Abū Bakr ʿAbdallāh ibn Ahmad al-Qaffāl al-Marwazī (; geboren 938; gestorben 1026 in Merw) war zu seiner Zeit der führende schafiitische Rechtsgelehrte von Chorasan. Zur Unterscheidung von dem bekannten transoxanischen Gelehrten al-Qaffāl asch-Schāschī (gest. 976) wird er auch “al-Qaffāl, der Jüngere” (al-Qaffāl aṣ-ṣaġīr) genannt. Er galt als Haupt der „Tarīqa der Chorasaner“ (ṭarīqat al-Ḫurāsānīyīn) im Fiqh, sowie Abū Hāmid al-Isfarāyīnī (gest. 1016) Haupt der “Tarīqa der Iraker” (ṭarīqat al-ʿIrāqīyīn) war.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. 1986, Bd. XVII, S. 406. Auch wird ihm zugeschrieben, den Ghaznawiden-Herrscher Mahmūd von Ghazna (reg. 998–1030), der vorher ein Anhänger der Hanafiten und Karrāmiten war, für den schafiitischen Madhhab gewonnen zu haben.

Leben Al-Qaffāl war in seiner Jugend als Schlosser (qaffāl) tätig. Die Spuren der Blasen, die er sich während seiner Tätigkeit als Handwerker zuzog, sollen sein Leben lang an seinen Händen sichtbar geblieben sein.Ibn aṣ-Ṣalāḥ: Ṭabaqāt al-fuqahāʾ aš-Šāfiʿīya. 1992, S. 498. Als Beispiel seiner Geschicklichkeit wird erwähnt, dass er einmal ein Schloss mit einem Schlüssel anfertigte, dass insgesamt nur vier Habba wog.Wüstenfeld: Der Imam el-Schâfi'í und seine Anhänger. 1891, S. 21.

Erst im Alter von 30 Jahren begann sich al-Qaffāl mit der Rechtswissenschaft zu beschäftigen.Ibn Ḫallikān: Wafayāt al-aʿyān. Bd. III, S. 46. Sein bekanntester Lehrer im Fiqh war Abū Zaid al-Fāschānī (gest. 981/82). Auch hörte er bei ihm und bei dem Qādī al-Chalīl ibn Ahmad as-Sidschzī Hadith. Hadith hörte er außerdem bei Lehrern in Merw, Buchara, Baikand und Herat.Ibn aṣ-Ṣalāḥ: Ṭabaqāt al-fuqahāʾ aš-Šāfiʿīya. 1992, S. 500. Al-Qaffāl lebte sehr asketisch. Er war auf einem Auge blind, was er als ein schlechtes, von Gott verhängtes Schicksal betrachtete.Ibn aṣ-Ṣalāḥ: Ṭabaqāt al-fuqahāʾ aš-Šāfiʿīya. 1992, S. 499.

Al-Qaffāl hatte zahlreiche Schüler, die auch aus anderen Städten kamen, um bei ihm Fiqh zu lernen.as-Subkī: Ṭabaqāt aš-Šāfiʿīya al-kubrā. 1964, Bd. V, 53f. Zu seinen namentlich bekannten Schülern gehörten Abū ʿAbdallāh Muhammad ibn ʿAbd al-Malik al-Masʿūdī (gest. 1029), Abū ʿAlī al-Husain ibn Schuʿaib as-Sindschī, Abū l-Qāsim ʿAbd ar-Rahmān ibn Muhammad ibn Fauzān al-Marawiza, der Qādī Husain ibn Muhammad und Abū Muhammad al-Dschuwainī, der Vater von Imām al-Haramain al-Dschuwainī. Einige seiner Schüler betätigten sich in Merw als Muhtasibs, wobei sie auch gegen das Gefolge des von Mahmūd von Ghazna eingesetzten Gouverneurs vorgingen. Als deswegen bei Mahmūd Klage erhoben wurde, billigte dieser ausdrücklich das Verhalten von al-Qaffāl und seinen Schülern.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. 1986, Bd. XVII, S. 407.

Gegen Ende seines Lebens übermittelte al-Qaffāl auch Hadithe und diktierte diese zur Niederschrift. Er starb im Dschumādā II 417 (= Juli/August 1026) und wurde auf dem Sandschadān-Friedhof in Merw begraben.

Werke Fatāwā, Fatwa-Sammlung, die 2011 von Muṣṭafā Maḥmūd al-Azharī ediert wurde (Digitalisat). Kommentar zu den Furūʿ Abū Bakr Muhammad ibn al-Haddād al-Misrī, die wahrscheinlich eines der gebräuchlichsten Handbücher der Merwer Schafiiten waren.Halm: Die Ausbreitung der šāfiʿitischen Rechtsschule. 1974, S. 84. Kommentar zum Talḫīṣ von Ibn al-Qāss in mehreren Bänden.

