Finis Germania ist ein im Februar 2017 im neurechten Verlag Antaios erschienener Bestseller mit 30 Kurztexten aus dem Nachlass des Historikers Rolf Peter Sieferle (1949–2016). Ein Hauptgedanke darin ist, dass der von Deutschen ausgehende Versuch der Vernichtung des Judentums die heutigen Deutschen zu den Juden von früher gemacht habe. Der „Schuldkult“ sei ein geschichtspolitisches Herrschaftsinstrument der Siegermächte. Daher gilt das Buch als wichtige neurechte Bezugsquelle für den „Mythos Auschwitz“ in der Tradition Armin Mohlers und Manfred Kleine-Hartlages.Niklas Fischer: „Mythos Auschwitz“. Bundeszentrale für politische Bildung, 14. Juni 2024
Das Buch war durch das umstrittene Votum eines Spiegel-Jurors auf Bestsellerlisten platziert und fand daraufhin breite Beachtung und inhaltliche Kritik. Debattenteilnehmer beurteilten das Buch und die Thesen des Autors als „zynisch, reaktionär, paranoid, rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch“.Jacob S. Eder: Rechte Mythen im Buch „Finis Germania“: Zurück in die Diskursvergangenheit. taz, 7. September 2017 Einige Verteidiger sahen die Skandalisierung des Buchs als teilweise Bestätigung der Aussagen Sieferles zur sich selbst negierenden deutschen nationalen Identität.
Titel „Finis Germania“ wurde oft analog zu mit „Das Ende Deutschlands“ übersetzt.Christopher Caldwell: Germanys Newest Intellectual Antihero. In: New York Times, 8. Juli 2017, abgerufen am 19. Juli 2017. Damit wird der Titel als fehlerhafter lateinischer Ausdruck verstanden, bei dem das Genitivattribut falsch dekliniert worden sei. Ursprung des vermeintlichen Fehlers seien mangelnde Lateinkenntnisse des Autors. Im Nachwort erklärt Raimund Theodor Kolb den Titel als ein „Syntagma, das sich sehr wohl auch als finale Antwort auf das erstmals 1897 von britischer und später im Kontext der beiden Weltkriege von alliierter Seite geforderte ‚Germania delenda est‘ bzw. ‚Germany must perish‘ interpretieren ließe“. In diesem Sinne ist „Germania“ ein Vokativ, der Titel bedeutet dementsprechend: „Das ist das Ende, Deutschland“ oder „Du gehst zu Ende, Deutschland“.
Volker Weiß stellte in der Jüdischen Allgemeinen einen Bezug des Titels auf Wilhelm Marrs Motto Finis Germaniae her, das dieser am Ende seines 1879 erschienenen antisemitischen Werks Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum benutzt hatte: Für Sieferle seien die Deutschen heute unmittelbar von Vernichtung bedroht, deutsche und jüdische Erfahrung setze er gleich. Verwegen konstruiert er eine Opferumkehr, gewissermaßen vom „ewigen Juden“ zum „ewigen Deutschen“: „Die Schuld der Juden an der Kreuzigung des Messias wurde von diesen selbst nicht anerkannt. Die Deutschen, die ihre gnadenlose Schuld anerkennen, müssen dagegen von der Bildfläche der realen Geschichte verschwinden, müssen zum immerwährenden Mythos werden, um ihre Schuld zu sühnen.“
Genre Die 30 Kapitel von Finis Germania werden als Miszellen oder Aphorismen bezeichnet. Gustav Seibt hält sie dagegen für eine „Ansammlung von Glossen und Polemiken“, „zugespitzte kürzere oder längere Essays“. Rüdiger Safranski sieht sie im Gegensatz zu Seibt, dem er „ästhetische Desensibilisierung“ attestiert, als Beispiele der Textgattung Nachtgedanken in der Tradition von Edward Young bis Heinrich Heine (Nachtgedanken). Das Nachwort Raimund Kolbs betont, der Text gehorche nicht wissenschaftlich-formalen Gliederungskriterien. Es werde in „Manier literarischer Montagetechnik“ gearbeitet. Es handle sich um eine „persönliche Confessio“.
