mini|Chinesische Mutter mit ihrem Kind
Erziehung basiert in China (Volksrepublik China und Taiwan) bis heute auf den Prinzipien des Konfuzianismus. Der Konfuzianismus ist eine im späten 6. Jahrhundert v. Chr. entstandene ethische Lehre, die das menschliche Miteinander reguliert. In erheblichem Umfange prägt die konfuzianistische Ethik auch die Erziehung.
Grundbegriffe der chinesischen Erziehung Alter der Unschuld und Alter des Verstehens Die chinesische Anthropologie des Kindes unterscheidet zwei Lebensphasen: ein „Alter der Unschuld“ und ein „Alter des Verstehens“. Der Konfuzianismus lehrt, dass Neugeborene ein Geschenk der Götter sind, deren angeborene Natur respektiert werden muss. Im „Alter der Unschuld“, das sich über die ersten 5–7 Lebensjahre erstreckt, fehlt Kindern nach konfuzianischer Vorstellung noch der Verstand, um viel lernen zu können. Sie werden darum noch verwöhnt und mit sehr großer Nachsicht behandelt. Die Mutter hat das Kind in dieser Lebensphase stets eng bei sich. Kleinkinder tragen statt Windeln kāidāngkù (), Hosen mit Schlitz im Schritt, die es dem Kind erlauben, sich zu erleichtern, ohne sich ausziehen zu müssen.
Sobald das „Alter des Verstehens“ erreicht wird, setzt eine strenge Disziplin ein. Für Jungen begann das Lernen traditionell mit dem Studium von Konfuzius’ Schriften bzw. mit einer landwirtschaftlichen oder handwerklichen Ausbildung; Mädchen wurden in Hausarbeiten und die Tugend der Bescheidenheit eingewiesen. In der Kaiserzeit wurde bei den Töchtern der Han-Chinesen in diesem Alter auch mit dem Binden der Füße begonnen.
Heute setzt mit dem „Alter des Verstehens“ bei beiden Geschlechtern die akademische Förderung ein.Ruth K. Chao: Beyond parental control & authoritarian parenting style: Understanding Chinese parenting through the cultural notion of training. In: Child Development, Band 45, 1994, S. 1111–1119 Da Eltern zunehmend die Lernfähigkeit auch junger Kinder entdecken, wird der Übergang zum „Alter des Verstehens“ heute oft etwas früher angesetzt als noch im 20. Jahrhundert.
Familie mini|Ein Mandarin und sein Sohn (1870) Die Familie nimmt im chinesischen Denken eine grundlegend andere Position ein als im westlichen. Während im westlichen Denken das Individuum im Mittelpunkt des Gedanken- und Wertesystems steht, hat die Familie im asiatischen Denken einen entsprechend hohen Stellenwert. Sie wird als Urzelle der Gesellschaft gedacht, und die auf sie bezogene Ideologie, die eine Ideologie der Hierarchie ist, zieht immer größere Kreise und wird am Ende auch auf die Gesamtgesellschaft und den Staat angewandt. Familienbeziehungen basieren weniger auf einer emotionalen Nähe oder Partnerschaftlichkeit, die aus einem individuell ausgestalteten Verhältnis mehrerer Personen erwächst, sondern vielmehr auf sozialen Rollen, die in China mit Größen wie dem Alter und Geschlecht der Familienmitglieder verknüpft sind.
Die Beziehung von Vater und Sohn ist im Konfuzianismus eine von fünf „Kardinalbeziehungen“ (wǔlún, ), und diejenige, die das Generationenverhältnis repräsentiert. Die in China bis heute hohe Wertschätzung der Söhne rührt daher, dass traditionell sie es waren, die ihre Eltern im Alter versorgt haben, während die Töchter das Elternhaus mit ihrer Heirat verlassen.
Kindliche Pietät (xiào)
Ein Grundbegriff der konfuzianischen Ethik ist xiào (), die kindliche Pietät.
Familie basiert in China traditionell und bis heute auf einem Generationenkontrakt. Die jüngere Generation verdankt der älteren ihr Leben, sie verdankt ihr Nahrung, Kleidung, Bildung, kurzum: alles, was sie hat. Für die jüngere Generation folgt daraus eine lebenslange Bürde; sie ist der älteren untergeordnet, verpflichtet und schuldet ihr Gehorsam. Ihre Aufgabe ist es, die ältere Generation stolz und glücklich zu machen, den Älteren zu dienen und sie im Alter zu versorgen. Die Aufgabe der Älteren ist es, die Jüngeren zu versorgen und sie auf verantwortungsvolle Weise zu unterweisen und zu leiten.
