Der VEB Berliner Vergaser- und Filterwerke (BVF) mit Sitz an der Frankfurter Allee und Filialen am Stralauer Platz im Stadtbezirk Berlin-Friedrichshain sowie im Stadtbezirk Berlin-Prenzlauer Berg war Produzent von Vergasern für die in der DDR gebauten Kraftfahrzeuge Trabant und Wartburg, für Landmaschinen und für die späteren Zweiradfahrzeuge. Außerdem wurden die Außenbordmotoren der Baureihen „Tümmler“ und „Forelle“ dort gefertigt. Der Betrieb entstand 1946 im Ostteil von Berlin durch Zusammenschluss von bereits lange zuvor bestehenden Vergaserfabriken. Später in der DDR-Zeit wurden Kraftfahrzeughersteller und Zulieferbetriebe im IFA zwangsweise zusammengefasst. Jedem Unternehmen wurde zugeteilt, was es herzustellen hatte.

Nach der deutschen Wiedervereinigung hat der Simson-Nachfolger MZA Meyer Zweiradtechnik GmbH die Bild- und Wortmarke BVF gekauft. Er bezeichnet mit dem eingeführten Markennamen BVF seitdem seine Vergaser, die mit den früheren DDR-Vergasern baugleich sind.

Vorgeschichte der Betriebsgründung mini|Werbung für den Pallas-Vergaser aus Charlottenburg (1914) mini|Gedenktafel am Haus, Frankfurter Allee 73A, in Berlin-Friedrichshain Die Gründung der Berliner Vergaser-Werke (BVF) geht auf das Jahr 1946 zurück. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren ihre direkten Vorgängerbetriebe die Pallas-Apparate-Gesellschaft mbH (im Folgenden: Pallas) und die Sum Vergaser-Gesellschaft Carl Wirsum & Co. KGKatalog der Berliner Vergaser Werke, 1966, S. 3 (Stiftung Deutsches Technik-Museum Berlin (SDTMB) – Archiv: III. SSg. 2, 233). (im Folgenden: Sum), deren Fabrikgrundstücke nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend im sowjetischen Sektor Berlins lagen und später enteignet bzw. verstaatlicht wurden.

Die Pallas-Vergaser-Gesellschaft mbH wurde 1910 in der Stadt Charlottenburg mit einem Stammkapital von 200.000 Mark gegründet.Satzung der Pallas Vergaser Gesellschaft, 1910, Bl. 2 (SDTMB-Archiv: 1.2.060 A, 0812) Unternehmenszweck waren die „Fabrikation und der Vertrieb der nach dem in dem Besitze der Herren August Wasmuth und Paul Schüttler befindlichen Vergaser-Schutzrechten konstruierte Pallas-Vergaser“.Satzung der Pallas Vergaser Gesellschaft, 1910, Bl. 1 (SDTMB-Archiv: 1.2.060 A, 0812) 1914 begannen Gespräche zwischen den Eigentümern der Pallas und der Allgemeinen Electricitäts-Gesellschaft (AEG) mit dem Ziel einer Übernahme der Pallas durch die AEG; im Juli 1915 besaß die AEG schließlich „die sämtlichen Stammanteile der Pallas-Vergaser-Gesellschaft mit beschränkter Haftung in Berlin (…)“.„Versammlung der Gesellschafter der Palls (sic!) Vergaser Gesellschaft (…)“, 31. Juli 1915 (SDTMB-Archiv: 1.2.060 A, 0812) Ab diesem Zeitpunkt vertrieb Pallas als reine AEG-Tochtergesellschaft Vergaser, Kraftstoffpumpen, Benzinfilter und Flugzeuggeräte, die im AEG-Werk für Zählerapparate an der Ackerstraße hergestellt wurden.

