mini|hochkant|Handbuch der Sexualwissen­schaften von Albert Moll 1921 mit frühen Beiträgen zum Thema „Geschlechtsidentität“

Die Geschlechtsidentität oder geschlechtliche Identität umfasst geschlechtsbezogene Aspekte der menschlichen Identität. Der Begriff verdichtet im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs verschiedene Aspekte des Erlebens von Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. Dabei geht es um die Fragen, welchem Geschlecht eine Person angehört, ob sie sich ihrem biologischen Geschlecht entsprechend oder davon verschieden erlebt und das zum Ausdruck bringen kann und ob sie die damit verbundene Rolle in sexuellen und sozialen Situationen unmissverständlich und mit Erfolg zu entfalten vermag.

Die Geschlechtsidentität ist Teil des Selbsterlebens eines Menschen und damit Teil seiner Identität, in die auch andere Rollen, mit denen sich eine Person identifiziert, eingehen. Damit drückt sie sich . Die Geschlechtsidentität ist eine .

Geschlechtsidentität sei, so die Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker, „sowohl das Ergebnis komplexen Zusammenwirkens körperlicher, seelischer und sozialer Faktoren, als auch das Ergebnis gewaltiger psychischer Abwehr- und Integrationsleistungen“. Sie sei „ebenso wenig natürlich gegeben, wie ausschließlich das Produkt einer freien Wahl“.

Der Begriff und seine Geschichte Es gibt für den Begriff der Geschlechtsidentität keine verbindliche und allgemein oder auch nur in den Bezugswissenschaften anerkannte Definition, auf die man sich geeinigt hätte. Das führt zu Unsicherheiten darüber, welche Bedeutung diesem Begriff innewohnt, wenn er nicht im jeweiligen Kontext erläutert wird. Darüber hinaus werden andere Begriffe, wie Identitätsgeschlecht, Geschlechtsrollenidentität oder sexuelle Identität als Synonyme verwendet, in der Regel ohne dass geklärt wird, ob tatsächlich Gleiches oder hinreichend Ähnliches gemeint ist. In dieser Hinsicht unterscheiden Psychologie, Soziologie und Sexualwissenschaft als zentrale Bezugswissenschaften oft nicht. In der medialen Verwendung der Begriffe wird meist noch weniger differenziert. Mitunter wird dann auf Selbstverständliches aufmerksam gemacht: „In der Wissenschaft ist es […] notwendig, sich über die verwendeten Begriffe Klarheit zu verschaffen.“

Der Sexualwissenschaftler John Money prägte in den 1950er Jahren den Begriff der Geschlechterrolle ( “gender role”) und stellte ihm 1963 jenen der Geschlechtsidentität (“gender identity”) zur Seite, für den er 1965 in seinem Glossar eine formale Definition gab. Money verstand beide Begriffe als sich gegenseitig bedingend: Die Geschlechterrolle sei der äußerlich sichtbare Ausdruck der Geschlechtsidentität, die Geschlechtsidentität die innere Wahrnehmung der eigenen Geschlechterrolle.

Die Psychoanalytiker Ralph R. Greenson und Robert Stoller definierten Geschlechtsidentität 1964 bezogen auf das körperliche Geschlecht. Es gehe um die Gewissheit, welchem Geschlecht ( “sex”) man angehöre, und um das Bewusstsein, männlich oder weiblich zu sein.

In seiner Schrift Sex and Gender verwendete Stoller 1968 erstmals das Wort Gender, um Männlichkeit und Weiblichkeit einer Person von deren körperlichem Geschlecht (engl. “sex”) abzugrenzen. Die Geschlechtsidentität, die sich auf das körperliche Geschlecht bezieht, wurde von Stoller als “core gender identity” (deutsch: Kerngeschlechtsidentität) bezeichnet. Gender und Geschlechtsidentität erfuhren einen Bedeutungszuwachs, teilweise wurde Geschlechtsidentität als Oberbegriff verstanden. Richard Green beispielsweise verwendete bereits 1974 Geschlechtsidentität als Oberbegriff für Kerngeschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck und sexuelle Orientierung.

Eberhard Schorsch und andere hatten 1985 in Zusammenfassung von Stollers Ausführungen eine Definition zur sexuellen Identität vorgeschlagen und empfohlen, sie als einen Oberbegriff zu verstehen, unter dem drei verschiedene Sachverhalte subsumiert sind: die sogenannte Kerngeschlechtlichkeit als elementares Bewusstsein der Geschlechtszugehörigkeit, die Geschlechtsrolle im Sinne sozialer Potenz in dieser Rolle und der Sex im engeren Sinn, aber auch im Sinne eines Vertrauens in Vollwertigkeit und Potenz.

