche hat durch ihre Lage an dem seit der Antike bedeutenden politischen und religiösen Zentrum der Stadt, ihre mit Legenden verbundene Geschichte und durch ihre Nutzung im Mittelalter als Stadtparlament und Gerichtsstätte eine hohe symbolische Bedeutung. Zahlreiche Grabstätten von Mitgliedern römischer Adelsfamilien, unter anderen der Orsini, Savelli, Mattei, Cenci, bedeutenden Kardinälen, sowie der Architekten Giacomo della Porta und Giovanni Fontana finden sich im Kirchenraum der ehemaligen Klosterkirche. Von kunsthistorisch besonderer Bedeutung ist die Bufalini-Kapelle mit den Fresken des Malers Pinturicchio aus dem 15. Jahrhundert.
Lage Die Kirche liegt im X. römischen Rione Campitelli auf dem Kapitolshügel zwischen dem Nationaldenkmal Viktor Emanuels II. auf der Nordseite und dem Palazzo Nuovo auf der Südseite. Sie ist über die steile, charakteristische Scalinata di Aracoeli direkt von der Piazza d'Aracoeli sowie über eine weitere Treppe zum südlichen Seiteneingang vom Kapitolsplatz erreichbar.
Geschichte Antike und frühmittelalterliche Geschichte Aufgrund von Ausgrabungen konnte an der Stelle der heutigen Kirche der Tempel der Juno Moneta, der Gemahlin des obersten römischen Gottes Jupiter und Schirmherrin der Stadt Rom nachgewiesen werden. Dieser war anlässlich des Sieges der Römer über die Aurunker ab 345 v. Chr. erbaut worden. Im Verlauf des 3. Jahrhunderts v. Chr. entstand angrenzend die Münzstätte.Frank Kolb: Rom. Die Geschichte der Stadt in der Antike. C. H. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39666-6, S. 143.
Der erste historisch belegbare Kirchenbau, dem ein Kloster mit griechischen Mönchen angeschlossen war, geht auf die Zeit Papst Gregors des Großen im 6. Jahrhundert zurück. Die in verschiedenen Quellen erwähnte Gründung der Kirche durch die hl. Helena, die Mutter Kaiser Konstantin des Großen, kann bisher nicht nachgewiesen werden. In einem mittelalterlichen Codex wird um das Jahr 883 die Betreuung der Kirche durch Benediktinermönche erwähnt.
Als 1143 der römische Senat wieder eingesetzt wurde, erwählte das römische Volk sich den schon in der Antike das Zentrum Roms bildenden Kapitolhügel als Sitz der Konservatoren (Exekutive) und der Senatoren (Judikative). Der Kirche und dem Kloster kamen aufgrund dieser engen Verbindung zur Stadtregierung eine neue Bedeutung zu. Zu dieser Zeit errichteten die Mönche eine neue Kirche, die in etwa das heutige Querschiff einnahm und in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet war, mit der Apsis im Norden.
Übernahme durch den Franziskanerorden 1249 wurde die Kirche durch Papst Innozenz IV. dem Franziskanerorden übergeben. Unter der Schutzherrschaft des Senats und einiger Adelsfamilien wie der Savelli begannen die Franziskaner ab 1251 mit dem Bau der heutigen dreischiffigen Basilika nach einem Entwurf von Arnolfo di Cambio.Treccani Dizionario Biografico Als ausführender Baumeister ist ein Magister Aldus dokumentiert, dessen Grabplatte noch an der fünften Säule zu sehen ist.† HIC REQVIESCIT MAGISTER ALDUS MVRATOR QVI FVIT FVNDATOR ET PRINCIPALIS SVPER OPVS ISTIVS ECCLESIAE CVIVS ANIMA REQVIECAT IN PACE. AMMEN ORATE PRO EO. Casimiro Romano: Memorie Istoriche, S. 399 Der Bau dauerte bis etwa 1287. mini|Südseite der Kirche mit dem Loggien-Eingang Paul III. zum Kloster (1561) Ende des 13. Jahrhunderts wurden die ersten Familien-Kapellen neben dem Chor angebaut. Sie sind die ersten nachweisbaren Beispiele von Patronatskapellen in Kirchen. Ihnen folgten zahlreiche andere, die die gesamte Kirche allmählich umgaben, sodass sich die Kirche zu einer fünfschiffigen Basilika erweiterte. Die Bufalini-Kapelle wurde in den 1480er Jahren von Pinturicchio mit Fresken zum Leben des hl. Bernhardin von Siena versehen, ein von den Franziskanern sehr verehrten Prediger, der diese Kirche oft besuchte. Sie zählt zu den großen Kunstschätzen in dieser Kirche. 1348 erfolgte der Bau der Treppe, die Scalinata di Aracoeli.
