Una cosa rara o sia Bellezza ed onestà (Der seltene Fall oder Schönheit und EhrbarkeitDie zeitgenössische Übersetzung , was dem italienischen entspräche, stellt Lilla in ein zu helles Licht.) ist das zweite von fünf Drammi giocosi, die aus der Zusammenarbeit des Venezianers Lorenzo Da Ponte (Libretto) und des Valencianers Vicente Martín y Soler (Musik) hervorgingenDa Ponte wirkte seit 1781 in Wien, Martín seit 1785. Gemeinsam schrieben sie auch Il burbero di buon cuore (Wien, 1786), L’arbore di Diana (Wien, 1787), La capricciosa corretta und L’isola del piacere (beide London, 1795).. Die Uraufführung fand 1786 in Wien statt. Obwohl einer der größten Bühnenerfolge seiner ZeitChristine Martin: Vicente Martín y Solers Oper . (…) Hildesheim 2001, S. 13., geriet das Werk später für lange Zeit in Vergessenheit.
Zuvor waren die politischen Aussagen im Libretto übertüncht worden. Ludwig Börne kannte daher nur die idyllische Seite der Oper, als er diese 1819 wie folgt charakterisierte:
Entstehung mini|hochkant|links|Pietro Bettelini: Nancy Storace, 1788. Auftraggeber von Una cosa rara war Kaiser Joseph II., der in den Staaten des Hauses Österreich Reformen im Geist der Aufklärung durchführte, die besonders den Bauern zugutekamenVgl. Roman Rózdolski: Die große Steuer- und Agrarreform Josefs II. Państwowe Wydawnictwo Naukowe, Warszawa 1961 (deutsch). Als die Tuberkulose des Kaisers ins Endstadium trat, soll an der Mauer der Hofburg gestanden haben: (Elisabeth Schmuttermeier: Der Tod Josephs II., in: Österreich zur Zeit Kaiser Josephs II., Wien 1980, S. 279–281, Zitat: S. 279), der aber auch persönlich das von Adel und Bürgertum besuchte Burgtheater leiteteDa Ponte attestierte dem Kaiser einen . Vgl. Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 72: . Nach dem Erfolg ihrer ersten gemeinsamen Produktion Il burbero di buon cuore (nach Goldonis französischsprachiger Komödie Le Bourru bienfaisant) wählte Da Ponte nach seinen eigenen Angaben dem Komponisten und dessen Protektorin, der spanischen Botschaftersgattin Isabel de Llano, zuliebe eine Vorlage aus deren HeimatMemorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 90: – die Komödie La Luna de la Sierra (Der Mond des Gebirges) von Luis Vélez de Guevara (um 1626)Comedia famosa de la Luna de la Sierra. In: Doze comedias las mas grandiosas que hasta aora han salido, de los mejores, y más insignes poetas, Lisboa 1653, S. 175–222 (). Da Ponte schrieb das Stück, welches seinerseits von der Tragikomödie Peribáñaz y el Comendador de Ocaña von Lope de Vega (1614) inspiriert ist, irrtümlich Calderón zu.. Der Kern der Handlung findet sich jedoch auch in Werken aus anderen Ländern.Z. B. in der The King and the Miller of Mansfield von Robert Dodsley (1737), in der Komödie La partie de chasse de Henri IV von Charles Collé, in der Opéra-comique Le Roi et le Fermier von Michel-Jean Sedaine und Pierre-Alexandre Monsigny (beide 1762), im Dramma giocoso Il re alla caccia von Carlo Goldoni und Baldassare Galuppi (1763) sowie im Singspiel Die Jagd von Christian Felix Weiße und Johann Adam Hiller (1770). Vgl. Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 281, Anm. 16. Bei der Wahl des Stoffes spielte wohl ebenfalls eine Rolle, dass sich der verwitwete Joseph II. zu Mädchen aus dem Volk hingezogen fühlte, aber die Mätressenwirtschaft anderer Fürsten ablehnte.Vgl. Gustav Gugitz: Josef II. und die Frauen, in: Neues Wiener Tagblatt, 27. Januar 1935, S. 23 f.; 3. Februar 1935, S. 23. Den Infanten mit Joseph II. und die Königin mit Maria Theresia gleichzusetzen, wie dies Mary Hunter tut (The Culture of Opera Buffa in Mozart’s Vienna, A Poetics of Entertainment, Princeton University Press, Princeton 1999, S. 78), ist unhaltbar. Vgl. Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 286, Anm. 26. Da Ponte stellte das Libretto unter das Motto: Decimus Iunius Iuvenalis: Saturae, Liber IV, Satura X, 297 f. Übersetzt: Der Infant wiederholt dies auf Italienisch, wobei er für verwendet. (2. Akt, Szene 9)
Die schöne Lilla, welche der Werbung des Infanten Giovanni widersteht, wurde von der italienisch-britischen Sopranistin Nancy Storace (1765–1817) verkörpert. Diese hatte bereits im Burbero di buon cuore die Hauptrolle der Angelica gespielt. Da Ponte schreibt von der Schwester des Komponisten Stephen Storace, für den er ungefähr gleichzeitig das Libretto zu Gli equivoci verfasste: Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 56: Er und Martín hätten nur je dreißig Tage gebraucht, um Una cosa rara fertigzustellen.Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 91.
