mini|hochkant=1.5|Zwecken einer Persianerjacke mit dem Presslufttacker

Das Zwecken oder Aufspannen ist ein wesentlicher Arbeitsschritt der Pelzherstellung. Es bezeichnet das Aus- und Glattspannen angefeuchteter Felle oder Pelzteile während des Produktionsprozesses. Dies geschieht in der Regel durch ein pneumatisches Auftackern oder das Aufnageln von Hand auf Holzbretter (Zweckplatten).

Der Begriff leitet sich von dem Wort „Zweck“ ab, das soviel bedeutete, wie ein Nagel aus Holz oder Eisen,Das Herkunftswörterbuch. Duden Band 7, 1963, S. 787, Stichwort „Zweck“. der kürschnerische Begriff Zwecknagel stellt also eine eigentlich unnötige Bedeutungswiederholung (Tautologie) dar.

Im Gegensatz zum gegerbten Leder bleibt das zugerichtete Fell ähnlich dem Rohfell durch seine Lederstruktur mehr oder weniger dehnbar, unterschiedlich nach der Zurichtungsart und der Fellart. Die Fellfläche kann vor allem im feuchten Zustand durch Dehnen vergrößert und gleichzeitig in eine andere Form verändert werden. Das Zwecken verhindert, dass sich das Fell nach dem Ausdehnen wieder zusammenzieht.

Jedes zu verarbeitende Fell ist in eine durch das Produkt vorgegebene Form zu bringen. Eventuell wird es ein Teil einer, durch ein Schnittmuster vorgegebenen größeren Form. Aus nur einem Fell kann ein Kragen oder Muff entstehen, aus einer Rosshaut sogar ein kompletter Mantel. Für größere Pelze und bei kleinen Fellen werden dem Schnittmuster entsprechend mehrere Felle zu einer größeren Fläche mit der Pelznähmaschine oder mit Handnähten zusammengefügt. Dies geschieht, nachdem sie zuvor entsprechend gestreckt oder gespannt (gezweckt) und zugeschnitten werden. Dabei, und beim Reparieren (Anbrachen) der Felle, entstehen zahlreiche Nahtwülste, Falten und andere Unebenheiten, die durch das Glattziehen beim sich anschließenden Zwecken beseitigt werden.

Geschichte mini|hochkant|Aufspannen eines Fells mit einem Hammer auf einen Holzrahmen (um 1830) mini|Zwecken mit dem Hammer in den USA (1891)

Ein Stich etwa aus dem Jahr 1830 zeigt einen Kürschner, der ein Fell vor der Weiterverarbeitung auf einen rechteckigen Holzrahmen nagelt. Ähnlich verfahren nordamerikanische Indianer und Trapper, die frisch abgezogene Biberfelle in einen ovalen Rahmen aus biegsamen Ästen spannen. Allerdings wird dabei das Fell durch Fäden oder Sehnen anstelle von Nägeln gehalten. Beide Varianten haben den Vorteil, dass die Felle durch den beiderseitigen Luftstrom schneller trocknen.

Bevor es möglich wurde, die aus Holzstäbchen und Furnier gefertigten Tischlerplatten herzustellen, bestanden Zweckplatten noch aus im Nut verleimten, gut gehobelten Tannenbrettern „mit eichenen, am besten eingeschobenen Querleisten“. Sie waren in Mantelrumpfgröße entsprechend schwer und nur mit großer Kraftanstrengung zu wenden und zum Trocknen aufzustellen.

Die Benutzung eines Hammers zum Einschlagen der Zwecknägel anstelle der Zweckzange war im Jahr 1911 offenbar noch gebräuchlich. Es gab zu der Zeit bereits Hilfen zum Herausziehen der Nägel. In einem Lehrbuch für Kürschner heißt es: „Hierauf kann man abzwecken, was mit der Nagelspalte des Hammers, mit der Zange oder mit dem sogenannten Abzweckkamm, einem kammähnlichen Instrument mit Handgriff, bei welchem die Zinken sehr stark und nur ganz kurz eingeschnitten sind, geschieht“.

Über China, das über eine sehr alte, aber bis dahin nicht weiterentwickelte Kürschnertradition verfügt, hieß es 1904: „Die bei der Kürschnerei verwendeten Handwerkszeuge sind sehr primitiv und beschränken sich auf ein Messer in Form einer Halbkreisfläche, und einer Zange und Zwecknägel“.Paul Larisch, Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk. 2. Jahrgang, Nr. 17 + 18, Selbstverlag, Paris, April-Mai-Juni 1904, S. 85.

