DAU ist ein noch unveröffentlichter deutsch-französisch-schwedischer Spielfilm von Ilja Chrschanowski. Inspiriert vom Leben sowjetischer Physiker, die an der Entwicklung der Atombombe beteiligt waren, begleitet der Film den Wissenschaftler Dau über vier Jahrzehnte seines Lebens in der Sowjetunion, von 1928 bis 1968.«Дау» — это фильм или сериал? Как его смотреть? Правда, что на съемках было насилие? In: Meduza, 24. Januar 2019 (russisch).Логика есть, просто она другая. In: Сеанс (russisch).DAU: the never-ending experiment in a Soviet laboratory. In: Sight and Sound, British Film Institute (englisch).Interview: Ilya Khrzhanovsky. In: Film Comment (englisch).

Der Film verbindet Aufnahmen aus den Jahren 2008 bis 2011 mit zusätzlichem, 2024 gedrehtem Material. Aus diesem Bestand entstand nach einer mehr als zwanzigjährigen Produktionsgeschichte ein einzelner Langfilm. Seine Weltpremiere ist für den 9. September 2026 im Hauptwettbewerb der 83. Internationalen Filmfestspiele von Venedig vorgesehen; dort konkurriert er um den Goldenen Löwen.

Handlung

Die Handlung spielt überwiegend in einem abgeschlossenen sowjetischen Forschungsinstitut. Wissenschaftliche Hierarchien, Privilegien und ständige Überwachung bestimmen dort den Alltag. Je kleiner Daus persönlicher Handlungsspielraum wird, desto stärker sucht er in einer Reihe außerehelicher Beziehungen nach einem Ausweg. Nach und nach verliert er dadurch seine Bindungen und sein Selbstverständnis. Die Erzählung umfasst die Jahre 1928 bis 1968.

Dau will die Gesetze des Universums verstehen, muss sein wissenschaftliches Talent jedoch bald in den Dienst des Staates stellen und an der Entwicklung einer Massenvernichtungswaffe mitwirken. Der Film verbindet das intime Porträt eines Einzelnen mit einem Gesellschaftspanorama über Gewalt und Ideologie.

Besetzung

Darüber hinaus treten Carsten Höller, Marina Abramović und Romeo Castellucci als sie selbst auf.

Entwicklung

Projektmärkte und Finanzierung

2005 wurde DAU beim europäischen Projektmarkt Sofia Meetings, der im Rahmen des Sofia International Film Festival stattfindet, als bestes Projekt ausgezeichnet. Im selben Jahr gehörte es beim internationalen Koproduktionsmarkt des International Film Festival Rotterdam zu den zehn führenden Projekten.Dau. International Film Festival Rotterdam (englisch). 2006 wurde es als eines von 18 Projekten weltweit für den internationalen Filmworkshop L'Atelier beim Filmfestival von Cannes ausgewählt.

Zu den Koproduzenten und Förderern gehörten ab 2006 Philippe Bober und Susanne Marian mit Essential Filmproduktion und Société Parisienne de Production, Phenomen Films, das Medienboard Berlin-Brandenburg, WDR und Arte, Arte France Cinéma, die Mitteldeutsche Medienförderung, Eurimages, das Schwedische Filminstitut, Film i Väst und der Hubert Bals Fund.Dau. Cineuropa (englisch).«Дау» — это путешествие. In: Сеанс, 9. August 2010 (russisch). Später wurde die Produktion privat finanziert; diese Finanzierung endete 2019.Dau director Ilya Khrzhanovsky: my ‘pornographic propaganda’ recreating the USSR is more important than ever. In: The Guardian, 12. September 2025 (englisch).

Die ukrainische staatliche Filmagentur stellte 2012 Mittel für einen der Filme des DAU-Projekts bereit. Im April 2018 wurde einer der Projektfilme ihrer Kommission vorgelegt. Das Kulturministerium der Russischen Föderation bewilligte dem Film 2006 22,5 Millionen Rubel. 2015 wurde die Förderung zusammen mit Zinsen von acht Millionen Rubel vollständig zurückgezahlt.

Drehbuch

Ilja Chrschanowski begann die Arbeit am Drehbuch gemeinsam mit Wladimir Sorokin. Im Verlauf der Produktion, besonders während des Moskauer Drehblocks, entwickelte sich die Handlung zunehmend nach einer eigenen inneren Logik und wurde um dramatische Wendepunkte herum strukturiert.Илья Хржановский: «Я снимаю для близких по духу людей». BBC Russian (russisch).Что такое «Дау», новая парижская сенсация. RBC (russisch).

