mini|hochkant|Kloosen-Orgel (Fotografie von Carl Anton Schulz) Die Orgel der Petrikirche in Riga war zunächst ein barockes Instrument, das 1734 von Gottfried Kloosen gebaut wurde. Sie verfügte über 41 Register auf drei Manualen und Pedal und war seinerzeit eine der größten Orgeln des Landes. 1888 ersetzte die Firma Walcker das Innenwerk im Stil der Romantik. Seit der Zerstörung des Instruments in 1941 befindet sich in der Petrikirche keine Orgel mehr. Eine um 2011 aufgenommene Planung zu einem Nachbau der Orgel in ihrer barocken Form wurde 2024 aufgegeben.
Geschichte mini|hochkant|Johann Gottfried Müthel spielte auf der Kloosen-Orgel Die Petrikirche gehört zu den ältesten und größten Gotteshäusern im Baltikum, ist die Reformationskirche der über 800 Jahre alten Hansestadt Riga, der Hauptstadt Lettlands, und mit ihrem markanten Barockturm ein Wahrzeichen der Stadt.
Die Geschichte der Kirche ist durch eine herausragende musikalische Tradition geprägt, deren berühmtester Repräsentant der Organist Johann Gottfried Müthel ist, der letzte Schüler Johann Sebastian Bachs.Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa: Orgel-Stiftung Petri-Kirche Riga, abgerufen am 17. November 2025. Er spielte auf der 1734 fertiggestellten Barockorgel des Orgelbauers Kloosen.
(Johann) Gottfried Kloosen (auch Cloosen, Closs und Kloss) stammte aus Meffersdorf. Er war mutmaßlich ein Schüler des Orgelbauers Andreas Hildebrandt und wirkte ab den 1720er-Jahren im Baltikum. Im Jahr 1720/1721 reparierte er die Orgel der Niguliste kirik in Tallinn.Andrew McCrea: Towards a History of Organ-Building in the Baltic States. In: The Organ Yearbook. 25, 1995, S. 1–32, hier: S. 6. Von 1728 bis 1740 war er Organist an der Johanneskirche in Riga.Vor Frue Kirke – Doria, S. 350, abgerufen am 9. November 2025. Seit 1728 sind seine Tätigkeiten in der Petrikirche zu Riga nachgewiesen, für die er 1734 nach vier Jahren Bauzeit eine neue Orgel fertigstellte. Das Schnitzwerk schuf der Hofbildhauer Heinrich von Bergen. Sie war nach seinem Instrument im Dom zu Riga seinerzeit die zweitgrößte Orgel der Stadt.Ekkehard Ochs, Nico Schüler, Lutz Winkler (Hrsg.): Musica Baltica. Interregionale musikkulturelle Beziehungen im Ostseeraum. Lang, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-631-30480-3, S. 270. Im Stadtarchiv Rigas wird zur Bauzeit, der Registerzahl und den Kosten Folgendes gesagt:
Die reichhaltig ausgestattete Barockorgel enthielt sowohl rückwärts gewandte Klänge (z. B. kurzbechrige Zungen und obertönige Aliquotregister) wie auch in die damalige Zukunft blickende Klangfarben (z. B. Streicher und überblasende Register). Ein solcherart umfassender Typ ist über einen längeren Zeitraum vorherrschend gewesen. Die barocke Orgel lebte von der Vielfarbigkeit sowohl der (Spät-)Renaissance,Hans Klotz: Über die Orgelkunst der Gotik, der Renaissance und des Barock. Musik, Disposition, Mixturen, Mensuren, Registrierung, Gebrauch der Klaviere. 3. Auflage. Bärenreiter, Kassel 1986, ISBN 3-7618-0775-9, S. 60. die das vokale Ideal der Gesanglichkeit der Prinzipale einschließt, als auch des hochbarocken Instrumentariums, was sich in vielen Registerbenennungen als Nachempfindungen diverser Ensemble- und Soloinstrumente widerspiegelt.
mini|Innenraum von St. Petri in Riga (2014, ohne Orgel) Kloosen reparierte 1738 die Domorgel. Anschließend übersiedelte er nach Görlitz, wo er am 6. Februar 1740 das Bürgerrecht erwarb.
