mini|hochkant|Walter Jockisch, um 1933 Walter Max Guido Jockisch (* 20. Februar 1907 in Arolsen, Freistaat Waldeck;Geburtsurkunde Walter Max Guido Jockisch, Standesamt Arolsen, Nr. 9/1907, 25. Februar 1907; Faksimile übermittelt durch den Fachbereich Bürgerservice, Öffentliche Sicherheit und Ordnung der Stadt Bad Arolsen, Siegfried Butterweck, 12. August 2020 † 22. März 1970 in München, Bayern)Sterberegister Walter Max Guido Jockisch, Standesamt München, Nr. 962/1970 war ein deutscher Pädagoge, Dramaturg, Librettist, Opernregisseur und -intendant.
Familie Walter Jockisch war das einzige Kind des Oberregierungs-Medizinalrats und Königlich Preußischen Stabsarztes Franz Max Louis Paul Jockisch (* 27. März 1865 in Breslau; † 2. Januar 1947 in Bad Nauheim) und dessen erster Ehefrau Harriet Edeline Eugenie Melanie (* 1878 in Potsdam; † 7. November 1929 in Frankfurt am Main), geborene von Schlicht.Sterbeurkunde Franz Max Louis Paul Jockisch, Standesamt Bad Nauheim, Nr. 2/1947, 2. Januar 1947Sterbeurkunde Harriet Edeline Eugenie Melanie Jockisch, geboren von Schlicht, Standesamt IV Frankfurt am Main, Nr. 1618/1929, Seite 430, 8. November 1929, verheiratet mit dem Oberregierungsmedizinalrat, Doktor der Medizin Franz Max Louis Paul Jockisch zu Frankfurt am Main, Holbeinstraße 19In den zeitgenössischen Adressbüchern für Danzig und Frankfurt am Main war Dr. med. Franz Max Louis Paul Jockisch in der Schreibweise Jokisch, Max verzeichnet. Beide Eltern waren evangelisch.
mini|hochkant|Walter Jockisch, um 1932 Am 16. August 1933 heiratete Walter Jockisch in Berlin-Wilmersdorf die Schriftstellerin Gisela Günther (* 4. Dezember 1905 in Wien;Geburtsregister Nr. 460 des evangelischen Pfarramts Wien-Landstraße † 1985), geborene Schoenfeld.Heiratsurkunde des Standesamts Berlin-Wilmersdorf Nr. 788 vom 16. August 1933, Aufgebotsverzeichnis Nr. 859Zuckmayer, Gisela. In: Deutsche Nationalbibliothek, auf: d-nb.info Als Trauzeugen fungierten die Schriftstellerin Paula Ludwig aus Ehrwald in Tirol, deren Sohn Karl Siegfried „Friedel“ ein Schüler Jockischs auf der Nordseeinsel Juist gewesen war, und Gretha Schaettler aus Berlin. Aus dieser Ehe ging nominell eine Tochter, Michaela „Michele“ (* 10. November 1933 in Ehrwald, Tirol; ab 1957 verheiratet mit Richard Schenkirz) hervor.Schreiben von Walter Jockisch an den Studenten Heinz-Günther Knolle (ehemaliger Schüler der Schule am Meer auf Juist) vom 19. November 1933, maschinenschriftlich, unveröffentlicht; Zitiert nach: Faksimile aus dem Privatbesitz von Dr. med. dent. Achim Knolle, LöhneIrene Nawrocka (Hrsg.): Carl Zuckmayer: Briefwechsel, Bd. 1: Briefe 1935–1977. Wallstein-Verlag, Göttingen 2004, ISBN 978-3-89244-627-9, S. 122Heiratsanzeige von Michele und Richard Schenkirz an Carl Zuckmayer, undatiert 1957. In: Nachlass Carl Zuckmayer, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Bestandssignatur A:Zuckmayer, Carl; Zugangsnummer HS.1995.0001
Gisela Günther, geborene Schoenfeld, war zuvor bereits verheiratet gewesen, unter der Berufsangabe Schauspielerin erstmals ab Februar 1924 mit dem aus Stolp in Pommern stammenden Kaufmann Heinrich Max Franz Westphal (* 1. August 1900), der in Charlottenburgs Schlüterstraße 12 wohnte.Heiratsregister Heinrich Max Franz Westphal und Gisela Schoenfeld, Standesamt Charlottenburg I, Nr. 9/1924, Aufgebotsverzeichnis Nr. 75, 20. Februar 1924
Jockisch ging durch die kurzfristig angesetzte Heirat mit Gisela „Gi“ bzw. „Gisi“ Günther, geborene Schoenfeld, eine Scheinehe ein. Seine Braut stand kurz vor der Geburt eines unehelichen Kindes, das sie mit einem Ausländer gezeugt hatte. Jockisch wollte dem Ungeborenen während der Zeit des Nationalsozialismus ermöglichen, als vermeintlich „arisches“ Kind geboren und entsprechend klassifiziert zu werden.Judith Hélène Stadler: Grete Weil – Der Brautpreis. Masterarbeit, Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Luzern, Luzern 2010, S. 55 (209) Seine Schein-Ehefrau hatte er an der Schule am Meer kennengelernt, wo diese später mit dem dort wirkenden Chor- und Orchesterleiter Eduard Zuckmayer, dem älteren Bruder des Schriftstellers Carl Zuckmayer, liiert war.
