mini|Eingang zum Yucca Mountain mini|Herkömmliches Warnsignal Radioaktivität W05: „Warnung vor radioaktiven Stoffen oder ionisierenden Strahlen“ mini|Verständlichere Warnung vor radioaktiver Strahlung laut ISO 21482 seit 2007 Atomsemiotik ist eine Richtung der Semiotik, also die „Lehre von den Zeichen, die im Rahmen von mit Atomenergie verbundenen Problemen nutzbar gemacht werden kann“.Christian Trautsch: Atomsemiotik – semiotische Probleme von Atommüll und Zeichen als Warnungen an die ferne Zukunft. (PDF; 1,5 MB) Vortrag auf dem Wiener Nuklearsymposium, September 2011. Im engeren Sinn ist es die Anwendung der Semiotik, um Warnungen vor Gefahren des Atommülls an die Nachwelt zu entwerfen.

Die Forschungsrichtung entstand im Jahr 1981, als in eine Arbeitsgruppe zur dauerhaften Sicherheit von Atommüll („Human Interference Task Force“) im Auftrag der US-Regierung und des Bechtel-Konzerns auch der Semiotiker und Linguist Thomas Sebeok berufen wurde. Er verfasste ein eigenes Kapitel des Abschlussberichts.Thomas A. Sebeok: Communication Measures to Bridge Ten Millennia. Office of Nuclear Waste Isolation, April 1984 Im deutschsprachigen Raum wurde die Atomsemiotik bekannt, als Roland Posner von der Arbeitsstelle für Semiotik der Technischen Universität Berlin 1982/83 zwölf internationale Wissenschaftler aus Ost und West um Beiträge für eine Themenausgabe der Zeitschrift für Semiotik bat, die 1984 erschien. Arbeitsstelle für Semiotik Seitdem wird das Thema sowohl ernsthaft als auch als KuriositätClaas Gieselmann: Welt der Wunder Magazin, November 2010. immer wieder aufgegriffen.

Seit 2011 befasst sich eine gemeinsame Arbeitsgruppe der Nuclear Energy Agency und der OECD mit der Frage des „Erhalts von Daten, Wissen und Erinnerungen über Generationen“ anhand des Umgangs mit Atommüll und erarbeitet dabei neue Konzepte.Preservation of Records, Knowledge and Memory (RK&M) across Generations. oecd-nea.org

mini|Thomas Sebeok

Problemstellung Durch den Betrieb von Kernkraftwerken, Waffenfabriken, Forschungszentren und anderen kerntechnischen Einrichtungen erzeugen Industrienationen radioaktive Stoffe in solchen Mengen, dass ihre gesundheitlichen Wirkungen noch in Tausenden von Jahren tödlich sein können. Die Nukleartechnik führt also zur ethischen Verantwortung, die radioaktiven Stoffe für diesen langen Zeitraum von der Biosphäre fernzuhalten. Es gibt aber keine Einrichtung, die in der Lage ist, kontinuierlich für Tausende von Jahren das notwendige Wissen zu erhalten und verantwortlich mit den Langzeitfolgen umzugehen, denn die Zeitdimensionen übersteigen die bisherigen menschlichen Maßstäbe. Vergleichbare Aufgaben ergeben sich auch bei anderen besonders komplexen technischen Systemen wie der Gentechnik, Landminen, Giftmüll-Deponien und Weltraumschrott, aber auch bei der Notwendigkeit, Informationen über besondere Ereignisse über lange Zeit zu bewahren, wie beim Gedenken an den Holocaust.Stefan Berndes: Wissen für die Zukunft – ethische Normen der Auswahl und Weitergabe naturwissenschaftlichen und technischen Wissens. Technikphilosophie Band 7. Lit Verlag, 2001, zugleich Dissertation an der Brandenburgischen Technischen Universität, Cottbus, 2001, ISBN 3-8258-5400-0, S. 103–131. Als vergleichbar gilt auch die interstellare Kommunikation. Aus letzterem wird eine Verwandtschaft zwischen der Atomsemiotik und Kommunikationsversuchen wie der Pioneer-Plakette, der Arecibo-Botschaft und der Voyager Golden Record abgeleitet.

Drei Dinge müssten der Nachwelt mitgeteilt werden: dass es sich überhaupt um eine Mitteilung handelt, dass an einer bestimmten Stelle gefährliche Stoffe lagern, Informationen über die Art der gefährlichen Substanzen.

