Mit Sinnfindung oder Sinngebung werden kognitiv-bewertende Prozesse bezeichnet, mit denen eine Person versucht, einen erlittenen Sinnverlust zu überwinden. Anlass eines Sinnverlusts ist in der Regel ein kritisches Lebensereignis oder ein Schicksalsschlag, der die gegenwärtigen Sinnquellen einer Person stark beeinträchtigt oder ihren Lebensentwurf behindert. Sinnfindung ist eng verknüpft mit den Bemühungen zur Bewältigung des Ereignisses (Coping). Sinnfindung beinhaltet unter anderem Umdeutungen, Vergleichsprozesse, Akzeptieren von unveränderbaren Situationen sowie Modifizieren von Zielen. Sinn meint die Bedeutung (das Woher) eines Ereignisses, das Ziel (das Wohin, vergleiche Teleologie) einer Handlung sowie das Wie einer Aktivität. Menschen im höheren Lebensalter haben das Bedürfnis nach Lebensrückblick, zu dem auch Sinnfindungsprozesse gehören. Es wurden sinnorientierte Interventionen entwickelt, beispielsweise für Patienten mit Krebserkrankung.

Definition von „Sinn“ „Sinn“ wird Handlungen, Vorhaben und Aktivitäten, Ereignissen, Sachverhalten und Normen zugeschrieben. Sinnzuschreibung ist eine kognitiv-bewertende Funktion, die verbunden ist mit emotionalem Erleben sowie mit Verhalten und Handeln (Tausch 2008).R. Tausch: Sinn in unserem Leben. In: A.E. Auhagen (Hrsg.): Positive Psychologie. 2. Auflage. Beltz PVU, Weinheim 2008, S. 97–113. Sinnerleben und Sinnzuschreibung haben einen dreifachen zeitlichen Bezug:

Vergangenheit, das Woher oder Warum. Eine Person bewertet und erlebt den „Sinn“ einer Handlung oder eines Ereignisses aufgrund ihrer Informationen und Vorstellungen darüber, was zu diesen geführt hat (Wirkursache).T. Schnell: Psychologie des Lebenssinns. Springer, Heidelberg/Berlin 2016, S. VII.S. H. Filipp & P. Aymanns: Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Vom Umgang mit den Schattenseiten des Lebens. Kohlhammer, Stuttgart 2010, S. 176 f. Zum Beispiel: Eine Person ist gestürzt, weil sie einer anderen Person helfen wollte, weil sie auf eine defekte Stufe trat oder weil sie eine Stufe nicht bemerkte. Es geht sowohl um die Ursachen- als auch um die Verantwortungs-Attribution. Von ihrer Antwort auf die Woher-Frage hängt häufig ab, wieweit eine Person ein kritisches Ereignis akzeptieren bzw. bewältigen kann. Zukunft, das Wohin oder Wozu. Der Sinn oder Zweck einer Handlung zeigt sich in der Vorstellung des Zustandes, der mit dieser Handlung erreicht werden soll, z. B. bei einer Berufsausbildung in der Vorstellung der entsprechenden Berufstätigkeit. Handlungen, die voraussichtlich zur Erreichung eines positiven Zustandes oder zur Vermeidung eines negativen Zustandes führen, werden als sinnvoll erlebt. Extrinsischen Sinn haben Handlungen, die auf ein positives Ziel hinführen, selbst aber als wenig befriedigend erlebt werden, z. B. Teile der Berufsarbeit (funktionaler Sinnaspekt). Sinn bezieht sich auf die Zielbestimmung und die Wege der Zielerreichung (Zweckursache).S. H. Filipp & P. Aymanns: Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Kohlhammer, Stuttgart 2010, S. 175 ff.J. Mittelstrass (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 3. J. B. Metzler, Stuttgart 1995. Stichwort Sinn S. 810–812. – Ein eingetretenes Ereignis wird nachträglich von einer Person als sinnvoll bewertet, sie findet dessen Sinn, wenn sie in der Folge einen für sie positiven Zustand erreicht, zu dem sie ohne dieses Ereignis nicht gelangt wäre. Gegenwart, das Wie. Handlungen und Aktivitäten werden unmittelbar als sinnvoll erlebt, wenn ihre Ausführung für die Person einen aus sich positiven emotionalen Zustand darstellt (intrinsischer Sinn); sie erfüllen eine Lebensbedeutung,T. Schnell: Psychologie des Lebenssinns. Springer, Heidelberg/Berlin 2016. z. B. Teile der Berufsarbeit, Sportmachen, einer Theateraufführung beiwohnen. Im Weiteren erlebt eine Person eine Handlung als sinnvoll, wenn diese den eigenen Werten entspricht.I.D. Yalom: Existenzielle Psychotherapie. 5. Auflage. Ed. Humanistische Psychologie, Verlag A. Kohlhage, Bergisch Gladbach 2010, S. 535.