Kindliche Pietät ist ein zentrales Erziehungsziel und gilt als Schlüsselindikator dafür, wie viel Verantwortungssinn, Reife und Verlässlichkeit eine Person besitzt. Konfuzius und Mengzi halten es für statthaft, dass Kindern ihren Eltern widersprechen, sie müssen dies jedoch mit Achtsamkeit und unter Wahrung der Höflichkeitsregeln tun.
Diese Prinzipien wirken unvermindert bis in die Gegenwart:
Die Verpflichtung der Jungen beschränkt sich keineswegs auf die gegenüber Vater und Mutter. Das Individuum wird im chinesischen Denken als Produkt aller vorausgegangenen Generationen verstanden; insofern schuldet es auch seinen Vorfahren. In der Praxis bedeutet dies Einhaltung von Ritualen und Gebräuchen wie der Ahnenverehrung, Familienfeiern und Trauerritualen.
Die „24 Geschichten kindlicher Pietät“Hsiao Hsun – Eine Anthologie zur Kindespietät gehören in China zum Kanon der Kultur; sie sind ein Schatz der Tradition; doch China hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant gewandelt, nicht zuletzt im Gefolge der Globalisierung – wie kann man also die Kindespietät heute zeitgemäß ausdrücken und umsetzen? Rund zwei Dutzend Autoren und Autorinnen aus China, Taiwan, Singapur, Malaysia, Tschechien, Holland, Deutschland und der Schweiz formulieren in ihren Geschichten moderne Versionen dieser Denkweise.
Charakter (sùzhì) Ein weiterer zentraler Begriff der chinesischen Pädagogik ist Sùzhì (, etwa: „Qualität des Menschen“, „Charakter“). Ein Mensch, der Sùzhì besitzt, weist in den Bereichen Verhalten, Bildung, Ethik und Ehrgeiz bestimmte Qualitäten auf. Manchen fehlt es an Sùzhì, besonders offensichtlich solchen Personen, die sich ungeschliffen benehmen; während die Engstirnigen und Bigotten dann glauben, dass nichts dagegen getan werden könne, ist es in China jedoch die allgemeine Auffassung, dass Sùzhì per Erziehung gefördert oder eingeübt werden kann. Sùzhì jiàoyù () ist die Erziehung des Charakters und bezeichnet eine umfassende Erziehung mit starkem Akzent auf der moralischen Erziehung, neben der aber auch ideologische, physische und höhere intellektuelle Gesichtspunkte, wie etwa Problemlösen und andere analytische Fähigkeiten, eine Rolle spielen. Unterschieden wird Sùzhì jiàoyù damit von Yìngshì jiàoyù (), einer Bildung oder Erziehung, die rein auf Prüfungen ausgerichtet ist. Der pädagogische Psychologe Yan Guocai (Pädagogische Universität Shanghai) hat 2009 drei Gruppen von Sùzhì unterschieden: Zìrán sùzhì (), die natürliche Qualität, die angeboren ist und auch den physischen Zustand (Shēntǐ sùzhì, ) einschließt. Xīnlǐ sùzhì (), die psychologische Qualität, in der sich angeborene emotionale und geistige Zustände mit solchen vereinen, die durch Erziehung hervorgebracht werden. Shèhuì sùzhì (), die soziale Qualität, die durch Erziehung hervorgebracht wird und den politischen Charakter (Zhèngzhì sùzhì, ), den Intellekt (Sīxiǎng sùzhì, ), den moralischen Charakter (Dàodé sùzhì, ), die berufliche Leistung (Yèwù sùzhì, ), den Geschmack (Shěnměi sùzhì, ) und das Können (láojì sùzhì, ) umfasst.
Stark im Gebrauch ist der Begriff Sùzhì in China seit der Zeit der Republik China und spielt seitdem eine große Rolle im gesellschaftlichen Diskurs des Landes zu Bürgerverantwortung und Moral. Anders als die stark individualistische Mainstream-Erziehung der Westlichen Welt ist die chinesische Charaktererziehung stets auf das Gemeinwohl, auf das Funktionieren der Gesellschaft ausgerichtet.
Zu den Konzepten, die Sùzhì verwandt sind, zählen Jiàoyǎng (, „Erziehung“) und Xiūyǎng (, „Kultiviertheit“).
