mini|hochkant|Thomas Bschleipfer (2022) Thomas Bschleipfer (* 26. Januar 1972 in Augsburg) ist ein deutscher Mediziner und Philosoph. Er ist Facharzt für Urologie, Professor an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Ärztlicher Direktor der Kliniken Nordoberpfalz AG und Chefarzt der Klinik für Urologie, Andrologie und Kinderurologie am Klinikum Weiden / Kliniken Nordoberpfalz AG. Bschleipfer ist Experte für die Bereiche Robotische Chirurgie, Uroonkologie, funktionelle Urologie / Blasenfunktionsstörungen, Urogynäkologie, Interstitielle Cystitis/Blasenschmerzsyndrom (IC/BPS) und benignes Prostatasyndrom (BPS). Wissenschaftlich beschäftigte sich Bschleipfer insbesondere mit dem Krankheitsbild der überaktiven Blase (OAB).
In der Philosophie spezialisierte sich Bschleipfer auf den Bereich der Moralphilosophie und beschäftigte sich intensiv mit Allokationsproblematiken. Er schrieb die erste Ethik einer deutschen Krisen- und Einsatzmedizin.T. Bschleipfer (2007). Ethik einer Krisenmedizin: Kritische Analyse bereichsspezifischer Dilemmata: Ressourcenallokation, Instrumentalisierung und Doppelloyalität. (opus4.kobv.de)T. Bschleipfer, K. Kornwachs: Militärische Einsatzmedizin - Ethische Dilemmata. In: Dtsch Arztebl. 107, 2010, S. A-1448–A-1450.
Leben Nach seiner Absolvia am Gymnasium bei St. Stephan in Augsburg studierte Bschleipfer Humanmedizin an der Universität Ulm (1992–1999) und promovierte 2002 mit dem Thema „Das experimentelle stumpfe Nierentrauma - Biomechanik, Traumaverhalten und bildgebende Diagnostik“ zum „Dr. med.“ (summa cum laude).
1996 schloss Bschleipfer sein geisteswissenschaftliches Begleitstudium mit Schwerpunkt Philosophie am Humboldt-Studienzentrum der Universität Ulm mit dem Thema „Tugendethik - das Problem der sogenannten Sekundärtugenden“ ab. 1999 bis 2007 war er als externer Promotionsstudent an der BTU Cottbus immatrikuliert und promovierte am Lehrstuhl für Technikphilosophie bei Klaus Kornwachs 2007 zum „Dr. phil.“ (magna cum laude). Das Thema der Arbeit lautete „Ethik einer Krisenmedizin - Kritische Analyse bereichsspezifischer Dilemmata: Ressourcenallokation, Instrumentalisierung und Doppelloyalität“.T. Bschleipfer, K. Kornwachs: Militärische Einsatzmedizin - Ethische Dilemmata. In: Dtsch Arztebl. 107, 2010, S. A-1448–A-1450.
Nach Tätigkeit in den Abteilungen Chirurgie, Urologie und Anästhesie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm (1999–2001) war Bschleipfer Sanitätsstabsoffizier und Fliegerarzt des Airborne Warning and Control System (AWACS) / E-3A Verbandes der NATO in Geilenkirchen (2001–2004). Von 2004 bis 2014 arbeitete er in der Klinik und Poliklinik für Urologie, Kinderurologie und Andrologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (Wolfgang Weidner). Seine Anerkennung zum Facharzt für Urologie erhielt Bschleipfer 2008. 2009 verlieh das European Board of Urology (EBU) ihm den Titel „Fellow of the European Board of Urology“ (F.E.B.U.). 2010 wurde Bschleipfer zum Oberarzt der Klinik ernannt und war Leiter der Sektion Urodynamik und Neurourologie. Bschleipfer habilitierte sich 2014 mit dem Thema „Die überaktive Blase - Cholinerge Systeme der Harnblasensensorik“. Er erhielt die Venia legendi und die akademischen Titel „Dr. med. habil.“ und „Privatdozent“. 2016 wurde er von der Justus-Liebig-Universität Gießen zum Professor ernannt. 2022 erhielt er von der Universität für Medizin und Pharmazie (UMF) Iuliu Hațieganu in Cluj-Napoca (Rumänien) die europäische Ehrendoktorwürde (Dr. h.c.).
