Il Tamerlano (auch Il Bajazet, RV 703) ist ein von Antonio Vivaldi zusammengestelltes Opern-Pasticcio (Originalbezeichnung: „Tragedia per musica“) in drei Akten mit einem Libretto von Agostino Piovene. Die Musik besteht aus Originalkompositionen Vivaldis, Stücken aus seinen älteren Opern sowie Arien von Geminiano Giacomelli, Johann Adolph Hasse und Riccardo Broschi. Die Uraufführung fand in der Karnevalsaison 1735 im Teatro Filarmonico in Verona statt.

Handlung

Der türkische Sultan Bajazette (Bayezid I.) wurde vom Tartaren-Herrscher Tamerlano (Timur) besiegt und zusammen mit seiner Tochter Asteria gefangen genommen. Letztere liebt den griechischen Prinzen Andronico, einen Verbündeten Tamerlanos. Doch auch Tamerlano begehrt Asteria und löst ihretwegen seine Verlobung mit Irene, der Prinzessin von Trapezunt. Um Irene zu entschädigen, beschließt er, sie mit Andronico zu vermählen und den beiden die Herrschaft über das eroberte Byzanz zu überlassen. Bajazette ist zutiefst empört über dieses Verhalten. Er will seine Tochter unter keinen Umständen mit seinem Feind verheiratet wissen. Asteria wiederum fühlt sich von Andronico verraten, da sie glaubt, dass er mit dem Plan einverstanden ist. Von Bajazette unter Druck gesetzt, willigt sie schließlich in die Hochzeit ein – doch nur zum Schein, denn sie beabsichtigt, Tamerlano zuvor zu ermorden. Ihren ersten Anschlag gibt sie selbst auf, als sie von einem Zornesausbruch ihres Vaters getroffen wird. Einen zweiten Mordversuch vereitelt Irene. Angesichts der drohenden Demütigung seiner überführten Tochter tötet Bajazette sich selbst. Als daraufhin Irene und Andronico Tamerlano um Gnade für Asteria bitten, gibt dieser nach und sorgt für ein glückliches Ende: Andronico und Asteria dürfen heiraten und erhalten den Thron von Byzanz. Er selbst bekennt sich wieder zu Irene.

Erster Akt

Lustgarten im Königspalast von Bursa, der Hauptstadt von Bithynien, besetzt von Tamerlano nach der Niederlage gegen die Türken

Szene 1. Tamerlanos Verbündeter Andronico gestattet dem gefangenen Bajazette einen Moment der Freiheit. Bajazette weiß das nicht zu schätzen – er zieht den Tod einem Leben in Gefangenschaft vor. Er weiß von der Liebe Andronicos zu seiner Tochter Asteria und unterstützt diese Verbindung (Arie Bajazette: „Del destin non dee lagnarsi“).

Szene 2. Andronico befürchtet, dass sich Bajazette etwas antun könnte. Daher bittet er seinen Vertrauten Idaspe, den Sultan nicht aus den Augen zu lassen. Idaspe weist Andronico darauf hin, dass er nach Bajazettes Tod Aussichten auf die Krone von Byzanz habe und Asteria dann noch würdiger erscheinen werde. Doch Andronico ist Asterias Wohlergehen wichtiger als seine eigene Macht. Idaspe hält seinem Freund einen Vortrag über die vergängliche Schönheit der Frauen (Arie Idaspe: „Nasce rosa lusinghiera“)

Szene 3. Tamerlano ernennt Andronico zum griechischen Kaiser. Statt nach Byzanz abzureisen, zieht es Andronico jedoch vor, bei Tamerlano zu bleiben, um von ihm das Kriegshandwerk zu lernen. Tamerlano stimmt zu. Er trägt Andronico auf, sich um Bajazette zu bemühen, um ihn zur Kooperation zu bewegen. Auch Tamerlano liebt nämlich dessen Tochter Asteria. Er will dazu seine Verlobung mit Irene auflösen und diese Andronico überlassen (Arie Tamerlano: „In sì torbida procella“).

Szene 4. Andronico gerät in einen Gewissenskonflikt zwischen seiner eigenen Liebe zu Asteria und seinen Verpflichtungen Tamerlano gegenüber (Arie Andronico: „Quel ciglio vezzosetto“ [ersetzt]).

Bewachte königliche Gemächer von Asteria und Bajazette

Szene 5. Asteria beklagt ihr Schicksal als Gefangene Tamerlanos. Selbst ihr Geliebter Andronico scheint nur noch an seine eigenen Machtgelüste zu denken.

Szene 6. Tamerlano erklärt Asteria seine Liebe und verspricht ihr und Bajazette die Freiheit, sofern sie sich einverstanden erklärt, ihn zu heiraten. Falls sie jedoch ablehne, werde sein Zorn sie und ihren Vater treffen. Andronico verhandele bereits mit Bajazette darüber. Die entsetzte Asteria kann nicht glauben, dass ihr Vater und ihr Geliebter damit einverstanden sind. Sie will vor ihrer Einwilligung mit Andronico sprechen. Tamerlano gesteht ihr Bedenkzeit zu (Arie Tamerlano: „Vedeste mai sul prato“).