In ihrem Vortrag vom Dezember 2018 teilte die Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker mit, der Begriff Identität sei „ein recht spät auftauchender Begriff, der im Zusammenhang mit Unsicherheit über die Identität entstand“. Der Begriff Geschlechtsidentität sei aufgekommen, als die Begriffe Mann und Frau „nicht mehr klare Selbstverständlichkeiten waren“.

Der Sexualwissenschaftler Bosinski macht für die begrifflichen Unsicherheiten insbesondere eine mangelnde Unterscheidung von „geschlechtsspezifischen“ und „geschlechtstypischen“ Merkmalen verantwortlich und widmet ihrer Beschreibung in Auswertung zahlreicher Forschungsergebnisse besondere Aufmerksamkeit.

Zu den „geschlechtsspezifischen“ Merkmalen rechnet er die „Determinierung des genetischen Geschlechts“, aber auch jene des „Keimdrüsengeschlechts“, der „inneren Genitalstrukturen“ und der „äußeren Genital-Konfiguration“. Im Unterschied dazu befasst er sich für die „geschlechtstypischen“ Merkmale beispielsweise mit der „Körperhöhe“ – „Durchschnittlich (typischerweise) sind Männer in allen Kulturen ca. 8–10 cm größer als Frauen“ –, mit der Intelligenz – wenn auch für einzelne Faktoren, so ließen sich für die „Gesamtintelligenz keine Geschlechtsunterschiede“ finden – und mit der Aggressivität – „Männer zeigen durchschnittlich mehr unprovoziertes (!) fremdverletzendes Verhalten als Frauen“. Abweichungen von den geschlechtsspezifischen Merkmalen gelten als krankhaft, während Abweichungen in den geschlechtstypischen Unterschieden „nicht krank, sondern die Regel“ seien.

Im Lauf der Jahre hat es zahlreiche Umwidmungen der verschiedenen Begriffe im Zusammenhang mit dem der Geschlechtsidentität gegeben, die jedoch eher zu einer wachsenden Unübersichtlichkeit beigetragen, als zu einer Klärung geführt haben.

Im Jahr 2006 wurden in der indonesischen Stadt Yogyakarta die sogenannten Yogyakarta-Prinzipien ausgehandelt, die laut Heiner Bielefeldt „den aktuellen Stand der internationalen Menschenrechtsdiskussion“ repräsentieren und der „Weiterentwicklung der Menschenrechte“ dienen sollen. Sie wurden im Jahr 2008 von der inzwischen gegründeten Hirschfeld-Eddy-Stiftung erstmals in deutscher Sprache herausgegeben.

Entwicklung geschlechtlicher Identität Bosinski ging davon aus, dass „die Entwicklung der Geschlechtsidentität durch ein hochkomplexes, zeitabhängiges biopsychosoziales Bedingungsgefüge determiniert“ werde. Spätestens seit Simone de Beauvoir und ihrem 1949 erschienenen Buch Das andere Geschlecht hat sich eine fortdauernde Kontroverse über die Geschlechtsidentität und die Frage entwickelt, ob sie sich bevorzugt „oder gar ausschließlich“ über biologische Gegebenheiten, Einflüsse der Sozialisation oder die Wirkung psychogenetischer Faktoren konstituiert. Bosinski meint, es habe erfolge. Das sei zwar auch durch wissenschaftliche Befunde induziert, werde maßgeblich aber durch den „Zeitgeist“ beeinflusst. Der könne sich jedoch nicht nur von aktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen entfernen, sondern ganz im Widerspruch zu ihnen stehen.

Zu der Frage, wie sich die Geschlechtsidentität in der individuellen Entwicklung herausbildet, hat die psychoanalytische Theorie einiges beigetragen. Nach Jessica Benjamin verläuft die Sexualentwicklung vom Autoerotismus über den Narzissmus zur genitalen Liebe. Sie beschrieb im Detail vier Phasen in der Entwicklung der Geschlechtsidentität.

Während der ersten 1 ½ Lebensjahre „bildet sich die geschlechtliche Identität im Kern“ heraus. Dabei handele es sich um eine „bloß empfundene Überzeugung, männlich oder weiblich zu sein“. Daraus werde später die „Überzeugung, der einen oder der anderen Gruppe zuzugehören“. Das sei, was der Begriff Geschlechtszugehörigkeit bedeute.