Die Warnung muss auch glaubhaft sein, damit nicht die Adressaten zwar den Inhalt verstehen, ihn aber nicht als Warnung vor der Gefahr ansehen, sondern glauben, dass damit wertvolle Schätze vor unbefugtem Zutritt geschützt werden sollen. Sebeok verwies dazu auf die Legende vom Fluch des Pharao.Thomas A. Sebeok: Communication Measures to Bridge Ten Millennia. Office of Nuclear Waste Isolation, April 1984, S. 24

Staatliche Institutionen überdauern selten mehr als einige hundert Jahre. Religionen können über längere Zeiträume bestehen, aber auch sie „sind kaum älter als ein paar tausend Jahre und haben nicht naturwissenschaftliche Informationen, sondern Mythen überliefert.“Roland Posner: Atommüll als Kommunikationsproblem. In: Roland Posner (Hrsg.): Warnungen an die ferne Zukunft – Atommüll als Kommunikationsproblem. Raben Verlag, 1990, S. 7–15. Für die USA wurde der zeitliche Horizont für Markierungen auf 10.000 Jahre festgelegt;Sebeok 1984, Seite 2 in Deutschland hingegen haben Wissenschaftler, Atomkraftbefürworter und Atomkraftgegner im Rahmen von Analysen des Arbeitskreises Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AkEnd) festgelegt, dass Atommüll für einen Zeitraum von einer Million Jahren sicher von der Biosphäre abgeschlossen werden mussBundesamt für Strahlenschutz: Auswahlverfahren für Endlagerstandorte : Empfehlungen des AkEnd – Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte, Dezember 2002, S. 30. – das wären rund 30.000 (Menschen-)Generationen. Andererseits hat die schriftlich tradierte Geschichte der Menschheit bis jetzt gerade eine Dauer von 5.000 Jahren. Mögliche Warnungen in Keilschrift werden nur von Experten, solche in der Indus-Schrift von niemandem verstanden.

Geschichte Auf die Problematik, Atommüll-Endlager langfristig zu sichern, wurde bereits 1972 hingewiesen,Alvin M. Weinberg: Social Institutions and Nuclear Energy. In: Science, Vol. 177, Issue 1 (7. Juli 1972), S. 27–34 [32–34] konkrete Vorschläge wurden ab 1981 gemacht. In den USA gab Präsident Jimmy Carter 1979 nach dem Unfall im Kernkraftwerk Three Mile Island aus Sicherheitsgründen das Konzept des geschlossenen Plutoniumkreislaufs mit einem Schnellen Brüter auf. Die Endlagerung von Atommüll und seine Sicherheitsaspekte rückten in den Vordergrund. Als Standort wurde der Yucca Mountain in Nevada ausgewählt. Zu Fragen der Sicherheit wurde der Nuclear Waste Policy Act erlassen.

1980 berief die Bechtel Corporation im Auftrag der US-Regierung verschiedene Arbeitsgruppen, die sich einerseits mit der technischen Gestaltung und Sicherheit des Atommüllendlagers und andererseits mit dem langfristigen Schutz von Atommülllagern vor dem Eindringen von Menschen befassten. Der Ansatz war wie bei der Veröffentlichung von 1972 davon geprägt, dass der Atommüll weniger gefährlich, als vielmehr gefährdet wäre.Florian Sprenger: Gefährdungen der Zukunft. In: Lorenz Engell, Bernhard Siegert, Joseph Vogl (Hrsg.): Gefahrensinn. (Archiv für Mediengeschichte, 9). Fink, München 2009, ISBN 978-3-7705-4918-4, S. 79–91, 83 1981 stellen die Mitglieder der zweiten Arbeitsgruppe Human Interference Task Force fest, dass sie sich auch zur Kommunikation über Jahrtausende Gedanken machen müssten, und beriefen den Semiotiker und Linguisten Thomas Sebeok in das zu diesem Zeitpunkt dreizehnköpfige Team.Thomas A. Sebeok: Die Büchse der Pandora und ihre Sicherung – Ein Relaissystem in der Obhut einer Atompriesterschaft. In: Roland Posner (Hrsg.): Warnungen an die ferne Zukunft – Atommüll als Kommunikationsproblem. Raben Verlag, 1990, S. 141–168.

