mini|Herman Melville 1860, fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung von Benito Cereno Benito Cereno ist eine Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville, die erstmals in drei Teilabdrucken im Oktober, November und Dezember 1855 in der Zeitschrift Putnam’s Monthly Magazine veröffentlicht und 1856 zusammen mit fünf anderen kürzeren Erzählungen in einer leicht veränderten Fassung in den Sammelband The Piazza Tales aufgenommen wurde.Vgl. zur Publikationsgeschichte beispielsweise die von Harrison Hayford, Alma a. MacDougall und G. Thomas Tanselle hrsg. Ausgabe von Herman Melville: The Piazza Tales and Other Prose Pieces. The Writings of Hermann Melville. North Western University Press and The Newberry Library, Evanston und Chicago 1987, 3. Auflage 1995, ISBN 0-8101-0550-0, S. 572f. Siehe auch Klaus Ensslen: Benito Cereno. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 103–117, hier S. 103. Ebenso Browse Making of America – Putnam's Monthly from 1855 auf Cornell University Library. Abgerufen am 8. Juni 2017.

Die von der Literaturkritik nach der anfänglich zumeist positiven Aufnahme lange Zeit eher unbeachtete Erzählung gilt aus heutiger Sicht als eines der bedeutendsten kürzeren Prosawerke Melvilles.Vgl. Andrew Delbanco, Andrew: Melville: His World and Work. Knopf Verlag, New York 2005, ISBN 0-375-40314-0, S. 230. Siehe auch Hershel Parker: Herman Melville: A Biography. Volume 2, 1851–1891. The Johns Hopkins University Press, Baltimore and London 2002, ISBN 0-8018-6892-0, S. 242

Benito Cereno ist die längste unter den Prosa-Kurzformen, die Melville nach dem Erscheinen seines berühmten Romans Moby Dick in den Jahren 1853 bis 1856 veröffentlichte, und besteht aus drei verschiedenen Teilen, die sich im Stil und in der Erzählhaltung auffällig voneinander unterscheiden.Vgl. Klaus Ensslen: Benito Cereno. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 103–117, hier S. 103f.

In den drei Teilen des Erzählwerks werden nach und nach die Hintergrundgeschehnisse an Bord eines spanischen Handelsschiffes mit einer Ladung von schwarzen Sklaven enthüllt, das unter dem Kommando des jungen Kapitäns Don Benito Cereno nach einer Meuterei der Sklaven und Ermordung des größten Teils der weißen Matrosen und Offiziere im Jahre 1799 in den vorgelagerten Gewässern der Hafenbucht einer unbewohnten Insel vor der chilenischen Küste in Seenot geraten ist. Als Kapitän Delano, der Kommandant eines amerikanischen Frachters und Robbenfängerschiffes, das in dieser Hafenbucht vor Anker liegt, dem offensichtlich in Not geratenen spanischen Schiff zur Hilfe kommen will, wird von den aufständischen Sklaven an Bord des Handelsschiffes die Illusion erweckt, das Schiff sei durch schwere Stürme vor Kap Hoorn sowie durch Skorbut und eine todbringende Seuche an Bord, die die weiße Besatzung hingerafft habe, in Seenot geraten, befinde sich jedoch noch unter dem Befehl des längst von ihnen entmachteten Kapitäns Benito Cereno.

Die deutsche Erstübersetzung von Richard Kraushaar erschien 1938 unter gleichnamigem Titel im Berliner Herbig Verlag und wurde später ebenso als Lizenzausgabe in zahlreichen Neuauflagen von anderen Verlegern veröffentlicht. Neuere Übersetzungen sind 1987 von Günther Steinig und 2007 von Richard Mummendey erschienen.

Inhalt

Die von einem namenlosen auktorialen Erzähler geschilderten Ereignisse in der Erzählung werden im ersten Teil überwiegend aus der Sicht des amerikanischen Kapitäns Amasa Delano aus Massachusetts dargeboten, der als Kommandeur der Bachelor’s Delight, eines großen als Frachtschiff fahrenden Robbenfängers, im Herbst 1799 mit einer wertvollen Ladung im Hafen der unbewohnten Insel St. Maria am südlichen Ende der chilenischen Küste vor Anker liegt, um Wasser zu fassen. An einem grauen wolkenverhangenen Morgen mit Schattenbildern, die als „Vorboten älterer tieferer Schatten“ erscheinen, wird Delano von seinem Steuermann auf ein fremdes Schiff ohne Flagge aufmerksam gemacht. Nach Delanos Einschätzung befindet sich dieses Schiff offenbar in Not und treibt mit unkontrollierten Manövern in Richtung auf die Bucht im Hafen viel zu nah an die Küste heran, mit einer gefährlichen Klippe geradewegs auf seinem Kurs.

