mini|hochkant=2|Nordostseite des Ihme-Zentrums: im Vordergrund der neugestaltete Glockseepark und die vor den Gebäuden verlaufende Ihme, links das Bürohochhaus der Stadtwerke, rechts die Spinnereistraße (auf der Leinertbrücke) und das Heizkraftwerk Linden, 2016
Das Ihme-Zentrum ist ein großes Wohn-, Büro- und ehemaliges Einkaufszentrum in Hannover im Stadtteil Linden-Mitte, das 1974 eingeweiht wurde. Es liegt am westlichen Ufer des namensgebenden Flusses Ihme gegenüber der Calenberger Neustadt. Im Norden ist es durch die Spinnereistraße und den Platz Am Küchengarten begrenzt, im Westen durch die Blumenauer Straße. Die Südseite ist in unmittelbarer Nähe des Platzes Schwarzer Bär und des Veranstaltungszentrums Capitol.
Geschichte Konzept mini|hochkant=1.3|Ansicht vom Rathausturm: das Ihme-Zentrum in Süd-Nord-Ausdehnung, mit dem Bürohochhaus der Stadtwerke links der Bildmitte. Das Hastra-Hochhaus links außen steht auf der anderen Seite der Ihme und gehört nicht dazu, verdeckt aber den südlichsten Teil teilweise. mini|Lageplan
Das Ihme-Zentrum sollte eines von mehreren hochverdichteten Wohn-, Arbeits- und Einkaufszentren sein, die in den 1960er Jahren für das innere Stadtgebiet von Hannover geplant waren. Mit diesen Zentren sollte die Innenstadt entlastet und gleichzeitig zentral gelegener Wohnraum geschaffen werden. Das Ihme-Zentrum war das einzige dieser Zentren, das tatsächlich gebaut wurde.
Konzipiert wurde das Ihme-Zentrum als „Stadt in der Stadt“. Dies sollte andeuten, dass die meisten für das tägliche Leben nötigen Einrichtungen im Zentrum selbst vorhanden sein sollten. Im Süden und Norden von 22-stöckigen Wohnhochhäusern eingerahmt, befinden sich dazwischen zwei langgestreckte fünf- und sechsstöckige Einheiten mit Wohnungen. Eine durchgängige Ladenpassage durchzog das ursprünglich eröffnete Ihme-Zentrum. An den äußeren Enden befanden sich größere, mehrstöckige Ladengeschäfte für Ankermieter, während dazwischen kleinere Ladenlokale dominierten. Eine fast das gesamte Zentrum unterkellernde zweistöckige Tiefgarage stellte eine große Zahl von Parkplätzen bereit. Die Geschossflächenzahl, ein Maß für die Dichte der Bebauung, hat den Wert 3,8;Noch Raum für 30 000 Einwohner in Hannover. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 22. Oktober 1997, S. 7 gemäß Bebauungsplan 554 vom 25. Mai 1970 sollte sie maximal 3,0 betragen.
Bauträger war die City-Bau KG von Carl Schaetzle aus Leverkusen. Diese warb schon im August 1969 für EigentumswohnungenGanzseitige Anzeige in der HAZ vom 20. August 1969 und konnte im April 1971 (also vor Baubeginn) verkünden, dass bereits über 50 % der Wohnungen verkauft seien.Signale für das Ihme-Zentrum auf freie Fahrt. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 30. April 1971
Bei der Grundsteinlegung am 11. November 1971 sprach Oberstadtdirektor Martin Neuffer vom Beginn eines „Jahrzehnts der großen Umbauten“ mit Blick auch auf weitere große Bauprojekte am Kröpcke und Raschplatz.Auftakt zu einem Jahrzehnt des Umbaues In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 12. November 1971 Die Konzepte neuer großer Bauformen, wie sie im Herbst 1970 von Rat und Verwaltung der Stadt beschlossen wurden, unterlagen jedoch schnell einem Wertewandel, denn schon Mitte der 1970er Jahre galt Sichtbeton als aus der Mode gekommen.Marianne Adrian: Wissenswertes über das Ihmezentrum. In: Jonny Peter, Das LindenLimmerBuch, Hrsg.: FAUST e. V. und Netzwerk Lindener Kulturwerkstatt, Hannover 1998, S. 203–209
Der Stadtplaner Hanns Adrian, der 1975 als Nachfolger von Rudolf Hillebrecht Stadtbaurat in Hannover wurde, hatte schon Ende der 1960er Jahre vor der Monumentalität des Baus gewarnt: Das Projekt geriet letztendlich achtmal größer als es ursprünglich geplant war, der Ansatz der Urbanität gefiel ihm jedoch. Mit seinem Wechsel zurück nach Hannover erwarb Adrian zusammen mit seiner Frau eine Wohnung im Ihme-Zentrum, in der beide auch lebten. Auf die Frage, warum er dort wohne, sagte er: „Der beste Ort zum Wohnen in Hannover, wenn man das Ihme-Zentrum nicht sehen will, ist das Ihme-Zentrum.“
