mini|hochkant=1.2|Fränkische Panzerreiter im Kampf mit Awaren (Stuttgarter Psalter, frühes 9. Jahrhundert) mini|Awarisches Statussymbol: mehrteilige Gürtelgarnitur mini|Schwert eines Kriegers mini|hochkant|Reflexbogen vom awarischen Gräberfeld Gyenesdiás Die Awaren (auch Avaren) waren im Frühmittelalter Herrscher über ein Steppenreich mit dem Schwerpunkt in der Pannonischen Tiefebene. Ihr Herrschaftsgebiet umfasste den Ostteil Österreichs, die heutigen Länder Ungarn, Slowakei, Slowenien, große Teile von Tschechien, sowie Teile von Rumänien, Kroatien, Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Moldau, Bulgarien, den äußersten Westen der Ukraine und äußersten Süden von Polen. Über 200 Jahre lang waren sie der wichtigste Machtfaktor zwischen dem Fränkischen und dem Byzantinischen Reich. Sie gingen aus einem Bündnis verschiedener Stämme und Reitervölker hervor und standen in Verbindung mit Slawen sowie Völkern aus Zentral- und Ostasien.

Den Status als Aware oder Slawe bestimmte später nicht die ethnische Zugehörigkeit, sondern das soziale Prestige. Nach zeitgenössischen Quellen bildeten die Awaren eine herrschende, aber zahlenmäßig geringe Oberschicht in ihrem Reich. Nach den Eroberungskriegen Karls des Großen verloren die Awaren zu Beginn des 9. Jahrhunderts ihre politische Bedeutung, kurz darauf auch ihre kulturelle Identität.

Herkunft

Der byzantinische Historiker Theophylaktos Simokates beschreibt die Awaren, die im 6. Jahrhundert erstmals mit dem Byzantinischen Reich in Kontakt traten, als Föderation zweier ostasiatischer Stämme: der Uar (oder Var) und der Kunni (oder Khuni). Diese These wurde in Europa bis ins 18. Jahrhundert unreflektiert übernommen.

Sie wurde erstmals vom französischen Orientalisten Joseph de Guignes (1721–1800) in Frage gestellt; er deutete die Awaren als ehemalige Mitglieder der Stammesföderation Rouran (, mit ihrerseits unbestimmter Sprache). Er begründete dies unter anderem mit der Chronologie der historischen Ereignisse, mit der Gewohnheit sowohl der Awaren wie auch der Rouran, ihre Haare zu Zöpfen zu flechten, und mit etymologischen Argumenten; das chinesische Geschichtsbuch Liáng Shū () beschreibt nämlich, dass es bei den Rouran einen Stamm der War gab. Zahlreiche Historiker übernahmen in der Folge die Rouran-Theorie;So z. B. der deutsche Geographiehistoriker Albert Herrmann: An Historical Atlas of China. Aldine Publishing, 1966, S. 32. sie kann heute als vorherrschend bezeichnet werden. Für den französischen Historiker René Grousset sind die Awaren, wenn sie keine Rouran sein sollten, Hephthaliten („weiße Hunnen“).René Grousset: Die Steppenvölker. Magnus Verlag, 1975, S. 245. Auch der deutsche Sprachwissenschaftler Harald Haarmann setzt die Awaren mit den Hephthaliten gleich.Harald Haarmann: Lexikon der untergegangenen Völker. Beck, München 2005, S. 69 und 124.

Nach der Encyclopædia Iranica gehörten die Awaren, wie auch die späteren Mongolen, zu der Nomadenkonföderation Xianbei und waren „ohne Zweifel der erste von westlichen Historikern geschichtlich erfasste ostasiatische Stamm“.Karl Heinrich Menges: Altaic people. In: Encyclopædia Iranica. Band 1, 1985, S. 908–912. Die mögliche mongolische Herkunft der Awaren wird von einigen Sprachwissenschaftlern unterstützt: Sowohl für den französischen Orientalisten Paul Pelliot als auch für den deutschen Turkologen Karl Heinrich Menges ist das Awarische eine mongolische Sprache, jedoch ist diese Ansicht umstritten.

