Reichenbach an der Fils ist eine Gemeinde im baden-württembergischen Landkreis Esslingen. Sie gehört zur Region Stuttgart (bis 1992 Region Mittlerer Neckar) und zur europäischen Metropolregion Stuttgart. Mit den Gemeinden Baltmannsweiler, Hochdorf und Lichtenwald besteht der Gemeindeverwaltungsverband Reichenbach an der Fils.
Geographie Geographische Lage Die Gemeinde Reichenbach an der Fils ist etwa 12 km (Luftlinie) ostsüdöstlich von der Kreisstadt Esslingen entfernt und in derselben Richtung etwa 25 km von der der Landeshauptstadt Stuttgart. Sie liegt an der hier westwärts fließenden Fils, der im Ortsbereich von Norden her der Reichenbach und von Nordwesten her der Lützelbach zufließen und danach von Südosten her der Talbach. Das Gemeindegebiet liegt weit überwiegend rechts des Flusses, sein nördlicher Teil gehört dem Unterraum Schurwald des Naturraums Schurwald und Welzheimer Wald an, sein kleinerer südlicher entlang dem Flusslauf dem Vorland der mittleren Schwäbischen Alb. Der niedrigste Punkt auf etwa befindet sich am Ausfluss der Fils, die Waldkuppe Probst ist der höchste Punkt und reicht im Nordosten bis auf .
Gemeindegliederung mini|Luftbild von Reichenbach an der Fils, 2011 Zur Gemeinde Reichenbach an der Fils gehören außer dem Dorf Reichenbach keine weiteren Orte. Auf dem Gebiet der Gemeinde liegen die abgegangenen Ortschaften Bornhausen oder Bernhausen, Geroldsweiler oder Gerensweiler und Knollenhof.
Nachbargemeinden Die Gemeinde Reichenbach an der Fils grenzt reihum an die folgenden Kommunen: die Gemeinde Hochdorf im Süden, die Stadt Plochingen im Westen, die Gemeinden Baltmannsweiler im Nordwesten und Lichtenwald im Nordosten, alle ebenfalls im Landkreis Esslingen, sowie die Stadt Ebersbach an der Fils im Osten im Landkreis Göppingen.
Flächenaufteilung
Nach Daten des Statistischen Landesamtes, Stand 2014.Statistisches Landesamt, Fläche seit 1988 nach tatsächlicher Nutzung für Reichenbach an der Fils.
Geschichte
Von der Steinzeit zum Mittelalter mini|Reichenbach 1685, Forstlagerbuch von Andreas Kieser Auf den Anhöhen des Filstales wurden Spuren von Menschen der mittleren Steinzeit (12.000–5000 v. Chr.) gefunden, ebenso auf dem Gelände nördlich des Siegenhofes.
Erstmals erwähnt wurde Reichenbach an der Fils in einer Urkunde im Jahr 1268. Allerdings liegt die exakte Geburtsstunde wie vielerorts im Dunkel der Geschichte. Die Gründungszeit des Ortes lässt sich aber über Flurbezeichnungen und im Vergleich mit Nachbarorten erschließen. Sie dürfte zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert gelegen haben. Reichenbach war somit ein Dorf im Herzogtum Schwaben. Wilhelm Böhringer und Gustav Wohlbold, beide ehemalige Pädagogen an der heimischen Volksschule, haben in der Vergangenheit die staatlichen und kirchlichen Archive durchforscht und fanden den Ort in Verbindung mit einem Streit zweier adliger Frauen als „Marquardus plebanus de Richenbach“ erstmals erwähnt. Dieser „Leutpriester Marquard“ ist als Zeuge auf einer Urkunde des Jahres 1268 festgehalten.
Mit Reichtum hat der Ortsname nichts zu tun. Namensgeber ist vielmehr der die Gemeinde durchfließende Bach. Um Verwechslungen mit Gemeinden gleichen Namens zu verhindern, führte man 1906 die Ortsbezeichnung „Reichenbach an der Fils“ ein. Ende des 13. Jahrhunderts kam Reichenbach unter die Oberhoheit der Herren von Württemberg, nachdem zuvor die Staufer und dann die Herzöge von Teck das Sagen gehabt hatten. Im Jahre 1299 gab Herzog Hermann von Teck sämtliche Besitz- und Herrschaftsansprüche in Reichenbach an Württemberg ab.
Entwicklung in der frühen Neuzeit 1534 befahl der evangelische Herzog Ulrich, dass Württemberg und damit auch Reichenbach gemäß dem Prinzip „Cuius regio, eius religio“ von nun an evangelisch sein sollte. Ursprünglich gehörte Reichenbach zum Amt Kirchheim, ab 1485 zum Amt Göppingen. Die Gemeinde entwickelte sich nur zögerlich. Vom 16. bis 19. Jahrhundert zogen in den häufigen Kriegen spanische, schwedische, österreichische und vor allem französische Truppen durch den Verkehrsweg des Filstals und Reichenbach war durch Besetzungen, Plünderungen und Kampfhandlungen Kriegsschauplatz. Auch Napoleon reiste 1806 durch den Ort.