Von 2014 bis 2022 war Bschleipfer Chefarzt der Klinik für Urologie, Andrologie und Kinderurologie am Klinikum Weiden / Kliniken Nordoberpfalz AG. Er war Leiter des interdisziplinären Beckenbodenzentrums, Leiter des zertifizierten Zentrums für Interstitielle Zystitis (IC) und Beckenschmerz sowie Projektleiter „Robotische Chirurgie“. Von 2019 bis 2020 war er Mitglied und von 2020 bis 2022 stellvertr. Vorsitzender des klinischen Ethikkomitees. Von 2022 bis 2025 war Bschleipfer Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Klinikum Coburg. Er etablierte das interdisziplinäre Zentrum für Robotische Chirurgie und das von der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. (DKG) zertifizierte Prostatakrebszentrum. 2025 kehrte Bschleipfer als Chefarzt der Klinik für Urologie, Andrologie und Kinderurologie ans Klinikum Weiden / Kliniken Nordoberpfalz AG zurück. 2026 wurde er zudem zum Ärztlichen Direktor der Kliniken Nordoberpfalz AG ernannt.
Seit 2018 ist Bschleipfer Mitglied des Prüfungsausschusses der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK) für das Gebiet „Urologie“. Er trägt folgende medizinische Zusatzbezeichnungen: ‚Naturheilverfahren’ (2004), ‚Notfallmedizin’ (2006), ‚Medikamentöse Tumortherapie’ (2010) und ‚Andrologie’ (2010).
Wissenschaftlicher Beitrag Bschleipfer begann seine wissenschaftliche Karriere im Bereich der urologischen Traumatologie. Im Rahmen seiner medizinischen Promotion beschäftigte er sich mit der Biomechanik und dem Traumaverhalten von Nieren nach stumpfen Verletzungen. Seine Arbeit konnte bei progressiv steigender Belastung ein stufenartiges Hinzutreten unterschiedlicher Läsionstypen an kritischen Energie- bzw. Dekompensationsgrenzen nachweisen. Dabei zeigte sich eine deutlich erhöhte Traumasuszeptibilität für abflussbehinderte Organe. Im direkten Vergleich von Makroskopie und Kontrastmittel-Computertomographie konnte eine sehr hohe Befundungsgenauigkeit für das Schnittbildverfahren aufgezeigt werden.T. Bschleipfer, D. Kallieris, E. W. Hauck, W. Weidner, R. A. Pust: Blunt renal trauma: biomechanics and origination of renal lesions. In: Eur Urol. 42, 2002, S. 614–621.T. Bschleipfer, D. Kallieris, P. Hallscheidt, E. W. Hauck, W. Weidner, R. A. Pust: Validity of computerized tomography in blunt renal trauma. In: J Urol. 170, 2003, S. 2475–2479. Im Folgenden beschäftigte sich Bschleipfer mit der funktionellen Urologie, speziell mit dem Krankheitsbild der überaktiven Blase (OAB).T. Bschleipfer, F. Wagenlehner, W. Weidner: Etiology and pathogenesis of overactive bladder. In: Urologe A. 50, 2011, S. 477–480.T. Bschleipfer, F. M. Wagenlehner, G. Lüdecke, A. Pilatz, W. Weidner: Overactive bladder in the elderly. In: Urologe A. 52, 2013, S. 800–804.T. Bschleipfer, G. Ludecke, M. Durschnabel, F. M. Wagenlehner, W. Weidner, A. Pilatz: Auricular acupuncture in patients with detrusor overactivity: a pilot study. In: Urologe A. 53, 2014, S. 1633–1638. Den Forschungsschwerpunkt legte Bschleipfer auf das cholinerge System der Harnblasensensorik. Unterschiedliche muskarinische und nikotinische Rezeptorsubtypen und -untereinheiten konnten auf den Afferenzen der Harnblase identifiziert werden.R. Nandigama, I. Ibanez-Tallon, K. S. Lips, U. Schwantes, W. Kummer, T. Bschleipfer: Expression of nicotinic acetylcholine receptor subunit mRNA in mouse bladder afferent neurons. In: Neuroscience. 