mini|Gedenkstein an der ehemaligen Römerstraße am Inn/Rosenheim mini|Pons Aeni auf einer Karte Rätiens
Pons Aeni (dt. Innbrücke) oder „Ponte Aoni“ sowie „Ad Enum“ (dt. Am Inn) oder „Statio Enensis“Der Begriff „Sta(tio) Enensis“ wird durch eine Inschrift aus einem Mithrasheiligtum in Poetovio (Pettau-Unterhaidin) überliefert. Quelle: Paul Reinecke: Die römische Kunststraße vom Chiemsee nach Pons Aeni. In: Kleine Schriften zur vor- und frühgeschichtlichen Topographie Bayerns Lassleben, Kallmünz 1962, S. 20 ff.; hier: S. 50. ist der Name von einer oder zwei römischen Siedlungen bei Pfaffenhofen am Inn, Schechen, Oberbayern (Inn, ).
Die dort von den Römern errichtete Innbrücke verband die beiden Provinzen Raetia und Noricum, trennte den gallischen vom illyrischen Zollbezirk und war Bestandteil der bedeutenden Fernstraße von Iuvavum (Salzburg) nach Augusta Vindelicum (Augsburg), die neuzeitlich auch als Via Julia bezeichnet wird. Zudem führte über Pons Aeni eine Militärstraße von Italien aus über den Brenner bis zum Legionslager Castra Regina (Regensburg).Josef Stern: Römerräder in Rätien und Noricum – Unterwegs auf römischen Pfaden. (= Römisches Österreich. Jahresschrift der Österreichischen Gesellschaft für Archäologie 25 (2002)), Wien 2003, S. 101–119.
Forschungsgeschichte Anfänge in Renaissance und Barock Mit zu den bekanntesten überlieferten römischen Orten im oberbayerischen Voralpenland gehört das auf verschiedenen antiken Zeugnissen überlieferte Pons Aeni. Insbesondere die mit dem Namen klar fixierbare geographische Lage am Inn lässt nur wenige Spekulationen zu. Der bayerische Renaissancegelehrte Johannes Aventinus (1477–1534) nahm in seinem 1518 erschienenen Werk Historia Otingae den Versuch einer ersten Georeferenzierung vor.
Den historischen Namen hatte er seinen Angaben zufolge einer Abschrift des „Itinerarium Antonini“ entnommen, das als mittelalterliche Kopie eines römerzeitlichen Straßenstationsverzeichnisses erhalten blieb. Seine Annahme, Pons Aeni mit Ötting (Altötting) gleichzusetzen, beruhte jedoch auf reiner Spekulation. Aventin konnte im Gegensatz zu anderen Orten für Altötting keinen einzigen römerzeitlichen Fund aufweisen. Nachdem auch der Gelehrte Markus Welser (1558–1614) die Vorgabe Aventins übernommen hatte, dachte erst der Kartograph Philipp Apian (1531–1589) über eine andere Lokalisierung der gesuchten Siedlung nach und brachte dabei Altenhohenau bei Wasserburg ins Spiel.
Diese Festlegung übernahmen anschließend der Geograph Philipp Clüver (1580–1622) und der Historiograph Johann Heinrich von Falckenstein (1682–1760).Bernd Steidl: Stationen an der Brücke – Pons Aeni und Ad Enum am Inn-Übergang der Staatsstraße Augusta Vindelicum-Iuvavum. In: Gerald Grabherr, Barbara Kainrath (Hrsg.): conquiescamus! longum iter fecimus. Römische Raststationen und Straßeninfrastruktur im Ostalpenraum, Akten des Kolloquiums zur Forschungslage zu römischen Straßenstationen, Innsbruck 4. und 5. Juni 2009, innsbruck university press, Innsbruck 2011, ISBN 3-902719-84-2, S. 72–110; hier: S. 72.
Weitere Forschungen im 18. und 19. Jahrhundert Der Hofrat Johann Georg von Lori (1723–1787), bedeutendster Gründervater der 1759 eröffneten Bayerischen Akademie der Wissenschaften, beschäftigte sich bereits im Jahr dieser Gründung mit Fragen um Pons Aeni und der offensichtlich schwierigen Lokalisierung des Ortes entlang des Inns. Von Lori bedauerte insbesondere das Fehlen von genauem aktuellen Kartenmaterial. Daher wandte er sich gegen Bestrebungen, die Problematik ohne Ortskenntnisse und allein auf Basis der vorgegebenen Distanzangaben im Itinerarium Antonini und der „Tabula Peutingeriana“, einem weiteren, in Kartenform überlieferten römischen Straßenverzeichnis, lösen zu wollen. Von Lori erkannte vielmehr, dass eine persönliche Inspektion der Örtlichkeiten sowie eine genaue Vermessung zum Schlüssel werden würde. Daher stellte er die Frage „Wo stand der Pons Oeni der Römer?“ im August 1761 der von ihm ebenfalls gegründeten Bayerischen Gelehrten Gesellschaft.