Manche Linguisten und Historiker favorisieren eine tungusische Herkunft.E. Helimski: Die Sprache(n) der Awaren: Die mandschu-tungusische Alternative. In: Proceedings of the First International Conference on Manchu-Tungus Studies, Vol. II. 2004, S. 59–72. Andere Forscher gehen davon aus, dass die Awaren turksprachig waren oder zumindest ein Teil der Awaren einem Turkvolk angehörten (dann wahrscheinlich dem oghurischen Sprachzweig).Heinz Dopsch: Steppenvölker im mittelalterlichen Osteuropa – Hunnen, Awaren, Ungarn und Mongolen. PDF auf der Website der Universität Salzburg: „In der Hauptsache aber sind die Awaren, auch was ihre Sprache betrifft, als Turkvolk anzusprechen.“ In der Forschung wird aber auch eine Mehrsprachigkeit bzw. ein Sprachwechsel von Awaren vertreten, was eine genaue Zuordnung erschwert.Walter Pohl: Die Awaren. Zweite Auflage, München 2002, S. 223.

Laut Florin Curta et al. waren die Awaren kein homogener Stammesverband. Sie finden Indizien, dass iranischsprachige Verbände Teil der Awaren-Konföderation waren. Auch die Linguistin Johanna Nichols vermutete, dass die Herrscherschicht der Awaren eine iranische Sprache benutzte. Unterstützt wird ihre Hypothese von iranischen Lehnwörtern in lokalen slawischen Sprachen und Ortsnamen im Gebiet der Awaren.Curta, Florin (2004). The Slavic lingua franca (Linguistic notes of an archaeologist turned historian). In: East Central Europe / L’Europe du Centre-Est. 31: 125–148. Abgerufen am 29. Mai 2015. „By contrast, there is very little evidence that speakers of Slavic had any significant contact with Turkic. As a consequence, and since the latest stratum of loan words in Common Slavic is Iranian in origin, Johanna Nichols advanced the idea that the Avars spoke an Iranian, not a Turkic language.“

Heršak und Silić et al. bezeichnen die Awaren ebenfalls als heterogenen Stammesverband, kommen aber zu dem Schluss, dass die Kerngruppe aus oghurischen Turkvölkern bestand, die im Laufe ihrer Migration kleinere germanische und slawische Stämme assimilierten.

Funde wie jene des ungarischen Archäologen Csanád Bálint belegen zumindest die geographische Herkunft der Awaren, nämlich aus Ostasien bzw. Sibirien und damit aus dem Gebiet der Rouran bzw. Hephtaliten.Csanád Bálint: Die Archäologie der Steppe. Böhlau, Wien 1989, S. 147.

Genetische Untersuchungen Nach manchen genetischen Forschungen sollen die Awaren aus dem Inneren Asiens stammen (Mongolei und nördliches China), da die weibliche Mitochondriale-DNA-Variabilität untersuchter Proben mehrheitlich (64 %) zu asiatischen Haplogruppen gehört. Demnach zeigen die untersuchten Awaren eine enge Verwandtschaft zu heutigen Kasachen, Mongolen, tungusischen Völkern sowie Han-Chinesen.Veronika Csáky, Dániel Gerber, István Koncz, Gergely Csiky, Balázs G. Mende, Antónia Marcsik, Erika Molnár, György Pálfi, András Gulyás, Bernadett Kovacsóczy, Gabriella M. Lezsák, Gábor Lőrinczy, Anna Szécsényi-Nagy, Tivadar Vida: Inner Asian maternal genetic origin of the Avar period nomadic elite in the 7th century AD Carpathian Basin. bioRxiv, September 2018. Zitat 1: „Our results indicate that the source population of the elite group of the Avar Qaganate might have existed in Inner Asia (region of today’s Mongolia and North China) and the studied stratum of the Avars moved from there westwards towards Europe.“ Zitat 2: „Further genetic connections of the Avars to modern populations living to East and North of Inner Asia (Yakuts, Buryats, Tungus) probably indicate common source populations.“