Vor allem in den USA, wo die Arbeitsvorgänge der Kürschnerei in größeren Betrieben von angelernten Arbeitern ausgeführt werden, war zumindest während des 20. Jahrhunderts der Zwecker neben den (Pelz-)Schneidern, Pelznähern, -streckern, -finishern und -büglern ein eigener, für das Gelingen der Arbeit besonders wichtiger Berufszweig.Redaktion Die Pelzwirtschaft: Die Bedeutung der Berliner Pelzwaren-Industrie. Die Pelzwirtschaft, Fachblatt für den Rauchwarenhandel. 1. Januar 1965, S. 70.Cyril J. Rosenberg: Furs & Furriery. Sir Isaac Pitman & Sons, London 1927, S. 59–61 (englisch). → Buchtitel und Inhaltsverzeichnis.

Anwendung Nahezu bei jeder Pelzherstellung, bei der beim fertigen Produkt das Haar und nicht das Leder der Felle außen ist, ist einer der Arbeitsgänge das Zwecken. Es sorgt dafür, dass das Leder glatt ohne Falten ist und dass das Fell bestmöglich ausgenutzt wird.

Anders ist es bei Pelzen, die mit dem Leder nach außen getragen werden, veloutierte oder nappierte Jacken und Mäntel. Deren Felle erhalten in der Regel eine dem Gerben vergleichbare Lederbehandlung und haben ein sehr wenig oder gar nicht zügiges Leder. Da Felle im feuchten Zustand ihre durch Zwecken erzielte Formveränderung wieder verlieren und auch wieder auf ihre ursprüngliche Größe schrumpfen, also auch beim Kontakt des Leders mit Regen, verbietet sich hier ein Zwecken ohnehin.

Arbeitsvorgänge In den meisten Fällen wird das Fell mit dem Haar gegen das Brett gezweckt. Die Sicht auf die Fellnähte ermöglicht ein genaueres Arbeiten und das Fell trocknet schneller. Nach dem Abzwecken wird das Haar in Haarrichtung feucht eingestrichen, eventuell auch aufgeraut (Ausnahme: gelockte oder moirierte Felle). Empfindliche Felle können mit dem Haar nach oben gezweckt werden, oder aber das Fell kann nach dem Zwecken an den Nägeln oder Klammern etwas angehoben werden. Moderne Endbearbeitungsgeräte machen dies jedoch oft überflüssig (Heißluft-Steamer, Bügelmaschine, siehe dazu → Pelzreinigung).

Einstreichen, Bestreichen Um ein Fell oder ein größeres, aus Fellen zusammengesetztes Teil zwecken zu können, wird dieses zunächst mit der Einstreichbürste, einem feuchten Tuch oder mit einer Sprühflasche leicht angefeuchtet, mit der Lederseite zusammengelegt und einige Zeit liegen gelassen, damit die Feuchtigkeit das Leder völlig durchzieht („fatten“ lassen; der Österreicher sagt zum leichten Anfeuchten „Anwascheln“). Das Haar sollte dabei so trocken wie möglich bleiben. Ohnehin sollte das Leder nicht zu nass gemacht werden, da dies unter Umständen zu einem Auswaschen des Gerbprozesses führt und es dann steif und glasig wird („ausgewaschelt“). Desto länger das Fell fattet, desto gefügiger ist es beim Zwecken. Warmes Wasser und auch eine im Fachhandel erhältliche Zweckhilfe beschleunigen das Durchweichen. → Inhaltsverzeichnis. In einigen Firmen gab es eine Fattkiste, in denen die nur leicht angefeuchteten Teile über Nacht weichen konnten.

Zumindest früher war es durchaus üblich, dass sich der Kürschner beziehungsweise die ihm zuarbeitende Näherin auf das eingestrichene Teil setzte, um durch das Körpergewicht und die Körperwärme den Prozess des Fattens zu beschleunigen: „Bei Fellen mit feinem oder kostbaren Haar dürfte das absolut nicht geschehen, denn die Feuchtigkeit dringt in das Haar, dies zerquetscht sich und ist oft nur schwer wieder in Ordnung zu bringen“ (1891).

Vorzwecken Bei vielen Fellarten oder Verarbeitungstechniken ist es notwendig, die Felle vor der Weiterverarbeitung vorzuzwecken. Die Struktur des Leders bewirkt, dass sich das Haar beim in die Länge ziehen des Felles verdichtet (die Fellfläche verkleinert sich), zieht man es in die Breite, wird das Haar schütterer und die Fläche größer.

Insbesondere für das Auslassen werden die Felle regelmäßig vor dem Schneiden zum einfacheren Schneiden und Nähen vorgezweckt. Sie werden dadurch nicht nur geglättet, es führt auch zu einer in diesem Fall ausnahmsweise erwünschten Verfestigung des Leders; das Fell lässt sich besser schneiden und nähen, ohne dass die schmalen Auslassstreifen ausgedehnt werden. Das Versteifen kann, wenn gewünscht, durch ein abschließendes Einstreichen oder Besprühen mit einer handelsüblichen Wäschestärke noch erhöht werden. Das Auslassen oder die Auslasstechnik bezeichnet eine Arbeitsmethode der Kürschnerei, bei der die gewünschte Fellform durch das Verlängern des Felles auf Kosten der Breite durch V- bzw. A-förmige Schnitte erreicht wird.