Obwohl sich im Kreise dieser Gesellschaft kein Bearbeiter zu dieser Frage fand, gelang es unabhängig von diesen Bestrebungen dem Professor für antike Geschichte in Erfurt, Ferdinand Wilhelm Beer, nur mit Hilfe der beiden antiken Straßenverzeichnisse sich an die Problemlösung heranzutasten. Er kam auf das „Dorf Pfunzen, der Stadt Rosenheim gegenüber“ (heute Gemeindeteil von Rosenheim), was der späteren archäologischen Lokalisierung schon sehr nahekam. Da Beers Studie allerdings bis 1784 nicht veröffentlicht wurde, spielte sie in den späteren Diskussionen keine Rolle mehr. Von Lori, der keine externen Forschungen über die Römerzeit in Bayern wünschte, bat 1759 den Innsbrucker Archivdirektor Anton Roschmann eine Abhandlung zu schreiben. In dieser ebenfalls unveröffentlicht gebliebenen Schrift ging Roschmann davon aus, Pons Aeni „bey dem Einfluß der Salza“, also offensichtlich bei der Mündung der Salzach in den Inn, zu suchen.Bernd Steidl: Stationen an der Brücke – Pons Aeni und Ad Enum am Inn-Übergang der Staatsstraße Augusta Vindelicum-Iuvavum. In: Gerald Grabherr, Barbara Kainrath (Hrsg.): conquiescamus! longum iter fecimus. Römische Raststationen und Straßeninfrastruktur im Ostalpenraum, Akten des Kolloquiums zur Forschungslage zu römischen Straßenstationen, Innsbruck 4. und 5. Juni 2009, innsbruck university press, Innsbruck 2011, ISBN 3-902719-84-2, S. 72–110; hier: S. 73.
Ein weiterer Mitbegründer der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Johann Georg Dominicus von Linprun (1714–1787) kam dem Rätsel erstmals näher, als ihm um 1763 die Entdeckung und Vermessung eines langen Teilstücks der römischen Straßentrasse im Grünwalder Forst gelang. In seiner Veröffentlichung ging Linprun auch auf den weiteren, noch unbekannten Verlauf dieser Straße ein. Korrekterweise sah er in ihr die Verbindung zwischen Salzburg und Augsburg und verortete Pons Aeni an den Mangfallzufluss in den Inn bei Happing. Nicht zuletzt deswegen, da dort bereits Aventin römische Steindenkmäler bekannt gewesen waren.
Der nächste wichtige Schritt bei der Identifizierung Pons Aenis gelang dem Rosenheimer Landrichter Franz Josef Ignaz Johann von Kloeckel (1773–1823) Er besuchte persönlich den von Linprun genannten Ort und ließ sich dort im Umfeld zahlreiche antike Inschriften zeigen. Außerdem kam ihm zu Gehör, dass vor ein paar Jahren römerzeitliche Gräber auf der „Haunstatter Höhe“ nordwestlich von Rosenheim ausgehoben worden waren. Bei der nun von Kloeckel angesetzten Nachuntersuchung wurden zwei Urnenbestattungen und weitere Funde freigelegt. Während dieser Arbeiten erzählten anwesende Bauern, dass rund 1,50 Kilometer nordwestlich, bei Westerndorf, die gleichen Keramikfragmente auf den Feldern lägen. Auch hier setzte Kloeckel den Spaten an, was zur Entdeckung der bedeutenden Terra-sigillata-Manufakturen von Westerndorf führte.
Mit diesem Wissen brachte Joseph von Stichaner (1769–1856), Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die neuen Forschungserkenntnisse zur Veröffentlichung. In seinem 1808 erschienenen Werk „Sammlung römischer Denkmäler in Baiern“, ging er auch auf eine Lokalisierung von Pons Aeni ein. Die auffällige Fundverdichtung bei Westerndorf, Langenpfunzen (heute Gemeindeteil von Rosenheim) und Pfaffenhofen am Inn – wo 1807/1808 ebenfalls römerzeitliche Funde zu Tage kamen – sah er als Hinweis, in diesem Bereich nach dem lange gesuchten Ort zu fahnden. Von Stichaner war auch der erste Gelehrte, der den antiken Ort mit dem im Jahre 790 überlieferten Ort Pontena gleichsetzte, wobei seine Lokalisierung bei Langenpfunzen am Westufer und Leonhardpfunzen (heute Gemeindeteil von Stephanskirchen) am Ostufer des Inns heute als überholt gilt.Bernd Steidl: Stationen an der Brücke – Pons Aeni und Ad Enum am Inn-Übergang der Staatsstraße Augusta Vindelicum-Iuvavum. In: Gerald Grabherr, Barbara Kainrath (Hrsg.): conquiescamus! longum iter fecimus. Römische Raststationen und Straßeninfrastruktur im Ostalpenraum, Akten des Kolloquiums zur Forschungslage zu römischen Straßenstationen, Innsbruck 4. und 5. Juni 2009, innsbruck university press, Innsbruck 2011, ISBN 3-902719-84-2, S. 72–110; hier: S. 74–75.
