Der Ferrari 365 GTB/4 ist ein von 1969 bis 1973 gebauter Sportwagen des italienischen Automobilherstellers Ferrari, der auch unter der Bezeichnung Ferrari Daytona bekannt ist, benannt nach dem Dreifach-Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Daytona 1967. Der geschlossene 365 GTB/4 und die von ihm abgeleitete Cabrioletversion 365 GTS/4 („Daytona Spider“) gehören zur Modellfamilie Ferrari 365. Sie werden wie deren übrige Mitglieder von einem 4,4 Liter großen Zwölfzylinder-V-Motor angetrieben, haben aber eine eigenständige Karosserie von Pininfarina.
Der „Daytona“ war seinerzeit Ferraris Spitzenmodell. Er wird als einer der attraktivsten Straßensportwagen Ferraris angesehen und gehört sowohl in der geschlossenen als auch in der offenen Version zu den hochpreisigen Ferrari-Klassikern. Die Autos gelten mittlerweile als Anlageobjekte, für die siebenstellige Europreise gezahlt werden. Besondere Popularität erlangte der „Daytona“ in den 1980er-Jahren durch die Fernsehserie Miami Vice, in der eine Hauptfigur zeitweise die Kopie eines GTS/4 fuhr. Eine Sonderstellung nimmt die Wettbewerbsversion 365 GTB/4 Competizione ein, die von 1971 bis 1981 bei internationalen Langstreckenrennen erfolgreich war.
Entstehungsgeschichte und modellpolitische Einordnung mini|Vorgänger des 365 GTB/4: Ferrari 275 GTB/4 mini|Nachfolger: Ferrari 365 GT/4 Berlinetta Boxer
1961 begann Ferrari, die 1953 eingeführte Modellfamilie 250 durch die Baureihe 330 zu ersetzen, die von 4,0 Liter großen Zwölfzylindermotoren angetrieben wurde. Nach und nach erschienen die Modelle 330 America, 330 GT 2+2 und 330 GTC, die unterschiedliche Kundengruppen ansprachen. Als leistungsstärkster Straßen-Ferrari und Spitzenmodell kam ab 1964 der Ferrari 275 GTB hinzu, der ab 1966 mit vier obenliegenden Nockenwellen als 275 GTB/4 verkauft wurde. Ab 1966 ersetzte Ferrari die 330-Reihe schrittweise durch die Modelle der 365-Familie, deren Motoren einen auf 4,4 Liter erhöhten Hubraum hatten. Den Anfang machte das „elitäre“,Braun/Fischer/Steinert/Storz, S. 147. auf die nordamerikanische Kundschaft zugeschnittene Oberklassefahrzeug 365 California Spyder, von dem nur 14 Exemplare entstanden. Im folgenden Jahr erschien der viersitzige 365 GT 2+2, der als „Familien-Ferrari“Laban, S. 66. angesehen und wegen seiner Abmessungen und seines Gewichts als „Queen Mary“ verspottet wurde.Der Spottname bezog sich je nach Quelle entweder auf Maria von Teck, die als „Queen Mary“ bekannte Gattin des britischen Königs Georg V. (so Braun/Schulz, S. 74) oder auf das nach ihr benannte britische Passagierschiff Queen Mary (Ferrari World Spezial – 50 Jahre Ferrari, Nr. 2/1997) Als sportliche Variante brachte Ferrari Ende 1967 schließlich den kürzeren 365 GTC auf den Markt.Laban, S. 67.
Ein Ersatz für das Spitzenmodell 275 GTB/4 war zunächst nicht vorgesehen. In dieser Klasse hatte Ferraris Konkurrent Lamborghini 1966 mit dem Miura in seinen Wagen den Mittelmotorantrieb eingeführt, der seit einigen Jahren im Automobilsport dominierte.Eins der ersten erfolgreichen Wettbewerbsfahrzeuge mit Mittelmotor war der 1956 vorgestellte Cooper T41 für die Formel 2. Einige Zeit später erschienen Coopers Mittelmotorwagen auch in der Formel 1. Lotus kopierte 1960 das Konzept mit dem T18, die Scuderia Ferrari trat ab 1961 in der Formel 1 (Ferrari 156) und in Sportwagenrenn mit Mittelmotor an. Ab 1959, als Jack Brabham mit seinem Cooper T51 die Weltmeisterschaft gewann, gingen alle Titel in der Formel 1 an Fahrer, die Mittelmotorsportwagen einsetzten. Vgl. Adriano Cimarosti: Das Jahrhundert des Rennsports, Motorbuch Verlag Stuttgart 1997, ISBN 3-613-01848-9, S. 167 und 170. Obwohl Enzo Ferrari diesem Konzept bei Straßensportwagen skeptisch gegenüberstandDavid Lillywhite, Halwart Schrader: Klassische Automobile. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-613-02552-3, S. 169. und auch aus diesem Grund den kleinen Mittelmotorsportwagen Dino 206 nicht unter der Marke Ferrari verkaufen ließ, begannen seine Ingenieure bereits 1966 mit den Entwicklungsarbeiten für einen Hochleistungssportwagen mit Mittelmotor, die letztlich zu dem 1971 vorgestellten 365 GT/4 Berlinetta Boxer führten.Dazu Braun/Fischer/Steinert/Storz, S. 240. Einige Quellen gehen davon aus, dass Enzo Ferrari den zu dieser Zeit noch relativ jungen 275 GTB/4 bis zum Erscheinen des Berlinetta Boxer im Programm belassen wollte. Der Pininfarina-Designer Leonardo Fioravanti behauptete Ende 2017 in einem Zeitungsbeitrag, er sei dem entgegengetreten und habe im Herbst 1966 den Anstoß zur Entwicklung des 365 GTB/4 gegeben. Er habe Enzo Ferrari auf die schlechte Aerodynamik und die „miserable Übersichtlichkeit“ der 275-GTB/4-Karosserie hingewiesen und ihn mit den ersten „Daytona“-Skizzen von der Notwendigkeit überzeugt, den alten 275 GTB/4 abzulösen.Leonardo Fioravanti: I designed the Daytona – in a week. Octane Classic and Performance Car, Heft 175 vom Januar 2018, S. 72. Daraufhin kombinierte Ferrari das Fahrgestell des 275 GTB/4 mit einem Motor aus der 365-Baureihe und einer eigenständigen Karosserie zum 365 GTB/4 „Daytona“. Er wird modellpolitisch vielfach als ein bloßes Interimsmodell zwischen dem 275 GTB/4 und dem Berlinetta Boxer angesehen.Richard Heseltine: More Power, New Ideas, Wild Looks … Half Price. Vergleichstest Ferrari 365 GTB/4 und 365 GT4 BB in: Classic & Sports Car, Heft Dezember 2011, S. 84.
Mit Blick auf die Konkurrenz war der 365 GTB/4 gegen den Lamborghini Miura gerichtet, der bei seinem Debüt der schnellste und leistungsstärkste Straßensportwagen der Welt war.Beschreibung des Lamborghini Miura auf der Internetseite www.lamborghini.com (abgerufen am 2. Oktober 2018). Ferrari gelang es, die Fahrleistungen des Lamborghini zu übertreffen: Der 365 GTB/4 hatte eine höhere Motorleistung sowie eine höhere Endgeschwindigkeit als der Miura P400.Klaus Westrup: Eilkunde. Test Ferrari 365 GTB/4 in: auto motor und sport, Heft 3/1973. Enzo Ferrari bewies damit, dass ein klassischer Gran Turismo mit Frontmotor schneller sein konnte als ein Mittelmotorsportwagen.
Nomenklatur Die Modellbezeichnung des 365 GTB/4 leitet sich, wie seinerzeit bei Ferrari üblich, von der Motorisierung ab und nimmt auf den in Kubikzentimetern gemessenen Hubraum eines einzelnen Zylinders (hier: 365 cm³) Bezug.Nye, S. 19. Der beim Coupé verwendete Buchstabenzusatz GTB ist die Abkürzung von Gran Turismo Berlinetta.Klaus Finkenburg: Ferrari Daytona. Motor Klassik Kauf-Ratgeber Italienische Klassiker. Motor Presse Verlag 2017, S. 51. Die offene Version trägt statt des „B“ den Schlussbuchstaben „S“, der je nach Quelle für Spyder oder SpiderDer Ferrari 365 GTS/4 auf der Internetseite www.supercars.net (abgerufen am 2. Oktober 2018). steht. Die angehängte Ziffer 4 schließlich ist ein Hinweis auf die Anzahl der Nockenwellen.Laban, S. 69.
Das Auto ist allgemein als „Ferrari Daytona“ bekannt. Der Begriff „Daytona“ bezieht sich auf das 24-Stunden-Rennen von Daytona 1967, bei dem die Scuderia Ferrari mit ihren Prototypen 330P4 und 412P auf den Plätzen eins, zwei und drei ins Ziel gekommen war.Fabien Sobatès: Ferrari, Lechner-Verlag 1993, ISBN 3-85049-024-6N.N.: D&G – Daytona & Ghibli, Ferrari World, Ausgabe 52, Nr. 1/2004Ergebnisse des 24-Stunden-Rennens von Daytona auf der Internetseite wsrp.cz (abgerufen am 2. Oktober 2018). Er wurde werksseitig nicht verwendet, etablierte sich aber schnell in den Medien. Heute wird er in der Literatur vielfach synonym verwendet bzw. erscheint in Publikationen als gleichberechtigter Zusatz zu dem Ziffern-Buchstaben-Code.Doug Nyes Monografie von 1984 (Arco Publishing 1984, ISBN 978-0-668-05883-4) beispielsweise trägt den Buchtitel World Supercars 1: Ferrari 365 GTB/4 Daytona.
Einzelne Quellen gehen davon aus, dass „Daytona“ während der Entwicklungsphase die werksinterne Bezeichnung für das Auto gewesen war und jedenfalls nach anfänglichen Überlegungen auch die offizielle Modellbezeichnung hätte werden sollen. Nachdem aber der Begriff durch eine Indiskretion verfrüht an die Presse gelangt sei, habe Enzo Ferrari aus Verärgerung seine weitere Verwendung untersagt.Nye, S. 20.
