Der Grenfell Tower in London ist die Brandruine eines ehemaligen 24-geschossigen Wohnhochhauses im Stadtviertel North Kensington des Royal Borough of Kensington and Chelsea im Westen der Stadt. Sie steht unweit der U-Bahn-Station Latimer Road. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 2017 brannte das 1974 fertiggestellte und 2015/16 modernisierte Sozialwohnungsobjekt weitgehend aus. Der Brand breitete sich über die neu wärmegedämmte vorgehängte hinterlüftete Fassade innerhalb weniger Minuten aus. 72 Menschen kamen dabei ums Leben.

Baugeschichte

Vorgeschichte In der Nachkriegszeit kam es wie in vielen Teilen Europas auch in den Ballungsgebieten des Vereinigten Königreiches zu einem erhöhten Bedarf an günstigem Wohnraum. Zugleich gab es den Wunsch nach zeitgemäßer Ausstattung und einem moderneren Umfeld. Die vor den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts erbauten Wohnviertel aus der Zeit der Industrialisierung wurden als defizitär angesehen und vielfach zu Slums. Besonders in den 1960er Jahren wollte sich die Politik an der Anzahl der pro Jahr errichteten neuen Wohneinheiten messen lassen. Überall auf den britischen Inseln entstanden bis in die 1970er Jahre neue moderne Wohngebiete, die zu 20 % auch Hochhäuser umfassten.

Einige der nach dem Leitbild der Moderne gestalteten Wohnanlagen ließen handwerklich, ästhetisch oder vor allem sozial zu wünschen übrig und gerieten bald als billig und problembehaftet in Verruf. Doch anstatt die Qualität zu steigern und die Anlagen damit für breite Schichten attraktiv zu halten, wurde verstärkt auf billige Sozialwohnungen gesetzt und als Kontrast dazu das Eigenheim in den Vorstädten zum Ideal erhoben.

Eine Gasexplosion ließ 1968 das gerade zwei Monate bezugsfertige, in Großtafelbauweise errichtete Hochhaus Ronan Point im Ost-Londoner Stadtbezirk Newham wie ein Kartenhaus teilweise zusammenstürzen. Vier der Bewohner starben. Der Ruf der modernen Wohnhochhäuser war ruiniert. Eine Untersuchungskommission, der u. a. Alfred Pugsley angehörte, deckte die vielfältigen Mängel auf, die zu dem Einsturz beigetragen hatten.

Bau des Grenfell Towers mini|hochkant|Der Grenfell Tower vor der Fassadensanierung Im Zuge des Stadtteilsanierungsprojektes Lancaster Road West entstand die mit Mitteln der öffentlichen Hand finanzierte Großsiedlung Lancaster West Estate. Der Bau eines Hochhauses des Architekten Nigel Whitbread wurde 1970 genehmigt und A.E. Symes mit der Umsetzung beauftragt. Nach den Lehren aus Ronan Point entwarfen sie einen verbesserten Gebäudetypus aus Stahlbeton mit äußeren Betonstützen und einem Gebäudekern aus Ortbeton.London tower block’s refurbishment raises fire safety questions. In: Financial Times, 14. Juni 2017, abgerufen am 14. Juni 2017. Ab 1972 entstanden so in Phase 1 der geplanten Maßnahmen 120 Zwei- und Dreizimmerwohnungen, bei jeweils 6 Einheiten pro Stockwerk. Der Grenfell Tower getaufte Bau wurde 1974 fertiggestellt.

Hauseigentümer und Hausverwaltung Etwa 600 Menschen lebten im Grenfell Tower, der Eigentum der Kommunalverwaltung Kensington and Chelsea London Borough Council war. Er wurde von der Kensington and Chelsea Tenant Management Organisation (KCTMO) verwaltet. Die KCTMO ist ein gemeinnütziges Unternehmen mit einem mehrheitlich mit Mietervertretern besetzten (acht Mietervertreter, vier Vertreter der Kommunalverwaltung, drei unabhängige Mitglieder) Verwaltungsrat bzw. „Board“. Die KCTMO betreute zum Zeitpunkt des Brandes 9.459 Immobilienobjekte in ihrem Einzugsbereich.

Renovierung und Fassadensanierung Architekten Im Jahr 2012 wurde mit Hilfe der Architekten von Studio E ein Sanierungsplan für das Gebäude entwickelt, der auch eine Mieterbefragung beinhaltete. Den Wünschen der Mieter nach doppelverglasten Fenstern, einer Wärmedämmung der Fassade und Gasetagenheizungen in den Wohnungen wurde nachgekommen. Zudem wurden leerstehende untere Gebäudeteile neu zugeschnitten und teilweise als zusätzliche Wohnfläche umgewidmet. Eine Neugestaltung der Wege wurde ebenso durchgeführt.