Entstehung Wie zuvor bereits René AguigahRené Aguigah: Rolf Peter Sieferle: „Finis Germania“. Intellektueller Anstrich für ideologische Extremisten. In: Deutschlandfunk Kultur. 17. Juni 2017 geht Jacob S. Eder 2017 in seiner Untersuchung zur „Diskursvergangenheit“ davon aus, dass weite Passagen des Texts mindestens zwei Jahrzehnte alt seien. Das Kapitel Mythos VB beziehe sich auf Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges, die fünfzig Jahre zurücklagen, daher müsse es etwa Mitte der neunziger Jahre entstanden sein. Auch die Forderung nach der Abschaffung des Buß- und Bettags weist auf eine Entstehung vor 1995 hin, der Hinweis auf „EG-Äpfel“ auf eine Zeit vor 1993. Daher sei es ahistorisch, die Darstellungen Sieferles auf die Bundesrepublik der Publikationszeit zu beziehen. Das Buch atme den Geist der 90er Jahre, sei eine „Illustration des Diskurses über NS und Holocaust vor gut zwanzig Jahren“. „In der politischen Landschaft von heute erfüllt ein Büchlein wie dieses“, das sich am Historikerstreit von 1986/87 reibe, „nur einen Zweck: ideologischen Extremisten einen intellektuellen Anstrich zu geben“.
Das Nachwort Raimund Kolbs stellt dar, dass Sieferle die letzte Änderung am Text am 10. April 2015 vorgenommen habe. Sieferles Veröffentlichungsabsicht hält er für zweifelsfrei.
Die Erstauflage belief sich laut Verlag auf 20.000 Exemplare.Mariam Lau: Eigentlich alles wie im Wendland. In: Die Zeit, 3. August 2017, Nr. 32, S. 38. Das Lektorat übernahm die neurechte Publizistin Ellen Kositza, Ehefrau Götz Kubitscheks. Die Publikation wurde von Sieferles Ehefrau, Regina Sieferle, veranlasst. Nachlassverwalter war Raimund Theodor Kolb.
Aufbau und Inhalt Das Buch gliedert sich in vier Teile mit mehreren Beiträgen und ein Nachwort (Persönliche Confessio) des emeritierten Würzburger Sinologen Raimund Theodor Kolb, der zugleich Sieferles Nachlassverwalter ist.
Erster Teil
Der erste Teil des Buches hat die Überschrift Finis Germania und umfasst sechs Beiträge:
Vergangenheitsbewältigung und Fortschritt: Der faktische Umschlag des Fortschritts der Moderne in die Barbarei sei im Zuge der alliierten Propaganda nicht als allgemeingültig aufgefasst, sondern als singuläres Phänomen der deutschen Kultur konstruiert worden, auch um die Welt von der Denkmöglichkeit eines gleichartigen Verbrechens zu entlasten. Auch angesichts der erfolgreich vollzogenen Modernisierung Deutschlands habe diese historische Konstruktion, so Sieferle, ihre Aktualität und damit ihre Relevanz verloren.
Deutscher Sonderweg und Siegerperspektive: Die „Modernisierungstheorie“, also die Vorstellung, dass Völker und Staaten sich, wie angeblich England oder die USA, entlang einer „normalen“ Entwicklungslinie zu einer vermeintlich höheren politischen Form entwickeln, diente nach Meinung Sieferles dazu, Deutschland aus der Siegerperspektive aufgrund seines angeblich anomalen Sonderwegs auszugrenzen.
Das Schicksal hat einen Namen: Nur die vorsystemische soziale und politische Wirklichkeit ist nach Sieferles Auffassung von personalen Interaktionen und daher von Verantwortung und Schuld geprägt; in der gegenwärtigen systemischen und damit auch post-politischen Gesellschaft würden diese Begriffe aber weiter so benutzt, als ob schicksalhafte „gesellschaftliche Großereignisse“ auf Begriffe der Privatmoral oder des innerstaatlichen Strafrechts reduziert und damit der Verantwortung des Einzelnen übertragen und ihm als Schuld angelastet werden könnten. Dem systemischen Charakter des Handelns trage das Konzept der Resozialisierung für Straftäter Rechnung, die als Opfer der Gesellschaft gesehen würden. Dieses Verständnis werde jedoch nicht auf politische Funktionsträger angewandt, auch wenn sie tatsächlich Opfer einer totalitären Ideologie gewesen seien.
Deutsche und Herrschaftskultur: In Deutschland sei die clase politica im Sinne Moscas völlig verschwunden, also die traditionelle, feste, bruchlos vernetzte Gruppe von Menschen mit verfeinerten Umgangsformen und einem bestimmten Herrschaftsstil wie in England, Frankreich oder Italien, die sich über grandes ecoles, über soziale Bindungen oder patriarchalische Verbände als Elite erneuern würde. Sie sei dem Staat sozial vor- und übergeordnet, da Politiker aus ihr rekrutiert würden. Aufgrund der geschichtlichen Brüche des 20. Jahrhunderts bestehe besonders in Deutschland diese großbürgerlich-aristokratische „Herrschaftskultur“ nicht mehr. Die bundesdeutsche Politikszene sei kleinbürgerlich geprägt, „amorph“.
