mini|Rotblühende Rosenranken umschließen die Liebenden,Symbol ihrer Unzertrennbarkeit wie „Geißblatt und Haselrute“. Miniatur aus dem Codex Manesse, Cod. Pal. germ. 848, fol. 249v.
Chevrefoil, so lautet der anglonormannische Titel des „Lais vom Geißblatt“ (Neufranzösisch « Le lai du chèvrefeuille »).
Diese bewegende Versnovelle, welche eine kurze, geheime Begegnung Tristan und Isoldes, des berühmten ehebrecherischen Liebespaares, poetisch ausmalt, wird der ersten bekannten französischsprachigen Dichterin, Marie de France, zugeschrieben. Sie soll dieses Lied am englischen KönigshofeEleonore von Aquitanien, Herzogin von Aquitanien, bis 1152 Königin von Frankreich, ab 1154 durch Heirat mit Henri II. Plantagenêt Königin von England, unterhielt in London ein literarisches Zentrum, wo sie als Mäzenin französischsprachige und okzitanische Dichtkunst förderte. Heinrichs II. und dessen Gemahlin, der Mäzenin Eleonore von Aquitanien, in einem altfranzösischen Dialekt, dem Anglonormannischen, vor 1189Tod Heinrichs II. als Terminus ante quem nach: Philippe Ménard: Les lais de Marie de France. Contes d’amour et d’aventures du Moyen Âge. PUF, Paris 3. Auflage 1997, ISBN 2-13-047370-9, S. 19. geschaffen haben.Mit der Eroberung Englands durch die französischen Normannen (Wilhelm der Eroberer, Schlacht bei Hastings) im Jahre 1066 setzte sich am englischen Königshofe Heinrichs II. und dessen Gemahlin der Mäzenin Eleonore von Aquitanien sowie in englischen Adelskreisen der Sprachgebrauch des Normannischen durch, eines altfranzösischen Dialektes. Das Superstrat Französisch beeinflusste in der Variante Anglonormannisch, die sich dort aus dem Normannischen entwickelte, den Wortschatz der englischen Sprache (Geschichte der englischen Sprache) über die Herrschaftshäuser Plantagenêt und Lancaster. Gegen Ende des Hundertjährigen Krieges wurde das Französische durch das Mittelenglische verdrängt (siehe: Henriette Walter: Honni soit qui mal y pense. S. 105). Im Ausklang dieser Tristannovelle, in den Versen 112/113, behauptet Marie de France, Tristan selbst sei der Dichter gewesen, der zur Erinnerung an das abenteuerliche Stelldichein dieses Harfenlied, den „Lai vom Geißblatt“, komponiert habe:
V 112 Tristram, ki bien savait harper, V 113 En avait fet un nuvel lai V 112 Tristan, der gut Harfe spielen konnte V 113 Hat daraus neues Lied gedichtet
In der Handschrift „H“ Harley 978British Library ms. Harley 978, Folia 150v, 151r, 151v: Folium 150v — Unten rechts in der Handschrift markiert die blaue Initiale „A“ das Incipit des Lais „Chevrefoil“: Vers 01 « Asez me plest e bien le voil / Vers 02 Del lai qu'hum nume Chevrefefoil». aus dem späten 13. Jahrhundert, welche alle zwölf Lais der Marie de France überliefert, findet man diese altfranzösische Verserzählung an elfter Stelle. Mit ihren 118 achtsilbigen Versen ist sie die kürzeste der zwölf Versnovellen Maries.
In ›Chevrefoil‹ setzt Marie eine ›aventure‹ aus dem irisch-bretonischenKarl Warnke (Hrsg.): Die Lais der Marie de France. Mit vergleichenden Anmerkungen von Reinhold Köhler. Zweite verbesserte Auflage, Halle, Niemeyer (Bibliotheca Normannica III), 1900 (). Tristan-Stoff in Szene, aus dem Sagengut der Matière de Bretagne.
