mini|Ölgemälde von Ted Hughes 2004
Crow’s First Lesson ist ein Gedicht des englischen Dichters und Schriftstellers Ted Hughes, das erstmals 1970 im Rahmen des Zyklus der Crow-Gesänge (Crow. From the Life and Songs of the Crow) in dem Londoner Verlag Faber & Faber veröffentlicht wurde.
Die amerikanische Ausgabe der Crow-Gesänge von 1971 im New Yorker Harper & Row Verlag und die englische Zweitauflage aus dem Jahre 1972 wurden um sieben weitere Gedichte ergänzt. Seitdem sind mehrere Neuauflagen in unterschiedlichen Verlagen erschienen.
Der Zyklus der Crow-Gedichte gilt als eines der ambitioniertesten poetischen Projekte Hughes’, in dem er erstmals den großangelegten Versuch einer modernen Mythenschöpfung unternimmt.Rainer Lengeler: TED HUGHES · Crow‘s First Lesson. In: Rainer Lengeler (Hrsg.): Englische Literatur der Gegenwart 1971–1975. Bagel Verlag, Düsseldorf 1977, ISBN 3-513-02226-3, S. 348–352, hier S. 348
Eine deutsche Erstübertragung der Crow-Gedichtsammlung von Elmar Schenkel wurde 1986 unter dem Titel Krähe: aus dem Leben und den Gesängen der Krähe – Gedichte = Crow: From the Life and Songs of the Crow in einer zweisprachigen Ausgabe im Klett-Cotta Verlag herausgegeben, die 2002 neu aufgelegt wurde. Crow’s First Lesson ist seitdem mehrfach in verschiedenen Gedichtsammlungen Hughes’ und diversen anderen Anthologien abgedruckt worden.
Interpretationsansatz Obwohl Hughes’ Gedicht in freien Rhythmen verfasst ist, sind die 18 Zeilen vom Druckbild her auf verschiedene Strophen verteilt. Den zwei ersten Strophen von jeweils vier Zeilen, die auch in inhaltlicher Hinsicht abgeschlossen sind, folgen zwei Strophen von jeweils fünf und vier Zeilen, die zusammen mit der im Druckbild abgesetzten Schlusszeile ebenfalls eine inhaltlich-thematische Einheit bilden.
Die zwei anfänglichen Versuche Gottes, der soeben geborenen Krähe das Sprechen und vor allem das Wort „Liebe“ beizubringen, bleiben erfolglos; der folgende dritte Anlauf führt zum endgültigen Scheitern. In sprachlicher Hinsicht liegt in dem Gedicht ein Bericht in der Er-Form vor, der durch direktes Reden verlebendigt und dramatisiert wird. Bezeichnenderweise ist die direkte Rede jedoch ausschließlich auf Gott beschränkt; Crow als ungelehriger Schüler ist in keiner Weise zu irgendeiner sprachlichen Äußerung fähig und kann nur den Schnabel aufreißen.
Der verwendete Wortschatz ist betont einfach; dennoch tragen zahlreiche auffällige lautmalende (crash, zoom, convulse, retch) und präpositionale Verben (zoom out, bulb out, drop over, fly off) dazu bei, die Anschaulichkeit und Lebendigkeit der poetischen Darstellung in erheblichem Maße zu verstärken. Im Satzbau überwiegen anfangs die syntaktischen Nebenordnungen mit einer gehäuften Verwendung des rhetorischen Stilmittels des Syndetons („Crow gaped, and the white teeth flashed ...“), während demgegenüber die letzten drei Zeilen durch den Einsatz des Mittels des Asyndetons deutlich davon abgehoben werden. Die bewusste Nutzung einer Vielzahl von Stilmitteln zeigt eindeutig die rhetorischen Absichten des Verfassers, die den gesamten Sprachstil des Gedichtes prägen. Klar erkennbar ist dieser rhetorische Ausdruckswille vor allem in der hervortretenden Verwendung von Wiederholungen und Reihungen zum Zwecke der Steigerung und Intensivierung der Darstellung.Vgl. Rainer Lengeler: TED HUGHES · Crow’s First Lesson. In: Rainer Lengeler (Hrsg.): Englische Literatur der Gegenwart 1971–1975. Bagel Verlag, Düsseldorf 1977, ISBN 3-513-02226-3, S. 348–352, hier S. 350.