Szene 7. Asteria fühlt sich von Andronico verraten.

Szene 8. Bajazette glüht geradezu vor Zorn über das Ansinnen Tamerlanos. Er teilt seiner Tochter mit, dass er es in ihrem Sinne zurückgewiesen habe. Asteria vermisst eine ebenso entschiedene Absage Andronicos, dem sie seinen Verrat vorwirft. Sie erkennt nicht, dass Andronico sie und ihren Vater lediglich vor dem Zorn Tamerlanos schützen will. Bajazette jedoch geht lieber in den Tod, als seine Tochter dem Feind auszuliefern.

Szene 9. Die heftig verstimmte Asteria verbietet Andronico, Tamerlano ihre Entscheidung mitzuteilen (Arie Asteria: „A chi fe giurasti un dì“ [fehlt] bzw. „Amare un’alma ingrata“).

Szene 10. Idaspe meldet Andronico die Ankunft Irenes. Tamerlano habe befohlen, dass er sie begrüßen solle, da er nun ihr Bräutigam sei. Idaspe rät ihm, sie freundlich zu behandeln, auch wenn er sie nicht heiraten wolle.

Szene 11. Irene ist empört, anstelle von ihrem Verlobten Tamerlano von Andronico und Idaspe empfangen zu werden. Die beiden teilen ihr Tamerlanos Pläne mit. Idaspe versucht sie damit zu beruhigen, dass Andronicos Reich zusammen mit dem ihrigen das von Tamerlano in den Schatten stellen werde. Da Irene sich jedoch nicht so leicht besänftigen lässt, rät ihr Andronico, sich als ihre eigene Botschafterin auszugeben, um inkognito bei Tamerlano um ihre Rechte zu kämpfen. Irene beschließt, diesem Plan zu folgen (Arie Irene: „Qual guerriero in campo armato“).

Szene 12. Obwohl Andronico von der Schönheit und dem Auftreten Irenes beeindruckt ist, kann er nicht ohne Asteria leben (Arie Andronico: „Destrier ch’all’armi usato“ [fehlt] bzw. „Non ho nel sen costanza“).

Zweiter Akt

Landschaft mit dem Zelt Tamerlanos

Szene 1. Tamerlano dankt Andronico für seine vermeintlich erfolgreiche Vermittlung bei Asteria. Deren Vertraute Zaida habe ihm bestätigt, dass sie in die Heirat eingewilligt habe. Er ist sich sicher, dass auch Bajazette seine Meinung ändern werde, sobald er Asteria den Thron besteigen sieht.

Szene 2. Andronico versichert Idaspe, dass er Asteria noch immer liebe. Er glaubt, sie habe ihn verraten, und will sie mit ihrem Vater konfrontieren. Idaspe meint, dass dadurch Andronicos Tugend umso heller strahle (Arie Idaspe: „Anch’il mar par che sommerga“).

Szene 3. Asteria und Andronico machen sich gegenseitig Vorwürfe. Beide versuchen, einander ihre Motive zu erklären. Andronico verspricht, öffentlich gegen ihre Hochzeit mit Tamerlano einzutreten, auch wenn ihn das das Leben koste. Asteria glaubt ihm nicht (Arie Asteria: „Stringi le mie catene“).

Szene 4. Andronico klagt über den Verlust Asterias. Seine letzte Hoffnung ist die Entschlossenheit Bajazettes (Arie Andronico: „La sorte mia spietata“).

Das Zelt öffnet sich, und man sieht Tamerlano und Asteria auf Polstern sitzend

Szene 5. Irene betritt als ihre eigene Botschafterin verkleidet Tamerlanos Zelt. Schon dass er sie nur in Gegenwart Asterias anhören will, empört sie. Als Asteria darauf ihr Einverständnis zur Hochzeit mit Tamerlano gibt, ruft Irene aus, dass seine Hand bereits versprochen sei. Tamerlano entschuldigt seine Entscheidung damit, dass er Irene einen nicht weniger wertvollen Thron zuweise. Er erklärt, dass er Irene nur dann heiraten werde, wenn ihm Asteria nicht mehr gefalle (Arie Tamerlano: „Cruda sorte, avverso fato“ [ersetzt]).

Szene 6. Asteria versichert Irenes vermeintlicher Gesandten, dass sie keineswegs die Absicht habe, Tamerlano zu heiraten. Sie werde ihm schon zu missfallen wissen (Arie Asteria: „La cervetta timidetta“).

Szene 7. Idaspe verspricht Irene, Asteria im Auge zu behalten. Irene liebt Tamerlano noch immer (Arie Irene: „Sposa, son disprezzata“).