Unter Papst Leo X. erhielt die Kirche 1517 den Status einer Titelkirche. Die Südseite der Kirche zeigt zum Kapitolsplatz, zu dem bis heute das Seitenportal über eine Treppe führt. Alexander Farnese ließ in seiner Zeit als Papst Paul III. (1534–1549) eine Loggia als Eingang zum Kloster und Kreuzgang, ähnlich einem Narthex erbauen. Gleichzeitig erkor er das Kloster mit seinen Gärten zum Sitz seiner Sommerresidenz und ließ von dem Baumeister Jacopo Meleghini aus Ferrara, unter Veränderung der Klostergebäude und der Gärten, einen gewaltigen Turm errichten.Ulrich Nersinger: Erinnerungen an den Turm Pauls III. – https://de.zenit.org/ – abgerufen am 20. April 2016 Die „Torre di Paolo III.“ ging unter Papst Sixtus V., einem Franziskaner, in den Besitz des Ordens über, der ihn bis 1885 als Residenz des Pater General der Franziskaner nutzte. Der Baumeister Giacomo della Porta war von 1572 bis 1584 beauftragt, die Kirche weiter auszubauen, das Langhaus und den Triumphbogen zum Querschiff zu erhöhen und die geschnitzte und vergoldete Kassettendecke einzuziehen. Diese stiftete der Admiral und Vizekönig von Sizilien Marcantonio Colonna anlässlich des Sieges in der Seeschlacht von Lepanto gegen die Türken, an der er teilgenommen hatte. Im 17. und 18. Jahrhundert erfuhren die Kapellen zahlreiche Umbauten, 1752 erhielt die Kirche eine Orgel.
Nach der französischen Besetzung Roms 1799 war die Kirche bis 1815 profaniert. Das Kloster wurde in eine Kaserne umgewandelt. 1886 bis 1888 musste für den Bau des Nationaldenkmals für König Viktor Emanuel II. der größte Teil des Klosters, die Sakristei und der Turm Paul III. abgerissen werden. Ab 1895 wirkte noch der Franziskaner Hartmann von An der Lan-Hochbrunn als Organist an dieser Kirche.
Die bosnische Königin Katarina Kosača-Kotromanić (1424–1478) verbrachte ihre letzten Lebensjahre nach ihrer Flucht vor den Osmanen als Nonne in diesem Franziskanerkloster und wurde hier auch beigesetzt.
Legenden mini|hochkant|Vision des Augustus und der Tiburtinischen Sibylle in: Schedelsche Weltchronik, 1493 Gründungslegende Nach Legenden des frühen Mittelalters, festgehalten in den Mirabilia Urbis Romae, soll die Gründung der Kirche Santa Maria in Aracoeli auf eine Weissagung der tiburtinischen Sibylle zurückgehen. Der römische Kaiser Augustus sollte zu Ehren einer ihm unbekannten Gottheit, die die Welt retten wird, einen Altar errichten. Auch in der Legenda aurea des Dominikanermönchs Jacobus de Voragine findet sich eine ausführliche Schilderung zur Errichtung der Ara Coeli – dem Altar des Himmels – durch Kaiser Augustus.Kaiser Octavian – Augustus – stand, nachdem er den Erdkreis unter die Macht Roms gebracht hatte, bei den Senatoren in solcher Gunst, dass sie ihn als Gott verehren wollten. Da der Kaiser aber wusste, dass er sterblich war, wollte er in seiner Klugheit die Bezeichnung eines Unsterblichen nicht beanspruchen. Weil ihn aber jene drängten, rief er die Sibylle herbei – das war eine Prophetin – und wollte durch ihre Weissagung erfahren, ob einmal auf der Welt einer geboren werden sollte, der größer wäre als er selbst. Als nun Augustus – gerade am Fest der Geburt unseres Herrn – eine Beratung über die Angelegenheit angeordnet hatte und die Sibylle allein in der Kammer des Kaisers ihrer Orakelgebung oblag, erschien mitten am Tag ein goldener Kreis um die Sonne und in der Mitte des Kreises eine allerschönste Jungfrau, die einen Knaben auf ihrem Schoß trug. Da wies die Sibylle auf die Erscheinung, und als der Kaiser darüber in großes Staunen geriet, hörte er eine Stimme, die zu ihm sprach: „Das ist der Altar des Himmels – ara Coeli“, und die Sibylle sagte: „Dieser Knabe ist größer als Du, bete ihn daher an!“ Der Raum ist später zu Ehren der Heiligen Jungfrau geweiht worden und wird deshalb bis auf den heutigen Tag S. Maria in Aracoeli genannt. Da der Kaiser also erkannte, dass dieser Knabe größer als er selber war, brachte er ihm Weihrauch dar und lehnte es künftig ab, Gott genannt zu werden. (aus U. Nersinger: S. 153ff.) In den Schriften des Historiographen Timotheus von Byzanz, ebenfalls in der Legenda aurea niedergelegt, findet sich eine ähnliche Schilderung der Befragung des Orakels und die Errichtung eines Altars durch Augustus.U. Nersinger: S. 155
Die Gründungslegende der Kirche zum Himmelsaltar und ein wundertätiges Christusbild, das sich in der Kirche befindet, spielen eine zentrale Rolle in dem Roman Die Wunder des Antichrist von Selma Lagerlöf.