Auf den Bericht Sebeoks aus der Arbeitsgruppe reagierte der deutsche Semiotiker Roland Posner, der die Arbeitsstelle für Semiotik der Technischen Universität Berlin leitete. Er plante eine Themenausgabe der von ihm herausgegebenen Zeitschrift für Semiotik, für die er 1982 zwölf internationale Wissenschaftler aus Ost und West um Beiträge bat. Sie erschienen 1984. 1990 erschienen die Beiträge sowie eine Aktualisierung durch Posner als Buch.

mini|Kaverne im Waste Isolation Pilot Plant 1990 verzögerte sich das geplante Endlager im Yucca Mountain, dafür wurde das Projekt Waste Isolation Pilot Plant (WIPP) bei Carlsbad in New Mexico als Alternative deutlich. Daher beriefen die Sandia National Laboratories im Auftrag des Energieministeriums der Vereinigten Staaten eine neue Arbeitsgruppe namens Future Panel ein.Peter van Wyck: Signs of danger. S. 50–52. Sie bekam den Auftrag ausgehend von der Arbeit der Human Interference Task Force Szenarien zu entwerfen, wie die Menschheit sich in den folgenden 10.000 Jahren entwickeln könnte. Daraus sollen Arten und Wahrscheinlichkeiten für ein ungewolltes Eindringen in das Atommülllager abgeleitet werden. Im Bericht der Arbeitsgruppe wurden Vorstellungen von kulturellen Brüchen und technischem Wandel zusammengestellt,Die Beispiele beruhen auf: Stephen J. Hora, Detlof von Winterfelde, Kathleen M. Trauth: Expert Judgement on Inadvertant Human Intrusion into the Waste Isolation Pilot Plant. Sandia National Laboratories, 1991, zitiert nach Peter van Wyck: Signs of danger. S. 51. darunter auch solche, die in der Literatur als „phantastisch“Peter van Wyck: Signs of danger. S. S. 51. bezeichnet wurden. Geopolitische und sprachliche Veränderungen, Bevölkerungswanderungen, globale Katastrophen wurden gleichermaßen diskutiert wie eine „Feministische Welt“, in der „Wissenschaft des 20. Jahrhunderts als fehlgeleitete, epistemologische Arroganz von aggressiven Männern“ abgewertet wurde. Markierungen und Warnungen am Endlager würden „als Beispiel für minderwertiges, ungeeignetes und verqueres männliches Denken“ ignoriert. Ein weiteres Szenario umfasste eine Welt des radikalen Relativismus basierend auf Thomas S. Kuhn und Herbert Marcuse. In dieser Welt würden Menschen die Warnungen als für ihre Gesellschaft bedeutungsloses Ergebnis einer inkommensurablen Perspektive betrachten. Das Future Panel verwies in seiner Arbeit auf die generellen Schwächen von lokalen Markierungen, deren dauerhaftes Verständnis nicht vorausgesetzt werden könnte.Peter van Wyck: Signs of danger. S. 52.

Später im selben Jahr 1990 wurde ein Marker Panel eingesetzt. Hier waren wieder explizit Semiotiker berufen, zusammen mit anderen Fachrichtungen lokale Markierungen und Warnungen zu entwerfen. Zwei parallel arbeitende Gruppen legten ihre Entwürfe 1991 vor.Peter van Wyck: Signs of danger. S. 52–76. Beide waren sich einig, dass einerseits geschriebene Nachrichten für die nähere Zukunft von 100 bis 500 Jahren wichtig wären, sie sich aber nicht auf Texte alleine verlassen könnten. Beiden war auch gemeinsam, dass sie die Oberfläche über dem Endlager bewusst gestalten wollten, um schon durch Formen die Gefahr auszudrücken. Sie unterschieden sich aber erheblich in der Wahl der Gestaltung.

1994 entschied das US-Energieministerium, dass keiner der Vorschläge umgesetzt werden würde. Stattdessen griff das Ministerium nur die Markierungen aus dem konventionelleren der beiden Entwürfe heraus, ergänzte sie um weitere Texte und verwarf die großflächige Gestaltung der Oberfläche.Peter van Wyck: Signs of danger. S. 71. Dieser Entwurf soll laut derzeitiger gesetzlicher Vorgabe umgesetzt werden, nachdem das Endlager WIPP gefüllt und verschlossen ist, sowie weitere 100 Jahre eines „aktiven Monitorings“ vergangen sind. Das wird nicht vor dem Jahr 2133 der Fall sein. Daher ist nicht absehbar, ob der Entwurf jemals und wenn ja in der beschlossenen Form umgesetzt wird.Reto U. Schneider: In: NZZ Folio. 7/2009.

In der Schweiz wurde 2010 eine Literaturstudie vorgelegt, die die international veröffentlichten Modelle zur Markierung von Atommülllagern zusammenstellt. Das Schweizerische Bundesamt für Energie kam damit einer Vorgabe des Kernenergiegesetzes nach, das eine dauerhafte Markierung von Tiefenlagern vorschreibt.Marcos Buser: Literaturstudie zum Stand der Markierung von geologischen Tiefenlagern. Bundesamt für Energie, Forschungsprogramm Radioaktive Abfälle, Mai 2010 Die konkrete Ausarbeitung einer Schweizer Lösung ist Aufgabe der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle.