Paul Rafael Hirsch (* 10. März 1883 in Mannheim; † 17. Juni 1961 in Heidelberg) war ein deutscher Historiker und Mitarbeiter der Monumenta Germaniae Historica.
Leben Paul Hirsch stammte aus der bedeutenden jüdischen Kaufmannsfamilie Hirsch aus Baden, der Getreidegroßhändler Emil Hirsch (1840–1918) war sein Onkel.Jüdischer Hauptfriedhof Mannheim. Feld B II Fam. Mannheimer Hefte 1960/1, S. 23. Sein Vater Oskar Hirsch (1846–1924) führte ein Mannheimer Handelsunternehmen, die Mutter Clara Hirsch geborene Mayer (1856–1917) stammte ebenfalls aus der Mannheimer Gemeinde. Nach dem Abitur, das er 1901 am Mannheimer Gymnasium ablegte, studierte Paul Hirsch Geschichte in Heidelberg, Berlin und Straßburg. Er besuchte auch kunsthistorische, archäologische, klassisch-philologische und juristische Vorlesungen. Im Jahr 1909 wurde er bei Harry Bresslau an der Straßburger Kaiser-Wilhelm-Universität promoviert mit einer Arbeit über die Erhebung Berengars I. von Friaul zum König von Italien. Da die väterliche Firma vom Direktor Fritz Thomas (1893–1975) weitergeführt wurde, dem späteren Ehemann seiner jüngeren Schwester Olga Marianne (1891–1968), konnte Hirsch seine geisteswissenschaftliche Laufbahn fortsetzen. Er gehörte zum Straßburger Arbeits- und Freundeskreis um Hans Wibel, Walter Lenel, Robert Hedicke, Alfred Hessel und Paul Wentzcke und arbeitete als Assistent von Marc Rosenberg an dessen dritter Auflage Der Goldschmiede Merkzeichen.
Nach dem Ersten Weltkrieg mussten die deutschen Wissenschaftler Straßburg verlassen. Anders als sein akademischer Lehrer Harry Bresslau war Hirsch evangelisch getauft und heiratete am 25. April 1925 die Nichtjüdin Elsa Luise Schüle (1889–1983) aus Pforzheim. Hirsch hatte auch nach dem Tod Bresslaus 1926 ein enges Verhältnis zu dessen Familie und lebte ab 1927 als Privatgelehrter in Heidelberg, wo auch Bresslaus Witwe lebte. Er war mit Richard Wolff befreundet, der in den 1920er Jahren Chefredakteur beim Pressebericht der Reichsregierung und 1934/35 Vorsitzender des „Reichsverbands der nichtarischen Christen“ warBarbara Müller-Wesemann: Theater als geistiger Widerstand. Der Jüdische Kulturbund in Hamburg 1934–1941. M&P Verlag für Wissenschaft und Forschung, Stuttgart 1996, ISBN 3-476-45167-4, S. 88. und mit dem er sich von 1924 bis 1935 regelmäßig brieflich austauschte. Während der nationalsozialistischen Judenverfolgung bewahrte ihn die sogenannte „Mischehe“ zunächst noch vor der Vertreibung oder Verschleppung.Nikola Becker: Jüdische Mitarbeiter bei den Monumenta Germaniae Historica im „Dritten Reich“. Paul Hirsch, Josef Juncker und Erika Sinauer. In: Historisches Jahrbuch 135 (2015), S. 453–502, hier: S. 473. Allerdings wurde ihm der Zugang zur Bibliothek und zur Universität verwehrt. Hirsch war zunehmend von Alltagsschikanen wie der Einziehung von Telefon, Fahrrad und Rundfunkempfänger, Bewegungseinschränkungen, dem Verbot der Benutzung von Straßenbahnen sowie der für Juden eingeschränkten Lebensmittelversorgung betroffen. Ab September 1941 musste er den Judenstern tragen. Die Stellung als Lehrbeauftragter wurde ihm aberkannt, sodass das Ehepaar vom Verkauf des verbliebenen Eigentums leben musste.
