mini|Ein Testkomplex für landgestützte Raketenabwehr auf Hawaii führte einen Test einer Aegis SM3-Abwehrrakete durch, um ein ballistisches Mittelstreckenraketenziel im Weltraum abzufangen. (2018) mini|Ein Frühwarnsystem für ballistische Raketen auf der Thule Air Base in Grönland liefert NORAD taktische Lageeinschätzungen und Angriffsanalysen zu allen Interkontinentalraketen (ICBMs) und U-Boot-gestützten ballistischen Raketen (SLBMs), die in den Erfassungsbereich des Systems eindringen. Seine sekundäre Aufgabe besteht darin, NORAD Start- und Einschlagvorhersagen für die Angriffsanalyse bereitzustellen. (2018)
Als Raketenabwehr () wird Militärtechnik bezeichnet, die dem Erkennen und der Abwehr feindlicher Raketen oder Flugkörper dient und eigene Raketen zur Abwehr einsetzt. Da an der Abwehr verschiedene technisch-funktionale Systeme und Plattformen beteiligt sind, wird auch der Begriff Raketenabwehrsystem verwendet. Diese Systeme existieren etwa seit Mitte des 20. Jahrhunderts und werden seitdem kontinuierlich erneuert, ersetzt oder weiterentwickelt. Im Zusammenhang mit Raketenabwehrsystemen spricht man auch von defensiven Systemen.
Dieser Artikel stellt die Raketenabwehr größtenteils aus Sicht der technischen Entwicklungen dar. Das Thema ist jedoch seit den 1960er Jahren Teil einer „Raketenabwehrpolitik“ (siehe der Abschnitt dazu), die im Rahmen der Sicherheitspolitik speziell von den USA betrieben wird.
Einleitung Ein Raketenabwehrsystem besteht aus einem oder mehr (1) Führungs- und Kontrollsysteme, (2) Sensoren (Frühwarnsysteme z. B. Radarsysteme) zur Erkennung anfliegender Bedrohungen und (3) Gegenmitteln, meist Abfangraketen. Zur Abwehr dienen auch Täuschkörper, Maschinenkanonen und Energiewaffen.
Zu den generellen Bedrohungen zählen Kurz-, Mittel- und Langstreckenraketen. Bekannte und erprobte Abwehrsysteme wie Patriot befinden sich heute im Einsatz als Teil der Flugabwehr durch Flugabwehrraketen, wobei Patriot auch zur Raketenabwehr dient.
Zu den Bedrohungen im 21. Jahrhundert zählen landbasierte Interkontinentalraketen (ICBMs), U-Boot-gestützte ballistische Rakete (SLBM), aeroballistische Raketen, Hyperschallwaffen und Marschflugkörper. Auch das Konzept des Fractional Orbital Bombardment Systems (FOBS) aus dem Kalten Krieg stellt weiterhin ein mögliches Abwehrverfahren dar. FOBS würde Frühwarnsysteme (vgl. auch Vorwarnzeit und Überraschung) herausfordern, da die Flugobjekte auch über den Südpol auf die Nordhalbkugel gelangen könnten.
Um diesen und anderen Bedrohungen gerecht zu werden, sind die technischen und operationellen Anforderungen an Raketenabwehrsysteme sehr hoch. Zur Erfüllung dieser Anforderungen werden verschiedene Abwehrsysteme kombiniert, weshalb auch von einem Netzwerk oder einem „System von Systemen“ oder einer Infrastruktur gesprochen wird. Des Weiteren sind die Abwehrsysteme, nebst ihrer Sicherheitsfunktion, ein Kostenfaktor. Der ehemalige US-amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara schrieb 1968 dazu: „Nicht der finanzielle Aspekt ist das problematische, sondern die Durchlässigkeit eines solchen projektierten Schutzschildes. Es ist doch ohne Zweifel sinnlos, 40 Milliarden Dollar zu investieren, wenn wir dafür nicht eine wesentliche Stärkung unserer Sicherheit eintauschen“.
Raketenabwehrsystem bauen technisch auf der Raketentechnik und Wehrtechnik (vgl. auch Ballistik) auf und werden von militärischen Organisationen oder Rüstungsunternehmen hergestellt und von Militär getestet und betrieben. Die meist milliardenschweren Raketenabwehrsysteme werden teils politisch über Initiativen angekündigt und über langfristige Programme der Rüstungsindustrie beschafft. Sie dienen der nationalen Sicherheit und sind Gegenstand der Sicherheits-, Abrüstungs- und Rüstungskontrollpolitik. Hier ist speziell der ABM-Vertrag aus dem Kalten Krieg zu erwähnen, siehe weiter unten.
