mini|hochkant|Chorwange mit „Judensau“ (linker Vierpass) und mit Bezug zur Ritualmordlegende (rechter Vierpass) Das „Judensau“-Schnitzwerk im Kölner Dom ist eine antijudaistische Holzschnitzerei an einer Wange des Chorgestühls. Sie entstand von 1308 bis 1311 und gehört zu den ältesten erhaltenen „Judensau“-Motiven des Hochmittelalters. Sie ist kombiniert mit weiteren antijudaistischen Motiven am Chorgestühl, darunter einem Verweis auf eine Ritualmordlegende zu Werner von Oberwesel.
Ab dem Jahr 2002 machte der Aktionskünstler Wolfram P. Kastner auf das Motiv aufmerksam, das bis dahin als für Besucher unzugängliches und unerklärtes Kulturdenkmal im Dom bewahrt worden war. Sein öffentlicher Protest führte zu einer nachhaltigen Auseinandersetzung der Kölner Dombauverwaltung und des Kölner Domkapitels mit dem römisch-katholischen Antijudaismus und zu einer kritischen Einordnung dieser Motive mit Texten, Bildern und Ausstellungen.
Entstehung mini|Grundriss des Kölner Domes, Chor farbig hervorgehoben, Lage der „Judensau“ rot markiert mini|Nördliche vordere Sitzreihe, Blick auf die Innenseite der Chorwange, Zwickel mit Schweine-Motiven Das Chorgestühl des Kölner Doms ist mit 104 Plätzen das umfangreichste erhaltene mittelalterliche Chorgestühl in Deutschland. Es wurde von 1308 bis 1311 von unbekannten Holzschnitzern angefertigt. Die Bauarbeiten am Binnenchor des Kölner Doms wurden um 1300 zusammen mit dem Dachgewölbe abgeschlossen. In den folgenden Jahren bis zur Weihe des Chores am 27. September 1322 wurde die prunkvolle Inneneinrichtung angefertigt.Ulrike Bergmann: Das Chorgestühl des Kölner Domes, Neuss 1987, S. 11–23
Zahlreiche Parallelen in etwa zeitgleich entstandenen steinernen Skulpturen belegen, dass dieselben Künstler sowohl Steinmetze als auch Holzschnitzer waren. Von den etwa 500 figürlichen und ornamentalen Schnitzereien des Chorgestühls wurden viele von Künstlern aus der Umgebung von Paris oder aus Lothringen angefertigt. Andere sind grob bearbeitet und vermischen die Stile meisterlicher Arbeiten. Das zeigt, dass sie allenfalls von Gesellen stammen können.Ulrike Bergmann: Das Chorgestühl des Kölner Domes, Neuss 1987, S. 59–66
Das Chorgestühl besteht aus zwei Doppelreihen hölzerner Sitzbänke, die an der Nord- und Südseite des unteren Domchores unmittelbar vor den Chorschranken aufgestellt sind. Die vorderen Reihen sind etwa in der Mitte geteilt als Durchgang zur dahinter liegenden Reihe. Die Darstellungen der „Judensau“ und der Ritualmordlegende befinden sich auf der Chorwange an der rechten (östlichen) Seite des nördlichen Durchgangs. Die Motivwahl und grobe Ausführung dieser judenfeindlichen Reliefs weisen auf eine rheinische oder zumindest deutsche Herkunft des Entwurfs und Schnitzers hin.Ulrike Bergmann: Das Chorgestühl des Kölner Domes, Neuss 1987, S. 107
Merkmale mini|Vierpass mit „Judensau“-Motiv mini|Vierpass mit Ritualmordmotiv Zwei Holzreliefs der Chorwange füllen nebeneinander angeordnete liegende Vierpässe aus. Insgesamt fünf abgebildete Männer darauf tragen lange Kapuzenmäntel, Schläfenlocken, Bärte und Spitze zulaufende Judenhüte, die sie als Juden markieren. Der linke Vierpass zeigt drei Juden, die sich mit einem Schwein befassen: Einer hält es an den Vorderbeinen aufrecht, der zweite füttert es, der dritte kniet vor ihm und saugt an einer Zitze. Der rechte Vierpass zeigt zwei Juden, die einen Kübel umstülpen, aus dem eine Sau und drei Ferkel herausfallen. Der rechts befindliche Mann führt zudem einen Jungen an der anderen Hand. Dieser ist durch einen angedeuteten Heiligenschein als Christ, der als Heiliger verehrt wird, markiert. Ein drittes Relief in einem Zwickel zeigt zwei Schweine, die vom Laub einer Eiche fressen. Eins steht dazu auf seinen Hinterbeinen; an einer seiner Zitzen saugt ein Ferkel. Hinter einer Volute steht eine Mönchsfigur und betrachtet die Szene. Diese Beobachter und weitere Judenfiguren mit gleichartigen Mänteln und Gesichtszügen finden sich auch auf anderen Wangen des Chorgestühls.Isaiah Shachar: The Judensau, London 1974, S. 24f., Fn. S. 78–79, Tafeln 16b und 17