Auch wenn die Felle im fertigen Teil eine bestimmte Form aufweisen sollen, häufig trapezförmig oder rechteckig, werden sie zur besseren Materialausnutzung entsprechend vorgezweckt.

Zwecken mini|Ein überweiter, diagonal gearbeiteter und damit nicht gut teilbarer Mantel aus Suslikifellen wird vom Kürschnermeister auf mehreren zusammengelegten Zweckplatten auf dem Fußboden gezweckt Obwohl beim Zwecken der eingerichtete Pelz unter Umständen durch Dehnen noch sehr stark in seiner Form verändert werden kann, soll er bei einer fachgerechten Verarbeitung weder zu knapp noch zu reichlich eingerichtet sein. Das heißt, dass die zu zweckende Fellfläche und die von der Fellart abhängige Schrumpfung nach dem Abzwecken der Musterfläche entsprechen muss. Kürschnermeister Fritz Hempe mahnte im Jahr 1932: „Die Auffassung, auf welche man sehr oft stößt, dass Fehler bei unexakter Verarbeitung der Felle in Bezug auf die Form und Größe im Vergleich zum Muster durch das nachfolgende Zwecken beseitigt werden können, ist als verwerflich anzusehen“.Fritz Hempe: Handbuch für Kürschner. Verlag Kürschner-Zeitung Alexander Duncker, Leipzig 1932, S. 44. → Inhaltsverzeichnis.

Die zu erzielende Form wird anhand des Schnittmusters entweder mit Kreide direkt auf der Zweckplatte aufgezeichnet oder aber mit einem Stift auf einem auf der Platte zu befestigenden kräftigen Papiers, bei weißen oder hellen Fellen wegen der Gefahr des Ausblutens des Papiers auf weißem Seidenpapier.

In Kürschnereibetrieben wird in der Regel zum Zwecken der Presslufttacker oder der Handstapler benutzt. Feine Materialien werden bei einer hochwertigen Verarbeitung wie früher mit dünnen Stecknadeln gezweckt, insbesondere in allen Flächen, die beim Abgleichen nicht abfallen. Mit der Zweckzange wird das Fell an der Kante festgehalten und gestrafft. Beim Zwecken mit Zweckstiften wechselt das Halten des Felles dann auf die andere Hand, die dabei einen Zwecknagel oder eine Stecknadel hält. Durch einen oder zwei Zweckzangenschläge auf den Zweckstift wird das Fell fixiert. Beim Zwecken mit der Zweckpistole wird die Kante mit der Zange nur gehalten – oder mit der Hand – und gleichzeitig mit der anderen Hand festgetackert. Der Abstand der Zwecknägel oder Zweckklammern zueinander ergibt sich aus der Konsistenz des Leders, kräftige Leder benötigen weniger Haltepunkte, die Zweckstifte können hier in größeren Abständen genagelt werden.

Beim Zwecken von zusammengesetzten („eingerichteten“) Pelzteilen werden nicht nur der Rumpf, die Ärmel, der Kragen usw. glattgespannt, sondern es werden auch die Fellnähte gerichtet. Die Nähte der Fellseitenverbindungen und die meist dunkleren Fellmitten („Grotzen“) werden mit Zweckstiften oder Zweckklammern in eine geradlinige oder gerundete Form gerichtet. Man beginnt mit dem Zwecken immer am Fellende und streckt das Fell möglichst mit dem Haarstrich, um die Haare nicht zu stauchen. Bei Großpelzen, bei den der Haarstrich zum Saum verläuft, folgt nach dem Anzwecken der Saumkante die Rückenmitte, dann arbeitet man sich bis zu den Vorderkanten durch (bei der sogenannten „gestürzten“ Verarbeitung, Haarschlag nach oben, sollte bei grannigem Fell von oben nach unten gearbeitet werden). Bei Auslassarbeiten bedeutet das, dass zuerst die Rückenmitte gerade ausgerichtet wird, und dann Streifen für Streifen bis zur Vorderkante, meist sämtliche Fellmitten und Fellseitennähte. Dies erfolgt entweder mit Hilfe einer Metallschiene oder weniger genau mit einer Richtschnur oder nach Augenmaß. Dabei ist unter anderem darauf zu achten, dass beide Hälften des Bekleidungsstücks spiegelgleich sind, die Fellbahnen möglichst gleich breit, die Quernähte gleich hoch. An den Rändern sollen die Zweckstifte und die Zweckklammern materialsparend möglichst dicht an der Kante eingeschlagen werden.