Gegen den Rat seines Steuermannes lässt Kapitän Delano ein Walboot aussetzen, um mit einigen seiner Matrosen und verschiedenen Vorräten an Bord dem Segelschiff zur Hilfe zu eilen und dessen Kommandanten zu unterstützen. Bei der Annäherung an das fremde Schiff wird Delano klar, dass es sich um einen spanischen Kauffahrer handeln muss, der offenbar neben anderer wertvoller Fracht eine Ladung schwarzer Sklaven befördert. Das große, einstmals prachtvolle Schiff befindet sich in einem desolaten Zustand mit überall sichtbaren Zeichen der Vernachlässigung. Rundhölzer, Takelage und große Teile des Schanzkleides sind völlig heruntergekommen; die Segel sind zerfetzt; auch die Aufbauten sind verfallen. Eine Galionsfigur oder Verzierung am Bug ist nicht mehr zu erkennen, da das Schiff vorne mit Segeltuch abgedeckt worden ist. Unter dem Segeltuch kommt bei näherer Sicht eine in ungelenken Buchstaben hingepinselte Inschrift in spanischer Sprache zum Vorschein: „Seguid vuestro jefe“ (dt.: „Folgt eurem Führer“); an der Bordwand ist in verblichenen Buchstaben der Name des Schiffes angeschrieben: San Dominick.

Beim Betreten des Schiffes fällt Delano sofort die Disziplinlosigkeit und das heillose Durcheinander unter den Schwarzen an Bord auf, die mit lauter Stimme und Schmerzensschreien von ihrem Leiden berichten: Vor Kap Hoorn seien sie mit knapper Not einem Schiffbruch entgangen und tagelang in eine Flaute geraten; die Essens- und Wasservorräte seien zur Neige gegangen und Skorbut und ein bösartiges Fieber hätten nahezu der gesamten spanischen Besatzung den Tod gebracht. Die scheinbar mit Arbeiten am Tauwerk und anderen Ausbesserungen oder Reinigungsarbeiten beschäftigten Sklaven verhalten sich allerdings ebenso wie die schwarzen Beilpolierer äußerst merkwürdig; ihre Tätigkeiten entsprechen kaum der üblichen Arbeitsweise. Das Treiben auf dem Schiff erscheint nicht nur seltsam, sondern zugleich auf eine gewisse Weise unwirklich.

Als Kapitän Delano schließlich in dem Getümmel den spanischen Kommandeur des Schiffes namens Benito Cereno findet, scheint diesen die allgemeine Auflösung der Schiffsordnung und das Leiden der Menschen an Bord nicht weiter zu berühren oder sogar, wie Delano zunächst den Eindruck hat, nicht einmal unlieb zu sein.

Dennoch hält Delano es für möglich, dass der jugendlich wirkende, vornehm aussehende und auffallend üppig gekleidete Kapitän des Schiffes die Lage der Dinge an Bord nicht mehr unter Kontrolle habe und es aufgegeben habe, für Ordnung und Disziplin zu sorgen. Cereno wirkt sehr verschlossen; sein Gesicht ist von den Spuren schlafloser und sorgenvoller Nächte gezeichnet und sein körperliches Leiden ist unverkennbar. Cerenos Ausdruck ist traurig und verzagt; auf seinen Besucher und dessen Hilfsangebot reagiert ohne jegliche Freude mit steifen, förmlichen Dankesworten.

Neben Cereno steht ein kleinwüchsiger Schwarzer namens Babo, den Delano für den Leibdiener des spanischen Kapitäns hält. Dieser weicht nicht von seiner Seite und lässt den Kommandanten keinen Augenblick aus den Augen; Delano glaubt darin ein bemerkenswertes Wohlverhalten und eine liebevolle Besorgtheit des schwarzen Dieners seinem Herrn gegenüber zu erkennen.

Trotz seines überaus unfreundlichen Empfangs und seines Unbehagens an Bord des spanischen Schiffes sieht Kapitän Delano die große Gefahr, in der der spanische Segler und dessen Mannschaft sich befinden. Er lässt daher die in seinem Walboot mitgebrachten Vorräte an Bord bringen und befiehlt nicht zuletzt aus Mitleid seinen Leuten zurückzurudern, um so viel Wasser und Nahrungsvorräte wie möglich zu holen, da das heruntergekommene spanische Schiff in der herrschenden Windflaute weiter seewärts zu treiben droht.