Szene 8. Bajazette erfährt zu seiner Bestürzung von Andronico, dass seine Tochter das Angebot seines Feindes Tamerlano angenommen hat (Arie Bajazette: „Dov’è la figlia“).

Feldlager mit einem Thron

Szene 9. Zur Hochzeitszeremonie haben Tamerlano und Asteria vor dem versammelten Heer auf dem Thron Platz genommen. Der zornige Bajazette unternimmt einen letzten Versuch, die Heirat zu verhindern. Er sei auch in Gefangenschaft immer noch Herr über seine Tochter. Tamerlano lässt sich nicht einschüchtern. Asteria zuliebe verzichtet er auf die Todesstrafe, verlangt jedoch die Unterwerfung Bajazettes. Asteria bittet ihren Vater um Verzeihung, kann ihm ihren eigentlichen Plan aber noch nicht offenbaren. Bajazette sagt sich von ihr los. Andronico schweigt.

Szene 10. Die zusammen mit Idaspe eingetroffene und immer noch verkleidete Irene besteht darauf, dass ihrer Herrin der Thron zustehe. Tamerlano erklärt, dass er Irene nur dann heiraten werde, wenn Asteria verzichte. Irene wirft Bajazette, Andronico und Tamerlano vor, Asteria im Stich zu lassen. Bajazette hält eine flammende Rede gegen seine Tochter, die er noch nach seinem Tod in ihren Träumen heimsuchen werde, um sie für ihren Verrat zu strafen. Erschüttert von diesen Worten steigt Asteria vom Thron herab und offenbart den Anwesenden ihren nun gescheiterten Plan: Sie hatte der Hochzeit nur zum Schein zugestimmt, um eine Gelegenheit zu erhalten, Tamerlano zu ermorden. Irene, Bajazette und Andronico loben sie für ihre Standhaftigkeit. Tamerlano verurteilt sie und ihren Vater zum Tod (Quartett Irene/Asteria/Tamerlano/Bajazette: „Sì crudel! Questo è l’amore“).

Dritter Akt

Garten am Ufer des Flusses Euphrat

Szene 1. Bajazette gibt seiner Tochter Gift, mit dem sie sich töten will, falls Tamerlano ihr zu nahe kommen sollte. Er selbst will ihr beim ersten unglücklichen Vorzeichen in den Tod vorangehen oder folgen (Arie Bajazette: „Veder parmi, or che nel fondo“).

Szene 2. Asteria ist entschlossen, sich zu töten, um dem Tyrannen zu entgehen.

Szene 3. Tamerlano teilt Andronico mit, dass er Asteria trotz allem immer noch liebt. Andronico soll ihr ausrichten, dass er ihr vergebe und sie weiterhin heiraten wolle. Andronico weigert sich. Er nimmt all seinen Mut zusammen und offenbart Tamerlano seine eigene Liebe für Asteria. Er werde Tamerlanos Ansinnen nicht länger unterstützen. Asteria, die das Gespräch unbemerkt angehört hat, tritt hervor und bekennt sich zu Andronico. Der so gedemütigte Tamerlano beschließt, die Hinrichtung Bajazettes zu beschleunigen und Asteria mit seinem niedrigsten Sklaven zu verheiraten. Asteria fleht ihn auf den Knien an, ihren Vater nicht für ihre eigene Schuld büßen zu lassen.

Szene 4. Bajazette fordert seine Tochter auf, sich zu erheben. Sie dürfe sich nicht vor ihrem Feind demütigen. Tamerlanos Zorn kennt nun keine Grenzen mehr. Er befiehlt, Bajazette und Asteria in seinen Speisesaal zu bringen, wo Andronico Zeuge ihrer Demütigung werden soll (Arie Tamerlano: „Barbero traditor“).

Szene 5. Bajazette ist enttäuscht darüber, dass Asteria sich vor Tamerlano erniedrigt und Andronico nichts dagegen unternommen hat. Er versichert, dass er selbst mutiger handeln werde.

Szene 6. Asteria verabschiedet sich schmerzerfüllt von Andronico (Arie Asteria: „Qual furore, qual’ affanno“ [fehlt]).

Szene 7. Idaspe rät Andronico, von seiner Liebe zu Asteria abzulassen, da er sonst sowohl sie als auch seine Krone verlieren werde (Arie Idaspe: „D’ira e furor“ [ersetzt]).

Szene 8. Andronico bedeutet Asteria weitaus mehr als die Macht (Arie Andronico: „Spesso tra vaghe rose“).

Für die Tafel Tamerlanos vorbereiteter Saal mit der gesamten Garde

Szene 9. Tamerlano teilt Bajazette mit, dass er in Kürze das Urteil über ihn und Asteria verkünden werde.

Szene 10. Tamerlano befiehlt Asteria, die noch kurz zuvor selbst auf dem Thron gesessen hatte, ihn bei Tisch zu bedienen. Er lässt ihr dazu einen Kelch geben, in den Asteria heimlich das von ihrem Vater erhaltene Gift gießt.