Schmied in der Kultur umfasst die herausgehobene gesellschaftliche Stellung und kulturgeschichtliche Bedeutung, die dem Schmied jenseits seiner Tätigkeit als Handwerker seit alter Zeit in Asien, Afrika und Europa zukommt. In ugaritischen und phönizischen Texten ist von göttlichen Schmieden die Rede; im Alten Testament stehen der erste Schmied Tubal-Kain, sein Bruder Jubal als Erfinder der Musikinstrumente und der weitere Bruder Jabal als Stammvater der Nomaden am Beginn einer die Kulturen des Orients prägenden mythischen und – etwa bei den zu den nahöstlichen Beduinen gehörenden Solubba – realen Dreierverbindung. Der mit der Leier kinnor musizierende König David wird in der Bibel auch als Schmied vorgestellt und in dieser Funktion vom Koran übernommen. Die Zusammengehörigkeit von Schmiedehandwerk und Musik durchzieht viele Mythen und Bräuche des Orients und Afrikas.

Im antiken Griechenland wurde Hephaistos als Gott des Feuers und als Kulturbringer verehrt und die Legende von Pythagoras in der Schmiede gibt eine bis ins Mittelalter vielfach wiederholte, aber nur scheinbar rationale Erklärung zur Einführung der Musiktheorie. Schmiede kommen als Erfinder des Ackerbaus und ähnlich wie Schamanen, Heilkundige und Magier als „Repräsentanten des Sakralen“Mircea Eliade: Schmiede und Alchemisten. Ernst Klett, Stuttgart 1956, S. 93 vor. Ein ambivalentes und stets distanziertes Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zur Gruppe der Schmiede macht diese entsprechend der Doppelbedeutung des lateinischen Wortes sacer („heilig, geweiht“ und „verflucht“) zu einer unreinen und verachteten Handwerkerkaste, in manchen Regionen Afrikas hingegen zu einer dem sakralen Königtum gleichgestellten Gesellschaftsschicht, der mit Achtung begegnet wird.

In den germanischen Schöpfungsgeschichten richten die Götter bereits vor Erschaffung der Menschen Schmieden ein, um Werkzeuge herzustellen. Die Bezeichnung „Schmied“ ist von altnordisch smiðr abgeleitet, worunter jemand verstanden wurde, der (kostbare) Gegenstände erschuf. Das Verb að smíða („schmieden“) wurde in den altnordischen Schriften gleichbedeutend mit að skapa („[er]schaffen“) verwendet, damit entsprachen sich „Schmied“ und „Schöpfer“. Unter den Märchen von Zwergen heben sich solche von unsichtbaren, schmiedenden Zwergen ab, deren Hämmern in Berghöhlen zu hören sein soll. Der Schmied schließt in manchen abergläubischen Vorstellungen mit dem Teufel einen Bund. Wo noch traditionelles Schmiedehandwerk vorkommt, ist häufig die Beachtung gewisser Bräuche und Meidungsgebote verpflichtend.

Für den kulturgeschichtlichen Themenkomplex des Schmiedes lassen sich zwei assoziative Stränge herausarbeiten: 1) Schmied – Feuer und Hitze – Gewitter, Regen und Fruchtbarkeit – fußlahme Gottheiten – Opfer. 2) Schmied – magische Kräfte – Verbindung zur jenseitigen Welt – Initiationsritual. Beide Stränge sind durch das Streben nach Erlösung und Heilung miteinander verbunden. mini|hochkant=1.5|Die Nymphe Thetis bittet Hephaistos, für den Helden Achilleus eine Rüstung zu schmieden. Gemälde von Johann Heinrich Füssli, 1803.