Sein Haus in der Happelstraße 15 wurde zwar nicht zum Judenhaus deklariert, sollte aber nur noch „Nichtarier“ beherbergen. Dort gewährte das Ehepaar anderen Verfolgten Unterkunft. Unter anderem lebten bei ihnen seine Cousine Klara Eberstadt (1875–1952), Liese Hachenburg (* 1892, Tochter von Max Hachenburg) und die Haushälterin eines im Sommer 1942 nach Theresienstadt deportierten Arztes und dessen hochbetagter Mutter. Ende Januar 1945 wurde die innerhalb der Gestapo umstrittene Schonung von „Mischehen“ aufgehoben und Paul Hirsch erhielt zur Vorbereitung der Deportation eine Vorladung zum Gesundheitsamt. Vor dem Abtransport bewahrte ihn die von zwei befreundeten Ärzten auf Drängen seiner Ehefrau vorgenommene Behandlung mit dem fiebererzeugenden Medikament Pyrifer, die ihn transportunfähig machte.Nikola Becker: Jüdische Mitarbeiter bei den Monumenta Germaniae Historica im „Dritten Reich“. Paul Hirsch, Josef Juncker und Erika Sinauer. In: Historisches Jahrbuch 135 (2015), S. 453–502, hier: S. 470. Dr. phil. Paul Hirsch. In: Norbert Giovannini, Claudia Rink, Frank Moraw: Erinnern, Bewahren, Gedenken. Die jüdischen Einwohner Heidelbergs und ihre Angehörigen 1933–1945. Biographisches Lexikon mit Texten. Heidelberg 2011, S. 175 f. Damit war Paul Hirsch eine der neun Personen (von 31), die sich dem letzten Abtransport am 14. Februar 1945 entziehen konnten,Frank Moraw: Heidelberg – Theresienstadt – Heidelberg. Zur letzten Deportation aus Heidelberg im Februar 1945. In: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 2009. 13. Jg., 2009, S. 91–122, hier: S. 92 f. (online). und gehört zu den ganz wenigen als „Volljuden“ von den Nationalsozialisten verfolgten Personen, die den Holocaust in Heidelberg überlebt haben, ohne aus der Stadt deportiert zu werden.Norbert Giovannini, Claudia Rink, Frank Moraw: Erinnern, Bewahren, Gedenken. Die jüdischen Einwohner Heidelbergs und ihre Angehörigen 1933–1945. Biographisches Lexikon mit Texten. Heidelberg 2011, S. 24.
Von 1946 bis 1958 wurde er als ehemals Verfolgter von der Portheim-Stiftung unterstützt und erhielt auch wieder Lehraufträge. Ab Sommersemester 1947 hatte er einen Lehrauftrag für mittelalterliche Quellenkunde an der Universität Heidelberg. Die Eheleute lebten nach 1945 weiter in ihrem Haus in der Happelstraße in Heidelberg.
Forschungsschwerpunkte Sein Arbeitsschwerpunkt war die Geschichte Italiens im 9. und 10. Jahrhundert. Eine angestrebte Übersetzung der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus wurde nicht vollendet. Hirsch erforschte auch die jüdische Geschichte.Paul Hirsch: Die Mannheimer Judenschaft am Ende des achtzehnten Jahrhunderts. In: Mannheimer Geschichtsblätter, Jg. 23, 1922, S. 178–190. Im Auftrag der Monumenta Germaniae Historica übernahm Hirsch ab 1914 mit der Edition der Sachsengeschichte des Widukind von Corvey eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte des 10. Jahrhunderts. Finanzielle und berufliche Schwierigkeiten verzögerten die Fertigstellung der Edition. Bresslau versuchte nach dem Ersten Weltkrieg vergeblich, eine Anstellung für seinen Schüler Hirsch bei der badischen Regierung zu erreichen.Nikola Becker: Jüdische Mitarbeiter bei den Monumenta Germaniae Historica im „Dritten Reich“. Paul Hirsch, Josef Juncker und Erika Sinauer. In: Historisches Jahrbuch 135 (2015), S. 453–502, hier: S. 476. Der Mannheimer Altertumsverein strich ihn 1933 aus seiner Mitgliederliste. Die