alternativtext=Autismus Regenbogen Unendlichkeit|mini|Das regenbogenfarbige Unendlichkeitssymbol repräsentiert die Vielfalt des Autismus-Spektrums und die größere Neurodiversitätsbewegung Die Neurodiversitätsbewegung ist eine globale soziale Bewegung, die sich für die Menschenrechte von Neuro-Minderheiten im Sinne der Neurodiversität einsetzt. Sie begann in den 1990er-Jahren, als Antwort auf die vorherrschende Einstufung neurologischer Differenzen als Krankheiten, in den USA und in Europa. Obwohl die Definition auch andere Gruppen umfasst, ist die einzige Gruppe mit breiterer öffentlicher Wahrnehmung die Bewegung für die Rechte der Autisten (englisch autism rights movement, ARM).
Kernthema der Neurodiversitätsbewegung ist das Hinwirken auf einen Paradigmenwechsel: weg von der pathologischen hin zu einer auf Neurodiversität gerichteten Auffassung. Dies geschieht insbesondere nach dem Prinzip der Lebensweltorientierung, um für Autisten durch den Abbau sozialer Ungleichheit Teilhabe nach dem sozialen Behinderungsmodell zu erreichen.
Hintergrund Die soziale Bewegung entstand in den 1990er Jahren. Heute ist sie international und umfasst in den jeweiligen Ländern einzelne Personen, Verbände und Institutionen, die sich in ihren Strategien unterscheiden. Gemeinsam haben alle Gruppierungen und Personen, dass sie sich mit dem Problem befassen, dass Autisten Diskriminierung ausgesetzt sind. Darunter fällt aus Sicht der Bewegung auch die rein pathologische Betrachtung. Die Zielsetzungen der Initiativen unterscheiden sich länderspezifisch, da sich nationale Sozialsysteme beispielsweise in den USA oder den Ländern der Europäischen Union in weiten Bereichen nicht gleichen. Auch innerhalb Europas besteht nicht in allen Ländern eine Schulpflicht. Manche der Gruppen und Personen bilden untereinander Allianzen, andere hingegen arbeiten eher für sich allein.
Gemeinsam ist den Gruppen, dass sie über Internetpräsenz, Foren und Chats an die Öffentlichkeit treten und Informationen zur Verfügung stellen. Die Strukturen der Gruppen sind sehr unterschiedlich, so agieren manche als Gruppenverbände, andere als Vereine oder auch Träger der Kinder- und Jugendhilfe sowie in Forschung und Wissenschaft. Manche der Bewegungen sind phasenweise aktiv und veröffentlichen nicht regelmäßig. Die ursprünglichen Ziele werden sowohl von diversen Gruppen wie auch von Einzelvertretern der Bewegung im Kern erhalten.
Geschichte Laut Jaarsma und Welin (2011)
Die Neurodiversität wird somit seit den 1990er-Jahren als eine natürliche Form der menschlichen Vielfalt betrachtet: individuelles Sein und authentische Selbstdarstellung anstelle von Pathologie und Störung. Vertreter der Bewegung treten für die Rechte von „Neuro-Minderheiten“ ein und lehnen die Vorstellung ab, dass neurologische Defizite geheilt werden müssen oder können.
Den Anfang der Bewegung in den USA und Europa bildete die Aneignung von nicht negativ belasteten Bezeichnungen wie des Neologismus „Neurodiversität“, „Autisten“ und „Autistic-Pride“ anstelle von „Autismus-Spektrum-Störung“ oder „an der Krankheit Autismus Leidende“. In Deutschland wird die Bezeichnung Autismus auch bewusst verwendet, um ihr jeglichen Schimpfwortcharakter zu nehmen und um die Öffentlichkeit zu einer Auseinandersetzung mit den Vorurteilen gegenüber Autisten anzuhalten.