Die Wiederholungen der Worte Gottes und der jeweils stereotypen Reaktion der Krähe darauf („Crow gaped“) verdeutlichen nicht nur emphatisch das lyrische Handlungsgerüst, den dreifachen Sprachversuch, sondern betonen in Verbindung mit den Reihungen zudem die Steigerung der Auswirkungen des göttlichen Sprachexperiments. Nach dem zweimaligen „Crow gaped“ in den ersten beiden Strophen wird in Zeile 10 die Klimax ins Bewusstsein gehoben: „Crow convulsed, gaped, retched“.
Die dreifache Wiederholung zur Steigerung und Entlarvung des Scheiterns der Bemühungen Gottes bildet nicht nur das entscheidende formale Gestaltmuster des Gedichts, sondern schlägt sich ebenso im Inhalt nieder. Hughes äußert sich an anderer Stelle dahingehend, dass der biblische Gott vom Schöpfer der Welt ebenso weit entfernt sei, wie das Alltagsenglisch von der Realität. Aus seiner Sicht stellt dementsprechend der christliche Liebesbegriff eine leere Worthülse dar, die die Beziehung zur lebendigen Realität einzig verstellt, nicht aber angemessen reflektiert. In der Gestalt von Crow, die nicht von Gott geschaffen worden ist, manifestiert sich diese eigentliche Wirklichkeit. Daher ist Crow zu einer solchen verzerrenden sprachlichen Äußerung nicht in der Lage.
Anstelle der erwarteten sprachlichen Artikulation des Wortes „Liebe“ entspringt seinem weit aufgerissenen Schnabel ein weißer Hai, der klatschend in das Meer eintaucht. Hughes verwendet diesen bildhaften Tropus in seinem dichterischen Werk wiederholt als Metapher für die tatsächliche Realität und die in ihr waltenden Naturgesetzlickeit des Tötens, um zu überleben, so beispielsweise in dem Gedicht Crow on the Beach, wo es heißt: „When the smell of the whale’s den, the gulfing of the crab’s last prayer, / Gimletted in his nostril / He grasped he was on earth“.
Auch in Hughes’ Gedicht Logos aus Wodwo stellt der Hai als Inbegriff von Vitalität und Mordlust das Gegenbild zum christlichen Mythos der Liebe dar, um dessen ganze heuchlerische Unwahrhaftigkeit aufzuzeigen. In den Augen Hughes’ figuriert der Hai dabei als herrliches Tier, das selber nichts Abstoßendes an sich hat.
Bei dem zweiten Versuch Gottes, Crow zur Artikulation des Wortes „Liebe“ zu bewegen, entsteigt Crows Schlund dagegen ein Geschmeiß von Fliegen und Mücken, die zu ihren unterschiedlichen Fleischtöpfen schwirren. Derart wird nicht nur durch die Triade (Dreizahl von „a bluefly, a tsetse, a mosquito“), sondern ebenso durch den Umstand, dass es sich bei diesem Getier um Schmarotzer und Krankheitsträger handelt, in gesteigerter Form wiederum das vermeintliche christliche Weltgesetz der Liebe widerlegt.
Der dritte Versuch, der zugleich umfangsmäßig mehr Raum einnimmt als die beiden ersten zusammen, potenziert erneut die böse Überraschung über alle Maßen, indem die Liebe hier im menschlichen Bereich in eine Karikatur überführt wird. Dieser Höhepunkt wird durch das verstärkt ominöse Würgen Crows angekündigt; es folgt das Bild des ungeheuren, schielenden und blubbernden Kopfes eines Mannes ohne Körper, der zur Erde plumpst. Wenig später, als Crow nochmals erbricht, stülpt sich eine weibliche Scham über seinen Hals und zieht sich zusammen. Hughes versucht hier ein weiteres Mal mit den Mitteln der Karikatur die christliche Heilsbotschaft der Liebe ad absurdum zu führen und stellt sich damit in die Nachfolge von D. H. Lawrence, der das Verhältnis der Geschlechter zueinander und darüber hinausgehend das Verhältnis von Natur und Geist als verhängnisvolles Laster betrachtete, das nur die Wahl zwischen der Sexualität als unheilvollem Ziel oder der idealen Bestimmung als todbringendem Schmarotzer zulasse: „Sex in itself is a disaster: a vice. ... And now we only have these two things: sex as a fatal goal ... or ideal purpose as a deadly parasite.“Vgl. Rainer Lengeler: TED HUGHES · Crow’s First Lesson. In: Rainer Lengeler (Hrsg.): Englische Literatur der Gegenwart 1971–1975. Bagel Verlag, Düsseldorf 1977, ISBN 3-513-02226-3, S. 348–352, hier S. 350–352. Die im Text zitierten Passagen sind dem Abdruck hier entnommen.