Casting

2005 war Chrschanowski Mitgründer von Phenomen Films.ООО «Феномен Фильмз». RBC Companies (russisch). Das Unternehmen initiierte REKA, die „Russische Einheitliche Casting-Agentur“. Nach einer von dem Theaterregisseur Boris Juchananow entwickelten Methode wurden in etwa 57 Regionen Russlands Tausende Interviews mit professionellen Schauspielern aufgenommen. Während dieser Arbeit entschied Chrschanowski, die Rollen in DAU überwiegend mit Menschen ohne Schauspielausbildung zu besetzen. Entscheidend seien nicht berufliche Fähigkeiten, sondern Gesicht, Energie und Persönlichkeit gewesen.

Die einzige professionelle Schauspielerin des ursprünglichen Ensembles, Radmyla Schtschoholewa, arbeitete vor den Dreharbeiten gezielt daran, ihre gewohnten schauspielerischen Strategien abzulegen.The Movie Set That Ate Itself. In: GQ (englisch). Sie wurde erst besetzt, als die Dreharbeiten in Charkiw bereits begonnen hatten.Через полтора месяца в Харькове начнутся съемки фильма о Ландау. Объектив (russisch). Aus dem Casting ging schließlich eine Figurendatenbank mit 392.000 Personen hervor. Der Dirigent Teodor Currentzis erhielt die Rolle des Dau, weil Chrschanowski dessen Persönlichkeit, Temperament und Format mit der Figur für vergleichbar hielt.«Советский запах еще не выветрился. Мы по-прежнему его источаем». In: Meduza, 18. Mai 2020 (russisch).Inside Dau, the ‘Stalinist Truman Show’. In: The Guardian, 26. Januar 2019 (englisch). Den älteren Dau spielte der Künstler Juri Alexejew.

Materielle Welt

Die Arbeit mit Laiendarstellern führte zu einem besonderen Augenmerk auf eine materielle Umgebung, in der diese sich zeigen konnten. Die Welt sollte zugleich bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und erfunden sein. Chrschanowski wollte Bedingungen schaffen, unter denen die Mitwirkenden mit ihrer gesamten bisherigen Lebenserfahrung vor die Kamera treten konnten. Sämtliche Requisiten – darunter Geschirr, kleine Alltagsgegenstände, Lebensmittel, Verpackungen und Taschen – wurden hergestellt oder so ausgewählt, dass sie der dargestellten Zeit entsprachen. Das galt auch für Objekte, die nur im Hintergrund oder gar nicht im Bild erschienen.How Khrzhanovskiy’s DAU was Tailored. In: Apparatus (englisch).Как в Харькове снимали «Дау»: воспоминания участников. BBC News Україна (russisch).

Künstlerische Gestaltung

Die Dreharbeiten wurden entsprechend den Lebensphasen der Titelfigur in drei Blöcke gegliedert: Leningrad, Charkiw und Moskau. Jeder Block erhielt eine eigene Ästhetik in Architektur und Innenräumen, Kostüm, Maske, Frisuren, Besetzung und Kameraarbeit.В поисках Дау. Sobaka (russisch). Die drei leitenden Kameraleute sprachen kein Russisch. Chrschanowski erhoffte sich davon einen fremden, leicht distanzierten Blick auf das Geschehen. Von Anfang an war vorgesehen, auf 35-mm-Film zu drehen. Nach Jürgen Jürges sollte das Material einen Blick erzeugen, der für die dargestellte Epoche charakteristisch war.Юрген Юргес: Я и мои черные ангелы стали частью «Дау», этого мира. Искусство кино (russisch).

Die Vorbereitungen begannen 2006 und umfassten umfangreiche Archivrecherchen und die Suche nach Drehorten. Die Dreharbeiten starteten 2007.Таково истинное «ДАУ». Stravinsky Online (russisch).

Produktion

Leningrader Drehblock (2008)

Der 1928 spielende Leningrader Block orientierte sich farblich an den Gemälden Pawel Filonows. Lol Crawley arbeitete als Kameramann, Boris Schapowalow als Szenenbildner. Die Kostüme entwarfen Alexandra Smolina, Alexandra Timofejewa, Ljubow Mingasitinowa, Irina Zwetkowa und Stefania Gaurogkaitė. Beim Moskauer Block kamen die Schwestern Olga und Jelena Bekrizkaja hinzu; Gaurogkaitė war nur am ersten Block beteiligt. Die für die frühen Lebensjahre Daus entwickelten Verfahren für Straßen- und Massenszenen wurden im Charkiwer Block in größerem Maßstab fortgeführt.

