310px|rechts mini|Münzporträt des Hadrian mini|Küstenstreifen bei Bowness mini|Die Hauptstraße von Bowness, Blick in Richtung Westen, ihre Trasse deckt sich vermutlich mit der via Principalis des römischen Kastells mini|Planskizze von Henry McLauchlin, um 1857 mini|Befundplan mini|Befundskizze Grabung Mill Field, 1973 mini|Befundskizze Zwischenturm NO mini|Bauinschrift der Legio VI mini|Weihealtar des Sulpicius für Iupiter mini|Weihealtar des Sulpicius für die Augusti mini|Weihealtar für die Muttergöttinnen aus Port Carlisle mini|Weiheinschrift des Antonianus an die Matronen mini|Römische Eisen- und Bronzefunde aus Bowness

Kastell Maia war ein römisches Hilfstruppenlager auf dem Gebiet der Gemeinde (Parish) Bowness-on-Solway in der Unitary Authority Cumberland im Nordwesten Englands.

Es gehörte zu der aus insgesamt 16 Kastellen bestehenden Festungskette des Hadrianswalls (per lineam valli), war das zweitgrößte am Wall und sicherte dessen westliches Ende. Der Standort wurde anfangs von einem Holz-Erde-Meilenkastell gesichert. Als der Wall dort in Stein neu errichtet wurde, wurde es wieder abgerissen und durch ein größeres Holz-Erde-Kastell ersetzt, das zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls in Stein umgebaut wurde. Anfänglich diente es vermutlich auch als Nachschubhafen für den Westsektor des Walls. Es dürfte bis ins späte 4. Jahrhundert von römischen Truppen besetzt gewesen sein. In seiner näheren Umgebung standen einige – nur kurzzeitig genutzte – Marschlager. Außerhalb des Wallkastells konnte eine größere Zivilsiedlung nachgewiesen werden. Die Kastellruine bildete später den Kern für die Entstehung des heutigen Bowness. Der Hadrian’s Wall Path, ein Wanderweg entlang des Walls, hat dort seinen Ausgangs- bzw. Endpunkt.

Name Das Kastell wird in drei antiken Schriftquellen erwähnt. Es erscheint in der Ravenna-Kosmographie des Geographen von Ravenna (7. Jahrhundert) als „Maia“ und „Maio“. Die zweite und dritte Schriftquelle sind zwei römische Gefäße, die Rudge Cup und die Amiens Skillet, auf denen es als „Mais“ bezeichnet wird. Richmond/Crawford schlugen eine Ableitung vom (hypothetischen) keltischen Maios vor. Der Name bedeutet wohl „größer“ oder „die Große“. Rivet/Smith glaubten, dass sich der antike Ortsname auf die Höhe der Küstenklippe beziehen könnte. Bemerkenswert wäre in diesem Zusammenhang, dass Maia auch der Name einer griechischen Gottheit ist. Sie war die Tochter von Atlas und Pleione und bildete im Glauben der alten Griechen zusammen mit ihren sechs Schwestern den Sternenkreis der Plejaden. Die Einheiten, die in Maia stationiert waren, sind bis dato nicht bekannt. Es wäre möglich, dass die erste Besatzungstruppe aus dem Osten des Reiches stammte und sie die Festung nach dieser Gottheit benannte.

Der Name Solway stammt aus dem nordischen sul (Säule) und vath (Furt). Der heute gebräuchliche Ortsname stammt ebenfalls aus der nordischen Sprache (bogi-nes, die abgerundete oder bogenförmige Landzunge).Potter 1973, S. 54, Graham 1979, S. 183, Parker 2010 S. 34, Richmond/Crawford 2011, S. 93, Rivet/Smith 1979 S. 408–409, Austen 2009, S. 407.

Lage Maia war das sechzehnte Glied in der Festungskette des Hadrianswalls (vallum aelium). Es stand auf dem Kamm einer etwa 12 Meter hohen, hauptsächlich aus Lehm bestehenden, von Ost nach West ausgerichteten, an der Nordseite steil abfallenden Küstenklippe am Solway Firth, nahe der Einmündung zu seinem südlichen Fjord (Sandpath Fjord). Dort schneidet die Küste von Cumbria am weitesten nach Nordwesten ein („Neck of Britain“). Von diesem Punkt aus hatte man einen hervorragenden Ausblick auf die Irische See, den Solway Firth, die gegenüberliegende schottische Küste und die das Kastell umgebende Küstenebene (Solway Plains). Nur nach Süden hin ist die Sicht durch einen Hügel südlich des Pfarrhauses etwas eingeschränkt. Anders als die Mündung des Tyne im Osten reicht der Solway-Trichter dort weit in die Küste hinein, ist aber nicht sehr tief und kann bei Niedrigwasser auch problemlos zu Fuß passiert werden. Straßenverbindungen bestanden zu den Kastellen von Congavata (Drumburgh) im Osten und Kirkbride (Portus Trucculensis?) am Stanegate im Südwesten. Letztere lag etwas westlicher von der Trasse der heutigen Autostraße. Im späten 2. Jahrhundert gehörte die Region zur Provinz Britannia inferior, ab dem 4. Jahrhundert zur Provinz Britannia secunda.Guy de la Bedoyere 1998, S. 116–117.