Legende zu Santo Bambino Die Kirche verfügt über ein wundertätiges Christkind, das in einer eigenen Kapelle verehrt wird. Einer Legende nach ist das Santo Bambino in Jerusalem von einem Franziskaner aus dem Holz eines Olivenbaums vom Garten Getsemani geschnitzt worden. Da dem Ordensmann die nötige Farbe fehlte, um das Werk fertigzustellen, sei ein Engel erschienen, der die Arbeit eigenhändig beendet habe. Auch auf dem Weg nach Rom wird von einem wundersamen Geschehen berichtet – auf der Seereise herrschte ein unheimlicher Sturm und der kostbare Schatz fiel ins Meer, er schwamm aber dem Schiff hinterher und erreichte den Hafen Livorno ganz alleine und unbeschadet, von wo man ihn nach Rom brachte.U. Nersinger: S. 159
Seit der wundersamen Heilung eines Mitglieds der Adelsfamilie Torlonia konnte das Jesuskind bis ins 20. Jahrhundert hinein an das Bett von Kranken zur Heilung entsandt werden. Eine damit verbundene Legende weiß zu berichten, dass die Fürstin Borghese heimlich eine Kopie des Santo Bambino anfertigen ließ. Als ihr Vetter, Kardinal Scipione Borghese, schwer erkrankte, wurde ihm das Jesuskind auf ihre Bitte hin gebracht. Sie tauschte den Bambino aus und behielt den echten. Dieser verließ jedoch nachts unbemerkt den Palast und eilte zurück zum Franziskaner-Kloster bei Santa Maria in Aracoeli, wo er von den Mönchen mit feierlichem Geleit wieder an seinen angestammten Platz gebracht wurde. Tatsache ist, dass sich in der Kirche San Giovanni bei Giulianello eine Kopie der Statue befindet – ein Geschenk des Kardinals Scipione Borghese.U. Nersinger: S. 161 mini|hochkant|Nachbildung des 1994 gestohlenen und seither verschollenen Jesuskind Am 1. Februar 1994 wurde die 500 Jahre alte Olivenholzfigur von Unbekannten gestohlen. Trotz zahlreicher Bemühungen, darunter Angebote vermögender Personen, ein mögliches Lösegeld zu zahlen – was die Franziskaner jedoch ablehnten –, blieb der Bambinello bis heute verschwunden. Daher ist derzeit nur eine Kopie der Figur ausgestellt. Dennoch zieht der Santo Bambino weiterhin Pilger an, die ihn verehren und ihm Bittbriefe schreiben.
Architektur mini|Santa Maria in Aracoeli und Kapitol; Stich von G.B. Piranesi; 1751 Die große dreischiffige Säulenbasilika hat trotz kostbarer Ausstattungsstücke späterer Jahrhunderte das Bild des 13. Jahrhunderts bewahrt. An beiden Seitenschiffen schließt sich eine Reihe von Nebenkapellen an, sodass sich dadurch architektonisch ein fünfschiffiger Aufbau des Langhauses ergibt. Das kurze Querhaus greift nicht über die Seitenwände hinaus, trotz der Kapellenanbauten. Das Mittelschiff setzt sich in einem geraden Chorabschluss fort, dem seitlich, nach den Gepflogenheiten der Bettelordens- und Zisterzienserkirchen, Nebenchöre angefügt wurden. Antike Säulen, verschiedenartig in ihrer stilistischen Erscheinung sowie in der Art des Gesteins, tragen die in schmalen Fenstern sich öffnende Hochwand.Reclam Kunstführer Rom: S. 200
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