mini|Karte um 1880

Die Spinnerei & Weberei Paul Bendix war ein 1824 im münsterländischem Dülmen gegründetes Familienunternehmen der Textilindustrie und um 1957 der größte Arbeitgeber im Kreis Coesfeld. In fünfter Generation wurde der Betrieb 1993 aufgegeben. Die Umnutzung des Bendix-Geländes war in Dülmen die größte und wichtigste städtebauliche Maßnahme in neuerer Zeit.

Geschichte mini|Webstuhl von Robert Hall & Suns 1894

Erste Generation (1824–1867) Moses Bendix (1800–1845) Sara Pins (1805–1873) Mit einem Verlobungsvertrag hatte Joseph Bendix aus Billerbeck mit Bräunchen, der Witwe des Dülmener Metzgers Hirz Pins, am 23. September 1823 die Ehe seines Sohnes Moses mit Sara Pins vereinbart. Beide Familien waren jüdisch und Pins seit 1719 in Dülmen ansässig. Sara erhielt laut Vereinbarung von ihrer Mutter deren Wohnhaus an der Dülmener Münsterstraße 86 sowie 500 Taler aus dem väterlichen Erbe. Moses erhielt ebenfalls eine Mitgift. Die Hochzeit erfolgte am 4. Februar 1824 und im gleichen Jahr eröffnete der Kaufmann Moses Bendix mit einem Kapital von 1.000 Talern in einem Haus an der Königstraße (heute: Viktorstraße) in Dülmen ein Leinenhandelsgeschäft, wo er von Dülmener Spinnern und Webern in Heimarbeit gesponnene Garne und gewebte Stoffe aufkaufte und weiter veräußerte. Weil die Vorfinanzierung der Rohstoffe den Heimarbeitern in den Krisenjahren nach den Napoleonischen Kriegen nicht immer möglich war, stellte Moses Bendix sein Geschäft in den Folgejahren auf ein Verlagssystem um. Er kaufte fertige Garne vor allem im Raum Bielefeld und ließ diese von den Heimwebern gegen Lohn zu Stoffbahnen weben. Über diese Faktorei entwickelten sich eine Reihe zusätzlicher Kreditgeschäfte.

Moses Bendix starb am 7. April 1845. Seine Witwe Sara, die schon zuvor mitgearbeitet hatte, übernahm das Geschäft und dehnte es unter dem Namen Handlungsgesellschaft Witwe M. Bendix in den Folgejahren vor allem auf Grundstücks- und Kreditgeschäfte aus. Unter anderem kaufte sie am 6. April 1864 ein Haus an der Königstraße nebst Pumpe und Brunnen von dem Tagelöhner Josef Tombrinck zum Preis von 1175 Talern oder vergab Kredite über 1050 Taler an den in Dülmen bekannten Geheimen Sanitätsrat Franz Wiesmann. Laut dem Münsterländer Heimatkundler Wolfgang Werp „muss die Firma Bendix für etliche Dülmener Bürger lange Zeit quasi deren Hausbank gewesen sein.“

Zweite Generation (1867–1905) mini|Bendix Lagerhaus erbaut 1902 mini|Mausoleum der Familie Bendix erbaut 1905

Pins Bendix (1832–1878) Leeser Bendix (1839–1882) Meyer Bendix (1843–1905) Sara Spanjaard (1852–1912) Sara und Moses Bendix hatten neun Kinder. Herz Bendix verstarb mit einem Jahr. Die fünf Töchter heirateten und wurden abgefunden. Die Söhne machten jeder eine Ausbildung zum Kaufmann. Sara Bendix übertrug am 4. April 1867 alle zum Geschäft gehörigen Mobilien und Immobilien auf Pins, Leeser und Meyer Bendix und schied aus dem Unternehmen aus. Dem ältesten Sohn Pins oblag es dabei, sich gegen Sonderleistung um ihre Altersversorgung zu kümmern.

Das Unternehmen firmierte weiterhin als Handlungsgesellschaft Witwe M. Bendix. Mit der Entwicklung der industriellen Textilfabrikation wandelte es sich unter Leitung der drei Brüder von einem Handelshaus mit Verlagssystem zu einem Industriebetrieb. Größere Aufträge über Bettwäsche für Lazarette im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 schafften hierzu den wirtschaftlichen Rahmen. Die Familie Bendix investierte daraufhin ihr Vermögen aus dem langjährigen Leinenhandel sowie den Kreditgeschäften in den Aufbau einer Fabrikproduktion. Neben dem sich schon seit 1745 in Familienbesitz befindlichem Flurstück 441 an der Friedrichstraße (heute: Friedrich-Ruin-Straße) wurden für den Bau einer Textilfabrik Auf dem Leetberge vor dem Lüdinghauser Tor weitere Flächen zwischen Friedrichstraße und Lüdinghauser Chaussee (Lüdinghauser Straße) bis zum Reitacker (An der Wette) aufgekauft. Dazu gehörte ein Gelände am Wewerink-Esch (Kapellenweg) sowie die von der Friedrichstraße bis zur Lüdinghauser Chaussee reichende Flur Nr. 13, Flurstück 437, das 1872 von der katholischen Pfarrkirche für rund 3540 Taler gekauft wurde, sowie neun Flurstücke zwischen Nr. 420 und 444 von anderen Vorbesitzern wie dem Vicar der Kreuz-Kapelle oder dem Franz-Hospital. Auf diesem Gelände wurde ab 1873 eine große Weberei mit Kesselhaus und Lagergebäude sowie eine Fabrikantenvilla errichtet.

