mini|Gioacchino Volpe in den 1940er Jahren Gioacchino Volpe (* 16. Februar 1876 in Paganica, Provinz L’Aquila; † 1. Oktober 1971 in Santarcangelo di Romagna, Provinz Rimini) war ein italienischer Historiker und Politiker, der sowohl als Mediävist als auch als Erforscher der italienischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hervortrat und im Italien der Zwischenkriegszeit zu einem der einflussreichsten Wortführer der akademischen Geschichtswissenschaft wurde.
Herkunft und Ausbildung Gioacchino Volpe wurde am 16. Februar 1876 in Paganica in der Provinz L’Aquila als Sohn des Apothekers und Gemeindesekretärs Giacomo Volpe und der aus Siena stammenden Grundschullehrerin Bianca Mori geboren. Den Vornamen erhielt er nach seinem Großvater väterlicherseits, der infolge der antibourbonischen Aufstände (ideologische Strömungen gegen die Bourbonen-Herrschaft) in der Provinz L’Aquila in den 1840er Jahren inhaftiert worden war. Nach den ersten Gymnasialjahren in L’Aquila verlegte die Familie 1890 aus beruflichen Gründen des Vaters ihren Wohnsitz nach Santarcangelo di Romagna. Volpe besuchte zunächst zwischen 1890 und 1892 das Gymnasium in Rimini und anschließend in den Jahren 1892 bis 1895 das Lyzeum Terenzio Mamiani in Pesaro, wo er insbesondere durch den Carducci-Schüler Giuseppe Picciòla und den Lokalhistoriker Bernardino Feliciangeli geprägt wurde.
Auf Anregung Picciòlas bewarb sich Volpe um Aufnahme an der Scuola Normale Superiore in Pisa, einer italienischen Elitehochschule, in die er am 3. November 1895 eintrat und sich gleichzeitig an der Fakultät für Philosophie und Literaturwissenschaften an der Universität Pisa einschrieb. Zu seinen Kommilitonen zählten Giovanni Gentile, Fortunato Pintor, Giuseppe Manacorda und Giuseppe Lombardo Radice, – zu seinen akademischen Lehrern gehörten Alessandro D’Ancona und Amedeo Crivellucci, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Geschichte und Herausgeber der Zeitschrift Studi Storici, in der Volpe seine ersten mediävistischen Arbeiten veröffentlichte. Am Ende des zweiten Studienjahres erlangte Volpe 1897 das Lizenziat in Philosophie und Literatur. Im Juni und Juli 1899 folgten die Laurea an der Universität Pisa und die Lehrbefähigung an der Scuola Normale Superiore.
Im Oktober 1899 erhielt Volpe einen Platz am Istituto di Studi Superiori in Florenz unter dem Patronat Pasquale Villaris, wo er bis 1901 verblieb. In zwei Studiensemestern in Berlin zwischen Ende Oktober 1902 und August 1903 vertiefte er seine Kenntnis der deutschen Geschichtswissenschaft und hörte unter anderem Gustav von Schmoller, Otto von Gierke, Heinrich Brunner und Kurt Breysig. Zuvor hatte er 1900 kurzzeitig in Neapel in der Redaktion der Tageszeitung Il Mattino unter der Leitung seines Verwandten Edoardo Scarfoglio gearbeitet. In dieser Zeit lernte er über Giustino Fortunato Benedetto Croce kennen.
Frühe akademische Laufbahn und Mediävistik Im Oktober 1903 erhielt Volpe die Libera Docenza am Istituto Superiore. Nach Lehrveranstaltungen in Pisa und Florenz gewann er 1905 den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Accademia scientifico-letteraria in Mailand, an der er im Februar 1906 seinen Dienst als außerordentlicher Professor antrat und 1913 das Ordinariat erhielt. Am 3. März 1906 heiratete er Elisa Serpieri, Schwester des Agronomen und Wirtschaftswissenschaftlers Arrigo Serpieri. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor: Giovanni Alberto, Edoarda, Arrigo, Simonetta, Vittorio und Benvenuta.