Genomanalysen von Awarengräbern in Österreich und Ungarn (Post et al. 2019) zeigten, dass die Awaren hauptsächlich der väterlichen Y-DNA-Haplogruppe N angehörten. Diese hat ihren Ursprung im nordöstlichen China (Mandschurei) und wird heute hauptsächlich in Turkvölkern Sibiriens und Chinas gefunden sowie in uralischen Völkern Nordasiens. In Stichproben aus Österreich und aus solchen ungarischer Abstammung kommt die awarische N-Linie heute in etwa 4 bis 7 % (Österreich) bzw. 3 bis 4 % (Magyaren) vor. Eine kleinere Anzahl an Proben, die den Awaren zugerechnet werden, gehörten den Haplogruppen R1a (R1a-Z94) und J (J1a und J2b) an, die iranischen Gruppen zugerechnet wird. mini|Herkunft der Awaren basierend auf genetischen und historischen Daten. Demnach stammt die Awarenelite mehrheitlich von ostasiatischen Nomaden ab, hatte jedoch auch eine skytho-iranische Komponente. Die Personen ostasiatischer Herkunft, die in prunkvollen Gräbern der frühen Awarenzeit bestattet wurden, waren einer Studie aus dem Jahr 2022 zufolge wahrscheinlich aus dem Gebiet der Rouran nach Europa migriert, nachdem deren Herrschaft Mitte des 6. Jahrhunderts zusammengebrochen war. Personen aus Gräbern in Randsiedlungsgebieten und späteren Zeitabschnitten wiesen eine heterogenere Herkunft auf. Diese Befunde deuten darauf hin, dass die eingewanderte awarische Elite durch Unterstützung einer heterogenen lokalen Elite über eine genetisch diverse Bevölkerung herrschte.

Eine 2022 veröffentlichte Studie ausgesuchter Proben (neun aus der Zeit der Hunnen, 143 aus der Zeit der Awaren und 113 aus der Zeit der ungarischen Eroberung) stellte fest, dass Hunnen und Awaren verwandter Herkunft seien („related ancestry“). Die Mehrheit der aus Gräbern der Elite stammenden Proben waren ostasiatischen Ursprungs und wahrscheinlich der Kern der immigrierenden Gruppe, die auch die Herrscherschicht bildete. Die Mehrheit der Proben aus Gräbern der einfachen Bevölkerung waren lokalen Ursprungs, wobei es auch zur Vermischung beider Gruppen kam. Demnach bildeten Menschen einheimischer europäischer Herkunft („native European ancestry“) die Mehrheit der Bevölkerung, jedoch konnte sich die ostasiatische Prägung der Awarenelite lange halten und ging erst nach dem Zerfall des Awarenreichs in der Mehrheitsbevölkerung auf. Des Weiteren zeigte eine Minderheit von Proben aus Elitegräbern einen iranischen Ursprung auf, was der Studie zufolge auf eine zweite Komponente der migrierenden Awaren hindeute, die in Verbindung zu den Skythen sowie den Alanen oder Sarmaten Zentralasiens erklärbar ist. Demnach schlossen sich iranische Nomaden während ihrer Migration den Rouran Richtung Europa an. Eine 2024 veröffentlichte Studie zu den sozialen und gesellschaftlichen Praktiken im Awarenreich kam zur Erkenntnis, dass die Awaren einem strengen patrilinealen System folgten (Levirat). Demnach spielte die Herkunft und soziale Abstammung eine große Rolle. Die Auswertung der genetischen Daten unterstützte die These, dass die Elite der Awaren von den Rouran aus der heutigen Mongolei abstamme, die nach dem Fall des Rouranreichs durch Zentralasien bis nach Europa migrierte.

DNA-Analysen etwa von Skeletten aus Gräberfeldern helfen zwar bei der Erforschung, weisen ihrerseits aber ebenfalls Probleme auf, da Grabfunde nicht immer eindeutige Zuordnungen erlauben und genetische Befunde an sich wiederum nichts über die kulturelle Identität aussagen. Insofern ist die Kooperation zwischen Paläogenetikern, Archäologen und Historikern wichtig, um die verschiedenen Ergebnisse in einen gesamtheitlichen Kontext einbetten zu können.Vgl. dazu zusammenfassend etwa Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert. München 2019, S. 837–839.

Historische Entwicklung