Altorientalische und antike Mythen Tubal-Kain und David in der Bibel mini|hochkant|Kain erschlägt Abel. Holzschnitt von Albrecht Dürer, 1511. Nach der Bibel war Kain ein Ackerbauer und Abel ein Schafhirte. Einer der Nachkommen Kains hieß nach Lamech. Dieser hatte zwei Frauen und drei Söhne, von denen jeder als Schöpfer einer der drei hauptsächlichen Kulturtechniken der damaligen nomadischen Gesellschaften hervortrat. Aus der Verbindung mit der ersten Frau, Ada, wurden Jabal, der Stammvater der Nomaden, Erfinder der Zelte und Herden, sowie Jubal, der Erfinder der Musikinstrumente geboren. Ziegen wurden im Gebiet des Fruchtbaren Halbmondes, von dem die biblischen Geschichten handeln, ab etwa 8000 v. Chr. domestiziert, wenig später gefolgt von Schafen und mit zeitlichem Abstand von Rindern,Melinda A. Zeder: The Origins of Agriculture in the Near East. In: Current Anthropology Band 52, Nr. 4 (The Origins of Agriculture: New Data, New Ideas) Oktober 2011, S. 221–235, hier S. 222 deren Vorhandensein auf eine sesshafte, bäuerliche Bevölkerung hinweist.Vgl. Hermann von Wissmann: Ursprungsherde und Ausbreitungswege von Pflanzen- und Tierzucht und ihre Abhängigkeit von der Klimageschichte. In: Erdkunde, Nr. 11, 1957, S. 175–193, hier S. 178f Das Kamel scheint nicht vor 1200 v. Chr. domestiziert worden zu sein; die älteste mesopotamische Königsinschrift, in der das Kamel erwähnt wird, ist von etwa 1060 v. Chr.Michael Herles: Kamele in assyrischen Quellen – Ein Exot wird zur Selbstverständlichkeit. In: Ute Pietruschka, Michael P. Streck (Hrsg.): Symbolische Repräsentation und Wirklichkeit nomadischen Lebens. (= Nomaden und Sesshafte, Band 12) Dr. Ludwig Reichert, Wiesbaden 2010, S. 127 Dagegen tritt der Esel – aber nicht das Kamel – auf mehreren in Mari gefundenen Tontafeln aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. auf. Die Domestizierung des aus Afrika stammenden Wildesels fand vor dem 3. Jahrtausend v. Chr. statt.Albano Beja-Pereira, Phillip R. England, Nuno Ferrand, Steve Jordan, Amel O. Bakhiet, Mohammed A. Abdalla, Marjan Mashkour, Jordi Jordana, Pierre Taberlet, Gordon Luikart: In: Science, Band 304, 18. Juni 2004, S. 1781 Zu der Zeit, in der die biblische Erzählung angesetzt wird, muss demnach der Esel das Lasttier der Nomaden gewesen sein und Jabal erscheint als der mythische erste Eselzüchter.Martin Vogel, 1973, S. 116, 119

Mit der zweiten Frau, Zilla zeugte Lamech Tubal-Kain, den ersten Eisen- und Kupferschmied, und die Tochter Naama. Als Nachkommen von Kain gehören sie zum nomadischen Stamm der Keniter. In der Wortverbindung Tubal-Kain wird Tubal als der Eigenname gedeutet, wobei der Zusatz Kain die Abstammung angibt und zur Abgrenzung von anderen Namensträgern dient: von Tubal, dem Sohn Jafets oder von den in griechischen Quellen erwähnten Tibarenern an der südlichen Schwarzmeerküste. In der Septuaginta wird Tubal-Kain jedoch mit Thobel wiedergegeben, -kain kann also nachträglich angehängt worden sein.Martin Vogel, 1973, S. 11 Diese ähnlich klingenden Namen werden auf den hebräischen Verbstamm y-b-l, „fließen“, „herbeibringen“, zurückgeführt.The name Jabal in the Bible. Abarim Publications Mit Tubal sind bei einer angenommenen Lautverschiebung von l zu r die Tibarener sprachverwandt, die auf Akkadisch Tabal hießen und für Metallverarbeitung bekannt waren. In werden Tubal (also Tabal), Jawan (Ionier) und Meschech (Phryger, als Muschki in einer Inschrift des Tiglat-Pileser I., reg. 1114–1076, erwähntMartin Vogel, 1973, S. 338) im Zusammenhang mit Kupferverarbeitung und Sklaven genannt.Jan Gertz: Tubal-Kain. WiBiLex Der Name Tabal wird bis zu Sumerisch TIBIRA, „Schmied“, zurückgeführt. Der akkadische König Naram-Sin (Ende 3. Jahrtausend v. Chr.) erwähnt einen Berg Tibar wohl in der Nähe von Aram im Nordwesten Mesopotamiens.Robert James Forbes: Metallurgy in Antiquity: A Notebook for Archaeologists and Technologists. E. J. Brill, Leiden 1950, S. 451 Auch die Meschech (Phryger) hatten mit Metallverarbeitung zu tun, was neben anderen Hinweisen durch den Namen muschkênu für eine soziale Gruppe, zu der in Babylon die Schmiede gehörten, belegt wird.Martin Vogel, 1973, S. 413

