mini|Heinrich Lindenberg
Heinrich Wilhelm Lindenberg (* 22. Juni 1842 in Lübeck; † 3. März 1924 ebenda) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Geistlicher, Hauptpastor an St. Jakobi und Senior.
Leben Herkunft Heinrich war der jüngste Sohn von Johann Carl Lindenberg, Hauptpastor an St. Aegidien und als Senior des Geistlichen Ministeriums der Leitende Geistliche in Lübeck. Als Enkel des Bürgermeisters Johann Caspar Lindenberg entstammte er einer Familie, die bereits seit 1600 in Lübeck ansässig war.
Seine Mutter Wilhelmine Amalie (Mine), geb. Geibel (* 11. August 1801 in Lübeck; † 1. Dezember 1855 ebenda) war eine Tochter des reformierten Predigers Johannes Geibel, wodurch Heinrich auch ein Neffe des Dichters Emanuel Geibel gewesen ist.
Laufbahn Seit dem frühen Tod der Mutter führte seine älteste Schwester den Haushalt des Vaters und wurde mütterliche Erzieherin von Lindenberg und einer noch jüngeren Schwester. Er besuchte das Katharineum bis zum Abitur Ostern 1861Hermann Genzken: Die Abiturienten des Katharineums zu Lübeck (Gymnasium und Realgymnasium) von Ostern 1807 bis 1907. Borchers, Lübeck 1907 (Digitalisat), Nr. 586 und studierte, dem Vorbild seines Vaters und Großvaters folgend, Evangelische Theologie. Johannes Evers: Heinrich Lindenberg. In: Lübeckische Blätter, 66. Jahrgang, Nr. 19, Ausgabe vom 30. März 1924, S. 236–237. Er studierte in Erlangen und trat, wie viele aus Norddeutschland stammende Studenten, in die Christliche Studentenverbindung Uttenruthia ein. Dort gewann er viele Freunde und hielt den Uttenreuthern bis ans Ende die Treue. Er gehörte niemals einer bestimmten theologischen Richtung an. Im Studium prägten ihn Gottfried Thomasius, Franz Delitzsch und Johann von Hofmann sowie August Johannes Dorner und der Philosoph Friedrich Adolf Trendelenburg in Berlin, bevor er sein Studium in Tübingen abschloss.
Nach Lübeck zurückgekehrt bestand er vor der Prüfungskommission des Geistlichen Ministeriums am 29. Januar 1866 die Amtsprüfung und wurde Kandidat des Ministeriums. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 16. Jahrgang, Nr. 8, Ausgabe vom 28. Januar 1874, S. 44. Die Amtsprüfung war damals die einzige Prüfung, der sich ein junger Lübecker Theologe zu unterziehen hatte, um die Anstellungsfähigkeit zum geistlichen Amt zu erlangen. Die so erlangte Anstellungsfähigkeit beschränkte sich damals aber nur auf die Lübecker Landeskirche. Somit hatten die Kandidaten zu warten, bis eine Pfarrstelle frei geworden war, und sich bis dahin eine Beschäftigung zu suchen, meist als Hauslehrer oder vorübergehender Lehrer an Schulen.
Diese Wartezeit gestaltete sich insoweit günstig, da der bisherige Leiter der Kandidatenschule, der Kandidat Ludwig Trummer, zum Prediger an St. Marien erwählt wurde. Lindenberg konnte als Trummers Nachfolger die Leitung der Schule übernehmen. Die sogenannte Kandidatenschule, aus der später das Progymnasium von Otto Bussenius erwuchs, war eine Privatschule, die es ihren Schülern ermöglichte, nach ihr in die Quarta des Katharineums zu wechseln.
Für diese Tätigkeit hatte Lindenberg eine besondere Begabung. Neben seinem Unterricht trat er seinen Schülern auch wissenschaftlich nahe. So machte er, was damals neu war, mit ihnen gemeinsame Ausflüge, veranstaltete kleine Aufführungen, Schülerkonzerte und dergleichen. Er verstand es in der Wissenschaft seine Schüler so zu fördern, dass die „Lindenberger“, die „Tiliamontaner“, wie die Lehrer des Katharineums sie latinisiert scherzhaft nannten, nicht selten bei ihrer Aufnahme die anderen Schüler überragten. Das Angebot der Schule wurde 1872 von Lindenberg um die Quarta ergänzt und ermöglichte es nun den Schülern der Anstalt, in die Tertia des Katharineums zu wechseln. Gestiegene Schülerzahlen und das erweiterte Angebot erforderten ein eigenes Haus. Zum 14. Oktober 1872 siedelte die Vorbereitungsschule in die Räume der Fleischhauerstraße 67 über. Das bisherige Lokal, mittlere Johannisstraße Nr. 15, war im Besitz der Schröder’schen Freischulen. Nach den Umbauten wurde die von Groth geleitete Knabenschule aus der Böttcherstraße hierher verlegt. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 14. Jahrgang, Nr. 82, Ausgabe vom 13. Oktober 1872, S. 452.
Am 4. Januar 1874 begannen die Wahlpredigten für die vakante Pfarrstelle in dem zum Lübecker Landgebiet gehörenden Dorf Nusse. Oberlehrer Satori hatte verzichtet und die Kandidaten Reimpell und Tischler sich nicht gemeldet. Nach Carl J. Amann und Mertens predigte am 18. Lindenberg, gefolgt von Theodor Zietz, ab 1876 St. Petri, und Holm. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 16. Jahrgang, Nr. 1, Ausgabe vom 4. Januar 1874, S. 8.
Nach seiner Ordination am 8. Februar in der Aegidienkirche wurde Lindenberg am 15. in sein Amt eingeführt. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 16. Jahrgang, Nr. 10, Ausgabe vom 4. Februar 1874, S. 56. Zu seiner Einführung erschienen in der Kirche vom Stadt- und Landesamt Lübeck die Senatoren Tegtmeyer und Overbeck, von dem Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz Hofrat Wohlfahrt aus Schönberg, Die zum Fürstentum Ratzeburg gehörende Vogtei Manhagen ist in Nusse eingepfarrt gewesen. aus Lübeck kamen Senior Lindenberg und Pastor Köppen, als Amtsnachbar Pastor Amann. Einführung des Pastors Lindenberg in Nusse. In: Lübeckische Blätter, 16. Jahrgang, Nr. 14, Ausgabe vom 18. Februar 1874, S. 80. Am 31. März endete Lindenbergs Tätigkeit an der Kandidatenschule. Nachdem er deren Leitung an Bussenius übergeben hatte, zog er nach Nusse.
Das Talent, mit dem er bisher beim Unterrichten zu begeistern wusste, nutzte Lindberg nun für seine Predigten. Er wurde bekannt für gehaltvolle Predigten, in denen der Schatz seiner klassischen Bildung, sein reiches geschichtliches Wissen, die Reife seiner christlichen Erfahrung, seiner theologischen Kenntnis und Erkenntnis zu Tage traten.
1884 leitete er die Beisetzung seines Onkels Emanuel Geibel auf dem Burgtorfriedhof.Arno Holz: Emanuel Geibel. Ein Gedenkbuch. Oscar Parrisius, Berlin, Leipzig 1884 Digitalisat, S. 115
Für die Wahl eines neuen Hauptpastors an St. Aegidien an Stelle des in den Ruhestand getretenen Seniors Lindenberg wurden die Pastoren Bernhard (St. Lorenz), Holm (seit dem 5. Februar 1876 Diakon an St. Aegidien) und Lindenberg präsentiert. Letztgenannter hielt am 3. März 1889 als Letzter seine Gastpredigt. Gemeindevorstand und -ausschuss erwählten am 19. März jedoch Carl Theodor Holm. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 31. Jahrgang, Nr. 17, Ausgabe vom 27. Februar 1889, S. 92.
Für das durch Pensionierung des Pastors Lütge Ende August 1889 vakante Pastorat an St. Jakobi standen drei Pastoren zur Auswahl: Pastor Hermberg aus Münsterdorf bei Itzehoe, Lindenberg und der Kandidat Prill. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 31. Jahrgang, Nr. 66, Ausgabe vom 18. August 1889, S. 372. Lindenberg wurde am 9. September zum Archidiakonus erwählt. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 31. Jahrgang, Nr. 74, Ausgabe vom 15. September 1889, S. 416.
Als Nachfolger für den am 1. Januar 1891 in Pension gehenden Hauptpastor von St. Jakobi, Gustav Hofmeier, schlug dessen Vorstand die Pastoren Lindenberg, Marth und Bernhard vor. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 32. Jahrgang, Nr. 88, Ausgabe vom 2. November 1890, S. 523. Am 20. November wurde von diesen Lindenberg erwählt. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 32. Jahrgang, Nr. 94, Ausgabe vom 23. November 1890, S. 560.
In der Lübeckischen Bibelgesellschaft trat Lindenberg deren Verwaltungsausschuss bei. Bericht der Lübeckischen Bibelgesellschaft über die Jahre 1890, 1891 und 1892. In: Lübeckische Blätter, 35. Jahrgang, Nr. 63, Ausgabe vom 6. August 1893, S. 365–366.
Als Freund der Schönen Künste wurde er 1892 als Mitglied im Verein von Kunstfreunden aufgenommen. Verein von Kunstfreunden. In: Lübeckische Blätter, 34. Jahrgang, Nr. 7, Ausgabe vom 24. Januar 1892, S. 43–44.