Studio E erhielt von der Kommunalverwaltung den Planungsauftrag ohne Ausschreibung, als beide bereits am Neubau des direkt nördlich an den Grenfell Tower angrenzenden Freizeit- und Bildungszentrums zusammenarbeiteten. Darüber hinaus hatte sich die Firma einen guten Ruf erworben und an anspruchsvollen Gebäuden gearbeitet. Studio E besaß aber noch keine Erfahrung im Umgang mit Wohn- oder Hochhäusern und hätte nach eigener Einschätzung den Auftrag im Rahmen einer regulären Ausschreibung nicht erhalten. Die Kommunalverwaltung und die KCTMO wünschten, den benachbarten Neubau und die Fassadensanierung des Turms zwar organisatorisch getrennt, aber mit Blick auf Synergien möglichst parallel durchzuführen.

Nach Fertigstellung der Planungen für die Kommunalverwaltung wurde Studio E durch das Generalunternehmen Rydon als Auftragnehmer weiter beschäftigt. Allerdings wurde diese Geschäftsbeziehung erst im Februar 2016 formell besiegelt, als die Arbeiten an der Fassadenverkleidung bereits fortgeschritten waren.

Brandschutz Die KCTMO beauftragte die Beratungsfirma Exova, den Entwurf für einen Brandschutzplan zu erstellen. Dieser Entwurf ging an die Architekten Studio E. Weder erhielt Exova danach von der KCTMO den Auftrag, diesen Plan fertigzustellen, noch war sie bei der Planung der Fassade involviert oder wurde vom Generalunternehmen Rydon weiter beschäftigt.

Bauunternehmen Rydon Ltd. wurde im Jahr 2014 als Generalunternehmer mit der Umsetzung der Maßnahmen beauftragt. Die Arbeiten fanden von Februar 2015 bis Juni 2016 statt, die Kosten beliefen sich auf 10 Mio. britische Pfund, was im Juni 2016 etwa 13 Mio. Euro entsprach.

Die Fassadenarbeiten führte die Firma Harley Facades zu einem Preis von 2,6 Mio. Pfund (3,38 Mio. Euro im Juni 2016) durch.

Materialien

mini|Flache Aluminium-Verbundplatte. Seitenansicht, 2,7 mm dick. – Maßstab in mm.

Die neue Fassade bestand aus folgenden Elementen – von innen nach außen:

der ursprünglichen Betonfassade einer Wetterschutzmembran zwischen den neuen Fenstern und der ursprünglichen Fassade neuen Fenstern und Fensterrahmen Sandwichpaneelen zur Ausfachung zwischen bestimmten Fenstern kleinen, aus Sandwichpaneelen geformten Fenstereinsätzen, die wie Mauerkästen dem Wrasenabzug dienten direkt auf die ursprüngliche Fassade geklebter Wärmedämmung um jedes Fenster unter der Innenverkleidung angebrachte Wärmedämmung dem Hohlraum zur Hinterlüftung der vorgehängten Fassade (um Wasserdampf ablüften zu lassen) weiteren Hohlräumen, die aus verschiedenen Gründen entstanden der vorgehängten Fassade aus Aluminium-Polyethylen-Verbundplatten Fixierungen und Tragwerk dafür

Es wurden Fenster aus Hart-PVC eingesetzt, die Fugen mit elastischem EPDM wetterfest gemacht. Die neue Fensterebene (Mitte Isolierglasscheibe) lag außerhalb der bisherigen Betonfassade.

Flächen zwischen Fenstern wurden mit einfachen, mit einem dünnen Aluminiumblech versehenen Polystyrol-Dämmplatten (PS) des Typs Aluglaze der Firma Panel Systems ausgefacht. Sie sind in der europäischen Klasse zum Brandverhalten E eingestuft. Der Vertreter des Herstellers gab bei der Untersuchung an, nicht gewusst zu haben, dass die Platten für ein Hochhaus geliefert wurden. Aufgrund fehlender genauerer Angaben sei das Standardprodukt geliefert worden. Bei einem Hochhaus wäre ein Produkt der strengeren Klasse zum Brandverhalten B erforderlich gewesen.

Für die Wärmedämmung wurden 150 mm dicke, beidseitig mit Aluminiumfolie kaschierte Hartschaumplatten aus Polyisocyanuraten (PIR) des Typs Celotex RS5000 auf die ursprüngliche Betonfassade geklebt. PIR ist thermisch verhältnismäßig stabil, eine Zersetzung beginnt oberhalb 400 °C und es enthält Cyanursäure., 26. Juni 2006

An einem kleinen Bereich der Fassade wurden ungeplant durch Harley Facades aufgrund kurzfristiger Lieferprobleme nicht die Celotex RS5000, sondern Kingspan K15-Platten angebracht, um eine Verzögerung der Montagearbeiten um wenige Tage zu verhindern. Diese Platten bestehen aus Phenolharzschaum (PF), der mit einer perforierten Folie kaschiert war. Sie erwiesen sich in Prüfungen als hochgradig entflammbar, wurden jedoch als geeignet zertifiziert und daher bedenkenlos verbaut.