Erfolg und Überlieferung mini|links|Duett , Klavierauszug. Laut Da Ponte hatte Wien vielleicht nie zuvor gehört.Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 92: . Das Publikum habe vor Vergnügen geschrien, der Kaiser entgegen der Hausordnung die Wiederholung des Duetts Lilla und Lubino, 2. Akt, Szene 19. Der Anfang des Duetts ist auf dem Porträt des Komponisten von Jakob Adam nach Joseph Kreutzinger abgebildet. verlangt. Da Ponte fährt fort, die Frauen hätten sich alla Cosa rara gekleidet und Martín, aber auch ihn selber vergöttert: Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 96: Nach dem hießen namentlich schwarze Gaze mit roten Seidenstreifen für Hüte und Halstücher, Uhrketten aus falschen Perlen und Korallen sowie Fächer mit dem erwähnten, Duett. (Zur selben Zeit trugen reaktionäre Damen Schwarzrotgold – die später von Deutschland übernommenen Landesfarben Belgiens, dessen Stände sich den Reformen Josephs II. widersetzten.)Journal des Luxus und der Moden (Weimar), Oktober 1787, S. 351 f. (Wien, 30. August).
Nach der Abreise von Nancy Storace im Februar 1787 kam Una cosa rara im August mit Anna Morichelli (ca. 1755–1800)Martín hatte mit Morichelli bereits in Madrid zusammengearbeitet. Später wurde sie seine Lieblingssängerin. Vgl. Dorothea Link: Anna Morichelli, Vicente Martín y Soler’s Champion Singer. 2010 (), passim. als Lilla wieder auf den Spielplan. Binnen fünf Jahren wurde sie am Burgtheater – in verschiedenen Fassungen – 55-mal aufgeführt.Auf eine höhere Zahl brachten es im selben Zeitraum nur Martíns L’arbore di Diana, Sartis Fra i due litiganti il terzo gode sowie Paisiellos Il barbiere di Siviglia und Il re Teodoro in Venezia. Ein Teil der Vorstellungen fand an dem vom selben Ensemble bespielten Theater nächst dem Kärntnertor statt. Eine Übersetzung ins Deutsche brachte es am Leopoldstädter Theater gar auf den Rekordwert von 87 Vorstellungen.Peter Branscombe: Mozart und das Theater seiner Zeit, in H. C. Robbins Landon (Hrsg.): Das Mozart-Kompendium (…), München 1999, S. 419–431, hier: S. 428–431. Bis 1810 gab es Inszenierungen in 19 heutigen StaatenBelgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Litauen, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn. – in Italien allein in 29 Städten – sowie Übersetzungen in neun Sprachen.Christine Martin: Vicente Martín y Solers Oper (…) Hildesheim 2001, S. 124, 158, 425–430. Entsprechend haben sich Hunderte von Partituren, Libretti und Orchesterauszügen erhalten. Die beiden existierenden GesamtausgabenVon Gerhard Allroggen (G. Henle Verlag, München 1990) und Irina Kriajeva (Iberautor/Instituto Complutense de Ciencias Musicales, Madrid 2001). sollten laut dem Biografen Martíns, dem argentinischen Musikwissenschaftler Leonardo J. Waisman, ersetzt oder zumindest ergänzt werden.Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 277 f.
