Der Derfflinger Hügel ist ein mehrphasig genutzter vor- und frühgeschichtlicher Grabhügel bei Kalbsrieth im Kyffhäuserkreis, Thüringen. 1901 erfolgte eine archäologische Grabung unter Leitung des Archäologen Armin Möller (1865–1938), die 1912 publiziert wurde. Der Hügel enthielt zahlreiche Bestattungen, die bis ins Neolithikum zurückreichen. Die älteste Bestattung lässt sich mangels Grabbeigaben nicht genau datieren; die restlichen neolithischen Bestattungen lassen sich der Baalberger Kultur (4200–3100 v. Chr.), der Kugelamphoren-Kultur (3100–2700 v. Chr.) und der Schnurkeramischen Kultur (2800–2200 v. Chr.) zuordnen. Weitere Bestattungen stammen aus der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur (2300–1550 v. Chr.), der späteisenzeitlichen Latènezeit (450 v. Chr.–0), der Merowingerzeit (5. Jahrhundert–751) sowie allgemein aus frühchristlicher Zeit. Eine Bestattung ließ sich zeitlich gar nicht einordnen. Die Funde aus dem Hügel befinden sich heute im Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in Weimar.

Lage mini|350px|Foto des Hügels nach der Ausgrabung; Blick von der Unstrut Der Hügel befindet sich 1,7 km südöstlich von Kalbsrieth in Richtung Schönewerda am linken Ufer der Unstrut. Er liegt weithin sichtbar auf der höchsten Erhebung der Umgegend.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 1. 800 m nördlich befindet sich mit dem Huthügel ein weiterer Grabhügel. Dieser wurde erst von Angehörigen der Schnurkeramischen Kultur errichtet und wies neben entsprechenden Funden dieser Zeit nur noch Reste einer möglichen frühbronzezeitlichen Nachbestattung auf.Waldemar Matthias: Kataloge zur Mitteldeutschen Schnurkeramik. Band 4: Südharz-Unstrut-Gebiet. 1974, S. 148–150. Weitere schnurkeramische Bestattungen wurden an mindestens fünf Stellen in der näheren Umgebung entdeckt: Auf dem Flurstück „In der Loh“ 3 km ostsüdöstlich von Kalbsrieth, südöstlich am Weg nach Schönewerda, 2,5 km südöstlich des Orts in der Kiesgrube Klasing am Rabenhüttenhügel, in einer weiteren Kiesgrube zwischen Kalbsrieth und Schönewerda und in einer östlich am Weg nach Artern gelegenen Kiesgrube.Waldemar Matthias: Kataloge zur Mitteldeutschen Schnurkeramik. Band 4: Südharz-Unstrut-Gebiet. 1974, S. 150, 152–153. Von mehreren Stellen auf dem Gemeindegebiet stammen zudem noch Einzelfunde.Waldemar Matthias: Kataloge zur Mitteldeutschen Schnurkeramik. Band 4: Südharz-Unstrut-Gebiet. 1974, S. 153–154.

Name Die Namensherkunft des Hügels ist unklar. Möller nahm eine Verbindung zu dem brandenburgischen Generalfeldmarschall Georg von Derfflinger an, der im Juni 1675 im Krieg gegen Schweden seine Truppen durch Thüringen führte. Ob er dabei allerdings auch durch Kalbsrieth kam, konnte Möller nicht feststellen.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 2, Anm. 1.

Forschungsgeschichte Der Hügel weckte bereits im 19. Jahrhundert das Interesse mehrerer Amateurforscher. An der Westseite wurde eine Probegrabung festgestellt, von der aber unklar ist, wann und durch wen sie durchgeführt wurde. Der Rechnungshauptmann Reinhard aus Buttstädt grub ohne Erfolg an der Nordseite des Hügels. Ebenfalls an der Nordseite gruben Oscar Förtsch aus Halle (Saale) und der Kalbsriether Bürgermeister Freysold. Dabei fanden sie eine schwarze polierte Urne, die ins Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle verbracht wurde, wo sie Möller später aber nicht mehr auffinden konnte. Zwischen Juli und Oktober 1901 führte schließlich Armin Möller, Kustos des Stadtmuseums Weimar, sechs Wochen lang umfangreiche Grabungen am Hügel durch, die er 1912 publizierte.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 4–6.