Bau mini|Im Bau, um 1973, das zum Fluss gerichtete Gebäude entlang des Ihme-Ufer-Weges
Auf dem Baugrundstück des Ihme-Zentrums befanden sich zuvor die 1837 gegründete Mechanische Weberei, die im Jahr 1961 ihren Betrieb eingestellt hatte, sowie die Lindener Backpulver- und Brotfabrik. Der Bau des Ihme-Zentrums begann im Herbst 1971, noch bevor im Laufe des Jahres 1972 die letzten Werksgebäude abgerissen wurden.Im Treppenhaus von O1 steht der Turmdrehkran. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 4. November 1971
Der gesamte Komplex wurde in einem Stück gebaut, was es zu einer der umfangreichsten Baustellen mit dem „größten gegossenen Betonfundament Europas“ machte.Reinhard Bingener (Text) und Jasper Hill (Fotos): Niedergang eines Ausnahmebaus. Das Ihme-Zentrum in Hannover war in den Siebzigern eines der ehrgeizigsten Bauprojekte Europas. Heute will die Stadt mit dem Problemfall möglichst wenig zu tun haben, und die Wohnungseigentümer sitzen in der Kostenfalle. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7. September 2025, S. 34–35. Die Einweihung erfolgte am 31. Oktober 1974.Conrad von Meding: 50 Jahre Ihme-Zentrum – ist das ein Grund zu feiern? Ein Interview In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 30. Oktober 2024 Beim Bau entstanden bis 1975 eine Verkaufsfläche von 60.000 m² sowie Wohnflächen von 58.300 m² für etwa 800 Wohnungen (bei damaliger Wohnfläche von ca. 25 m²/Person etwa 2400 Personen; 2020 waren es rund 1400 Bewohner) und 8000 m² für etwa 450 Studenten. Ebenso wurde die einstige Fontäne Ihmeplatz gebaut.
Die Fundamentgründung und die Anordnung der Hochhaustürme im Bereich Ihmeplatz wurden so gestaltet, dass nachträglich ein U-Bahn-Tunnel für die geplante D-Strecke der Stadtbahn Hannover unter dem Bauwerk durchgeführt werden kann.
Architektonische Probleme mini|Fassade entlang der Blumenauer Straße in nordwestlicher Blickrichtung, mit dem 92 m hohen Bürogebäude der Stadtwerke am linken Bildrand Beim Ihme-Zentrum liegen folgende architektonischen Probleme vor: Der Bau ist an vielen Stellen verwinkelt und unübersichtlich. Die Ladenpassage war nicht durchgängig überdacht. Die in den 1980er und 1990er Jahren ergänzten Dachkonstruktionen konnten das Problem nicht vollständig lösen. Die Nähe zum Ihmeufer wird nicht genutzt: Von der Ladenpassage aus gibt es nur einige zugige Durchgänge auf eine hochliegende Promenade, die nicht durch eine Bewirtschaftung oder Möblierung aufgewertet wird. Die Hauptverkehrsebene des Ihme-Zentrums liegt eine Etage über Straßenniveau und ist nur an wenigen Stellen über Treppen, Rolltreppen und -bänder oder Fahrstühle erreichbar. Die (früher bestehende) Fußgängerüberführung der Verkehrskreuzung am Küchengarten wurde nicht ausreichend akzeptiert. Nachdem die Umbaumaßnahmen im Juni 2006 begannen und die Mall dadurch kaum noch ein Geschäft vorwies, wurde die Brücke im Juni 2008 abgerissen. Die Nullebene auf Straßenniveau diente ausschließlich der Bewirtschaftung und der Anlieferung.
Nutzung mini|Ladenpassage am Ihmeplatz im Juni 2003 Seit seiner Eröffnung hatte das Ihme-Zentrum mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen. Die Ladenzeilen-Ankermieter der Anfangszeit, Kaufhof im Norden und der Lebensmittelmarkt mehr Wert (später Huma) im Süden, waren nur wenige Jahre vor Ort. Auch der Huma-Nachfolger Allkauf sowie verschiedene Folgemieter konnten sich nicht halten, so dass seit etwa Mitte der 1990er Jahre die dortige zweigeschossige Verkaufsfläche leersteht. Aus dem Kaufhof-Warenhaus wurde bereits Mitte der 1980er Jahre eine Filiale der damals ebenfalls zur Metro-Gruppe gehörenden Elektrohandelskette Saturn-Hansa. Nach deren Auszug 2004 gab es keinen reichweitenstarken Kundenmagneten mehr im Ihme-Zentrum, was den Niedergang der kleineren Läden (in der Mehrzahl Textil- und Schuhgeschäfte im unteren Preissegment) nochmals beschleunigte. Zu Beginn des Umbaus der Einkaufspassage im Jahr 2006 standen fast alle Ladenlokale leer. 2025 standen 60.000 m² Laden- und Büroflächen leer.