Untersuchungen im 20. und frühen 21. Jahrhundert Im Frühjahr 1900 begannen zunächst privat geführte Ausgrabungen am Nordrand von Pfaffenhofen in der Flur Kastenfeld, die ab 1902 mit Mitteln der Bayerischen Akademie der Wissenschaften bis 1908 oder 1909 fortgesetzt wurden und in knappen Jahresberichten der beiden federführenden Pfarrer Quirin Weiß und Josef Allmer überliefert sind. Die Grabungen brachten eine größere römische Siedlung mit Straßen und Töpferöfen zu Tage. Einen weiteren Fortschritt zur Bestimmung des Ortes Pons Aeni erbrachte der Hauptkonservator am Generalkonservatorium der Kunstdenkmale und Altertümer Bayerns, Paul Reinecke (1872–1958). Dieser konnte 1915 einen längeren Abschnitt der von Salzburg kommenden römischen Trasse östlich des Inns mit ihrem Abstieg südlich von Zaisering hinunter an den Inn in Richtung Mühlthal mit Hilfe noch erhaltener Straßenabschnitte feststellen. Dadurch ließ sich auch die Stelle recht genau festmachen, an der sich der antike Flussübergang befunden haben muss.
In diesem Sinne machte Reinecke den Siedlungsplatz am nördlichen Rand von Pfaffenhofen als das jahrhundertelang gesuchten Pons Aeni aus. Auch der Prähistoriker Friedrich Wagner (1887–1963) übernahm in seinem 1924 erstmals erschienenen Standardwerk „Die Römer in Bayern“ die Auswertungen Reineckes. Der Provinzialrömische Archäologe Hans-Jörg Kellner (1920–2015) gab 1967 den Anstoß für mehrjährige Forschungsgrabungen der Prähistorischen Staatssammlung im Kastenfeld. Die Untersuchungen von 1967 leiteten Kellner und der Prähistoriker Rainer Christlein (1940–1983) gemeinsam. Im Jahr 1969 unterstanden sie Christlein alleine und 1971 sowie 1974 war der Provinzialrömische Archäologe Jochen Garbsch (1936–2003) auf dem antiken Siedlungsareal tätig.Rainer Christlein, Wolfgang Czysz, Jochen Garbsch, Hans-Jörg Kellner, Peter Schröter: Die Ausgrabungen 1969–1974 in Pons Aeni. In: Bayerische Vorgeschblätter 41, 1976, S. 1–106; Rainer Christlein, Hans-Jörg Kellner: Die Ausgrabungen 1967 in Pons Aeni. In: Bayerische Vorgeschblätter 34, 1969, S. 76–161.
Spätestens seit Juni 1969, als während des Ausbaus der Innstaustufe Feldkirchen bei Flusskilometer 180,6 eine ganze Anzahl an römerzeitlichen Funden ausgebaggert wurden, hatte sich die Lokalisierung von Pons Aeni deutlich verfestigt. Der provinzialrömische Archäologe Wolfgang Czysz (1949–2022) hat diese Funde bereits 1976 publiziert. Bemerkenswert waren „ungewöhnlich große“ Tuffsteinblöcke, die möglicherweise der Fundamentierung einer Innbrücke gedient haben können. Zum römerzeitlichen Kleinfundgut konnten unter anderem Münzen des 1. bis 4. Jahrhunderts n. Chr. bestimmt werden.Wolfgang Czysz: Die römische Innbrücke. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 41, 1976, S. 101–106.Martin Pietsch: Zum römischen Innübergang bei Pons Aeni. Neue Funde und Forschungen am norischen Ufer. Festschrift E. Keller. In: Berichte der Bayerischen Bodendenkmalpflege 41/42, 2000/01, S. 161–165; hier: S. 161–162. Eine alte Flurkarte, die den Zustand vor der ersten Innregulierung zeigt, bezeugt an der ausgebaggerten Stelle eine 90 Meter lange Ufermauer. Sollte diese Mauer keinen Kai darstellen, könnte die Karte auch Reste eines römerzeitlichen Brückenkopfes darstellen.Martin Pietsch: Zum römischen Innübergang bei Pons Aeni. Neue Funde und Forschungen am norischen Ufer. Festschrift E. Keller. In: Berichte der Bayerischen Bodendenkmalpflege 41/42, 2000/01, S. 161–165; hier: S. 162.