Am oberen Rand des rechten Vierpasses sind die Buchstaben WI Mart eingraviert. Sie werden als Abkürzung für Wernheri Martyrium („Werners Martyrium“) gedeutet und verweisen damit auf den angeblich von Juden ermordeten Knaben Werner von Oberwesel, der seit 1287 im Rheinland als Märtyrer kultisch verehrt wurde.Stefan Rohrbacher, Michael Schmidt: Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Rowohlt, Reinbek 1991, ISBN 3-499-55498-4, S. 311; Erwin Iserloh: Werner Von Oberwesel: Zur Tilgung seines Festes im Trierer Kalender. In: Trierer Theologische Zeitschrift, Nr. 72, September/Oktober 1963, S. 1–16
Nur noch ein weiteres „Judensau“-Motiv war mit einer Ritualmordlegende verknüpft, nämlich das um 1475 entstandene Wandbild am 1801 zerstörten Alten Brückenturm in Frankfurt am Main.Nicole Spengler: Legendenbildung um Simon von Trient: Ein Ritualmordkonstrukt. In: Ursula Schulze (Hrsg.): Juden in der deutschen Literatur des Mittelalters: Religiöse Konzepte – Feindbilder – Rechtfertigung. Max Niemeyer, Tübingen 2002, ISBN 978-3-11-093304-8, S. 211–232, hier S. 211
Deutungen Das Hausschwein galt in der frühen christlichen Ikonografie als Sinnbild der Völlerei (lat. gula), allgemein des Lasters, oder auch des Teufels. Ab 847 (Hrabanus Maurus, De Universo) wurde das Schwein in Texten und Bildern mit Juden und dem biblischen Schweinefleischverbot verknüpft. Ab etwa 1230 erschienen Skulpturen an Kirchengebäuden, die Judenfiguren zeigen, die an den Zitzen eines Schweins saugen oder Exkremente des Schweines verzehren. Diese Karikaturen spielten auf das strikte Schweinefleischverbot der Tora und die jüdischen Speisegesetze an, verleumdeten also das Judentum und entmenschlichten die Juden.Ulrike Brinkmann, Rolf Lauer: Judendarstellungen im Kölner Dom. In: Bernd Wacker, Rolf Lauer (Hrsg.): Der Kölner Dom und ›die Juden‹, S. 13–58
Der Kunsthistoriker Heribert Reiners beschrieb die beiden Szenen auf der Vorderseite der Chorwange 1909 als aufeinander bezogen: In der rechten Szene würfen Juden das von Anderen zum Verzehr bestimmte Schweinefleisch weg, um so den Anschein der Rechtgläubigkeit zu erwecken. Die linke Szene drücke mit ihrem Trinken der Milch einer Sau ihre wahre Unmäßigkeit aus.Heribert Reiners: Die rheinischen Chorgestühle der Frühgotik, Straßburg 1909, S. 64, Tafel XIX Auch Bernhard von Tieschowitz beschrieb die Szenen 1930 als aufeinander bezogen und deutete den im rechten Bild dargestellten christlichen Knaben als Hinweis auf die Ritualmordlegende zu Werner von Oberwesel.Bernhard von Tieschowitz: Das Chorgestühl des Kölner Domes, Marburg 1930, S. 9f., Tafeln 15 und 21b
Der Kunsthistoriker Isaiah Shachar deutete alle drei Reliefs der Chorwange als zusammengehörige Bilder für das Laster der Gier. Dabei würden die Judenfiguren stärker hervorgehoben als in älteren „Judensau“-Reliefs und durch den Bezug auf die Ritualmordlegende als Juden verdammt, nicht als bloße Anhänger der Völlerei. Der gemeinsame Künstler habe den Ritualmord hier eingebunden in tradierte Symbolbilder für Völlerei und diese damit judenfeindlich verschärft.