Nach der schon 1934 vollzogenen Scheidung folgten Gisela Jockisch, geborene Schoenfeld, und ihre Tochter Michaela „Michele“ im Jahr 1938 Eduard Zuckmayer ins türkische Exil nach Ankara, wo dieser – vermittelt durch Paul Hindemith und auf Einladung von Staatspräsident Kemal Atatürk – in der Folge die gesamte türkische Musiklehrer-Ausbildung im Sinne der deutschen Jugendmusikbewegung bis heute prägen sollte. Zuckmayer konnte Gisela Jockisch jedoch erst 1947 heiraten, weil die NS-Behörden den expatriierten Emigranten eine Ehefähigkeitsbescheinigung verweigert hatten,Eduard Zuckmayer. In: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen des NS-Zeit (LexM), hrsg. v. Institut für Historische Musikwissenschaft der Universität Hamburg, auf: uni-hamburg.de und adoptierte in der Folge Jockischs nominelle Tochter Michaela „Michele“.Barbara Trottnow: Eduard Zuckmayer – Ein Musiker in der Türkei. Dokumentarfilm, auf: YouTube, 2:41 Min.
Im Jahr 1946 kam Jockischs Jugendfreundin Grete Weil, geborene Dispeker, die mit seinem 1941 im Konzentrationslager Mauthausen ermordeten Freund Edgar Weil verheiratet gewesen war,Peter Ahrendt: „Ich bin eine schlechte Hasserin“, auf: glarean-magazin.chPeter Hölzle: Mit Liebe und Verbissenheit gegen das Vergessen. In: Deutschlandfunk Kultur, Kalenderblatt, 14. Mai 2019, auf: deutschlandfunkkultur.de aus ihrem niederländischen Exil zu Besuch. Wie es beide nach der Todesmitteilung Edgar Weils anlässlich Jockischs Besuch im Herbst 1941 in den Niederlanden miteinander vereinbart hatten,Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben (Autobiographie). Nagel + Kimche, Zürich u. a. 1998, ISBN 3-596-14342-X, S. 77, 160–162, 178Waldemar Fromm, Wolfram Göbel, Gabriele Förg, Kristina Kargl, Elisabeth Tworek: Freunde der Monacensia e. V. – Jahrbuch 2009. Allitera Verlag, München 2009, ISBN 978-3-86906-038-5, S. 96 lebte Grete Weil ab 1947 zunächst in Darmstadt mit Jockisch zusammen; erst am 13. Februar 1961 heirateten sie in Frankfurt am Main.Heiratsurkunde beim Standesamt Frankfurt am Main-Mitte, Nr. 470/1961Grete Weil, auf: literaturportal-bayern.deGrete Weil, auf: kuenste-im-exil.deWaldemar Fromm, Wolfram Göbel, Gabriele Förg, Kristina Kargl, Elisabeth Tworek: Freunde der Monacensia e. V. – Jahrbuch 2009. Allitera Verlag, München 2009. ISBN 978-3-86906-038-5, S. 101
Schule Walter Jockisch wuchs für rund dreizehn Jahre zunächst im Heiligenbrunner Weg 6 in Danzig-Langfuhr auf,Neues Adressbuch für Danzig und Vororte, 23. Jahrg. 1919, I. Teil. A. W. Kasemann G.m.b.H. Danzig, S. 178 (Jokisch, Max, Dr. med., Ober-Stabsarzt, Lgf.) wo er die Schule besuchte, bis seine Familie etwa 1920 nach Frankfurt am Main in die Holbeinstraße 19 im Stadtteil Sachsenhausen umzog.Adreßbuch für Frankfurt am Main und Umgebung, Ausgabe 1921 (PDF-Datei; 529,62 Megabyte). August Scherl Deutsche Adreßbuch-Gesellschaft m.b.H. Frankfurt a. M., S. 264 (Jokisch, Max, Arzt)Adreßbuch für Frankfurt am Main und Umgebung, Ausgabe 1924 (PDF-Datei; 276,54 Megabyte). August Scherl Deutsche Adreßbuch-Gesellschaft m.b.H. Frankfurt a. M., S. 250 (Jokisch, Max, Ob. Reg. Med. Rat)Thomas Blubacher: Walter Jockisch. In: Andreas Kotte (Hrsg.): Theaterlexikon der Schweiz, Bd. 2. Chronos Verlag, Zürich 2005. ISBN 978-3-0340-0715-3, S. 932 Er besuchte in der Folge die Musterschule und freundete er sich eng mit den Brüdern Edgar (1908–1941) und Hans Joseph Weil (1906–1969)Weil, Hans Joseph, auf: juedisches-leben-in-ingenheim.de an, den Söhnen des promovierten chemisch-pharmazeutischen Fabrikanten Richard Weil, die in der Friedberger Anlage 9 wohnten, nahe dem Unternehmenssitz ihres Vaters in der Grüne Straße 11–13.Adreßbuch für Frankfurt am Main und Umgebung 1924 (PDF-Datei; 276,54 Megabyte). August Scherl Deutsche Adreßbuch-Gesellschaft m.b.H. Frankfurt a. M., S. 586 (Dr. R. u. Dr. O. Weil, chem. Präparate; Weil, Richard, Dr., Fabrik.) Durch diese lernte er etwa 1923/24 deren Großcousine Grete Dispeker und ihre Freundin Doris von Schönthan kennen.Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben (Autobiographie). Nagel + Kimche, Zürich u. a. 1998. ISBN 3-596-14342-X, S. 68–72 Er gehörte dadurch zum erweiterten Freundeskreis zweier Kinder von Thomas Mann, den eng miteinander verbundenen Geschwistern Erika und Klaus Mann.Waldemar Fromm, Wolfram Göbel, Gabriele Förg, Kristina Kargl, Elisabeth Tworek: Freunde der Monacensia e. V. – Jahrbuch 2009. Allitera Verlag, München 2009. ISBN 978-3-86906-038-5, S. 87 Ostern 1925 legte er an der Musterschule seine Reifeprüfung ab.Lehrerbuch der Schule am Meer, Juist, Blatt 31. In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Handschriftenabteilung, Nachlass Luserke, Martin, Signatur: Cb 37 (Die handschriftlich ausgefüllte Seite des Lehrerbuches verzeichnet seinen Namen in der Schreibweise Walter Jockisch)
Studium Danach studierte er an der Universität zu Frankfurt am Main und an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin Germanistik, Geschichte und Englisch, und schloss sein Studium im Jahr 1929 in Berlin mit einer Inauguraldissertation zum Thema Andreas Gryphius und das literarische Barock und seiner Promotion zum Doctor philosophiae (Dr. phil.) ab.Dr. Walther Jockisch: Andreas Gryphius und das literarische Barock (= Germanische Studien, H. 89), hrsg. v. Dr. Emil Ebering. Verlag von Emil Ebering, Berlin 1930, Nicola Kaminski, Robert Schütze: Gryphius-Handbuch. Walter de Gruyter, Berlin 2016. ISBN 978-3-11-022944-8, S. 908
Berufliche Entwicklung Pädagoge mini|hochkant|Die Lehrer Friedrich Könekamp (Mitte) und Walter Jockisch (rechts), links: Abiturient Walter Georg Kühne, auf dem Areal der Schule am Meer, Juist, 1930 Jockisch war zunächst vom 19. April 1930 bis zum 18. März 1932 als Lehrer für Deutsch, Geschichte, Englisch und Latein an dem von Martin Luserke geleiteten reformpädagogischen Landerziehungsheim Schule am Meer auf der ostfriesischen Nordseeinsel Juist tätig,Stiftung Schule am Meer: Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer Juist, 5. Rundbrief, Juli 1930, S. 15Stiftung Schule am Meer: Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer Juist, o. Nr., November 1934, S. 6 wo er sich für das von Luserke betriebene Darstellende Spiel engagierte. Jockisch wurde durch die einzigartige freistehende Bühnenhalle des Internats geprägt, von der in der Endphase der Weimarer Republik Impulse für das Laienspiel, die Jugendbewegung, die Jugendmusikbewegung und das professionelle Theater ausgingen. Luserke und Carl Zuckmayer texteten an der Schule am Meer für Kompositionen Eduard Zuckmayers.Walther Killy: Dictionary of German Biography, Band 10: Thiebaut – Zycha. Walter de Gruyter, Berlin 2006. ISBN 3-598-23290-X, S. 731Eduard Zuckmayer / Martin Luserke: Herbst-Kantate, auf: swissbib.chLuserke, Martin. In: Bruno Jahn: Deutsche biographische Enzyklopädie der Musik, Band 2: S – Z. K. G. Saur, München 2003. ISBN 3-598-11586-5, S. 963 Zu Jockischs Kollegen zählten außerdem u. a. Rudolf Aeschlimann, Fritz Hafner, Friedrich Könekamp, Heinrich Meyer, Anni und Paul Reiner, Günther Rönnebeck sowie Kurt Sydow. Er freundete sich eng mit dem Schüler Heinz-Günther Knolle (1912–1999) an, der ab September 1929 auch mit Grete Dispeker befreundet war. Jockisch und Knolle lebten ab 1932 in einer Wohngemeinschaft an der Weinmeisterhöhe in Berlin-Pichelsdorf, Knolle studierte an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Jockisch, der sich nach dem 30. Januar 1933 als Lehrer nicht den Vorgaben des Nationalsozialismus zu unterwerfen gedachte, orientierte sich demzufolge beruflich neu und fand angesichts seiner Gegnerschaft zum NS-Staat ein politisch weitgehend neutrales Wirkungsfeld.
Spielleiter und Intendant