Zu unterscheiden sind „kosmischer“ und „irdischer“ Sinn.I.D. Yalom: Existentielle Psychotherapie. 5. Auflage. Ed. Humanistische Psychologie, Verlag A. Kohlhage, Bergisch Gladbach 2010, S. 489 ff. Kosmischer Sinn beantwortet die Frage nach dem Sinn des Lebens im Allgemeinen, für die es philosophische, ethische und theologisch-religiöse Antworten gibt. Irdischer Sinn oder Lebenssinn bezieht sich demgegenüber auf die Frage: „Welchen Sinn hat mein Leben?“Siehe auch H. C. I. Andriessen: Sinngebung. In: H. P. J. Buijssen & R. D. Hirsch (Hrsg.): Probleme im Alter. Diagnose, Beratung, Therapie, Prävention. Beltz, Weinheim 1997, S. 107–132. Das eigene Leben erfüllt einen Zweck, es dient übergreifenden Zielen, denen man sich verschrieben hat. – Um Ziele und Vorstellungen von einem sinnvollen Leben verwirklichen zu können, benötigt eine Person persönliche, soziale und materielle Ressourcen.

Sinnerfüllung Der „Wille zum Sinn“ Viktor E. Frankl (1977) postulierte bei jedem Menschen den „Willen zum Sinn“ als eine wesentliche und eigenständige Motivation für den individuellen Lebensvollzug.V.E. Frankl: Das Leiden am sinnlosen Leben. Psychotherapie für heute. Herder, Freiburg 1977, S. 15 ff. Sinn ist, was eine Person in der jeweils gegebenen Situation unter Anleitung des Gewissens als selbst-transzendierende Aufgabe für sich erstrebenswerte Ziel empfindet. Der Mensch findet Sinn auf drei Wegen der schöpferischen Auseinandersetzung: (a) etwas tun oder schaffen (Arbeitsfähigkeit, schöpferische Werte); (b) etwas erleben, jemanden lieben (Genussfähigkeit, Erlebniswerte); (c) einer „hoffnungslosen Situation“ mit der „rechten Einstellung und Haltung begegnen“ (Leidensfähigkeit, Einstellungswerte). Erst Haltung und Einstellung gestatten einem Menschen, „das Leiden auf der menschlichen Ebene in eine Leistung umzusetzen und umzugestalten“ und davon Zeugnis abzulegenV.E. Frankl: Das Leiden am sinnlosen Leben. Psychotherapie für heute. Herder, Freiburg 1977, S. 31 f., 80. – Frankl hat das psychotherapeutische Verfahren der Logotherapie begründet. Jedes Problem wird aus dem Blickwinkel der Sinnthematik bearbeitet.

Psychologie des Lebenssinns Menschen bewerten ihr eigenes Leben als mehr oder weniger sinnvoll (persönlicher Lebenssinn; Schnell 2016). Lebenssinn drückt sich aus in „persönlich relevanten Überzeugungen, bedeutsamen Handlungen und aussergewöhnlichen Erfahrungen“T. Schnell: Psychologie des Lebenssinns. Springer, Heidelberg Berlin 2016, S. 13.. Die Sinnquellen werden als „Lebensbedeutungen“ konzipiert. „Sinnerfüllung“ ist die grundlegende Erfahrung von Sinnhaftigkeit. „Sinnkrise“ wird definiert als Sinnleere bei gleichzeitiger Sehnsucht nach SinnT. Schnell: Psychologie des Lebenssinns. Springer, Heidelberg Berlin 2016, S. 7 f.. Der „LeBe-Fragebogen“ von Schnell & Becker (2007T. Schnell. & P. Becker: Der Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe). Hogrefe, Göttingen 2007.) erfasst Sinnerfüllung, Sinnkrise und 26 Lebensbedeutungen. Beispielitems für „Sinnerfüllung“: „Ich erlebe mich als Teil von einem grösseren Ganzen.“ „Die verschiedenen Dinge, die ich in meinem Leben tue, ergänzen sich in sinnvoller Weise.“ Beispielitem für „Sinnkrise“: „Ich leide darunter, dass ich keinen Sinn in meinem Leben sehen kann.“ Die „Lebensbedeutungen“ werden in fünf „Sinndimensionen“ zusammengefasst (Schnell 2016T. Schnell: Psychologie des Lebenssinns. Springer, Heidelberg Berlin 2016, S. 18 ff): vertikale Selbsttranszendenz: Explizite Religiosität; Spiritualität; horizontale Selbsttranszendenz: Soziales Engagement; Naturverbundenheit; Selbsterkenntnis; Gesundheit; Generativität; Selbstverwirklichung: Herausforderung; Individualismus; Macht; Entwicklung; Leistung; Freiheit; Wissen; Kreativität; Ordnung: Tradition; Bodenständigkeit; Moral; Vernunft; Wir- und Wohlgefühl: Gemeinschaft; Spaß; Liebe; Wellness; Fürsorge; Bewusstes Erleben; Harmonie.