Abschließend noch eine Anmerkung. Im Zusammenhang mit der Raketenabwehr wird auch von einem „Abwehrschild“ oder „Schutzschild“ gesprochen. Dieser Begriff wurde jedoch in den 1950er bis 1980er Jahren auch für das „nukleare Abwehrschild“, also die nukleare Abschreckung, genutzt und sollte nicht verwechselt werden.
Geschichte Seit dem Kalten Krieg haben die Sowjetunion (heute Russland) und die USA verschiedene Abwehrsysteme konzipiert, die als Anti Ballistic Missile (ABM)-Systeme (früher) oder Ballistic Missile Defense (BMD)-Systeme (heute) bekannt sind. Sie sollen vor einem Angriff mit ballistischen Raketen schützen. Damit sollen Raketensilos, Städte, militärische Infrastruktur, Einrichtungen und Soldaten geschützt oder verteidigt werden. Eine ältere Bezeichnung ist auch Defensive Missile Systems (DMS). Im Kontext der „Raketenabwehr-Diplomatie“ (siehe weiter unten) der USA wurde seit den 1990er Jahren auch von einem National Missile Defense (NMD)-System oder Programm gesprochen. Der Begriff steht ganz allgemein für ein modernes Abwehrsystem für die USA. Das US-Raketenabwehrsystem wird Stand 2025 als Ballistic Missile Defense System (BMDS) bezeichnet. Zur Politik siehe auch der Abschnitt Raketenabwehrpolitik.
Im Folgenden sind einige dieser ursprünglichen Abwehrsysteme dokumentiert.
USA Das Nike-System bestand aus Raketen, Radaranlagen und den dazugehörigen Kontrollsystemen. Die ursprüngliche Nike Zeus-Rakete (später Spartan genannt) wurde für größere Reichweiten modifiziert, um feindliche Sprengköpfe auch außerhalb der Atmosphäre zu zerstören. Eine zweite Kurzstreckenrakete mit hoher Beschleunigung, Sprint genannt, sollte Atomsprengköpfe zerstören, die der Spartan-Rakete entgangen waren. Die Sprint-Rakete beschleunigte dazu sehr schnell (13.000 km/h in 4 Sekunden mit 100 g) und wurde mit einem kleineren ein bis drei Kilotonnen (kt) starken Kernsprengköpfen W66 ausgerüstet, um das Ziel in der Atmosphäre zu zerstören.
Die neue Spartan-Rakete veränderte die Stationierungspläne. Ursprünglich sollten verstreute Nike-Systeme die amerikanischen Städte als „last-ditch defense“ beschützen, die Spartan-Rakete hingegen erlaubte es, Ziele in hunderten von Kilometern Entfernung zu zerstören. Also wurde das Konzept zu einem „Schutzschild“ für die gesamten Vereinigte Staaten umgemünzt, das als Sentinel bezeichnet wurde. Als die Kosten explodierten, wurde das Programm verkleinert: von nun an stand der Schutz der Startsilos für Interkontinentalraketen (ICBM) im Mittelpunkt. Dieses als Safeguard genannte Abwehrsystem sollte sowjetische Atomangriffe auf die Startsilos abwehren, um den Vereinigten Staaten als Teil der Assured destruction-Strategie die Möglichkeit eines Gegenschlages zu garantieren. Ein weiteres Raketensystem war BOMARC.
Ab 1954 wurde gemeinsam mit Kanada das North American Aerospace Defense Command (NORAD) aufgebaut. NORAD überwacht Nordamerika.
In den 1980er Jahren machte die Strategic Defense Initiative (SDI) von US-Präsident Ronald Reagans Schlagzeilen, die die Entwicklung teilweise satellitengestützter Raketenabwehrsysteme zum Inhalt hatte. Das Programm war so futuristisch, dass es auch als Star Wars (nach dem Film Star Wars; wörtlich „Krieg der Sterne“) bekannt wurde.
SDI wurde mit dem Ende des Kalten Krieges in den 1990ern unterbrochen und größtenteils verworfen. Beispielsweise wird die im SDI-Programm begonnene Entwicklung von Energiewaffen nach hohen Entwicklungsaufwendungen mit mäßigem Erfolg, so etwa Tactical High Energy Laser (THEL), nicht mehr verfolgt.
In den 2000er Jahren wurde von US-Präsident George W. Bush unter neuem Namen ein Abwehrprogramm unter dem Namen National Missile Defense (NMD) fortgeführt. Dies wurde unter anderem von der Volksrepublik China und der Sowjetunion scharf kritisiert. Sie warnten 2001 vor einem neuen Wettrüsten im Weltraum. 2009 gab US-Präsident Barack Obama bekannt, in Polen und Tschechien keine Anlagen dafür stationieren zu wollen.
In den späten 1980er Jahren wurde jedoch auch das Missile Defense Integration and Operations Center (MDIOC) aktiviert, welches zur Missile Defense Agency (MDA) gehört. MDIOC befindet sich, mit anderen Organisationen auf der Schriever Space Force Base.