229, 2013, S. 27–35.R. Nandigama, M. Bonitz, T. Papadakis, U. Schwantes, T. Bschleipfer, W. Kummer: Muscarinic acetylcholine receptor subtypes expressed by mouse bladder afferent neurons. In: Neuroscience. 168, 2010, S. 842–850. Ebenfalls konnten Veränderungen aufgezeigt werden, welche sich nach Blasenauslassobstruktion, wie beispielsweise einer Prostatavergrößerung des älter werdenden Mannes, ergeben.T. Bschleipfer, R. Nandigama, S. Moeller, C. Illig, W. Weidner, W. Kummer: Bladder outlet obstruction influences mRNA expression of cholinergic receptors on sensory neurons in mice. In: Life Sci. 91, 2012, S. 1077–1081. Darüber hinaus konnte die Forschungsarbeit von Bschleipfer ein non-neuronales cholinerges System innerhalb des Urothels (Blasenschleimhaut) aufzeigen, welches ebenfalls cholinerge Rezeptoren exprimiert, zwischen Mann und Frau nicht differiert und bei Vorliegen einer Blasenauslassobstruktion keine wesentlichen Veränderungen zeigt.T. Bschleipfer, K. Schukowski, W. Weidner, S. A. Grando, U. Schwantes, W. Kummer, K. S. Lips: Expression and distribution of cholinergic receptors in the human urothelium. In: Life Sci. 80, 2007, S. 2303–2307.K. S. Lips, J. Wunsch, S. Zarghooni, T. Bschleipfer, K. Schukowski, W. Weidner, I. Wessler, U. Schwantes, H. Koepsell, W. Kummer: Acetylcholine and molecular components of its synthesis and release machinery in the urothelium. In: Eur Urol. 51, 2007, S. 1042–1053.T. Bschleipfer, W. Weidner, W. Kummer, K. S. Lips: Does bladder outlet obstruction alter the non-neuronal cholinergic system of the human urothelium? In: Life Sci. 91, 2012, S. 1082–1086. Weitere Arbeiten von Bschleipfer konnten einen wesentlichen Einfluss einer systemischen Arteriosklerose auf die Entstehung einer Detrusorhyperaktivität (DHA) und somit auf das Krankheitsbild der überaktiven Blase (OAB) nachweisen.T. Bschleipfer, A. K. Dannenmaier, C. Illig, M. Kreisel, S. Gattenlohner, A. C. Langheinrich, G. A. Krombach, W. Weidner, M. Kampschulte: Systemic atherosclerosis causes detrusor overactivity: functional and morphological changes in hyperlipoproteinemic apoE-/-LDLR-/- mice. In: J Urol. 193, 2015, S. 345–351. Gemeinsam mit Wolfgang Kummer, Direktor des Instituts für Anatomie und Zellbiologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, arbeitete Bschleipfer an der Erstbeschreibung der urethralen BürstenzelleK. Deckmann, K. Filipski, G. Krasteva-Christ, M. Fronius, M. Althaus, A. Rafiq, T. Papadakis, L. Renno, I. Jurastow, L. Wessels, M. Wolff, B. Schutz, E. Weihe, V. Chubanov, T. Gudermann, J. Klein, T. Bschleipfer, W. Kummer: Bitter triggers acetylcholine release from polymodal urethral chemosensory cells and bladder reflexes. In: Proc Natl Acad Sci U S A. 2014., einer Geschmackszelle in der Harnröhre, welche nicht nur beim Menschen, sondern auch bei zahlreichen Säugetieren nachgewiesen werden konnte.K. Deckmann, G. Krasteva-Christ, A. Rafiq, C. Herden, J. Wichmann, S. Knauf, C. Nassenstein, C. G. Grevelding, A. Dorresteijn, V. Chubanov, T. Gudermann, T. Bschleipfer, W. Kummer: Cholinergic urethral brush cells are widespread throughout placental mammals. In: Int Immunopharmacol. 29, 2015, S. 51–56. Diese chemosensorische „Wächter-Zelle“ ist in der Lage, Bitterstoffe und spezielle Moleküle (quorum-sensing molecules, QSM) von (in den Körper eindringenden) Bakterien zu „schmecken“. Hierdurch wird reflektorisch eine Kontraktion der Blase ausgelöst, was zu einer Elimination potentieller Krankheitserreger führt.