Die Landeshauptstadt Hannover mietete Ende der 1990er Jahre im nordwestlichen Teil des Ihme-Zentrums Büroflächen von über 5000 m². Unter anderem wurde seinerzeit das Hochbauamt der Stadt aus Innenstadtbüros in das Ihme-Zentrum verlegt. 2002 wurden nach Auszug der Norddeutschen Landesbank von der Stadt Hannover weitere Büroflächen (ca. 5000 m²) für städtische Ämter gemietet, in Verbindung mit der Verpflichtung des Vermieters zu einer zügigen Revitalisierung des gesamten Komplexes. Nach Ausbleiben derselben beendete die Stadt Hannover 2023 das Mietverhältnis.
Mit den Stadtwerken Hannover (enercity) verließ im gleichen Jahr auch der letzte verbliebene Großmieter das Ihme-Zentrum; enercity hatte das als Verwaltungsgebäude angemietete Hochhaus Ihmeplatz 2 genutzt.
Begonnener Umbau mini|Bauzustand an der Blumenauer Straße im Jahr 2010
Eigentümer Engel (2000–2006) Im Mai 2000 übernahm der Investor Frank Michael Engel einen Großteil der Ladenflächen. Dieser hatte in der Vergangenheit bereits ähnliche Objekte in Deutschland erfolgreich saniert, darunter das NordWestZentrum in Frankfurt am Main.
Im Ihme-Zentrum konnten jedoch lange Zeit keine neuen Geschäfte, insbesondere keine Ankermieter, gewonnen werden. Nachdem dies im Oktober 2005 endlich gelungen war, begann im Juli 2006 der Bau für eine grundlegende Sanierung, mit der auch die zuvor genannten architektonischen Probleme entschärft werden sollten. Die Fertigstellung der Sanierung war für Anfang 2008 geplant.
Eigentümer Carlyle (2006–2009) Im Juli 2006 wurden die Anteile der Firmengruppe Engel von der amerikanischen Carlyle Group übernommen, die zunächst den Umbau in leicht abgewandelter Form weiterführte. Der geplante Linden-Park war das erste Immobilienentwicklungsprojekt, in das Carlyle mit seinem zweiten Immobilienfonds, Carlyle Europe Real Estate Partners II, in Hannover investierte. Herzstück der Pläne war eine neue, mit viel Glas und hochwertigen Baumaterialien geplante Ladenpassage im Erdgeschoss auf Straßenebene. Auch die Erneuerung der darüber liegenden Passage als Mall war im Bau. Das Projekt lief unter dem Namen Linden-Park und sollte im dritten Quartal 2009 fertiggestellt werden.Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 13. November 2008. Infolge der allgemeinen Krise an den Kapitalmärkten geriet die Muttergesellschaft Carlyle Group unter finanziellen Druck.Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 6. Juni 2008.
Im Januar 2009 kam es zu einem Baustopp als Folge der Nichtbezahlung von Baufirmen. Auf Grund von Brandschutzmängeln wurde der größte Teil der Tiefgarage gesperrt. Am 23. Februar 2009 beantragte der Investor Carlyle für seine am Umbau des Komplexes beteiligten Projektgesellschaften Insolvenz. Die Eigentumsanteile der Carlyle Group wurden daraufhin bis zum Jahr 2015 durch einen Zwangsverwalter verwaltet.
Zwangsverwaltung (2009–2015) mini|Gebäude entlang der Ihme, gesehen vom Glocksee-Park auf Höhe der Ida-Arenhold-Brücke (2014) Die Landesbank Berlin als Kreditgeberin und damit Hauptgläubigerin der insolventen Projektgesellschaften war an einer Lösung für das Bauprojekt interessiert. Die Bank hatte 2010 den US-amerikanischen Bauträger Hines mit einer Konzeptfindung (Vorentwicklung) des Komplexes beauftragt. Außerdem wurde eine Änderung der Teilungserklärung sowie der Gemeinschaftsordnung angestrebt mit dem Ziel, die Wohn- und Gewerbebereiche stärker rechtlich voneinander zu trennen, wodurch das Objekt für Investoren interessanter werden sollte. Dafür war die Zustimmung aller 543 Wohnungsbesitzer nötig. Bis Dezember 2011 hatten dem etwa 84 % zugestimmt, die Unterschriftensammlung dazu hatte im Januar 2011 begonnen; die nötigen 100 % wurden jedoch nicht erreicht.
Am 5. August 2014 wurde beim Amtsgericht Hannover eine erste Zwangsversteigerung der Carlyle-Anteile des Ihme-Zentrums durchgeführt. Es fand sich kein Käufer, da das geforderte Mindestgebot von knapp 25 Mio. Euro nicht erreicht wurde.