Sozialdemokratismus: Ein zentrales Merkmal der politischen Kultur in Deutschland sieht Sieferle über alle Parteien hinweg, auch in der CDU, in einem egalitären „Sozialdemokratismus“. Unterschiede würden als unerträglich empfunden, dies zeige sich im Prinzip der Angleichung der Lebensverhältnisse. Dieses werde nach der Wiedervereinigung umgesetzt, obwohl es nicht realisierbar und auch nirgendwo auf der Welt realisiert sei. Dieses Prinzip habe unvermeidlich zur Enttäuschung in Ost und West führen müssen, denn Solidarität würde irrigerweise als eine Art des Teilens verstanden, dessen Kosten andere zu bezahlen haben, ein „Spiel, bei dem alle gewinnen können, niemand aber verlieren muss, es sei denn, er habe das auch verdient“ (36).
Moralische Arithmetik: Während gewöhnliche Verbrechen zählbar, graduierbar, vergleichbar und aufrechenbar seien, gelte bei totalitärer Gewalt wie in Auschwitz die Schuld als unendlich, daher könne sie nach der „moralischen Arithmetik“ nicht vermindert, verglichen und auch nicht gegengerechnet werden, sie bleibe immer unendlich, also unverändert.
Zweiter Teil
Der zweite Teil Paradoxien der Zeit umfasst fünfzehn Beiträge.
Historisierung des Relativismus: Wer alles Kulturelle relativiert und als gleichwertig gelten lassen will, relativiert damit auch seine eigene Kultur. Der Relativismus zerstört auch die individuelle Identität und löst sie in Fragmente und Momente auf.
Intellektueller Vorlauf: Die scheinbare Wirkung der Theorie auf die Wirklichkeit oder ihr Verständnis als Widerspiegelung ist eine Täuschung. Es handelt sich bei der Wirklichkeit selbst um die Ausbreitung symbolischer Felder mit unterschiedlichen Intensitäten ihrer Elemente.
Wissenschaft und Avantgarde: Die Geisteswissenschaften sind nicht die Avantgarde der Kultur, sondern ihre Logistik. Sie legen die „Imagination an die Kette der Tradition“ (46).
Politik und System: „Die Strukturen der Systeme sind für die Individuen so unentrinnbar wie ein Magnetfeld für Eisenspäne. Sie 'wissen' nichts davon, doch fügen sie sich den vorgezeichneten Bahnen. Die wichtigsten Vorgänge werden nicht gesteuert und sind kaum theoretisch fassbar“ (47). Politik würde durch „das System“ verdrängt und diene lediglich noch dazu, politische Widerstände gegen „das System“ politisch zu beseitigen.
Politiker und Intellektuelle: Politik hat, so Sieferle, keine Programmatik mehr. Sie habe ihren prinzipiell-ideologischen Charakter verloren.
Rationalisierung und Atomisierung: Der Sonderweg einer nicht-atomistischen, nicht-individualistischen und nicht-liberalen Moderne mit Gruppen-Loyalitäten und Familienstrukturen in Verbindung mit technischer und marktwirtschaftlich-ökonomischer Rationalität wird nach Auffassung des Autors in Asien, Japan und möglicherweise China und Russland als realisierbar aufgezeigt. Sieferle sieht darin Variationen des „preußischen Sozialismus“, wobei Deutschlands Rolle in der Weltgeschichte jedoch „hinter ihm“ liegt.
Wiederkehr des Gleichen: „Man kann nicht man selbst und ein anderer sein.“ Das wiederkehrend Gleiche sei daher nicht erkennbar (54).
Tierliebe: „Humanitäre Moral kann […] Ausdruck eines Überschusses von Stärke sein“ (56).
Die sensualistische Strategie: Die Aufwertung des Körpers habe, so Sieferle, zur Abwertung des Geistes geführt.
Verschwinden des anthropomorphen Raums: Der Mensch im alten Sinne sei mit seinen „Lebensdimensionen“ verschwunden. Den „postanthropomorphen Raum“ betrachtet Sieferle als fragmentiert und standardisiert. Auch die Politiker seien keine Heroen mehr, sondern „bilden nur noch den Scheitelkamm großer Wanderdünen, die von Elementarkräften bewegt werden“ (62).
Hinter dem Kosmos: Der Mensch ist nach der Auflösung der Familie „Elementarteilchen in einem endlosen kalten und finsteren Raum“ (64).