Charkiwer Drehblock (2008–2009)

Der Charkiwer Abschnitt umfasst die Jahre 1932 bis 1938. Seine Bildwelt ist durch eine allmählich abnehmende Farbintensität und zerknitterte, nachgiebige Texturen gekennzeichnet. Zunächst führte Manuel Alberto Claro die Kamera; er hob besonders die Bedeutung der konstruktivistischen Architektur für die Bildsprache hervor.Назад в прошлое: Сумскую, Полтавский Шлях и площадь Свободы вернут на 70 лет назад. Mediaport, archivierte Fassung vom 15. September 2008 (russisch). Später übernahm Jürgen Jürges. Szenenbildnerin war Olga Gurewitsch. Die Suche nach Mitwirkenden, Räumen, Fahrzeugen und Requisiten begann etwa anderthalb Jahre vor den ersten Außendrehs.

Bis Oktober 2008 hatten rund 50.000 Menschen am Casting teilgenommen. Bei der Suche in Schulen, Institutionen, öffentlichen Verkehrsmitteln und auf den Straßen entstanden mehr als 180.000 Fotografien von Einwohnern Charkiws.«Мосфильм» снимает в Харькове кино. Объектив, archivierte Fassung vom 19. Oktober 2008 (russisch).Съемочной группе «Дау» не хватает актеров. Харьковчане, выручайте. Городской Дозор (russisch). Der Drehblock begann im Herbst 2008. Eine der ersten großen Szenen wurde vom 17. bis 19. Oktober am Poltawskyj Schljach gedreht.ДАУ в Харькове. Радио Свобода (russisch).

Arbeit mit dem Stadtraum und Herstellung von Kunstobjekten

Mehr als 35 Orte in Charkiw dienten als Kulissen, darunter der Poltawskyj Schljach, der Bahnhofsvorplatz, der Zoo Charkiw, die Worobjow-Gasse, die Sumska-Straße und das Umfeld des Taras-Schewtschenko-Denkmals, der Freiheitsplatz, die Darwin- und die Krasnoarmeiskaja-Straße, der Kulturpalast der Eisenbahner und der Derschprom. Für Daus Ankunft in Charkiw wurde eine Nachbildung des Flugzeugs K-7 in Originalgröße gebaut; sie war etwa zwölf Meter hoch und hatte eine Spannweite von 54 Metern.

Für alle Außendrehs wurden die jeweiligen Stadträume der Filmwelt angepasst. Moderne Fenster und Fassaden erhielten historische Oberflächen, Straßenlaternen wurden verhüllt, Asphalt mit Kies bedeckt und moderne Schilder durch historische ersetzt. In den Massenszenen kamen historische Autos, Straßenbahnen, Motorräder, Fahrräder, Pferdefuhrwerke und Eisenbahnwagen zum Einsatz.

Im Juni 2009 wurde am Südbahnhof eine Szene mit einem im Stil der 1930er-Jahre gestalteten Zug gedreht. Der Zug wurde über Straßenbahngleise an den Drehort gebracht; die Lokomotive baute die Ausstattungsabteilung von DAU.Ночью в Харькове снова снимали «Дау». Городской Дозор (russisch). Nach Angaben des Leiters des Charkiwer Oldtimer-Clubs nutzte die Produktion 18 Autos, drei Motorräder und ein Fahrrad. Die Fahrzeuge wurden nicht nur restauriert, sondern auch umgebaut: Kotflügel, Scheinwerfer und weitere äußere Bauteile wurden ersetzt. Die Suche nach flachem Scheinwerferglas aus der Vorkriegszeit und nach geeigneten Reifen dauerte rund acht Monate. Einige Lkw-Kotflügel entstanden vollständig neu; das Motorgeräusch eines ZIS-5 wurde gesondert aufgenommen.

Für die K-7-Szene wurden etwa 15 Lkw-Ladungen Schwarzerde auf den Flugplatz gebracht. Mit Wasser und Dieselkraftstoff vermischt, bildete sie tiefen Schlamm, durch den sich Menschen und mit Ketten ausgerüstete Fahrzeuge bewegen mussten. Für eine Szene in der Worobjow-Gasse, in der Dau zusammengeschlagen wird, kaufte die Produktion 70 Tonnen Kohl und überzog ihn mit Zement.

Massenszenen

Die erste große Charkiwer Massenszene wurde am Poltawskyj Schljach gedreht. Der präparierte Straßenabschnitt war etwa sechs Kilometer lang: Moderne Werbung wurde verdeckt, Straßenlaternen wurden umgestaltet, historische Autos, Straßenbahnen und Marktstände aufgestellt. Der Bereich war in Sektoren unterteilt, die jeweils ein Regisseur oder Vorarbeiter betreute.