Volpes erste größere Veröffentlichung, Studi sulle istituzioni comunali a Pisa: Città e contado, consoli e podestà nei secoli XII–XIII (Pisa 1902), widmete sich der Sozial-, Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte der kommunalen Institutionen Pisas. In den Aufsätzen Pisa e i Longobardi (1901), Lambardi e Romani nelle campagne e nelle città. Per la storia delle classi sociali, della nazione e del Rinascimento italiano (sec. XI–XV) (1904–1905) sowie dem programmatischen Essay Questioni fondamentali sull'origine e svolgimento dei comuni italiani (sec. X–XIV) (1904) entwickelte er eine Deutung der toskanischen Eliten des 11. bis 13. Jahrhunderts als soziale Klasse im Rahmen einer im Entstehen begriffenen italienischen Nation. Dabei griff er methodisch auf die Arbeiten Otto von Gierkes zurück und positionierte sich gegen soziologisierende und ökonomisch-deterministische Ansätze.
In Mailand wandte sich Volpe dem Verhältnis von Kirche und Staat in den italienischen Kommunen des Mittelalters zu. Seine Antrittsvorlesung vom 9. November 1907 trug den Titel Chiesa e democrazia medievale e moderna. Aus diesem Forschungsfeld gingen unter anderem der 1907 in der Zeitschrift Il Rinnovamento erschienene Aufsatz über Häretiker im kommunalen Italien sowie das 1922 publizierte Buch Movimenti religiosi e sette ereticali nella società medievale italiana (secoli XI–XIV) hervor. Weitere mediävistische Werke waren die Bände über Volterra und Lunigiana medievale (beide 1923), die 1964 zusammen mit der Studie über Massa Marittima im Band Toscana medievale zusammengeführt wurden. Die Synthese Il Medio Evo nel primo millennio D. C. erschien ab 1926 und wurde in mehreren Auflagen erweitert.
Hinwendung zum Nationalismus im Ersten Weltkrieg Im Mai 1917 wurde Volpe zum Militärdienst einberufen und dem Ufficio storiografico della mobilitazione (Historiographisches Amt für Mobilisierung) in Rom zugewiesen, das eine „dokumentarische Geschichte Italiens im Krieg“ erarbeiten sollte. Nach der Niederlage von Caporetto wurde er Anfang 1918 dem Servizio P (Propagandadienst) der 8. Armee unter Giuseppe Lombardo Radice zugeteilt. Für seine Tätigkeit als Offizier wurde er am 30. November 1919 mit der silbernen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Der Erste Weltkrieg wurde in Volpes weiterem Werk als grundlegendes Ereignis der italienischen Volksidentität gedeutet, wobei der Begriff „popolo“ als kollektiv-neovitalistisches Subjekt eine zentrale Kategorie bildete.
Politische Tätigkeit und Faschismus Bereits im November 1914 bildeten sich die „Gruppi nazionali liberali“ unter der Führung Volpes und plädierten für den Kriegseintritt Italiens. Am 21. November 1920 veröffentlichte die Tageszeitung Il Popolo d’Italia einen offenen Brief Volpes an Benito Mussolini. Im Juni 1921 bekräftigte er in einem weiteren Brief seine Unterstützung für die faschistische Bewegung, der er zugleich monarchistischen Loyalismus empfahl. 1924 wurde er an die Fakultät für Politische Wissenschaften der Universität Rom berufen, wo er bis 1940 lehrte. Im selben Jahr wurde er auf der faschistischen Einheitsliste in die Abgeordnetenkammer (Camera dei deputati) der XXVII. Legislaturperiode (1924–1929) gewählt und war Mitglied der von Giovanni Gentile geleiteten Kommission zur Verfassungsreform. 1925 unterzeichnete er das Manifest der faschistischen Intellektuellen (Manifesto degli intellettuali del fascismo).
Im März 1929 wurde Volpe zum Mitglied der Reale Accademia d’Italia ernannt, deren Generalsekretär er von 1929 bis 1934 war. In dieser Funktion entfaltete er eine umfangreiche organisatorische Tätigkeit im Bereich der historischen Studien. Zwischen 1925 und 1937 leitete er die Sektion für mittelalterliche und neuere Geschichte der Enciclopedia Italiana di scienze, lettere ed arti, für die er unter anderem den Geschichtsabschnitt des Lemmas Fascismo (1932) und den Eintrag Italia bis 1713 (1933) verfasste. Die für den 14. Band der Enzyklopädie verfasste Storia del Movimento Fascista wurde zusammen mit dem von Giovanni Gentile mitverfassten Text La Dottrina del Fascismo 1932 als Buchausgabe bei Fratelli Treves in Mailand veröffentlicht. 1939 erschien eine erweiterte Fassung als eigenständiges Werk Storia del Movimento Fascista am Istituto per gli studi di politica internazionale (ISPI) in Mailand, die wegen ihrer als heterodox empfundenen Inhalte zu Auseinandersetzungen mit der Regimepresse führte. Von 1935 an firmierte Volpe als Direktor der Rivista Storica Italiana und leitete daneben die Zeitschrift Archivio Storico di Corsica sowie die Scuola di Storia moderna e contemporanea.