Alle 26 „Lebensbedeutungen“ korrelieren positiv mit „Sinnerfüllung“. Der Einfluss von Sinnerfüllung auf Gesundheitsmerkmale ist vielfach nachgewiesen. „Je mehr Sinnerfüllung ein Mensch erfährt, desto gesünder ist er – sowohl in seelischer wie auch in körperlicher Hinsicht“T. Schnell: Psychologie des Lebenssinns. Springer, Heidelberg Berlin 2016, S. 114.. Weiterhin korreliert Lebenssinn positiv mit Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit sowie negativ mit Merkmalen psychischer Belastung und Psychopathologie (Steger 2012M.F. Steger: Experiencing meaning in life. Optimal functioning at the nexus of well-being, psychopathology and spirituality. In: P.T.P. Wong (Hrsg.): The human quest for meaning. Theories, research, and applications. 2. Ed., Routledge, New York 2012, S. 165–184.).

Existenzielles Sinnkonzept Irvin D. Yalom (2010) behandelt vier „letzte Dinge“, die jeden Menschen angehen: Tod, Freiheit (und Verantwortung), Isolation, SinnlosigkeitI.D. Yalom: Existentielle Psychotherapie. 5. Aufl. Ed. Humanistische Psychologie Verlag A. Kohlhage, Bergisch Gladbach 2010, S. 20 f.. Für die Sinnfrage ist folgendes „Dilemma“ grundlegend: „Der Mensch scheint Sinn zu brauchen. Ohne Sinn, ohne Ziele, Werte oder Ideale zu leben, scheint sehr viel Kummer hervorzurufen.“ Demgegenüber sieht Yalom die Welt als kontingent – „das heisst alles, was ist, hätte auch anders sein können. […] Wie findet ein Wesen, das Sinn braucht, Sinn in einem Universum, das keinen Sinn hat?“I.D. Yalom: Existentielle Psychotherapie. 5. Aufl. Ed. Humanistische Psychologie Verlag A. Kohlhage, Bergisch Gladbach 2010, S. 488 f. Ein Mensch erlebt Sinn, wenn er sich in zweckvollen, „in sich befriedigenden Aktivitäten“ engagiert. Yalom beschreibt folgende SinnquellenI.D. Yalom: Existentielle Psychotherapie. 5. Aufl. Ed. Humanistische Psychologie Verlag A. Kohlhage, Bergisch Gladbach 2010, S. 498 ff.: Altruismus, Hingabe an eine Sache, Kreativität, die hedonistische Lösung, Selbstverwirklichung, Selbsttranszendenz sowie selbsttranszendente Aufgaben im Lebenszyklus (Generativität nach Erikson 1966E.H. Erikson: Wachstum und Krisen der gesunden Persönlichkeit. In: ders.: Identität und Lebenszyklus. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1966, S. 55–122.).

Narrativer Ansatz, Lösungsorientierung Sinn wird unbewusst oder bewusst konstruiert. Sinn drückt sich aus in Handlungen und Erzählungen. „Sinn entsteht in narrativen Strukturen, welche biographische Ereignisse zu Geschichten verbinden, die – jedenfalls soweit sie positiv enden – als sinnvoll erlebt werden“ (Brandtstädter 2015J. Brandtstädter: Sinn und Sinnfindung. In: ders: Positive Entwicklung. Zur Psychologie gelingender Lebensführung. Springer, Berlin Heidelberg 2015, S. 139–151.). Familien mit einem behinderten Kind drücken ihre Sinnfindung in zwei Arten von „Resilienz-Geschichten“ aus: „Geschichten der wiedergefundenen Balance“ und „Geschichten vom langen, mühsamen Weg bergauf“ (Retzlaff 2010R. Retzlaff: Familien-Stärken. Behinderung, Resilienz und systemische Therapie. Klett-Cotta, Stuttgart 2010, S. 150 ff.). In der lösungsorientierten Beratung und Therapie geht es um die Bewältigung von Problemen im Alltag (de Shazer 1996S. De Shazer: „… Worte waren ursprünglich Zauber“. Lösungsorientierte Kurztherapie in Theorie und Praxis. Verlag Modernes Lernen, Dortmund 1996.). Wenn eine Person – spontan oder professionell unterstützt – für ihr Problem eine Lösung erreicht, dann gelangt sie zu ihrer eigenen Sinnfindung. Eine erfolgreiche Lösung gibt sinnvolle Aktivitäten und Ziele frei, die zuvor durch das Problem blockiert gewesen waren (Wohin-Aspekt). – Karl E. Weick beschreibt im Rahmen seiner Organisationstheorie, wie Wahrnehmungen erst durch „Sinnerzeugung“ (Sensemaking) relevant werden für Handlungen und Entscheidungen, sowohl in alltäglichen Situationen wie bei kritischen Ereignissen.

Sinnverlust, Sinngebungsmodell von C. Park