Aufnahme in den 1933 errichteten Reichsverband Deutscher Schriftsteller wurde ihm verwehrt. Hirsch fürchtete wegen seiner jüdischen Abstammung, dass die Ausgabe nicht unter seinem Namen erscheinen könne, und einen Verriss aus antisemitischen Motiven.MGH-Archiv 338/243, Blatt 175–191: Paul Hirsch. Erst 1935 konnte die Widukind-Ausgabe erscheinen. Paul Fridolin Kehr hatte als Präsident der Monumenta Germaniae Historica das Erscheinen der Ausgabe unter Hirschs Namen noch zwei Jahre nach der „Machtergreifung“ ermöglicht. Hirsch hatte im Juli 1934 noch Verständnis geäußert für Kehrs mögliche Entscheidung, „einem von allen Hemmungen der Vergangenheit – der Überlieferung, der unglücklichen Inangriffnahme wie auch wohl der Abstammung – unbeschwerten, im neuen Geist der Wissenschaft, wie überhaupt des umgestalteten Denkens, arbeitenden Glücklicheren Platz zu machen“.Zitiert nach Nikola Becker: Jüdische Mitarbeiter bei den Monumenta Germaniae Historica im „Dritten Reich“. Paul Hirsch, Josef Juncker und Erika Sinauer. In: Historisches Jahrbuch 135 (2015), S. 453–502, hier: S. 479.
Bewertung Nikola Becker befasste sich mit den drei wegen ihrer jüdischen Abstammung verfolgten und deswegen heute weniger bekannten Mitarbeitern der Monumenta Germaniae Historica Paul Hirsch, Erika Sinauer und Josef Juncker. Sie kam zum Fazit, dass der Aderlass der deutschen Wissenschaft infolge der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -vernichtung auch die Monumenta Germaniae Historica betraf.Nikola Becker: Jüdische Mitarbeiter bei den Monumenta Germaniae Historica im „Dritten Reich“. Paul Hirsch, Josef Juncker und Erika Sinauer. In: Historisches Jahrbuch 135 (2015), S. 453–502, hier: S. 502.
Veröffentlichungen mit Hans-Eberhard Lohmann: Widukindi monachi Corbeiensis rerum gestarum Saxonicarum libri tres. = Die Sachsengeschichte des Widukind von Korvei (= Monumenta Germaniae Historica. Scriptores. 7: Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi. Bd. 60). 5. Auflage. Hahn, Hannover 1935 (Digitalisat). Die Erhebung Berengars I. von Friaul zum König in Italien. Schmidt, Straßburg 1910 (Straßburg, Universität, Dissertation, 1909).
Literatur Dr. phil. Paul Hirsch. In: Norbert Giovannini, Claudia Rink, Frank Moraw: Erinnern, Bewahren, Gedenken. Die jüdischen Einwohner Heidelbergs und ihre Angehörigen 1933–1945. Biographisches Lexikon mit Texten. Förderkreis Begegnung, Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-88423-353-5, S. 175–176. Nikola Becker: Jüdische Mitarbeiter bei den Monumenta Germaniae Historica im „Dritten Reich“. Paul Hirsch, Josef Juncker und Erika Sinauer. In: Historisches Jahrbuch 135 (2015), S. 453–502. Marie Luise Bulst: Paul Hirsch in memoriam 1883–1961. In: Ruperto Carola. Jahrgang 13, Band 30, 1961, S. 159–160. Karel Hruza: Paul Hirsch (1883–1961). In: Martina Hartmann, Annette Marquard-Mois, Maximilian Becker (Hrsg.): Zwischen Vaterlandsliebe und Ausgrenzung. Die jüdischen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Monumenta Germaniae Historica (= Monumenta Germaniae Historica. Studien zur Geschichte der Mittelalterforschung. Band 2). Harrassowitz, Wiesbaden 2023, ISBN 978-3-447-11975-7, S. 235–246.
Anmerkungen
Kategorie:Mittelalterhistoriker Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1883 Kategorie:Gestorben 1961 Kategorie:Mann Kategorie:Person (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg) Kategorie:NS-Opfer