Im Jahr 1918 erfolgte die Umfirmierung der Pallas-Vergaser-Gesellschaft mbH in Pallas-Zenith-Gesellschaft mbHDirektionsschreiben der Pallas-Apparate-Gesellschaft an JB, 10. Juni 1918 (SDTMB-Archiv: 1.2.060 A, 0812), da die Pallas das Geschäft der Zenith-Vergaser-Gesellschaft mbH (im Folgenden: Zenith) gegen Überlassung von 50 Prozent ihrer Geschäftsanteile an den Besitzer der Zenith, die Hasag Apparatebau GmbH (eine Tochtergesellschaft der Hugo Schneider AG, Leipzig)Schreiben des Bz der Pallas–Zenith-Gesellschaft mbH an das Juristische Büro, 30. Oktober 1918 (SDTMB-Archiv: 1.2.060 A, 0812) in Lizenz übernahm. Zum 24. Dezember 1921 wurde die Firma in Pallas-Apparate-Gesellschaft mbH (im Folgenden: PAG) geändert; in den nächsten Jahren erfolgten einige Erhöhungen des Gesellschafts-Stammkapitals. 1925 wurde das Geschäftsfeld der PAG um den gewerbsmäßigen Handel mit Kraftfahrzeugen erweitert. Nach einem Übernahmeangebot durch die AEG trat 1929 der Teilhaber Hugo Schneider seine Anteile ab.Schreiben der AEG an das Finanzamt Börse, 19. Juni 1929 (SDTMB-Archiv: 1.2.060 A, 0812) Im Mai 1931 übernahm der französische Vergaserhersteller Société Générale des Carburateurs Zénith zehn Prozent der Geschäftsanteile der PAG und übergab vor diesem Hintergrund die allgemeine und ausschließliche Fabrikations- und Verkaufslizenz für ihre Erzeugnisse an die PAG.Schreiben der Société Générale des Carburateurs Zenith an die PAG G.m.b.H., 24. März 1931(SDTMB-Archiv: I.2.060 A, 02524) Erwähnenswert ist auch, dass bei der PAG in Lizenz der US-amerikanischen Bendix-Stromberg Corporation auch Vergaser für Flugmotoren gefertigt wurden; so fand ein Pallas-Stromberg-Vergaser Verwendung in dem von 1933 bis 1945 hergestellten Sternmotor BMW 132.

Die Sum Vergaser-Gesellschaft Carl Wirsum & Co. KG wurde 1920 in Berlin als zweiter Ursprungsbetrieb der BVF von Carl Wirsum gegründet, einem ehemaligen Pallas-Mitarbeiter im Konstruktionsbüro und in der Versuchsabteilung. Sum stellte vorwiegend Vergaser für Motorräder und ab Anfang der 1930er Jahre auch für Flugmotoren (Siemens & Halske Sh 14 bzw. SAM/Bramo 314, Argus As 10) her. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der daraus resultierenden Wiederaufrüstung wurde Sum zum Großbetrieb; die Produktionsstätten wurden aus Platzgründen von der Berliner Wiesenstraße an die Michaelkirchstraße verlegt.Katalog der Berliner Vergaser Werke, 1966, S. 41 (SDTMB-Archiv: III. SSg. 2, 233) Im Zweiten Weltkrieg kamen bei der Sum auch Zwangsarbeiter zum EinsatzMaren Brodersen: Berliner Zwangsarbeits-Firmen.; das Unternehmen nutzte zur Unterbringung dieser Arbeiter ein „Ausländerlager“ auf dem Grundstück Brandenburgstraße 81, SW 68 (Kreuzberg, seit 1962 Lobeckstraße).zwangsarbeit-forschung.de

Die Situation der frühen Nachkriegszeit Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sowohl bei der PAG als auch bei der Sum die Bergung der unter Kriegstrümmern verschütteten Werksausrüstung; auch im Rahmen von sowjetischen Reparationsaufträgen wurde bei der PAG ab Mitte 1945 mit der Vergaserreparatur, dem Neubau von Vergasern und sonstigem Wirtschaftsgut in angemieteten Räumen an der Ackerstraße und – aus Platzgründen – seit dem Frühjahr 1946 an der Frankfurter Allee begonnen„PAG mbH; Bericht über die finanzielle und wirtschaftliche Lage des Unternehmens Mitte 1949“, 1949, S. 2 (SDTMB-Archiv: I.2.060 A, 02678); das Unternehmen firmierte unter Pallas-Apparate GmbH Gerätewerk.Katalog der Berliner Vergaser Werke, 1966; S. 5 (SDTMB-Archiv: III. SSg. 2, 233) Auch die Sum nahm ihre Produktion in begrenztem Umfang wieder auf. Bezugnehmend auf das Gesetz zur Überführung von KonzernenBerliner Zeitung vom 22. April 1948 (SDTMB-Archiv: I.2.060 A, 0812) und sonstigen privat geführten Wirtschaftsunternehmen in das Gemeineigentum von Groß-Berlin beschlagnahmte der Ostberliner Magistrat 1947 sowohl die Pallas-Apparate GmbH Gerätewerk als auch die Sum-Vergaser-Gesellschaft und stellte sie unter treuhänderische Verwaltung.Katalog der Berliner Vergaser Werke, 1966; S. 5 (III. SSg. 2, 233) Als weitere Maßnahme erfolgte auf Weisung der sowjetischen Kommandantur des Ost-Berliner Stadtteils Friedrichshain – wohl um die Produktionskraft der in ihren ehemaligen Ausmaßen stark reduzierten Unternehmen Pallas und Sum zu stärken – die Konzentration beider Betriebe an der Frankfurter Allee; der durch diese Zusammenführung geschaffene neue Betrieb firmierte hier unter Treuhandverwaltung Berliner–Vergaser Fabrik – Systeme Pallas und Sum.Katalog der Berliner Vergaser Werke, 1966; (III. SSg. 2, 233) Die Unternehmensleitung der infolge der Ost-Berliner Enteignungsmaßnahmen um seine Produktionsorte gebrachten PAG, die in Berlin-Grunewald am Hohenzollerndamm residierte, kam nach einer nüchternen Analyse zum Schluss, dass eine Wiederaufnahme der Vergaserproduktion – mit allen damit verbundenen Investitionen und unter Berücksichtigung der durch die Kriegsumstände nicht mehr vorhandenen Wettbewerbsfähigkeit„Bericht über den derzeitigen Stand der Pallas Apparate-Gesellschaft m.b.H“, 1949, S. 2 (SDTMB-Archiv: I.2.060 A, 02678) – unter dem Dach der AEG unwirtschaftlich sei„Notiz über eine Besprechung. Betr.: Pallas-Apparate-Gesellschaft m.b.H“ (SDTMB-Archiv: I.2.060 A, 02678); man verkaufte die West-Berliner Reste der PAG, die noch ein Fabrikgrundstück an der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg umfassten„Bericht über die finanzielle und wirtschaftliche Lage des Unternehmens Mitte 1949“, 1949, S. 2 (SDTMB-Archiv: I.2.060 A, 02678), schließlich 1950 an die Deutsche Vergaser-Gesellschaft;Schreiben der AEG an Herrn Alfred Pierburg, 23. März 1950 (SDTMB-Archiv: I.2.060 A, 04621) 1953 wurde die PAG aus dem Handelsregister gelöscht.„Betr. Vertrag zwischen AEG und Zenith vom 05.Mai 1931“, 1955, S. 1 (SDTMB-Archiv: I.2.060 A, 02524)