Entwicklung und Prototypen Im Dezember 1966 waren die Zeichnungen für die Karosserie des 365 GTB/4 fertig, im Frühjahr 1967 begann die technische Entwicklung.
Im Herbst 1967 baute die Carrozzeria Scaglietti die ersten beiden Prototypen auf. Sie hatten noch Übergangskarosserien, die mit dem späteren Serienmodell nicht völlig gleich waren. Beide Fahrzeuge existieren noch.Beschreibung und Abbildung der ersten beiden Scaglietti-Prototypen auf der Internetseite www.supercars.net (am 2. Oktober 2018).
Der erste Prototyp beruhte auf einem unveränderten Chassis der 275-GTB/4-Baureihe (Fahrgestellnummer 10287). Das Auto hatte die Frontpartie des regulären 275 GTB/4, während der hintere Teil ab der Windschutzscheibe mit Ausnahme einiger DetaillösungenAbweichungen gab es insbesondere bei der Form der hinteren Seitenfenster. bereits dem späteren „Daytona“ entsprach.Braun/Schulz, S. 74. Der ursprünglich in diesem Prototyp eingesetzte Motor Tipo 243 war ein Unikat. Er war dem in der Baureihe 330 verwendeten Tipo-226-Zwölfzylinder mit einem Hubraum von 4,0 Litern abgeleitet, hatte aber drei Ventile pro Zylinder. Später stattete Ferrari diesen Prototyp mit einem serienmäßigen Motor des 365 GTB/4 aus. Scagliettis zweiter Prototyp, ebenfalls auf einem 275-GTB/4-Chassis (Fahrgestellnummer 11001), hatte eine im hinteren Bereich sehr ähnliche Karosserie, aber eine Front mit flacher Scheinwerferabdeckung. Der Motor war unverändert vom 275 GTB/4 (Tipo 226) übernommen.Braun/Fischer/Steinert/Storz, S. 220.
Im Laufe des Jahres 1968 entstanden bei Pininfarina mindestens zwei weitere Prototypen, die äußerlich dem späteren Serien-Coupé entsprachen. Zwei Prototypen aus dieser Gruppe wurden vom 3. bis zum 13. Oktober 1968 auf dem Pariser Autosalon präsentiert, einer (Fahrgestellnummer 11795) auf dem Stand von Pininfarina, der andere (12037) bei Ferrari.
Modellbeschreibung Motor und Kraftübertragung mini|Ferrari Tipo 251: Zwölfzylindermotor des 365 GTB/4
Der Ferrari 365 GTB/4 und der GTS/4 haben einen 4390 cm³ großen Zwölfzylinder-V-Motor, der werksintern als Tipo 251 bezeichnet wird. Er geht auf eine Konstruktion von Gioacchino Colombo aus dem Jahr 1947 zurück.
Ferrari hatte Colombos Zwölfzylinder zuletzt für die 1961 erschienene Modellfamilie 330 weitgehend überarbeitet; dabei war der Motorblock unter Beibehaltung des Zylinderbankwinkels von 60 Grad neu konstruiert worden. Jener Tipo 209 genannte, 4,0 Liter große Motor (330 cm³ pro Zylinder) wurde für die 365-Reihe auf 4,4 Liter vergrößert. Den Hubraumzuwachs erreichten die Ingenieure durch eine Vergrößerung der Bohrung von 77 auf 81 mm. Der Hub blieb mit 71 mm unverändert. Dieser Motor erschien 1966 im 365 California Spyder als Tipo 217B und 1967 im 365 GT 2+2 „Queen Mary“ sowie im 365 GTC als Tipo 245.
Der Motor Tipo 251 des 365 GTB/4 entspricht im Wesentlichen dem Tipo 217B und dem Tipo 245. Allerdings hat er im Gegensatz zu ihnen eine Trockensumpfschmierung, die vom 275 GTB/4 übernommen wurde.Der Tipo 217B hatte eine Nasssumpfschmierung, der Tipo 245 eine Druckumlaufschmierung. Vgl. Braun/Fischer/Steinert/Storz, S. 147 und 149. Eine weitere Besonderheit sind die vier obenliegenden Nockenwellen (zwei für jede Zylinderreihe). Sie werden über zwei Ketten angetrieben. Die Kurbelwelle ist siebenfach gelagert. Zur Gemischaufbereitung werden in den europäischen Autos sechs Fallstrom-Doppelvergaser von Weber (Typ 40DCN20) eingesetzt. Das Verdichtungsverhältnis beträgt 9,3:1. Die in Nordamerika verkauften „Daytonas“ hatten Vergaser vom Typ 40DCN21 und eine auf 8,8:1 reduzierte Verdichtung.Nye, S. 26. Die Höchstleistung des Motors beträgt in beiden Ausführungen bei 7500 Umdrehungen pro Minute.