Der körperlose monströse Kopf symbolisiert in Hughes’ Gedicht die einseitige Betonung des Geistes in der Moderne, den Hughes als „enormous surplus of brain“ (dt. etwa: „enormer Überschuss an Gehirnmasse“) mit beißendem Spott geißelt, so im Rahmen der Crow-Gedichte etwa in der Groteske Crow‘s Account of St. George.
Ähnlich wie in Crow's First Lesson verbindet Hughes oftmals seine Kritik an dem verabsolutierten Geist und der übermächtigen Wissenschaft mit seinem Unmut über die Eigenwilligkeit der Sprache, die ihm zufolge einer unmittelbaren Erfahrung der Wirklichkeit im Wege steht und mit ihren Schlagwörtern sogar Unheil über die Menschheit bringt.
Während der Proteste schnatternde Kopf in Crow's First Lesson die abstrakte Geistigkeit verkörpert, steht die weibliche Scham hier umgekehrt für die Überbetonung des Geschlechtlichen. Ihre Auswirkungen sind, ähnlich wie Lawrence es sah, für Hughes nicht lebensfördernd, sondern mörderisch. Mit der Metapher des grotesken Kampfes auf Leben und Tod zwischen dem männlichen Kopfungeheuer und der weiblichen Scham verhöhnt Hughes in den drei Schlusszeilen seines Gedichts letztendlich nochmals klimatisch das christliche Menschenbild, das die Einheit von Körper und Geist und das Verhältnis der Geschlechter der Vorstellung der Liebe unterordnet.Vgl. Rainer Lengeler: TED HUGHES · Crow‘s First Lesson. In: Rainer Lengeler (Hrsg.): Englische Literatur der Gegenwart 1971–1975. Bagel Verlag, Düsseldorf 1977, ISBN 3-513-02226-3, S. 348–352, hier S. 351 f. Siehe auch Patrick Jackson: The Narrative of Grief in Ted Hughes's Crow. In: Journal of Modern Literature, Band 42, Ausgabe 3, Frühling 2019, S. 74–91, hier S. 78 f.
Darüber hinaus wird das Wesen des christlichen Gottes als verkörperter Liebe in doppelter Form verspottet. Crows’ Existenz und der gescheiterte Belehrungs- und Erziehungsversuch Gottes desavouieren nicht nur die christliche Konzeption von der Liebe als Weltgesetz, sondern demonstrieren zugleich die Hilflosigkeit Gottes, der zu allem Überfluss in seiner Ohnmacht die Selbstkontrolle verliert und zu fluchen beginnt, damit jedoch sich selber entlarvt und überführt.
Wie die letzte Zeile des Gedichtes zeigt, überkommen Crow, den unfreiwilligen Übeltäter, der bis dahin zu keiner menschlichen Regung oder Empfindung fähig ist, erstmals Schuldgefühle: „Crow flew guiltily off“. Im gesamten Kontext des Gedichtes lässt diese Schlusszeile nur eine sarkastische Deutung im Sinne der travestierenden Grundaussage zu.Vgl. Rainer Lengeler: TED HUGHES · Crow’s First Lesson. In: Rainer Lengeler (Hrsg.): Englische Literatur der Gegenwart 1971–1975. Bagel Verlag, Düsseldorf 1977, ISBN 3-513-02226-3, S. 348–352, hier S. 352. Siehe auch Patrick Jackson: The Narrative of Grief in Ted Hughes's Crow. In: Journal of Modern Literature, Band 42, Ausgabe 3, Frühling 2019, S. 74–91, hier S. 78 f.
Die in der Schlusspassage des Gedichtes akzentuierte Verkehrung des biblischen Schöpfungsmythos und traditioneller christlicher Gottesvorstellungen bedeutet in Hughes eigener parodistischer Theodizee damit allerdings eine Entbindung Gottes von seiner Verantwortung für das Unheil und Leid in der Welt; Gott wird Karl-Heinz Göller zufolge „gerechtfertigt“.Siehe Karl Heinz Göller: Ted Hughes’ 'Apple Tragedy': Eine Verkehrung des biblischen Schöpfungsmythos. In: Tradition und Innovation in der englischen und amerikanischen Lyrik des 20. Jahrhunderts: Arno Esch zum 75. Geburtstag. Niemeyer Verlag, Tübingen 1986, ISBN 3-484-40111-7, S. 188–205, hier S. 190 ff. Als PDF-Datei online zugänglich auf den Seiten der Universität Regensburg . Abgerufen am 18. Juli 2023.
Entstehungsgeschichtlicher Hintergrund