Ein mitinitiierender Schritt zur Neurodiversitätsbewegung war die Gründung des Autism Network International (ANI) im Jahr 1992 von Donna Williams, Kathy Lissner Grant und Jim Sinclair; sie gelten gemeinhin als erste aktivistische Personen für Neurodiversität.Jim Sinclair: Autism Network International: The Development of a Community and its Culture. In: autreat.com, Januar 2005, abgerufen am 19. Januar 2020 (englisch).Jessica Marie Fridy Hughes: Changing Conversations Around Autism: A Critical, Action Implicative Discourse Analysis of U.S. Neurodiversity Advocacy. Doktorarbeit Universität Bolder 2015, S. 8 (englisch; PDF: 1,3 MB, 286 Seiten auf colorado.edu); Zitat:
Als Mitbegründer der Autismusrechtsbewegung veröffentlichte Jim Sinclair, der bis zu seinem zwölften Lebensjahr keine gesprochene Sprache verwendete, 1993 den wegweisenden Essay „Don’t Mourn For Us“. Darin plädierte er dafür, Autismus nicht als betrauernswertes Schicksal, sondern als integralen Bestandteil der Persönlichkeit eines Kindes zu begreifen:
Das 2006 von der UNO-Generalversammlung in New York verabschiedete und 2008 in Kraft getretene Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention, BRK) wirkte katalysierend bei der Ausbreitung der Bewegung.
Der US-amerikanische Journalist Harvey Blume beschrieb 2008 nicht nur mögliche Vorteile, die Neurodiversität mit sich bringe, sondern er sagte auch die Rolle des Internets bei der Förderung der internationalen Neurodiversitätsbewegung vorher.
Im Jahr 2013 greift der deutsche Wissenschaftsjournalist Felix Hasler in seinem Buch Neuromythologie den Gedanken der Neurodiversität auf und beschreibt diese als Bürgerrechtsbewegung mit Parallelen zur Homosexuellenbewegung 1970, die ebenfalls als Ziele die Entstigmatisierung und gesellschaftliche Akzeptanz anstrebte. Hasler sieht die sprachliche Anlehnung von pride („Stolz“) im Zusammenhang mit Neurodiversität an die Bezeichnung Gay Pride nicht als Zufall an, sondern als stolzen Ausdruck der eigenen Identität, wie sie jährlich am 18. Juni, dem Autistic Pride Day, zum Ausdruck komme.Henning Böke: Neurologische Vielfalt: Die Entdeckung des „Autistic Pride“. In: ak: Analyse & Kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis. Nr. 518, 22. Juni 2007 (online auf akweb.de).
In einem ähnlichen Kontext wird auch die Verhaltensbiologin Temple Grandin mit ihrer Aussage immer wieder zitiert:
Hasler geht davon aus, dass es „Menschen mit Autismus“ in diesem Sinne nicht gibt, da Autist-Sein als ein nicht abtrennbares Persönlichkeitsmerkmal betrachtet wird. Den bereits erfolgten gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit Homosexualität vermittelt er als Grund zur Hoffnung für die Neurodiversitätsbewegung. Jaarsma und Welin wiederum beobachten eine autismusphobische Gesellschaft und vergleichen dies mit der Homophobie vergangener Jahrzehnte.
Steve Silberman zeigt in Geniale Störung (2016) wie auch andere eine internationale Verbreitung des Neurodiversitätsgedankens durch Anhänger dieser Bewegung bis in Firmen wie Specialisterne und SAP. Neurodiversität begreift Silberman dabei als einen Ansatz, der durch gesellschaftliche Teilhabe eine gesunde Vielfalt in der Lebens- und Arbeitswelt anstrebt.
Um nicht nur in den Firmen, sondern auch in Politik und Forschung die Präsenz des Neurodiversitätsprinzips zu stärken, wird der Slogan „Nicht ohne uns über uns“ verwendet. Hier ist es das Ziel, eine Beteiligung von Minderheiten an der Gestaltung der Verhältnisse im Sinne der Diversität zu erreichen, was auch in der Literatur vermehrt aufgegriffen wird. Silberman sieht darin eine Art Gegenbewegung zu den Bestrebungen von einflussreichen Organisationen wie Autism Speaks, die eine Beteiligung von autistischen Erwachsenen ablehnen. Felix Hasler (2013) schreibt, die Neurodiversitätsbewegung könne „als eine Art Emanzipationsbewegung mit dem Ziel der Entstigmatisierung und dem Wunsch nach besserer gesellschaftlicher Akzeptanz“ gesehen werden.
Anhänger der Neurodiversitätsbewegung unterstützen die Möglichkeit, das eigene Leben so zu leben, wie die Menschen als neurodivergente Individuen sind, anstatt sich einer vorherrschenden Vorstellung von Normalität anpassen zu müssen. In einer Vielzahl von Organisationen und Firmen geschieht dies in den Bereichen des eigenständigen Lebens sowie der Bildung und Arbeit.