Die Firma Walcker ersetzte im Jahr 1886 die Kloosen-Orgel durch ein romantisches Instrument. Dabei wurde das historische Gehäuse weiter verwendet. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche 1941 schwer beschädigt, die Orgel verbrannte mit der gesamten Kirchenausstattung.Orgeldatabase: Walcker-Orgel von 1886, abgerufen am 9. November 2025. 1984 war das Kirchengebäude restauriert und der Turm wieder aufgebaut. Die Orgelempore blieb jedoch leer.Lettische Presseschau:
Im Jahr 2011 wurde ein Orgelverein gegründet, der die Pläne zur Wiederherstellung der Barockorgel in dem Jahr erstmals der Öffentlichkeit vorstellte. Die Planungen und die Rekonstruktion wurden dem Dresdner Orgelbauer Kristian Wegscheider übertragen. Der lettische Architekt Peteris Blums als Projektbeauftragter, legte 2017 den Behörden der Stadt Riga das bautechnische Gutachten vor.
Forschung und Rekonstruktionspläne mini|hochkant|Hildebrandt-Orgel in Pasłęk von 1719 Laut dem Förderverein Orgel Petri-Kirche Riga bezeichneten Fachleute die geplante Rekonstruktion der Barockorgel als interessantes europäisches Orgelprojekt.
Als Gegenstück zur historischen großen romantischen Orgel im Dom sollte Riga auch ein repräsentatives Instrument für die reiche Vielfalt der barocken Orgelmusik erhalten. Da jedoch die hierfür vorgesehene Orgelrekonstruktion in der Petrikirche nicht absehbar zustande kommen konnte und (Stand 2024) bis auf weiteres zurückgestellt wurde, wurde 2024 für den Dom selbst der Neubau eines barocken Instruments – als Chororgel im Seitenschiff – vertraglich mit dem Orgelbauer Wegscheider beschlossen.Riga Dom – Chororgel | Opus 125. Abgerufen am 9. November 2025.
Die grundsätzliche technische und musikalische Konzeption und auch die optische Gestalt der historischen Kloosen-Orgel der Petrikirche sind weitgehend bekannt. Die genauen Details dieses Instruments von 1734 bedürfen jedoch noch weitergehender Forschungen.Vgl. Dazu gehören auch Untersuchungen von Orgeln aus dem zeitlichen und regionalen Umfeld, die für Analogieschlüsse herangezogen werden könnten. Ein hervorragendes Beispiel des damaligen Orgelbaus mit Ähnlichkeiten zur Kloosen-Orgel bietet die Hildebrandt-Orgel in der Pfarrkirche St. Bartholomäus in Pasłęk/Preußisch Holland (Polen).Hildebrandt-Orgel in Pasłęk. Abgerufen am 9. November 2025. Das Herderinstitut in Marburg bietet einige Fotos des alten Gehäuses und des Zierrats.Herderinstitut: Orgel der Petrikirche Riga. Abgerufen am 17. November 2025. Der Orgelbau in Danzig im frühen 18. Jahrhundert und vergleichende Studien in Mitteldeutschland bieten gute Analogien.
Die Kosten für die Rekonstruktion der Orgel hätten sich voraussichtlich auf 1,5 Millionen Euro belaufen.Reformatorisch Dagblad vom 16. August 2016: Plannen voor reconstructie barokorgel Petrikirche Riga. Abgerufen am 9. November 2025. Die Trägerschaft und die bauliche Organisation des Projektes sollte die lettische Stiftung Orgel-Stiftung Petri-Kirche Riga (lettisch: Rīgas Sv. Pētera baznīcas ērģeļu fonds) übernehmen, die sich aus deutschen und lettischen Mitgliedern zusammensetzte. Schirmherr war der Geiger Gidon Kremer.Fortschritte beim Orgelbau in der Petri-Kirche in Riga. Abgerufen am 9. November 2025.