Die Kulturwissenschaftlerin Ulrike Bergmann folgte 1987 den älteren Deutungen zum Zusammenhang von „Judensau“-Motiv und Ritualmordmotiv: „Die Juden schütten das Schweinefleisch fort und nehmen statt dessen das Christenkind.“Ulrike Bergmann: Das Chorgestühl des Kölner Domes, Neuss 1987, S. 47 Sie verwies zudem auf die beiden gegenüberliegenden Reliefs im Durchgang des Chorgestühls: Die linke Szene zeigt das bekannte biblische Urteil Salomos, des weisen Richters, im Streit zweier Frauen um ein Kind. Die rechte Szene zeigt Salomo auf dem Thron sitzend und zwei junge Männer vor einem älteren Toten. Das Bild spielt auf eine Geschichte des Talmud (um 400) an: Danach ließ Salomo zwei junge Männer, die um das Erbe des Vaters stritten, auf dessen Leiche schießen. Derjenige, der sich weigerte, erwies sich als der wahre Sohn. So stellen die beiden Reliefs die Tugend der Gerechtigkeit dem Laster der Gier gegenüber.Ulrike Bergmann: Das Chorgestühl des Kölner Domes, Neuss 1987, S. 96
Verwandte antijüdische Bildmotive mini|„Judensau“ als Wasserspeier am Kölner Dom, um 1280
Neben den Holzschnitzereien im Chorgestühl finden sich im und am Kölner Dom weitere Bildszenen und Skulpturen mit verwandten antijudaistischen Motiven. Der zwischen 1190 und 1225 entstandene Dreikönigenschrein zeigt auf seiner Rückseite zwei Figuren mit Judenhüten, die Jesus Christus geißeln. Das schrieb die Geißelung, die fester Bestandteil einer römischen Kreuzigung war,Rainer Riesner: Messias Jesus: Seine Geschichte, seine Botschaft und ihre Überlieferung. Brunnen Verlag, Gießen 2023, ISBN 978-3-7655-7725-3, S. 364f. entgegen dem Neuen Testament (Mk 15,15; Mt 27,26; Lk 23,16) Juden statt Römern zu. Beide Figuren tragen zudem karikaturhaft verzerrte Gesichtszüge, darunter eine überbetonte Hakennase. Dieses Stereotyp einer als typisch jüdisch ausgegebenen Physiognomie taucht hier historisch erstmals auf und weist diese Bildszene als entschieden antijüdisch aus.
Ein Wasserspeier am Abschlussgesims der Achskapelle des Doms stellt ein hockendes Schwein dar, an dessen Zitzen eine kleine männliche, als Jude markierte Figur saugt. Dieses „Judensau“-Motiv wird auf um 1280 datiert. Ein weiterer Wasserspeier des Doms zwischen Michaels- und Agneskapelle zeigt ein Mischwesen aus Schwein und Mensch: Der tierische Unterkörper hat Paarhufe wie ein Schwein; der menschliche Oberkörper trägt ein Tuch, das einem Tallit ähnelt, aber ohne Schaufäden. Falls die Figur einen betenden Juden darstellen soll, würde sie das Judentum auch hinsichtlich seiner Gebetspraxis verleumden.Peter Füssenich: Der Dom und ›die Juden‹: Wasserspeier. koelner-dom.de
mini|Brevier des Balduin von Luxemburg, um 1336, fol. 436 (Ausschnitt) Um 1336 gab der Trierer Erzbischof und Kurfürst Balduin von Luxemburg sieben Bilderhandschriften in Auftrag, darunter ein Brevier zum persönlichen Gebrauch (heute als Kodex A 520 in der Bibliothek der Stiftung Staatliches Görres-Gymnasium Koblenz). 14 seiner 513 Blätter sind illustriert. Im Abschnitt Proprium de sanctis des Breviers befindet sich auf dem Folium 436 eine illustrierte Beschreibung des Marientods. Am unteren Rand des Folios ist eine „Judensau“-Szene zwischen Schriftspiegel und Rankenwerk eingefügt. Sie zeigt rechts einen bärtigen Mann mit einem Judenhut, der an den Zitzen einer Sau saugt. In der Mitte schüttet ein jüngerer Jude einen Kübel aus, aus dem eine Sau mit mehreren Ferkeln fällt. Links strebt ein Hund mit Judenhut nach links fort und wendet sich nach hinten zu den beiden Juden um. Im Rankendekor links außen befindet sich ein Gesicht mit unklarer Bedeutung. Ein Bezug zur Ritualmordlegende fehlt. Doch weil das Motiv der aus dem Kübel geschütteten Schweine sonst nur vom Kölner Chorgestühl bekannt ist, können die Illustratoren des Breviers das dortige Relief gekannt haben.Verena Kessel: Erzbischof Balduin von Trier (1285-1354). Kunst, Herrschaft und Spiritualität im Mittelalter. Kliomedia, Trier 2012, ISBN 978-3-89890-144-4
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