Technisch stützt sich die einsatzfähige Raketenabwehr heute auf Abfangraketen und auf Systeme zur Blendung des Suchkopfes der anfliegenden Lenkwaffen (z. B. das MCD des M6 Linebacker).
Für die Neuerungen ab den 2010er Jahren, siehe in dem Abschnitt Entwicklungen.
Sowjetunion mini|250px|Zeichnerische Darstellung der Radaranlagen des sowjetischen A-135-ABM-Systems in Petschora (Ural) Die Sowjetunion schützte ab 1963 die Hauptstadt Moskau als politisches und wirtschaftliches Zentrum Russlands mit dem A-35-System (DIA-Code: ABM-1 NATO-Codename: SAM-1). Es war in der Lage, Ziele außerhalb der Atmosphäre zu zerstören, eine „last ditch“-Komponente wie die Sprint-Rakete beim amerikanischen Safeguard-System war nicht vorgesehen. Das System verwendete den Raketentyp A350 / 5W61 (DIA-Code: ABM-1 Galosh) mit Kernsprengkopf und wurde an vier Stellen rund um Moskau gebaut. Das System System A wurde ab 1956 entwickelt und war ab 1960 einsatzbereit.
Ursprünglich sollten wie beim US-amerikanischen Sentinel-Programm mehrere Städte geschützt werden. Die Nukleargefechtsköpfe wurden aber mit dem ABM-Vertrag 1972 verboten.Mike Gruntman: Intercept 1961: The Birth of Soviet Missile Defense. American Institute of Aeronautics & Astronautics, 2015. ISBN 978-1-62410-349-0.
Im Jahr 1978 ging in Moskau das modernisierte Raketenabwehrsystem A-35M (DIA-Code: ABM-1B) in Betrieb. Dieses basierte auf dem Vorgängersystem und verwendete verbesserte Radaranlagen sowie die verbesserten A350Sch / 5W61R-Abfangraketen.
In den späten 1970er Jahren arbeitete man in der Sowjetunion an dem mobilen Raketenabwehrsystem S-225 (DIA-Code: ABM-X-3). Mit diesem sollten die beiden Abfangraketen 5Ja26 und 5Ja27 zum Einsatz kommen. Das S-225-System kam nicht über das Prototypenstadium hinaus, bildete aber die Grundlage für das spätere A-135-ABM-System.
Nach langen Verzögerungen wurde das A-35-System im Jahr 1995 durch das Raketenabwehrsystem A-135 (DIA-Code: ABM-4) ersetzt. Dieses verwendet exoatmosphärische Abfangraketen vom Typ 51T6 (DIA-Code: ABM-4 Gorgon) sowie die endoatmosphärische 53T6-Abfangraketen (DIA-Code: ABM-3 Gazelle). Insgesamt wurden um Moskau 64 Abfangraketen stationiert. Beide Raketentypen waren mit Nukleargefechtsköpfen bestückt. Die größeren 51T6-Raketen wurden im Jahr 2003 ausgesondert und die noch verbleibenden 53T6-Raketen wurden Anfang der 2000erJahre modernisiert.
NATO (Europa) mini|Demonstration eines NATO/Europäischen Abwehrsystems gegen ballistische Raketen in Tschechien und Polen. (2007) Die Geschichte eines NATO-Abwehrschilds geht zurück bis den Kalten Krieg, dort bekannt als NATO Integrated Air and Missile Defence System (NATINAMDS). Ab 1999 wurde das NATO Air Command and Control System (ACCS)-Programm etabliert. Seit 2005 existiert auch das NATO-Abwehrprogramm Active Layered Theatre Ballistic Missile Defence (ALTBMD).
Die NATO plant seit den 2010er Jahren die Aufstellung eines reduzierten Abwehrsystems für Europa, auch bekannt als NATO Integrated Air and Missile Defence (NATO IAMD). Mit dem System wurde auch eine Policy bekannt gegeben, die NATO Integrated Air and Missile Defence Policy.
Genutzte Einrichtungen befinden sich neben der Türkei u. a. in Ramstein, Deveselu, Stolp (Słupsk) und Rota. Als Antwort plant Russland ein eigenes System in der Oblast Kaliningrad, u. a. in Jesau (Juschny).
Eine moderne Beschreibung des europäischen Abwehrschirms stellt auch das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMS) zur Verfügung.
Klassen Die hohe bis sehr hohe Geschwindigkeit und die meist geringe Größe anfliegender Raketen machen die integrierten Detektionssysteme und Waffensteuerungssysteme für eine erfolgreiche Abwehr hochkomplex und aufwendig. Für die Technologie des US-Abwehrsystems siehe auch das NMD-System ab den 2000er Jahren und das BDM-System ab den 2010er Jahren.
Konzepte