Während des faschistischen Regimes setzte sich Volpe für die Freilassung seines Schülers Nello Rosselli aus der Verbannung und für die Erteilung eines Reisepasses an Rosselli sowie an Piero Calamandrei ein.
Werke zur neueren und zeitgenössischen Geschichte 1927 erschien L’Italia in cammino: l’ultimo cinquantennio (Fratelli Treves, Mailand), eine dem letzten halben Jahrhundert italienischer Geschichte gewidmete Synthese, die sowohl von Giovanni Gentile als auch von antifaschistischen Intellektuellen wie Antonio Gramsci, Nello Rosselli und Luigi Salvatorelli als mögliche Alternative zur crocianischen Geschichtsschreibung wahrgenommen wurde. Eine dem Ersten Weltkrieg gewidmete Trilogie umfasste Ottobre 1917, dall’Isonzo al Piave (1930), Il popolo italiano tra la pace e la guerra, 1914–1915 (1940) und das postum 1998 herausgegebene Il popolo italiano nella Grande Guerra, 1915–1916. Zwischen 1943 und 1952 erschien das dreibändige Hauptwerk Italia moderna, 1815–1914 (Florenz). Der erste Band wurde 1943 von der Italienische Sozialrepublik bei den Buchhändlern beschlagnahmt, da er eine Vorrede mit Bekenntnis zur Monarchie, aber ohne Bezugnahme auf den Faschismus enthielt.
Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit Volpes Zustimmung zum Faschismus, die nach eigener Darstellung durch Spannungen über die Kultur-, Religions- und Rassenpolitik des Regimes getrübt worden war, hielt bis zum italienischen Kriegseintritt im Juni 1940 an. Nach dem Scheitern des Griechenlandfeldzugs distanzierte er sich zunehmend von der Diktatur. Den Sturz Mussolinis am 25. Juli 1943 begrüßte er und lehnte es ab, sich der Italienischen Sozialrepublik anzuschließen, wobei seine monarchistische Überzeugung eine zentrale Rolle spielte. Während des Frontdurchzugs 1944 wurde die Familienvilla in Spinalbeto, unmittelbar vor den Toren von Santarcangelo di Romagna liegend, vorübergehend von deutschen Truppen besetzt. Teile der Bibliothek und des Archivs kamen zu Schaden, während Volpe nach San Marino geflüchtet war.
Im Dezember 1944 wurde Volpe im Zuge der Epuration vom Lehrbetrieb suspendiert. Durch eine Verfügung des Ministerratspräsidenten wurde er mit Wirkung vom 29. Januar 1945 in den Ruhestand versetzt. In den folgenden Jahrzehnten widmete sich Volpe der überarbeiteten Neuauflage seiner mediävistischen und zeitgeschichtlichen Hauptwerke, darunter Toscana medievale (1964), Storici e maestri (erweiterte Ausgabe 1967) und Studi sulle istituzioni comunali a Pisa (1970). König Umberto II. verlieh ihm vom Exil aus den Zivilverdienstorden von Savoyen für wissenschaftliche Verdienste. Zum 80. Geburtstag wurden ihm 1958 die Studi storici in onore di Gioacchino Volpe in zwei Bänden (Florenz) gewidmet.
Gioacchino Volpe starb am 1. Oktober 1971 in Santarcangelo di Romagna.
Schülerkreis und Nachwirkung Aus dem Lehrbetrieb Volpes gingen zahlreiche italienische Historiker hervor, deren politische Positionierung ein breites Spektrum umfasste, darunter Federico Chabod, Ernesto Sestan Luigi Dal Pane und Franco Valsecchi sowie auf dem Gebiet der Mediävistik Cinzio Violante und Marco Tangheroni. Auch auf Franco Cardini, Elio Conti und Giuliano Pinto wurde ein Einfluss Volpes festgestellt. Giorgio Candeloro, Verfasser einer gramscianisch orientierten Storia dell’Italia moderna, würdigte seinen methodischen Tribut gegenüber Volpe. Rosario Villari sprach von einer „okkulten Sekte“ von Volpe-Anhängern in der Redaktion der Zeitschrift Studi Storici des Istituto Gramsci.
Nachlass