Die Stiftung wurde 2011 gegründet und folgte dem Anliegen, die musikalische Tradition der Barockmusik zu erhalten. Neben den Aufgaben im Rahmen der Orgel-Rekonstruktion sollte die Stiftung dabei die deutsch-lettische Zusammenarbeit und den internationalen Austausch von Organisten und weiteren Künstlern fördern. Im Jahr 2016 wurde der deutsche „Förderverein Orgel Petri-Kirche Riga e. V.“ gegründet, um die lettische „Orgel-Stiftung-Petrikirche Riga“ als bauausführende Instanz des Projekts zu unterstützen.Die Orgel der Petri-Kirche Riga (Lettland). Abgerufen am 9. November 2025. Im Rahmen des Evangelischen Kirchentages 2017 in Berlin und 2019 in Dortmund informierte ein Stand auf dem Markt der Möglichkeiten über das Projekt.Orgel-Stiftung Petri-Kirche Riga, S. 23, 30. Abgerufen am 9. November 2025 (PDF).
Disposition Die ursprüngliche Disposition der Kloosen-Orgel ist bekannt.Erik Fischer: Musikinstrumentenbau im interkulturellen Diskurs. Franz Steiner, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3-515-08811-4, S. 119 f. Sie sah 41 Register vor, die auf drei Manuale und Pedal verteilt waren:. I Hauptwerk C–d3 Quintadena 16′ Principal 8′ Rohrflöte 8′ Gemshorn 8′ Oktava 4′ Gemshorn 4′ Quinta 3′ Oktava 2′ Terz ′ Mixtur VI 4′ Cimbel III Trompete 8′ II Oberwerk C–d3 Principal 8′ Gedackt 8′ Viola da Gamba 8′ Oktava 4′ Flute traversiere 4′ Kleingedackt 4′ Nasat 3′ Flöte 2′ Mixtur III Baar Pfeifen 8′ Vox humana 8′ III Brustwerk C–d3 Gedackt 8′ Quintadena 8′ Principal 4′ Flute douce 4′ Salicional 4′ Spitzflöte 2′ Sedecima 1′ Cimbel III Cornettino IV Hautbois 8′ Pedal C–d1 Principal 16′ SubBass 16′ Quinta 12′ Oktava 8′ Violoncello 8′ Super-Oktava 4′ Klein-Oktava 2′ Mixtur IV Posaune 16′ Trompete 8′
Die Disposition der Walcker-Orgel von 1886 ist gleichfalls bekannt. Sie umfasste 52 Register, die wiederum auf drei Manuale und Pedal verteilt waren: I Manual C–d3 Principal 16′ Prinzipal 8′ Flauto Major 8′ Bordun 8′ Hohlflöte 8′ Quintatön 8′ Gemshorn 8′ Viola di Gamba 8′ Aeoline 8′ Oktave 4′ Rohrflöte 4′ Gemshorn 4′ Quinte ′ Qctave 2′ Mixtur VI 4′ Trompete 8′ Posaune 8′ Clairon 4′ II Manual C–d3 Bordun 16′ Prinzipal 8′ Spitzflöte 8′ Gedackt 8′ Konzertflöte 8′ Salicional 8′ Dolce 8′ Fugara 4′ Flöte 4′ Cornett V Clarinette 8′ Basson 8′ III Manual C–d3 Bordun 16′ Geigen Prinzipal 8′ Lieblich Gedackt 8′ Harmonika 8′ Voix Celeste 8′ Flöte 4′ Spitzflöte 4′ Piccolo 2′ Oboe 8′ Pedal C–d1 Principalbass 32′ Principal 16′ Subbass 16′ Gedacktbass 16′ Violon 16′ Oktavbass 8′ Flötenbass 8′ Gedacktbass 8′ Violoncell 8′ Oktave 4′ Posaune 16′ Trompete 8′ Klarine 8′
Weblinks Orgel-Stiftung Petri-Kirche Riga (PDF; 7,3 MB)
Einzelnachweise
Riga Kategorie:Musik (Riga)