Dieses „gioiello di poesia“Der Romanist und Mediävist Cesare Segre nannte die Lais der Marie de France „un gioiello di poesia e un enigma di storia culturale“: () Piramo e Tisbe nel Lai di Maria di Francia. In: Studi in onore di Vittorio Lugli e Diego Valeri. Venedig 1961, Band 2, S. 846., dieses „Juwel der Dichtkunst“ des Hochmittelalters, besticht durch seine starke Ausdruckskraft, insbesondere durch die Wahl einer floralen Metapher, welche für unauflösliche, lebenslange Liebe steht: . Denn trennt man Hasel-Strauch und Geißblattzweige voneinander, die in perfekter Symbiose leben, so müssen beide sterben. Unter Einfluss der bis an den französischsprachigen englischen HofWilhelm IX., Herzog von Aquitanien, „Der erste Trobador“, war der Großvater Eleonores von Aquitanien, der englischen Königin. ausstrahlenden trobadoresken Ideologie der ›‹ (alt)So wie die altfranzösischen Dialekte kennen die altokzitanischen Mundarten ein Zweikasussystem mit Casus rectus und Casus obliquus: «amors» lautet der Casus rectus für die Subjektposition des femininen Substantivs im Satz, während «amor», der Casus obliquus des Wortes, einheitlich für alle Objektposition gebraucht wird.Bartina Harmina Wind: L’idéologie courtoise dans les lais de Marie de France. In: Mélanges de linguistique romane et de philologie médiévale offerts à M. Maurice Delbouille, Gembloux (1964), Band II, S. 71 ff. überträgt Marie de France mit ihrer dichterischer EinbildungskraftKurt Ringger: Die ›Lais‹. Zur Struktur der dichterischen Einbildungskraft der Marie de France. Max Niemeyer Verlag Tübingen 1973, ISBN 3-484-52042-6. diese florale Metapher auf die schicksalhaft-verhängnisvolle Bindung des mythischen Liebespaares Tristan und Isolde:Verse aus « Chevrefoil » werden hier zitiert nach der Edition von Alfred Ewert: Marie de France: Lais, Oxford 1944, S. 123–126, weil sich diese Edition so getreu wie möglich an die anglonormannische Handschrift „H“ ms. Harley 978 hält, welche als einzige Handschrift alle 12 Lais enthält. Alle Übersetzungen aus dem Altfranzösischen und Altokzitanischen ins Deutsche stammen vom Erst-Verfasser dieses Artikels. V 08 De lur qui tant fu V 09 Dunt il eurent meinte dolur, V 10 Puis en mururent en un jur. V 08 Von ihrer Liebe, die so vollkommen war, V 09 Und ihnen soviel Leid brachte V 10 Dass sie am selben Tage starben.
Das Hasel-Geißblatt-Symbol„Geißblatt“ heißt im Anglonormannischen „chevrefoil“ (siehe Handschrift „H“ Harley), im Franzischen „chievrefueil“ (siehe Handschrift „S“), im Neufranzösischen „chèvrefeuille“, im Mittelenglischen „Gotelef“, im modernen Englisch „(goat-leaf) honeysuckle“, im Altokzitanischen „Cabrefoil“. wird in diesem Lai zum Sinnbild „vollkommener Liebe“ (V8 « »), die nur im gemeinsamen Tod enden kann. Marie de France lässt den Haselnuss-Stock zum geheimen Erkennungszeichen Tristans und Isoldes werden. Dabei gelingt es der Dichterin, in zwei berühmt gewordenen Versen (V77/78) dem tragischen Schicksal des unzertrennlichen Paares einen expressiven Zauber zu verleihen. Diese faszinierende Wirkung erzielt Marie de France durch eine formale poetischen Struktur, durch das Stilmittel des Chiasmus in Vers 78: V 77 ‘Bele amie, si est de nus: V 78 ’ V 77 ‘Schöne Freundin, so ist’s mit uns: V 78 ’
Inhalt König Marke von Cornwall hat seinen Neffen Tristan wegen dessen ehebrecherischen Beziehung zu Königin Isolde aus seinem Reich verbannt. Aus Sehnsucht nach seiner Geliebten kehrt Tristan unter Gefahr für Leib und Leben aus der Verbannung zurück. Er versteckt sich in Wäldern, wohnt unerkannt bei einfachen Leuten und versucht durch List, heimliche Treffen mit Isolde zu arrangieren. Er erfährt, dass die Königin Pfingsten nach Tintagel reiten wird. Den Waldweg, durch den sie anreisen wird, kennt er gut. Tristan legt ihr dort das geheime Erkennungszeichen in den Weg. Dazu hat er eine Hasel-Rute in der Mitte durchgeschnitten, in vierkantige Form gebracht und seinen Namen darauf graviert. Schon früher hatte dieses Dingsymbol zu geheimen Treffen der beiden geführt (V57/58): mini|links|Wie mit dem Geißblatt, das sich um die Hasel rankt. (Verse 69–70) mini|zentriert|Wenn es sich an ihr festgebunden /Und ganz den Stamm umschlungen hat / So können sie gemeinsam leben.(Verse 71–73)
V 61 Ceo fu la summe de l’escrit V 62 Qu’il li aveit mandé e dit … V 68 V 71 Quant il s’i est laciez e pris V 72 E tut entur le fust s’est mis V 73 Ensemble poënt bien durer V 74 Mes ki puis les volt desevrer, V 75 Li codres muert hastivement V 76 E li chevrefoil ensement. V 77 V 61 Das war der Kern der Botschaft V 62 Die er ihr hatte zukommen lassen … V 68 V 71 Wenn es sich an ihr festgebunden V 72 Und ganz den Stamm umschlungen hat, V 73 So können sie gemeinsam leben. V 74 Aber will man sie trennen, V 75 So stirbt die Hasel schnell V 76 Und das Geißblatt ebenso. V 77
Als Isolde den Haselstock erblickt, erkennt sie „alle Buchstaben darauf“ (v82 « tutes les letres i conut ») und begreift die Botschaft sofort. Unter dem Vorwand, sich ein wenig ausruhen zu wollen, lässt sie den Tross anhalten und entfernt sich in Begleitung ihrer treuen Dienerin Breguein von der Hofgesellschaft. Im Wald kommt es zu einem kurzen Wiedersehen mit Tristan. Sie lassen ihrer Freude freien Lauf. Isolde unterbreitet ihm einen Vorschlag, wie er sich mit seinem Onkel Marke aussöhnen könne, der seinen Neffen immer noch liebe. Schließlich verabschiedet sich das Paar unter Tränen.