Bekehrung des Mahmūd von Ghazna zum schafiitischen Madhhab Nach einem Bericht, den al-Dschuwainī in seiner Schrift Muġīṯ al-ḫalq fī tarǧīḥ al-qaul al-ḥaqq („Retter der Menschen hinsichtlich der Bevorzugung der wahren Rede“) war es auch al-Qaffāl al-Marwazī, der den Ghaznawiden-Herrscher Mahmūd von Ghazna (reg. 998–1030) für den schafiitischen Madhhab gewann, nachdem dieser vorher dem hanafitischen Madhhab gefolgt war. Ausschlaggebend war demnach, dass al-Qaffāl in Anwesenheit des Herrschers zwei Mal das rituelle Gebet vollzog, wobei er sich beim ersten Mal an die Mindestanforderungen der Schafiiten und beim zweiten Mal an die Mindestanforderung der Hanafiten hielt.as-Subkī: Ṭabaqāt aš-Šāfiʿīya al-kubrā. 1964, Bd. V, 316. Der Bericht lautet, wie folgt: Tādsch ad-Dīn as-Subkī schreibt, al-Qaffāl habe diese Erzählung selbst in seiner Fatwa-Sammlung vorgebracht; von dort habe sie dann al-Dschuwainī übernommen. Allerdings ist in der modernen Druckausgabe der Sammlung die Erzählung nicht enthalten. Tilman Nagel, der sich mit dieser Erzählung ausführlich in seiner Monographie über al-Dschuwainī auseinandergesetzt hat, vermutet, dass dessen Vater, der ein Schüler von al-Qaffāl war, sie von ihm übermittelt hat.Nagel: Die Festung des Glaubens. 1988, S. 180.

Das von al-Qaffāl vollzogene zweite Gebet hatte offensichtlich den Zweck, die Laxheit der hanafitischen Bestimmungen bloßzustellen. Darüber hinaus betonte es die bekannten Streitpunkte zwischen Hanafiten und Schafiiten hinsichtlich des rituellen Gebets und der ihr vorausgehenden rituellen Waschung. Dass al-Qaffāl bei diesem Gebet den Takbīr auf Persisch sprach und dann den Koranvers 55:64 ebenfalls auf Persisch rezitierte, wird zum Beispiel deshalb hervorgehoben, weil im Gegensatz zu den Hanafiten die Schafiiten beim Gebet und Koranvortrag den persischen Wortlaut nicht gelten ließen, selbst wenn er deren Sinn genau wiedergibt.Nagel: Die Festung des Glaubens. 1988, S. 194. Auch das Detail, dass al-Qaffāl beim zweiten Gebet ausgerechnet Koranvers 55:64 vortrug, der im arabischen Text aus einem einzigen Wort besteht, hat mit solchen Madhhab-Streitigkeiten zu tun. In diesem Fall betreffen sie die während des rituellen Gebetes zu tätigende Koranrezitation. Asch-Schāfiʿī verlangte nämlich, dass bei dieser Gelegenheit auf jeden Fall die erste Sure und dann vom Betenden frei zu wählende Abschnitte des Korans aufgesagt würden. Die Hanafiten dagegen vertraten die Meinung, schon ein einziger beliebiger Vers sei an dieser Stelle ausreichend.Nagel: Die Festung des Glaubens. 1988, S. 184f.

Literatur Arabische Quellen Abū ʿĀṣim al-ʿAbbādī: Ṭabaqāt al-fuqahāʾ aš-Šāfiʿīya. Ed. G. Vitestam. Brill, Leiden, 1964. S. 105. Šams ad-Dīn aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. Ed. Šuʿaib al-Arnaʾūṭ und ʿAlī Abū Zaid. Beirut 1986. Bd. XVII, S. 405–407. Digitalisat Al-Ǧuwainī: Muġīṯ al-ḫalq fī tarǧīḥ al-qaul al-ḥaqq. Al-Maṭbaʿa al-Miṣrīya, Kairo, 1934. S. 57–59. Digitalisat Ibn Ḫallikān: Wafayāt al-aʿyān wa-anbāʾ abnāʾ az-zamān. Ed. Iḥsān ʿAbbās. Dār Ṣādir, Beirut n. d. Bd. III, S. 46. Digitalisat Ibn aṣ-Ṣalāḥ: Ṭabaqāt al-fuqahāʾ aš-Šāfiʿīya. Ed. Muḥyī d-Dīn ʿAlī Naǧīb. Dār al-Bašāʾir al-islāmīya, Beirut, 1992. Bd. I, S. 496–500. Digitalisat Tāǧ ad-Dīn as-Subkī: Ṭabaqāt aš-Šāfiʿīya al-kubrā. Ed. Maḥmūd Muḥammad aṭ-Ṭanāḥī, ʿAbd al-Fattāḥ Ḥilw. Al-Bābī al-Ḥalabī, Kairo, 1964. Bd. V, S. 53–62. Digitalisat

Sekundärliteratur Heinz Halm: Die Ausbreitung der šāfiʿitischen Rechtsschule von den Anfängen bis zum 8./14. Jahrhundert. Ludwig Reichert, Wiesbaden, 1974. S. 115. Tilman Nagel: Die Festung des Glaubens. Triumph und Scheitern des islamischen Rationalismus im 11. Jahrhundert. München 1988. S. 179f. Cengiz Kallek: „Kaffâl, Abdullah b. Ahmed“ in Türkiye Diyanet Vakfı İslâm ansiklopedisi Bd. XXIV, S. 146. Digitalisat Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1. Band: Qur’ānwissenschaften, Hadīṯ, Geschichte, Fiqh, Dogmatik, Mystik bis ca. 430 H. Leiden 1967. S. 500f. Ferdinand Wüstenfeld: „Der Imam el-Schâfi'í und seine Anhänger. V. Die gelehrten Schâfi'íten des V. Jahrhunderts“ in Abhandlungen der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen Bd. 37, Abt. 3 (1891) S. 21–23. Digitalisat

Einzelnachweise

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