Bewegung für die Rechte von Autisten Die Bewegung für die Rechte von Autisten ist eine soziale Bewegung innerhalb der Neurodiversitätsbewegung, die autistische Menschen, ihre Betreuungspersonen und die Gesellschaft dazu ermuntert, die Position der Neurodiversität anzunehmen. Sie vertritt damit die Auffassung, dass Autismus eine neutrale neurologische Variante ist und keine psychische Störung, die behandelt werden muss. Die ARM beruft sich auf das soziale Modell von Behinderung. In Bezug auf Schulbegleitung wird dabei angemerkt, dass diese allein kein barrierefreies oder autistenfreundliches Lernumfeld ersetzt, da die Verantwortung für die Inklusion damit oft auf eine Einzelperson verlagert wird.
Die ARM hat sich eine Reihe von Zielen gesetzt, unter anderem: autistischem Verhalten zu größerer Akzeptanz zu verhelfen durch Aufklärung, das Begehen des Autistic Pride Day sowie durch internationale Aktionen zum Welt-Autismus-Tag die Einrichtung von sozialen Netzwerken zu unterstützen, die es autistischen Menschen erlauben, auf ihre eigene Art und Weise auch mittels Foren und Chats zu interagieren; die Anerkennung von Autisten als eine Minderheitengruppe im Rahmen von Inklusion Barrieren im Schulbildungsbereich abzubauen
Von Interessenvertretern wie dem Verband Neurodiversität e.V., ESH, NeuroDivers e.V. oder dem White Unicorn e.V., welche die Position der Neurodiversität vertreten, wird betont, dass Autismus als Neuro-Typ nicht behandelt werden muss. Sie orientieren sich am Übereinkommen zu Rechten von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention, BRK) gemäß dem sozialen Modell der Behinderung.
Menschliche Vielfalt – eine Perspektive Mitglieder verschiedener Organisationen für die Rechte von Autisten sehen Autismus als eine Art zu Leben und nicht als eine Krankheit und plädieren deshalb für Akzeptanz statt Heilung.Harmon, Amy. Neurodiversity Forever; The Disability Movement Turns to Brains. The New York Times, 9. Mai 2004. Abgerufen am 18. November 2007. Manche dieser Vertreter wie auch einige etablierte Kinder- und Jugendhilfeträger meinen, dass gängige Therapien für Verhaltens- und Sprachunterschiede, die mit Autismus assoziiert sind, wie z. B. die angewandte Verhaltensanalyse, nicht nur fehlgeleitet, sondern sogar unethisch sind.Dawson, Michelle. The Misbehaviour of Behaviourists. (18. Januar 2004). Abgerufen am 23. Januar 2007.
Auch die für menschliche Vielfalt eintretende Bewegung sieht Autismus nicht als Störung, sondern als ein normales Phänomen an – eine alternative Variation in der Vernetzung des Gehirns oder eine weniger häufige Variante des menschlichen Genoms. Anhänger dieser Perspektive betonen, dass die Eigenarten autistischer Individuen genauso toleriert werden sollten wie die anderer Minderheiten und dass Bemühungen, diese zu therapieren, mit antiquierten Vorstellungen von „Behandlung“ der Linkshändigkeit oder der Homosexualität zu vergleichen seien und nicht mit Therapien wie denen z. B. für Krebskranke. Die Schwierigkeiten, die Autisten erleben, seien demnach nicht eigenen Defiziten geschuldet, sondern einer unpassenden Umgebung, die durch Barrieren und Diskriminierung entstehe.
Fürsprache Vertreter der ARM begannen in Deutschland bereits um die Jahrtausendwende erste Projekte zu entwickeln und stellten sie für den Schulbereich 2011 auf der Bildungsmesse didacta vor. Konzepte, die eine neuronal passende Umgebung ermöglichen, erhalten aus verschiedenen Bereichen wie der Pädagogik und Neuropsychologie Fürsprache. Auch die UN-Behindertenrechtskonvention eignet sich dazu, eine im Sinne der Neurodiversitätsbewegung menschenrechtsbasierte Umgebung zu gestalten und bestehende Barrieren abzubauen.