Beschreibung Der Hügel mini|Grundriss und Querschnitt des Hügels Der anstehende Boden unter dem Hügel besteht aus Kalkstein, unter dem eine Schicht aus Gips verläuft. Der Hügel selbst wurde in mehreren Phasen immer wieder erweitert. Ursprünglich dürfte er wohl annähernd rund gewesen sein, wurde aber später nach Osten hin stark erweitert und erhielt dadurch eine ungefähr trapezförmige Gestalt. Die südliche und westliche Seite des Hügels sind noch gut erhalten, die Nordseite ist hingegen stark angepflügt, ebenso die Ostseite. Hierbei sollen immer wieder Skelettteile und Keramikscherben freigelegt worden sein. Die ursprüngliche Höhe des Hügels dürfte 4,10 m betragen haben. Der Durchmesser von Norden nach Süden betrug bei Möllers Untersuchung 17,20 m, dürfte ursprünglich aber bei wenigstens 28 m gelegen haben.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 2–3.

Die älteste Phase des Hügels stellt eine natürliche Felskuppe mit einer einfachen Grabgrube dar, die mit einer 0,6 m mächtigen Erdschicht überhäuft war. Diese war mit einer Schicht aus kleinen Platten und Brocken aus Sand- und Kalkstein mit einer Dicke von 0,2 m in der Mitte bzw. 0,1 m am Rand überzogen. Über dieser Steinschicht war eine weitere Erdschicht aufgebracht, die sich aber nur an einer recht kleinen Stelle deutlich von der späteren Aufschüttung unterscheiden ließ. Die Höhe der zweiten Erdschicht ließ sich auf etwa 0,5–0,6 m bestimmen. Den Durchmesser des primären Hügels schätzte Möller auf mindestens 12 m. In der frühen Bronzezeit wurde der Hügel in einer abschließenden Phase zu seiner heutigen Größe erweitert.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 13–14.

Die älteste neolithische Bestattung mini|Schnittzeichnung der natürlichen Hügelkuppe mit der ältesten Bestattung (a) und der merowingerzeitlichen Bestattung (m) Das älteste Grab war in die Kuppe des natürlich anstehenden Hügels eingetieft. Es handelte sich um eine einfache Erdgrube mit einer Breite von 0,6 m sowie einer Länge von 1,1 m an der Oberkante bzw. 0,98 m an der Sohle. Die Tiefe betrug nur zwischen 0,25 und 0,28 m. Wände und Boden waren nur bearbeitet und nicht geglättet worden. Die Grube war mit schwarzer Erde verfüllt und enthielt ein in extremer Hockerlage liegendes Skelett. Die Knochen waren sehr schlecht erhalten. Grabbeigaben wurden nicht gefunden.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 11–14.

Dolmen und Steinkiste der Baalberger Kultur und der Kugelamphoren-Kultur mini|Umzeichnung der Steinplatten auf dem Dolmen

Am Fuß der Ostseite der primären Hügelschüttung schloss sich ein auf dem anstehenden Boden errichteter Komplex aus zwei steinernen Grabkammern und zwei Steinpflastern an. Bei der westlichen Kammer handelte es sich um einen kleinen, ost-westlich orientierten Urdolmen.Hans-Jürgen Beier: Die megalithischen, submegalithischen und pseudomegalithischen Bauten sowie die Menhire zwischen Ostsee und Thüringer Wald. 1991, S. 72. Er bestand aus zwei Wandsteinen und einem Deckstein aus Rotsandstein. Auf dem Deckstein lagen drei Platten aus Sandstein. Der ganze Bau war wiederum von einem 0,9 m hohen Steinhaufen ummantelt, der aus verschiedenen Feldsteinen sowie aus 35–40 Bruchstücken von Mahlsteinen errichtet worden war.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 38–39.

Ob der Dolmen für eine reguläre Bestattung gedient hatte, ließ sich nicht sicher feststellen. Bis auf zwei Zähne wurden keine menschlichen Überreste gefunden.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 39.

Als Beigaben enthielt der Dolmen zwei Keramikgefäße. Das erste war eine vierhenklige, unverzierte Amphore mit einer Höhe von 15,3 cm und einem maximalen Durchmesser von 12 cm. Hierbei handelt es sich um eine typische Gefäßform der Baalberger Kultur. Das zweite Gefäß war ein Henkelnapf mit einer Höhe von 8,7 cm und einem Mündungsdurchmesser von 16,2 cm.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 39, 42.

Zwischen der Steinschüttung über dem Dolmen und der östlich anschließenden Steinkiste wurde ein Schalenstein gefunden. Er bestand aus Braunkohlenquarzit und hatte eine Länge von 46 cm, eine Breite von 41 cm und eine Dicke von 18 cm. Seine Oberseite wies fünf Schälchen auf.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 40.

mini|Grab der Kugelamphoren-Kultur aus dem Derfflinger Hügel; Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens, Weimar Die Steinkiste war ebenfalls ost-westlich orientiert. Sie bestand aus einer Bodenplatte und vier Wandplatten. Alle Platten bestanden aus Sandstein; die Fugen der Wandplatten waren mit Gips verstrichen. Ein Gipsrest an der Oberseite der westlichen Wandplatte sowie weitere Gipsstücke und Sandstein-Bruchstücke in der Erde über der Kiste deuten auf das ursprüngliche Vorhandensein einer Deckplatte hin. Die Kiste hatte eine innere Länge von 1,7 m und eine Breite von 0,94 m. Die recht schmalen Wandplatten wurden durch außen angelehnte kleinere Steinplatten stabilisiert.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 18–21. Durch eine weitere, aufrechtstehende Platte wurde vor der östlichen Schmalseite ein 0,6 m breiter, nach Norden und Süden hin offener Vorraum gebildet. Im Vorraum wurden Holzkohle, Asche, verbrannte Knochen sowie unbestimmbare Keramikscherben gefunden.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 21–22.

Die Kiste enthielt zwei Bestattungen, von denen nur eine gut erhalten war. Es handelte sich um das vollständige Skelett eines etwa 33–40 Jahre alten Mannes in linker Hockerstellung mit dem Kopf im Osten und dem Blick nach Süden. Am Schädel wurde eine verheilte Hiebverletzung festgestellt.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 23–26. Bei der zweiten Bestattung handelte es sich um ein 1,5–2,5 Jahre altes Kind. Hiervon waren nur noch einige sehr dünne Fragmente des Schädels erhalten.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 29–30.

Das Grab enthielt zahlreiche Beigaben. Vor der Stirn des erwachsenen Mannes lagen bzw. standen vier Keramikgefäße: eine verzierte und eine unverzierte Kugelamphore sowie zwei verzierte vierhenklige Töpfe. Bei den Füßen der Leiche wurde eine Schale gefunden.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 30–36. Zwischen den Unterschenkeln lag eine Doppelnadel aus Knochen und auf der Außenseite des linken Schienbeins eine einfache Knochennadel. Über dem linken Knie lag ein Knochen-Pfriem. In der Erde über dem Brustkorb wurde ein Feuerstein-Beil entdeckt. An Schmuckgegenständen wurden drei Eberzähne gefunden, davon mindestens zwei durchlocht. Davon lagen zwei unterhalb des Pfriems über dem Knie und der dritte auf dem linken Fuß. Schließlich waren dem Toten noch einige Nahrungsgaben mitgegeben worden. Hiervon hatten sich der Unterkiefer, ein Oberarm, ein Oberschenkel, zwei Füße und zwei Zehenknochen eines Schweins sowie ein Unterschenkel eines Kranichs erhalten.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 26–29.

Nördlich und südlich der Steinkiste befanden sich zwei ovale Steinpflasterungen. Die südliche war 0,7 m von der Steinkiste entfernt und lag 0,6 m über dem anstehenden Boden. Sie hatte von Ost nach West einen Durchmesser von 1,1 m und von Nord nach Süd von 1 m. Die Steinsetzung bestand aus einem zentralen Stein von 60 cm Durchmesser, der von neun kleineren, unregelmäßigen Platten umringt war. Alle bestanden aus gelbem und rotem Sandstein. Die Zwischenräume waren möglicherweise mit Lehm verfüllt, jedoch könnten die wenigen gefundenen Reste auch Bestandteil der Füllerde gewesen sein. Verfärbungen auf dem mittleren Stein sowie Asche und Holzkohlereste belegen, dass die Steinsetzung als Feuerstelle gedient hatte.Armin Möller: Der Derfflinger Hügel bei Kalbsrieth (Grossherzogtum Sachsen). 1912, S. 36.