Während der Ort bereits 600 Einwohnern gehabt hatte, war Reichenbach nach dem Dreißigjährigen Krieg mit nur noch etwa 50 Bewohner weitgehend entvölkert und eine der am schlimmsten verwüsteten Ortschaften des Amts Göppingen. Es dauerte 180 Jahre, bis sich der Ort erholt hatte. Erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts konnte man deutliche Zuwanderungen verzeichnen.
Bereits im frühen Herzogtum Württemberg war Reichenbach durch seinen Bergbau von Bedeutung. Im 15. Jahrhundert ließen die württembergischen Grafen und späteren Herzöge am Asang und im Lützelbachtal nach Kupfer- und Manganerzen graben, aus denen Farben gewonnen wurden. 1457 wurde eine Steinkohlegrube in Richtung Baltmannsweiler errichtet. Im Sandstein fanden sich nicht nur vereinzelt kleine Kohleflöze, sondern auch Spuren von Gold und Silber. Zeitweise waren mehr als sechs Stollen in Betrieb. 1561 entstand eine Schmelzhütte, nach mehreren Unterbrechungen wurde der Bergbau 1739 jedoch wegen zu geringer Fördermengen eingestellt.
Nach der Gründung des Königreichs Württemberg Bei der Umsetzung der neuen Verwaltungsgliederung im 1806 gegründeten Königreich Württemberg blieb Reichenbach dem Oberamt Göppingen zugeordnet. Der Aufschwung Reichenbachs fällt mit der Industrialisierung zusammen. Von großer Bedeutung war, dass Reichenbach mit der Eröffnung der Filstalbahn 1847 Bahnstation wurde und so Anschluss an das Streckennetz der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen sowie zu den überregionalen Verkehrswegen bekam. Die Ansiedlung der Baumwollspinnerei und -weberei Heinrich Otto im Jahr 1879 brachte weiteren Aufschwung.
Seit dem 20. Jahrhundert Durch die Verwaltungsreform während der NS-Zeit in Württemberg kam Reichenbach 1938 zum Landkreis Esslingen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Reichenbach zum Land Württemberg-Baden in der Amerikanischen Besatzungszone. Mit der Gründung Baden-Württembergs 1952 wurde Reichenbach Teil des heutigen Bundeslandes.
Religionen Seitdem Herzog Ulrich 1534 die Reformation einführte, ist Reichenbach evangelisch geprägt. Die evangelische Gesamtkirchengemeinde Reichenbach gehört zum Kirchenbezirk Esslingen der Evangelischen Landeskirche. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand auch wieder eine römisch-katholische Gemeinde. Die katholische Kirche zum Hl. Michael wurde 1954 erbaut und 1959 mit einer eigenen Pfarrei versehen. Heute gehört die Gemeinde zur Seelsorgeeinheit Neckar-Fils im Dekanat Esslingen-Nürtingen der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Zudem gibt es eine neuapostolische Gemeinde in Reichenbach.
Einwohnerentwicklung Jahr 1653 1871 1900 1925 1950 1970 1980 1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020 Einwohner 150 970 1.481 2.349 4.517 8.111 7.261 7.361 7.424 8.022 8.029 7.936 8.236 8378
Politik Gemeinderat Der Gemeinderat in Reichenbach besteht aus den 18 gewählten ehrenamtlichen Gemeinderäten und dem Bürgermeister als Vorsitzendem. Der Bürgermeister ist im Gemeinderat stimmberechtigt.
Die Kommunalwahl am 9. Juni 2024 führte zu folgendem vorläufigen EndergebnisWahlinformationen auf komm.one.
Parteien und Wählergemeinschaften %2024 Sitze2024 %2019 Sitze2019SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands17,27322,024FWFreie Wähler Reichenbach an der Fils28,74528,745CDUChristlich Demokratische Union Deutschlands24,53523,644GRÜNEBündnis 90/Die Grünen7,54125,615mfRmiteinander für Reichenbach22,994––gesamt100,018100,018Wahlbeteiligung61,11 %59,35 %
Bürgermeister Bürgermeister ist seit 1993 Bernhard Richter (Freie Wähler). Er wurde 2000, 2008, 2016 und 2024 wiedergewählt.