In der 2. Hälfte des 2. Lebensjahres beginne mit der frühen Differenzierung die nächste Phase in der Herausbildung geschlechtlicher Identität „auf der Ebene der Identifikationen“. „In Abgrenzung von der geschlechtlichen Kern-Identität“ wurde dieses Phänomen 1983 von Person und Oversy mit dem Begriff der Geschlechtsrollenidentität beschrieben, weil männliche und weibliche Selbstbilder im Zentrum stehen. Das sei eine „psychische Errungenschaft“, die im Konflikt „von Trennung und Individuation erworben wird“. Das Kind beginne, beide Eltern bewusst und auch im Geschlecht zu unterscheiden. Mutter repräsentiere dabei in einem, wie Benjamin es nennt, traditionellen Geschlechterarrangement idealtypisch „Halten, Bindung und Versorgung“, Vater repräsentiere „Außenwelt, Erforschung und Freiheit“. Es gehe im Erleben des Kindes noch nicht um eine Triade, also Vater-Mutter-Kind, sondern noch um Dyade, also Vater-Kind oder Mutter-Kind. Hier entstehe so etwas wie „identifikatorische Liebe“.

Im Alter von 2 bis 3 ½ Jahren sei die Liebesfähigkeit des Kindes noch stark narzisstisch gefärbt. Wenn der Junge in dieser Zeit wie Mutter und das Mädchen wie Vater sein wolle, sei das weder Ausdruck der Ablehnung des eigenen Geschlechtes noch Reaktion auf Konflikte – Freud sprach als einen zentralen Konflikt während der psychosexuellen Entwicklung des Kindes beispielsweise Kastrationsdrohungen an. Stattdessen gehe es um Liebe und Bewunderung für das jeweils andere Geschlecht. Kinder würden nun beginnen, das „Repertoire von Gesten und Verhalten, das die Kultur zum Ausdruck von Männlichkeit und Weiblichkeit bereithält, für sich zu assimilieren“. Noch versuchten die Kinder aber, „beide Optionen in sich selbst zu verwirklichen“. Nur langsam dringe, gegen Ende dieser Entwicklungsphase, der Konflikt „zwischen Wunsch und anatomischer Realität“ ins Bewusstsein. . Beide aber würden – noch – alles sein wollen und protestierten gegen die „geschlechtsspezifischen Grenzen“. Sich auf Sigmund Freud beziehend gingen ältere psychoanalytische Konzepte, die inzwischen weitgehend aufgegeben wurden, davon aus, dass Jungen in dieser Entwicklungsphase die Gebärfähigkeit und Mädchen den Penis neiden würden. Als Erste stellte sich Karen Horney 1922 diesen theoretischen Konstrukten Freuds entgegen.

Gegen Ende des vierten Lebensjahres beginne die Phase der „eigentlichen Geschlechterdifferenzierung“. Dabei würden „die komplementären Gegensätze dem Selbst und dem Anderen zugeordnet“. In dieser Phase werde die identifikatorische Liebe zum – „gewöhnlich, aber nicht zwangsläufig“ – andersgeschlechtlichen Elternteil aufgegeben. Dies führe nicht selten zu Rivalität und „verächtliche[r] Ablehnung des anderen Geschlechts“ oder zu Liebe und Sehnsucht nach dem verlorenen Anderen. In dieser Phase könne ein „chauvinistische[s] Beharren auf dem eigenen Geschlecht“ – „jede(r) muss genauso sein wie ich“ – beobachtet werden. Die gleichgeschlechtliche Identifikation werde nun unterstützt durch andere als die Elternfiguren und auch durch Gleichaltrige. Idealtypisch würden nun die eigenen Grenzen anerkannt und im Anderen das geliebt, was verschieden ist. Das bedeute, angekommen zu sein bei „Identifikation und Objektliebe“. Insbesondere die Liebe, die sich auf den Anderen richtet, setze Spannungstoleranz voraus und die müsse sich entwickelt haben, damit dieser Entwicklungsschritt gelingen könne. Je weniger das Kind in „rigiden, komplementären Rollenvorstellungen“ steckenbleibe, umso eher könne sich, wie Benjamin sagt, eine entspannte „Vertrautheit mit Besonderheiten des anderen Geschlechts“ einstellen.