mini|links|«Tristram, ki bien savait harper»„Tristan, der gut Harfe spielen konnte, hat daraus ein neues Lied gedichtet.“ (Verse 112/113)Ölgemälde von Edmund Blair Leighton, 1901. Zum Ausklang des Gedichts behauptet Marie de France, Tristan selbst habe das Lied vom Geißblatt gedichtet: V 111 Pur les paroles remembrer V 112 Tristram, ki bien savait harper, V 113 En avait fet un nuvel lai … V 115 Gotelef l’apelent en engleis V 116 Chevrefoil le nument Franceis V 111 Um die Worte in Erinnerung zu behalten V 112 Hat Tristan, der gut Harfe spielte V 113 Ein neues Lied gedichtet V 115 Gotelef heißt es auf Englisch V 116 Chevrefoil nennen es die Franzosen.
Interpretationen mini|Tristan and IseultLiebstrank-Szene – Gemälde von Herbert James DraperPaisley Museum — WebSite des schottischen Paisley Museums.
Poetische Strukturen Romanisten und Mediävisten wie Jean-Charles Payen und Kurt Ringger heben hervor, dass die Lais der Marie de France auch nach acht Jahrhunderten nichts an „Frische und Jugendhaftigkeit“ eingebüßt hätten:
«Ce sont des œuvres belles, où les hommes de tous les temps se peuvent reconnaître.» („Das sind schöne Werke, in denen sich Menschen jeder Epoche wiedererkennen können.“)Jean-Charles Payen: Le motif du repentir dans la littérature française médiévale (des origines à 1230). Genève, Librairie Droz, 1967. Publications romanes et françaises, XGVIII, p.330
Kurt Ringger hat sich in seinem Buch ›Die Lais. Zur Struktur der dichterischen Einbildungskraft‹ die Aufgabe gestellt, den „geheimnisvollen Zauber dieser Lais, der immer noch wirkt“ zu lüften, indem er ihn auf poetische Strukturen inhaltlicher und formaler Art zurückführt.
So findet sich im Chevrefoil-Lai als inhaltliche poetische Struktur auch die Antizipation des Liebestodes (V7–10):
V 07 De Tristram e de la reïne, V 08 De lur qui tant fu V 09 Dunt il eurent meinte dolur, V 10 Puis en mururent en un jur. V 07 Von Tristan und der Königin, V 08 Von ihrer Liebe, die so vollkommen war, V 09 Und ihnen soviel Leid brachte V 10 Dass sie am selben Tage starben.
Dieses Liebestod-Motiv bildet einen musikalischen Höhepunkt in Richard Wagners Oper Tristan und Isolde, 2. Akt, 2. Aufzug: Richard Wagner: Tristan und Isolde, 2. Akt, 2. Aufzug
Auf formaler Ebene unterstreicht eine chiastische Überkreuzung die zentrale Botschaft des Geißblatt-Hasel-Symbols, die unzertrennliche Liebesverbindung (V78): «Ne vus sanz mei, ne mei sanz vus!» („Weder Ihr ohne mich, noch ich ohne Euch.“)
Gottfried von Straßburg verwendet in seinem Versroman Tristan, entstanden um 1250, dasselbe formale Stilmittel, den Chiasmus: V 129 ein man ein wîp, ein wîp ein man, V 130 Tristan Isolt, Isolt Tristan.
Außerdem erfährt man bei Gottfried in den Versen 19.196–19.214, dass Tristan Lieder erfand und viele schöne Melodien komponierte. Darunter „den herrlichen Tristan-Leich“ (V19.201: „den edelen Leich Tristanden“), „den man überall so liebt und schätzt, solange diese Welt besteht.“ Und immer sang Tristan diesen Refrain dazu, und zwar in : V 19.213 Îsôt ma drûe, Îsôt m’amie, V 19.214 En vûs ma mort, en vus ma vie. V 19.213 Isolde, meine Geliebte, Isolde, meine Freundin V 19.214 In Euch mein Tod, in Euch mein Leben!
In Maries 12. Lai, Eliduc, stehen ähnlich expressive Verse: V 671 Vus estes ma vie et ma mort,