Handlung
Man könnte die Oper mit einer verzuckerten Pille vergleichen. Die schöne Musik begleitet eine Handlung, die sich in einer Art Arkadien – der Sierra Morena1767 hatte Johann Kaspar Thürriegel aus Bayern eine Konzession zur wirtschaftlichen Entwicklung dieser Gebirgsgegend erhalten und dort in der Folge tausend Familien aus der Schweiz sowie zahlreiche Deutsche angesiedelt. – abspielt, aber wie in den Libretti, die Da Ponte für Mozart schrieb, politische Sprengkraft hat: Die Heldin ist ein ehrbares Mädchen aus dem Volk wie Susanna in Le nozze di Figaro (1786, nach Beaumarchais) und Zerlina in Don Giovanni (1787). Als Bösewichte stehen ihr Adlige wie Graf Almaviva und Don Giovanni gegenüber, darunter ein Königssohn, der – anders als in der literarischen Vorlage – sogar der Hauptschuldige istLeonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 288 f.. Angeprangert werden in der Oper das Patriarchat, die Sittenlosigkeit des Adels, der sich das Recht auf die erste Nacht anmaßte, und das Mätressenwesen. Die nachstehende Zusammenfassung folgt wie jene von WaismanLeonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 278–281. der Wiener Urfassung der OperUna cosa rara o sia Bellezza ed onestà. Dramma giocoso in due atti. Da rappresentarsi nel teatro di corte l’anno 1786. In Vienna, Giuseppe nob. de Kurzbek (…) () und entspricht damit keiner der beiden existierenden EinspielungenLe Concert des Nations, Jordi Savall, Astrée (1991); Teatro La Fenice, Giancarlo Andretta, Mondo Musica (1999)..
1. Akt mini|hochkant|Guercino: Diana, 1658. Szenen 1–5 (Große Ebene): Der Chor der Jäger spielt auf den Untertitel der Oper an, als er Diana, die Göttin der Jagd, des Mondes und der Keuschheit, um Schutz für die von der Eberjagd zurückkehrende Königin Isabella bittet:
Szene 1.
mini|hochkant|Isabella I. von Kastilien, um 1490. Die Monarchin feiert Wiedersehen mit ihrem Sohn, dem Infanten Giovanni, der sich im Dickicht verirrt hatte. Da stürzt die junge Bäuerin Lilla herbei und fleht um Hilfe: Sie liebt den Schäfer Lubino, doch ihr Bruder Tita (der die Vormundschaft über sie ausübt) will sie noch heute mit dem Podestà des Dorfes, Lisargo, verheiraten. Um ihren Willen zu brechen, hat er sie in ihr Zimmer gesperrt, worauf sie vom Balkon gesprungen ist. Die Königin verspricht, ihr die Heirat mit dem Geliebten zu ermöglichen. Mit Lillas Schutz betraut sie den Gran Scudiere Corrado. Dies zum Ärger Giovannis, der vom Liebreiz der naiven Schönen überwältigt istInfant: Corrado: (Szene 4) und diese Aufgabe gerne selbst übernommen hätte. Er versucht erfolglos, mit Lilla zu flirten. Darauf sagt er ihr voraus, sie werde mit dem alten, hässlichen Corrado noch Ärger haben. Allein zurückgeblieben, singt der Infant:
Szene 5.
mini|hochkant|Sierra Morena, 1790. Szenen 6–12 (Straße): Vor dem Haus, in dem Lilla gefangen war, beschuldigen sich Tita und Ghita gegenseitig der Untreue. Dies, obwohl die beiden heute gleichzeitig mit dem Podestà und Lilla heiraten sollen. Da erscheint Lubino und ruft nach seiner Geliebten:
Szene 7.
Als er Tita zur Rede stellt, gesteht dieser, die Schwester eingesperrt zu haben. Darauf tritt Lubino die Türe des Hauses ein. Drinnen findet er aber nur den Schleier, den Lilla beim Sprung vom Balkon verloren hat. Er stellt sich vor, sie sei dabei ums Leben gekommen, und schwört – an Masetto in Don Giovanni erinnerndMasetto über Don Giovanni: (2. Akt, Szene 5) – Tita und dem Podestà in komischer Übertreibung Rache:
Szene 9.
Durch ihr Dazwischentreten bewahrt Ghita Tita davor, von Lubino erschlagen zu werden. Sie empfindet aber auch mit diesem Mitleid, als er vom Podestà verhaftet wird, und bittet ihren Bräutigam, Lilla den Gatten frei wählen zu lassen. Als Lockmittel stellt sie Tita in der Arie () Liebesfreuden in Aussicht, wie Zerlina dem verprügelten MasettoArie (2. Akt, Szene 6). Vgl. Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 310.:
Szene 11.
Sie weiß, dass sie ihn mit diesem Versprechen verwandelt.Tita: (Szene 12)
mini|hochkant|Mätresse (François-Hubert Drouais: Madame du Barry).