Als er allein an Bord zurückbleibt, fallen dem amerikanischen Kapitän zahlreiche weitere Merkwürdigkeiten auf. Er fragt sich, ob die Misswirtschaft auf dem spanischen Schiff auf die augenscheinliche Erschöpfung und Energielosigkeit des jungen Kapitäns Benito Cereno zurückzuführen sei, der das Hilfsangebot und den Rat seines amerikanischen Berufsgenossen ohne ersichtliche Freude scheinbar hoffnungslos zur Kenntnis nimmt. In den Wänden aus Eichenholz eingesperrt scheint er an seinen Kommandoposten gefesselt; er starrt ziellos vor sich hin, beißt sich auf die Lippen und nagt an seinen Fingernägeln. Für Delano sieht er in seinem unsteten, schwermütigen und krankhaften Gemütszustand nur noch wie Haut und Knochen aus; seine Stimme ist einzig ein raues Flüstern und klingt, als ob er nur mit halber Lunge atme. Der Leibdiener Babo folgt dem hilflos Einherwankenden auf Schritt und Tritt – wie Delano meint, in großer Sorge. Der amerikanische Kapitän sieht in Babos Handreichungen eine übergroße Fürsorglichkeit, gleichsam eine Art besonderer Brüderlichkeit. Er erinnert sich daran, dass durch eine solche besondere Gabe die schwarzen Kammerdiener den Ruf erlangt hätten, die angenehmsten Diener der Welt zu sein, denen ihr Herr nicht von oben herab zu begegnen brauche, sondern sie wie nahestehende Vertrauenspersonen oder treuergebene Familienangehörige behandeln könne.

Dennoch kann er trotz Babos Wohlverhalten das laute und störrische Treiben der Schwarzen an Bord und deren Disziplinlosigkeit nicht übersehen. Ebenso wenig ist er in der Lage, die geradezu unfreundliche Gleichgültigkeit des Kapitäns Don Benito und dessen übellaunige Geringschätzung der Schiffsbesatzung zu verstehen, die dieser nicht einmal ansatzweise zu verbergen versucht. In seiner Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit schreibt der amerikanische Kapitän, wie der Erzähler vermerkt, dies jedoch den Auswirkungen der Krankheit Cerenos zu. Mit Ausnahme der Berichte seines treuen Leibdieners hört Kapitän Cereno die fälligen Rapporte der Besatzungsmitglieder nur mit Desinteresse und Ungeduld an und begreift die Berichterstattungen als unerwünschte Störungen. Soweit ein Befehl seinerseits erforderlich ist, überlässt er das Kommando zu Delanos großem Erstaunen stets seinem Leibdiener Babo, der ständig von einer Schar von Botenjungen, sowohl junger Spanier als auch schwarzer Sklaven, in Rufweite umgeben ist.

Mehr und mehr fallen Delano die Demoralisierung und die groben Verstöße nicht nur gegen die allgemeine Disziplin, sondern auch gegen den menschlichen Anstand an Bord des spanischen Schiffes auf; er erklärt sich die fehlende Zucht und Ordnung jedoch durch die Abwesenheit der Deckoffiziere.

Da es ihn zunehmend drängt, die näheren Begleitumstände der Unglücksfahrt des spanischen Schiffes in Erfahrung zu bringen, entschließt er sich, Don Benito um ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen zu bitten, wobei er diesem gegenüber noch einmal seine Teilnahme und Hilfsbereitschaft zum Ausdruck bringt.

Cereno weist ihn zunächst stammelnd ab, lässt sich auf Drängen Delanos hin dann jedoch auf ein Gespräch auf dem hinteren Schiffsdeck an einem allgemein nicht zugänglichen Ort ein, allerdings nur in Anwesenheit seines schwarzen Leibdieners Babo. Cereno berichtet von dem Beginn der Seefahrt 189 Tage zuvor von Buenos Aires aus nach Lima in Peru, mit gemischter wertvoller Fracht, fünfzig spanischen Matrosen und Offizieren sowie über 300 Schwarzen an Bord, von denen nur 150 die Überfahrt überlebt hätten. Nach einem schweren Sturm vor Kap Hoorn habe er drei Offiziere und fünfzehn Mitglieder der Besetzung verloren und das Schiff sei zudem schwer beschädigt worden. Um in der darauffolgenden Flaute sein Schiff zu erleichtern und wieder an Fahrt zu gewinnen, habe er sich des größten Teils der Wasservorräte entledigt.