Sara Bendix starb 1873. Im selben Jahr heiratete Meyer Bendix Sara Spanjaard, die Tochter des als S.J. Spanjaard europaweit bekannten Textilfabrikanten aus dem niederländischen Borne. Neben einer beträchtlichen Aussteuer verfügte Meyer Bendix durch seine Frau nun auch über zusätzliches Know-how und europaweite geschäftliche Kontakte, die er zur Beschaffung von hochmodernen englischen Webstühlen sowie einer 250-PS-Horizontal-Dampfmaschine nutzte. Zusätzlich engagierte er den holländischen Webmeister Egbert Knoef als Betriebsleiter. 1876 nahmen die „englische Maschine“ genannte Dampfmaschine und die neuen Webstühle von Robert Hall & Sons in der neuen Weberei ihren Betrieb auf. Etwa zeitgleich wurde bei Bendix eine Betriebskrankenkasse gegründet.

Mit dem Anschluss Dülmens an die Bahnstrecken Wanne-Eickel–Hamburg zum 1. Januar 1870 und Dortmund–Gronau 1875, die sich unweit des Firmengeländes kreuzten und deren beide Bahnhöfe kaum 500 m entfernt lagen, war Bendix gut an das Schienennetz angeschlossen. Ein eigener Gleisanschluss wurde aus Kostengründen nicht gebaut. Im Zuge der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofes plante der Stadtrat die zum Bahnhof führende Lüdinghauser Chaussee umzugestalten. In einer Vereinbarung mit der Stadt vom 11. April 1876 verpflichtete sich Meyer Bendix, bis 1877 die Lüdinghauser Chaussee mit Bäumen zu bepflanzen und das angrenzende Firmengelände mit einer aufwendig gestalteten Mauer zu versehen. Am 28. März 1878 starb Pins Bendix. Im selben Jahr wurde von Bendix mit der Bleiche am Butterkamp noch ein weiteres Grundstück erworben. Verkäufer war hier die Heilig-Geist-Armen-Stiftung.

Ab 1882 errichtete Bendix angrenzend an das Werksgelände eine Vielzahl von Werkwohnungen für die Belegschaft. Im April 1882 starb auch Leeser Bendix. In einer Vereinbarung vom 23. März 1883 übernahm Meyer Bendix die Versorgung seiner Witwe.

Von da an war Meyer Bendix alleiniger Eigentümer und führte das Unternehmen zusammen mit seiner Frau. Am 12. Oktober 1883 ließ er ein rotes Blatt als geschütztes Markenzeichen für Webwaren der Firma Wittwe M. Bendix beim Kaiserlichen Patent- und Markenamt eintragen. Das Unternehmen erweiterte seine Produktpalette auf Leinen, Halbleinen und Damast und baute in den Folgejahren die Produktion aufgrund guter Nachfrage kontinuierlich aus. Waren es 1881 noch 135 Beschäftigte an 130 Webstühlen, so meldete Bendix 1888 der Stadt Dülmen schon 212 Arbeiter und Arbeiterinnen an 274 Webstühlen. Ab dieser Zeit firmierte das Unternehmen als Wwe. M. Bendix Mechanische Weberei für Leinen, Halbleinen, Gebild, Damast etc. Neben Flachs wurde jetzt auch Baumwolle verarbeitet. Von 1892 bis 1893 wurde der Betrieb um ein Lagerhaus und einen Schornstein erweitert.

Dritte Generation (1905–1932) mini|Bendix alte Spinnerei erbaut 1907/8 mini|Paul Bendix Streichgarnspinnerei erbaut 1924

Charlotte Bendix (1874–1941) Paul Bendix (1878–1932)