Die betriebliche Entwicklung der BVF von 1949 bis zum politischen Umbruch 1989 Ab 1949, dem Gründungsjahr der DDR, wurde die Berliner Vergaser-Fabrik zum Volkseigenen Betrieb (VEB).Katalog der Berliner Vergaser Werke, 1966; S. 5 f. (SDTMB-Archiv: III. SSg. 2, 233) Als Mitglied im Industrieverband Fahrzeugbau der DDR (IFA) war die BVF zunächst Unterbetrieb des IFA-Kombinats für Kraftfahrzeugteile Karl-Marx-Stadt, ab 1979/1980 Teil des neugebildeten IFA–Kombinats Nutzkraftwagen.Fertigungsprogramm des VEB IFA Kombinats Ludwigsfelde 1979/1980 (SDTMB-Archiv: III. SSg. 2, 13823) Zusätzlich fungierte die BVF mit Beginn des Filterbaus 1967 als Leitbetrieb für kleinere Betriebseinheiten in diesem Produktsegment. Der Flächenbedarf der Berliner Vergaser-Fabrik für die Produktion vergrößerte sich von 1745 m² in der frühen Nachkriegszeit auf 15.257 m² im Jahr 1966.Katalog der Berliner Vergaser Werke, 1966; S. 6 (SDTMB-Archiv: III. SSg. 2, 233)

mini|Ehemalige Vergaser- und Filterfabrik am Stralauer Platz Neben dem Betriebsgelände Frankfurter Allee 71 im Stadtteil Berlin-Friedrichshain verfügte die BVF bald noch über weitere Standorte; zu nennen sind der Betriebsteil am Stralauer Platz – ebenfalls in Friedrichshain – sowie ein Areal im Stadtteil Berlin-Prenzlauer Berg, das von der Ostseestraße, der Greifswalder Straße und der Mandelstraße begrenzt wurde und eine Größe von 44.000 m² hatte. Während zu Beginn der Produktion im September 1946 nur 15 Personen zur Belegschaft zählten, stieg diese Zahl sukzessive auf 192 Personen am Anfang des Jahres 1948, auf 348 Personen am Jahresanfang 1949, auf 700 Personen im Jahr 1966Katalog der Berliner Vergaser Werke, 1966; S. 6 (SDTMB-Archiv: III. SSg. 2, 233) und schließlich auf 2140Abschrift der Information des Betriebsdirektors vom 7. Mai 1990; S. 2 (SDTMB-Archiv: I.2.025, 0028) im Jahr 1990, dem letzten Jahr des Bestehens der BVF. Neben DDR-Bürgern fand auch eine Zahl von südamerikanischen und asiatischen Vertragsarbeitern beiderlei Geschlechts bei der BVF Anstellung.Werksausweise der Berliner Vergaser- und Filterwerke (I.2.025, 0397)