Die Lesung von Tubal-Kain als Doppelnamen basiert auf dem etymologischen Zusammenhang zum arabischen Wort mit dem Bedeutungsumfeld „Schmied“, woraus sich die Berufsbezeichnung „Tubal der Schmied“ ergibt. Zur arabischen Konsonantenwurzel q-y-n („schmieden“, „Schmied sein“) gehört das Wort qān, das in der Formulierung qān al hadīda, „Besitzer des Eisens“, gemeint „Schmied“, enthalten ist. Q-y-n kommt auch in der Bedeutung „singen“ vor, ebenso wie sprachverwandte Wörter im Hebräischen, Syrischen und Äthiopischen. Hierzu gehört die arabische weibliche Form (Pl. qiyān), die für „Musikantin“ und die geschätzten „Singmädchen“ der arabischen Musikkultur steht. Damit ist über die Verwandtschaft zu seinem Bruder Jubal hinaus ein etymologischer Zusammenhang zwischen Tubal-Kain und Musik hergestellt. Die verwandten Wortstämme q-y-n und q-n-n lassen sich gemeinsam auf die Wurzel q-n beziehen, die allgemein für „Handwerk“, „Arbeit“ und die dabei benötigten Werkzeuge steht. Da ein berufsmäßig ausgeübtes Handwerk bei den arabischen Stämmen die Sache der Sklaven war, sind die Singmädchen, deren „Handwerkskunst“ im unterhaltenden Tanz und Gesangsvortrag bestand, nach dieser Überlegung als Sklavinnen und Dienerinnen charakterisiert. Analog ist von q-y-n im Aramäischen neben qināna (primär „Schmied“, „Goldschmied“) auch qīnā oder qīnthā („Melodie“, „Lied“, „Gesang“) und hebräisch qana („Gesang“) abgeleitet. Der arabische Philosoph al-Masʿūdī (um 895–957) erwähnt, dass in der arabischen Überlieferung dem Schmied Tubal-Kain auch die Erfindung von Musikinstrumenten, namentlich der Trommeln, zugeschrieben wird.Hans Engel: Die Stellung des Musikers im arabisch-islamischen Raum. Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn 1987, S. 234f Die beiden wichtigsten Instrumentengruppen, die Blas- und Saiteninstrumente, soll Jubal erfunden haben. Seit den drei biblischen Brüdern stehen Esel, Schmied und Musik in einer mythischen und für das orientalische Nomadentum bis in jüngere Zeit bedeutsamen, gesellschaftlich-kulturellen Verbindung.

Die arabischen Singmädchen gehören zu einer mythischen Tradition sich schmückender, singender und tanzender Frauen, die als Verführerinnen auftreten und mit Bezug auf Naama „Töchter Kains“ genannt werden. Die Erzählung von den zur Sünde verleitenden Frauen bei den Kenitern und ihrem teuflischen Wesen wird in der Schatzhöhle, einer apokryphischen Schrift wahrscheinlich aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. ausgebreitet. In diesem Zusammenhang wurde in Bibelkommentaren auf die Ähnlichkeit zwischen Tubal-Kain und dem römischen Gott des Feuers und der Schmiede Vulcanus sowie zwischen Naama und der römischen Liebesgöttin Venus hingewiesen.Max Grünbaum: Beiträge zur vergleichenden Mythologie aus der Hagada. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Band 31, Nr. 2/3, 1877, S. 183–359, hier S. 224

König David ist als Spieler der Leier kinnor, Verfasser der Davidpsalmen und nach als Erfinder von Musikinstrumenten bekannt. In wird David darüber hinaus in eine Beziehung zu Eisenverarbeitung gestellt. Die durch eiserne Kampfwagen überlegenen Philister hatten alle Schmiede der Israeliten entführt und dominierten die Region, bis David Edom eroberte und mit den dortigen Erzvorkommen das Eisenmonopol der Philister aufheben konnte.Ruth Michels-Gebler, 1984, S. 20f Nach ließ David viel Eisen und Bronze als Vorbereitung für den Bau des Jerusalemer Tempels herbeischaffen. Deutlicher tritt David als Schmied in der islamischen Tradition in Erscheinung, wo er Dāwūd genannt wird. In Sure 34, 10, ist Dāwūd ein Sänger mit einer wohlklingenden Stimme und ein Waffenschmied, der Kettenrüstungen anfertigt.