Training (jiāo xùn) und Lenken (guǎn) Die amerikanische Psychologin Ruth K. Chao, die sich seit den 1990er Jahren darum bemüht, die chinesische Erziehung für ein Westliches Publikum fassbar zu machen, beschreibt diese Erziehung als „Training“ (jiāoxùn, ) und „Lenken, Leiten, Führen“ (guǎn, ). Jiāoxùn ist das Einüben des Kindes in Selbstdisziplin, gute Arbeitsgewohnheiten und generell in das Verhalten, das von ihm erwartet wird. Guǎn bedeutet Führen, wobei diesem Begriff die im Westen damit oft verbundene Konnotation von Drill und selbstherrlichem Machtmissbrauch fehlt; guǎn bedeutet auch „lieben“ und „versorgen“.
Dimensionen der chinesischen Erziehung Akademische Leistung mini|Junge beim Studium (Zeit der Republik China) Eines der zentralen Ziele der chinesischen Erziehung sind traditionell und bis heute hohe akademische Leistungen. Kinder, die keine Höchstnoten erreichen, gelten bei ihren Eltern als mittelmäßig. China besaß seit der Ming-Zeit ein Verdienst-Beamtentum, das gelehrten Söhnen, die die äußerst anspruchsvolle Beamtenprüfung (kējǔ, ) bestanden, einen sozialen Aufstieg ermöglichte, der theoretisch unabhängig von der sozialen Schichtzugehörigkeit war. Die Prüfung wurde 1905 abgeschafft, und nach der Gründung der Volksrepublik China trat an die Stelle des alten Verdienstprinzips das Prinzip der persönlichen Verbindungen (guānxi, ). Die Kulturrevolution ging 1966 mit einer Schließung der Universitäten einher und lässt sich als der Versuch beschreiben, die höhere Bildung vollständig abzuschaffen.
Heute ist Bildung in der Volksrepublik China wieder hoch angeschrieben.
Geschlechterrollen Traditionell – das heißt strikt konfuzianisch – war der Vater in China das Haupt der Familie. Er übernahm Erziehungsverantwortung, sobald das Kind das „Alter des Verstehens“ erreichte, und übte diese Rolle vor allem mit Strenge aus. Die Mutter hingegen, die für das Kind bis zu diesem Zeitpunkt allein zuständig gewesen war, war meist milder; ihr oblag weiterhin die Sorge für das Kind. Da die Erwerbstätigkeit der Frauen in der Volksrepublik China im Vergleich zum alten China zugenommen hat, weicht diese Rollenverteilung gegenwärtig leicht auf.
Familiennetze sind in China generell engmaschiger geknüpft als im Westen. Mütter werden bei der Erziehung oft von Verwandten unterstützt, aber auch von Kindermädchen. In kinderreichen Familien übernehmen auch ältere Geschwister Versorgungs- und Erziehungsaufgaben.
Erziehungsmittel und Erziehungsfolgen Wichtigstes Erziehungsmittel ist in China die Kritik (pīpíng, ). Kritik ist in China keine Erfindung der KPCh oder der Kulturrevolution, sondern war bereits im Konfuzianismus fest verankert. Der Konfuzianismus fördert Kritik als Mittel des kulturellen Lernens und zur Stützung sozialer Werte. Kritik ist im chinesischen Alltags- und Sozialleben allgegenwärtig und normal und fühlt sich dort weniger schroff an als z. B. in westlichen Kulturen. Kinder zu loben, ist traditionell wenig üblich, weil es als unbescheiden gilt oder auch die Aufmerksamkeit böser Geister erregen könnte. Traditionell sprechen Eltern über ihre Kinder darum oft sogar abwertend.
Eine traditionelle Strafe für Verstöße gegen Verpflichtungen gegenüber Familienmitgliedern besteht darin, dass das Kind für eine begrenzte Zeit aus dem Haus ausgesperrt wird.
Die Emotionen, über die chinesische Erziehung das Kind formt, sind vor allem die Gefühle der sozialen Verpflichtung und der Scham. Chinesische Kinder lernen früh, ihre Emotionen zu kontrollieren. Sie sind emotional enger mit ihrer Familie verbunden als westliche Kinder und daher weniger unabhängig, ihre Emotionen sind jedoch, weil sie stets mit anderen Menschen geteilt werden, milder und stabiler.
Einfluss der sozialistischen Politik Unter chinesischen Erziehungswissenschaftlern herrscht weithin Einigkeit darüber, dass sowohl der Sozialismus als auch die Reform- und Öffnungspolitik auf die tradierten, vom Konfuzianismus geprägten Erziehungspraktiken zwar Einfluss genommen, diese aber nicht grundlegend verändert haben. Bis heute übernehmen junge Chinesen Verantwortung für ihre alternden Eltern. So lebten noch im Jahr 2016 75 % der über 60-Jährigen entweder im Haushalt eines Kindes oder in der unmittelbaren Nachbarschaft.