Nach seinem Abitur begann Paul Bendix, der Sohn von Sara und Meyer Bendix, eine Ausbildung beim Bankhaus Mayerfeld & Cie. in Frankfurt am Main. Es folgten Lehrjahre bei Robert Hall & Sons und einer Webfachschule in Bury/Lancashire sowie in einem Bankhaus in Paris. 1898 folgte ein kurzes Jurastudium in München, das er abbrach, um im Oktober desselben Jahres in die Bayerische Armee einzutreten. Seinen Militärdienst beendete er 1902 mit dem Offizierspatent als Leutnant der Reserve. Im selben Jahr wurde bei Bendix an der Lüdinghauser Straße ein weiteres großes Lagerhaus erbaut. Im Jahr 1904 trat Paul Bendix in den elterlichen Betrieb ein. Am 3. Januar 1905 starb Meyer Bendix. Aus Mitteln einer Stiftung der Familie Bendix wurde daraufhin ein neuer jüdischen Friedhof auf dem Wewerink-Esch errichtet und er dort in einem Mausoleum beigesetzt. Paul Bendix übernahm die Geschäftsführung zusammen mit seiner Mutter, die alleinige Inhaberin der Gesellschaft und Eigentümerin aller Immobilien blieb.

Die Mechanisierung und die durch die zunehmende Verwendung von Baumwolle entstandene Produktvielfalt hatte in den zurückliegenden Jahren zu einer Verschärfung im Wettbewerb geführt. Paul Bendix stellte den Betrieb darauf ein, indem er die Nutzung neuer Fasern und Fabrikationstechniken einführte, das Angebot erweiterte und die Wertschöpfungskette mit Spinnerei und Näherei ausbaute. Zu diesem Zweck ließ er ab 1907 auf dem Betriebsgelände ein neues Gebäude für eine Dreizylinder-Kammgarnspinnerei mit mehrstufiger Baumwollverarbeitung sowie für eine Zweizylinder-Streichgarnspinnerei errichten. Gleichzeitig wurden neue Dampfkessel mit modernen Feuerungsanlagen installiert und die Weberei erweitert. Nach Inbetriebnahme 1909 wurde Bendix Vollmitglied der Bremer Baumwollbörse. Im selben Jahr hatte sich Paul Bendix in Kassel taufen lassen und vor dem Amtsgericht Dülmen am 4. Dezember 1909 amtlich seinen Austritt aus der jüdischen Synagogengemeinschaft erklärt.

Am 29. März 1912 übertrug Sara Bendix alle Geschäfte der Firma Wwe. M. Bendix auf ihren Sohn Paul Bendix. Sie starb ein halbes Jahr später und wurde ebenfalls im Mausoleum der Familie beigesetzt. 1913 waren bei Bendix 400 Mitarbeiter beschäftigt und auf 600 Webstühlen wurden etwa die Hälfte der in den beiden Spinnereien gefertigten Garne verwebten. Bendix verkaufte Garne an Webereien im Münsterland und seine Bett-, Tisch-, Hand- und Betriebswäschen waren weltweit gefragt. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Paul Bendix ab 1914 als Reserveoffizier in den Kriegseinsatz und ließ sich im Unternehmen von seinem Schwager, dem Juristen Martin Rosenbacher aus Hamburg, vertreten. Kriegsbedingt fehlten in den folgenden Jahren Rohstoffe und die Nachfrage vor allem aus dem Ausland brach ein. Die Anzahl der Mitarbeiter reduzierte sich, auch durch Einberufungen, bis 1918 auf 150.

Nach Kriegsende schied Martin Rosenbacher wohl im Streit wieder aus dem Unternehmen aus. Paul Bendix reaktivierte den Betrieb trotz Inflation durch Auslandsaufträge und Verwendung von eigenem Notgeld. Man erreichte schnell wieder Vollauslastung, so dass ab 1922 der Betrieb weiter ausgebaut und modernisiert werden konnte. Hierzu wurde der zentrale Transmissionsantrieb auf elektrischen Einzelantrieb umgestellt und ein 3.000 m² großer Neubau errichtet, in den bis 1924 die Streichgarnspinnerei ausgelagert wurde. Das Unternehmen firmierte ab 1923 unter Spinnerei & Weberei Paul Bendix Dülmen und war mit 1100 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Stadt. Am 18. Januar 1924 heiratete Paul Bendix die 22 Jahre jüngere Else Denicke, die Tochter des Hamburg-Harburger Oberbürgermeisters Heinrich Denicke. Ab 1928 führte die beginnende Weltwirtschaftskrise bei Bendix zu einem merklichen Umsatzrückgang und in der Folge zu Entlassungen. Zu dem Zeitpunkt war Bendix noch immer der größte Arbeitgeber in Dülmen und verfügte über 1000 mechanische Webstühle, 30.000 Dreizylinder-Spindeln und 11.000 Zweizylinder-Spindeln. Das Unternehmen exportierte weltweit bis in die USA, nach Südafrika und Australien. Paul Bendix starb am 30. April 1932 an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung. Das Unternehmen ging auf seine Frau Else und die vier Söhne über.

Vierte Generation (1933–1982) Else Bendix geb. Denicke (1900–1982) Hans-Jürgen Bendix (1930–1941) Paul-Heinz Bendix (1925–2009) Wolfgang Bendix (1926–2000) Klaus-Otto Bendix (1928–2016)