Im gleichen Jahr wurde Lindenberg auch Mitglied im Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde. Bericht des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde. In: Lübeckische Blätter, 34. Jahrgang, Nr. 53, Ausgabe vom 3. Juli 1892, S. 312–315.
Sein Einfluss sollte sich nun bald in den kirchlichen Körperschaften zeigen. Von dem Gemeindeideal Emil Sulzes beeindruckt trat Lindenberg dafür ein, dass die örtliche Abgrenzung der Gemeinden untereinander die Grundlage der pfarramtlichen Wirksamkeit in den Großstädten zu bilden hätte und jedem Geistlichen sein eigener Bezirk, für den er zuständig und somit verantwortlich sei, zuzuweisen sei. So stand er in vorderster Reihe derer, die unter der Führung des Vorsitzenden der damaligen Synode, Senator Emil Ferdinand Fehling, die 1898 erlassene Kirchengemeindeverordnung, und damit die Einrichtung der Seelsorgebezirke, schufen. Deren Grundzüge wurden 1921 in die neue Kirchenverfassung übernommen worden.
Die Abteilung Lübeck der Deutschen Kolonialgesellschaft hatte am 20. November 1907 in den Räumen der Gemeinnützigen ihre Hauptversammlung. Zu dessen Vorstand gehörten unter anderen Admiral Heinrich Kühne als erster Vorsitzender, Generalmajor Paul Stern als zweiter Vorsitzender, Johann Martin Andreas Neumann, Georg Reimpell, Hauptpastor Lindenberg, Heinrich Gaerderz, Christian Reuter, Major Adolf von Tiedemann, Hermann Eschenburg und Carl Dimpker. Deutsche Kolonial-Gesellschaft, Abteilung Lübeck. In: Lübeckische Blätter; 49. Jg., Nummer 49, Ausgabe vom 8. Dezember 1907, S. 699.
1909 beantragte Hauptpastor Ranke seine Entlassung aus dem Amt des Seniors des Geistlichen Ministeriums beim Senat. Der Senat bewilligte dies und wählte Lindenberg zu seinem Nachfolger. Damit wurde er der Leitende Geistliche der Lübecker Landeskirche. Lokale Notizen. In: Lübeckische Blätter, 54. Jahrgang, Nr. 40, Ausgabe vom 3. Oktober 1909, S. 585.
Lindenberg übte dieses Amt bis 1914 aus, als er auf sein Ansuchen hin vom Senat zum 1. April 1914 davon entbunden wurde. Lokale Notizen. In: Lübeckische Blätter, 59. Jahrgang, Nr. 13, Ausgabe vom 29. März 1914, S. 245. Zum 1. Juni 1915 wurde er auch als Hauptpastor in den Ruhestand versetzt.
Sein Sarg wurde am 7. März 1924 in der Pastorengruft von Sankt Jakob auf dem Burgtorfriedhof beigesetzt.
Öffentliches Leben In Nusse verstand es Lindenberg schnell die Herzen seiner Gemeindemitglieder zu gewinnen. Ein Ausdruck jenes Vertrauens war das Ergebnis der Ergänzungswahl am 5. Juni 1875. Bei dieser in Nusse abgehaltenen Ergänzungswahl für den X. Wahlbezirk (Ritzerauer Landbezirk) hatten von 347 Wahlberechtigten 43 (12 %) gewählt. Mit 36 Stimmen davon wurde er in die Lübecker Bürgerschaft gewählt. Bürgerschaftswahl. In: Lübeckische Blätter, 17. Jahrgang, Nr. 46, Ausgabe vom 9. Juni 1874, S. 271–272. Im Bürgerausschuss wurde am 29. November 1876 beschlossen, dass Lindenberg in der außerordentlichen Sitzung für die Beratung des Staatsbudgets 1877 am 6. Dezember einen Antrag auf Abänderung des Beschlusses vom 24. September 1873 die Abgrabung des Ritzerauer Mühlenteiches betreffend stellen werde. Bürgerausschuß am 29. November. In: Lübeckische Blätter, 18. Jahrgang, Nr. 96, Ausgabe vom 29. November 1876, S. 573–574. Auf den Ergänzungswahlen der Bürgerschaft im Ritzerauer Landbezirk anno 1893 hatten von 177 Wahlberechtigten 73 (41 %) gewählt und mit dem Ergebnis Lindenberg als ihren Vertreter bestätigt. Ergänzungswahlen in der Bürgerschaft. In: Lübeckische Blätter, 36. Jahrgang, Nr. 47, Ausgabe vom 11. Juni 1893, S. 274.