Wappen links|100px Blasonierung: „Unter goldenem Schildhaupt, darin eine liegende Hirschstange, in Rot eine silberne Pflugschar.“
Der erst Beleg für das alte Dorfwappen ist ein Wappenstein von 1588 am Rathaus in Reichenbach, der es neben dem Schild der damals zuständigen Amtsstadt Göppingen zeigt. Mit der Hirschstange als Zeichen der Württemberger Landesherrschaft im Schildhaupt ist eine Pflugschar verbunden, die ein beliebtes dörfliches Symbol war und nach dem Kieserschen Forstlagerbuch auf Reichenbacher Grenzsteinen 1685 als Fleckenzeichen nachweisbar ist; zweifellos ist es aber älter als die Abbildung von 1588. Die heutige Wappengestaltung ist in neueren Gemeindesiegeln und seit 1930 auch mit den jetzt gebräuchlichen Farben bezeugt.Klemens Stadler: Deutsche Wappen. Band VIII: Baden-Württemberg Seite 87. Mit Zeichnungen von Max Reinhart. Angelsachsen-Verlag Bremen, 1971.
Flagge Die Gemeindeflagge ist Rot-Gelb (1966).
Gemeindepartnerschaften Zwischen der Gemeinde Reichenbach an der Fils und der französischen Stadt Sainte-Savine gibt es eine Gemeindepartnerschaft.
Wirtschaft und Infrastruktur Die Gemeinde hatte aufgrund des wirtschaftlichen Wandels in den 1990er Jahren stark zu leiden. Zu Beginn des Jahrzehnts schloss das Unternehmen Otto in Reichenbach. Die Traub Drehmaschinen GmbH & Co. KG (nach deren Gründer ist das Hermann-Traub-Stadion des VfB Reichenbach benannt) ist seit 1997 Tochtergesellschaft der Esslinger INDEX-Werke, was damals zu einem massiven Stellenabbau führte. Weitere Unternehmen sind der Wellpappehersteller Seyfert GmbH, das Transport- und Logistikunternehmen Kraftverkehr Nagel Kurt Nagel GmbH & Co., der Elektrogerätehersteller Electrostar, der Kunststoffverarbeiter Oskar Voltz GmbH sowie weitere mittelständische und kleine Unternehmen.
Verkehr mini|Der Haltepunkt Reichenbach (Fils) im Jahr 2017
Durch Reichenbach verläuft die vierspurige Bundesstraße 10, eine viel befahrene Straße Süddeutschlands. Außerdem gibt es die Querverbindungen über Baltmannsweiler bzw. Lichtenwald ins Remstal sowie die Straße über Hochdorf und Notzingen nach Kirchheim unter Teck.
Stuttgart ist mit dem Auto über die Bundesstraße 10 in etwa 25 Minuten zu erreichen, der Flughafen Stuttgart in rund 25 Minuten.
Seit dem 11. Oktober 1847 bedient die Eisenbahn den Ort, als der entsprechende Abschnitt der Filstalbahn eröffnet wurde. Das Empfangsgebäude des Bahnhofs Reichenbach (Fils), so die bahnamtliche Schreibweise – abweichend vom offiziellen Ortsnamen, wurde im Herbst 2006 renoviert. Heute befindet sich darin eine Gaststätte, zugleich ist es ein Wohnhaus. Die Station wird zwischen 5:00 Uhr morgens und 1:00 Uhr nachts halbstündlich von Metropolexpress-Zügen (MEX) bedient. Des Weiteren gibt es Busverbindungen Richtung Lichtenwald und Schorndorf, Richtung Hochdorf und Kirchheim unter Teck sowie nach Plochingen. Der Ortsbus bedient die Ortsteile Risshalde und Siegenberg. Bedeutendes Verkehrsbauwerk ist die Sainte-Savine-Brücke, die nach Reichenbachs Partnergemeinde Sainte Savine in Frankreich benannt ist. Sie erschließt das Voralbgebiet und stellt Verbindungen zum Freibad und zum Stadion her. Kurz hinter der Bahnunterführung kommt die Filsbrücke, welche 1877 erbaut wurde. Bis 2007 gab es auch einen kleinen Rangierbereich mit einem Gleisanschluss zur oben genannten Wellpappefabrik. Die Gleisanlagen wurden bei den Umbauarbeiten 2007 allerdings komplett entfernt. Da im Bahnhof Reichenbach (Fils) seit Stilllegung des Gleisanschlusses keine Weiche mehr existiert, wurde dieser im Herbst 2009 zu einem Haltepunkt herabgestuft.
Außerdem gibt es den Otto-Munz-Steg für Fußgänger und Radfahrer. Er überspannt die Bahngleise, die Filsstraße, die Bundesstraße 10 und die Fils und erleichtert die Wege zu Freibad und Stadion.
Die Nachbargemeinden Plochingen und Ebersbach an der Fils können mit der Bahn, die anderen Gemeinden mit dem Bus erreicht werden.
Über eine Alltagsradroute aus dem Radnetz Baden-WürttembergDas RadNETZ Baden-Württemberg auf www.radroutenplaner-bw.de ist Reichenbach mit Plochingen und in der anderen Richtung über Ebersbach und Uhingen mit Göppingen verbunden.
Bildungseinrichtungen