Unterhalb der Fensterzeilen sah die Planung in jedem Stockwerk horizontale, gebäudeumlaufende Brandriegel vor, ebenso um die Fenster.

Dämmung und Brandriegel wurden mit einer vorgehängten hinterlüfteten (25–50 mm) Fassade aus 3 mm dicken Aluminium-Polyethylen-Verbundplatten vom Typ Reynobond PE55 von Arconic (zuvor Alcoa) mehrfarbig verkleidet.

Der Hersteller beschreibt die Reynobond-Verbundplatten als „aus zwei einbrennlackierten Aluminiumblechen“ bestehend, „die beidseitig im Schmelzfixierverfahren auf einen Polyethylenkern aufgebracht werden.“ Polyethylen hat einen Schmelzpunkt von 130 bis 145 °C. Die günstig herstellbare Platte ist in der Schichtung vergleichbar mit Dibond-Platten und erreicht ebenso die Brandschutzklasse B2 „normal entflammbar“. Von der Platte gibt es zwei weitere Versionen mit anderen Kernmaterialien, die nach EN-13501 höhere Brandschutzklassen B-s1, d0 („schwer entflammbar“) und A2-s1, d0 („nicht brennbar“) erreichen.

Die Aluminium-Polyethylen-Verbundplatten wurden, je nach Montageort, sowohl flach vernietet als auch als Kassetten auf der Unterkonstruktion befestigt. Kassetten sind Verbundplatten mit zur Seite umgeschlagenen Rändern, die jeder einzelnen Platte eine flache Kastenform geben. Die Befestigung am Tragwerk erfolgt dabei verdeckt an den umgeschlagenen Rändern. Dort sammelte sich allerdings brennend abtropfender Kunststoff, anstatt nach unten abzufließen.

Grenfell Action Group: Warnungen vor Sicherheitsmängeln Anwohner der Lancaster West Estate organisierten sich 2010 in der Grenfell Action Group und wandten sich seit 2012, als sie in die Planung der Sanierung des Grenfell Towers eingebunden wurden, regelmäßig an die gemeinnützige Hausverwaltung, um auf Missstände aufmerksam zu machen. 2013 veröffentlichten sie Teile eines im Vorjahr erstellten Gutachtens, das signifikante Verstöße gegen Brandschutzvorgaben publik machte. So waren Teile der Brandbekämpfungsausrüstung seit drei Jahren nicht gewartet worden. Ihre Bemühungen dokumentierten sie in einem Blog.Another fire safety scandal auf Grenfell Action Group So schrieben sie im November 2016: Original des häufig zitierten Blogs der Grenfell Action Group, der die Katastrophe erstaunlich genau vorhersagt.

Stay-put-Regel und baulicher Brandschutz

Die Stay-put-Regel besagt, dass nicht direkt vom Brand betroffene Bewohner in ihren Wohnungen bleiben sollen, bis sie von der Feuerwehr andere Anweisungen erhalten.

Die Brandbekämpfung in Hochhäusern basiert auf der Grundannahme, dass ein normaler Wohnungsbrand von der Feuerwehr im Innenangriff beherrscht werden kann. Die Baugesetzgebung im Vereinigten Königreich legte das Hauptaugenmerk beim baulichen Brandschutz in Wohnhochhäusern auf die Abschottung der Stockwerke und Wohneinheiten untereinander. Ein Brand sollte sich nicht, oder allenfalls erst nach einer längeren Zeitspanne, auf weitere Wohnungen ausbreiten können. Menschenrettung sollte daher nicht im größeren Umfang erforderlich werden, weil die Bewohner zum Verbleib in ihren einstweilig sicheren Wohnungen aufgefordert werden, so sie nicht von Feuer, Hitze oder Rauch direkt betroffen sind.

Eine Brandausbreitung entlang der ursprünglichen, unbrennbaren Betonfassade des Grenfell Tower wäre allenfalls aufgrund des Coandă-Effekts erwartbar gewesen. Auch die neu aufgeklebten aluminiumkaschierten PIR-Dämmplatten waren für sich genommen schwer entflammbar. Vorgehängte Aluminium-Polyethylen-Verbundplatten, wie sie als äußere Wetterschutzschicht am Grenfell Tower verbaut wurden, sind aber als normal entflammbar eingestuft. Sie bergen in der Gesamtbetrachtung der möglichen Wechselwirkungen aller Fassadenelemente ein erhebliches Gefahrenpotenzial.