Forschungsgeschichte und Fundspektrum 1539 berichtete John Leland von den Resten eines turmartigen Gebäudes in Bowness. 1539 wurde das gleiche Gebäude von einem Auditor namens King erwähnt, der berichtete, dass es beim Tor des alten Pfarrhauses stand. Am Ende des 16. Jahrhunderts berichtete der Antiquar William Camden über römische Mauerreste im Süden und Westen des Kastellgeländes. Henry McLauchlan führte 1858 im Auftrag des Duke of Newcastle Befragungen unter den Einwohnern von Bowness durch und schätzte die Größe des Kastells auf 2,23 ha. Auf dem Kastellareal wurden erstmals 1930 von Eric Birley archäologische Ausgrabungen durchgeführt. Dabei wurde seine südliche Umwehrung nahe dem Pfarrgarten sowie das Westtor lokalisiert und Vermessungen an der Nord-Süd Umwehrung vorgenommen. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass die Nordmauer durch Erosion restlos zerstört worden war. 1955 führte Charles Daniels im Westsektor einige Sondierungsgrabungen durch, 12 Jahre später J. D. Mohamad in Mill Field. Im Rahmen einer Rettungsgrabung wurde dort die Umwehrung untersucht. Im Jahre 1973 wurde von Timothy Potter (University of Lancaster) im Auftrag des Umweltministeriums dort eine weitere Rettungsgrabung vorgenommen. Dabei fanden sich auch die Spuren des ursprünglichen Holz-Erde-Lagers. Seine südliche und westliche Umwehrung konnte beobachtet und die Position des Westtores bestätigt werden. Weiters wurde die Länge der von Nord nach Süd verlaufenden Umwehrung aufgenommen. Die Mauerreste wurden danach wieder zugeschüttet. Die Ausgrabung von Paul Austen, 1988, bestimmte die Linie der Ostmauer des Kastells zwischen dem Postgebäude und High Bank. In weiterer Folge konnte auch die Länge der Ost-West-Umwehrung ermittelt werden.Austen 2009, S. 396–397

Keramik Das in Bowness vorgefundene Keramikspektrum als Ganzes war charakteristisch für die hadrianisch-antoninische Zeitperiode. Es fand sich hauptsächlich Töpferware aus Lezoux (Töpfer: Arkanus ca. 125–150, Quintilianus 125–150, Austus 125–150 und Stücke der Medetus-Ranto-Gruppe, 100–125). Auch zwei Fragmente aus Rheinzabern, aus antoninischer Zeit, konnten geborgen werden.

Münzen In Bowness-on-Solway konnten, laut Eric Birley, insgesamt sechzehn Münzen geborgen werden. Ein Hortfund, bestehend aus „fünfzehn oder mehr Exemplaren“ wurde im späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert entdeckt. Er lag unter einer wiederverwendeten Inschriftenplatte. Darunter befanden sich eine Silberprägung (denarius) des Hadrian und der Crispina (Gattin des Commodus) von 141, zwei Bronzestücke (sestertius und dupondius) der Kaiser Domitian und Trajan, ein sestertius des Antoninus Pius sowie zwei aus der Zeit des Postumus und Gratian.Potter 1973, Shotter 1990, S. 52, Austen 2009, S. 407, RIB 2060.

Inschriften Insgesamt sind fünf römische Inschriften aus Bowness bekannt: zwei Altäre, eine Weiheinschrift, eine Inschrift unbekannten Inhalts und eine Bauinschrift der Legio VI Victrix.

Entwicklung Die Entdeckung älterer Kulturschichten und einiger Feuerstellen lässt annehmen, dass das Kastellareal entweder schon seit dem Neolithikum oder spätestens ab der Bronzezeit bewohnt war. Die Topographie und seine natürlichen Ressourcen machten Bowness zu einem attraktiven Siedlungsplatz. Es lag hoch genug, um dort sicher vor Sturmfluten zu sein. Wegen der Nähe zur Küste war es ideal geeignet, die Salzwiesen für die Viehzucht und das Meer zum Fischfang zu nutzen. In begrenztem Umfang war dort auch Ackerbau möglich.

122 befahl Kaiser Hadrian, im Norden Britanniens eine Sperrmauer, verstärkt durch Wachtürme und Kastelle, vom Tyne bis zum Solway Firth zu errichten, um die britischen Provinzen vor den ständigen Einfällen der Pikten aus dem Norden zu schützen. Der Wall wurde größtenteils durch Soldaten der drei in Britannien stationierten Legionen und Mannschaften der Classis Britannica errichtet. Maia ist vermutlich zur selben Zeit (zwischen 125 und 129) wie das Kastell von Arbeia am östlichen Ende des Walls entstanden. Der Antiquar William Camden beobachtete im Jahre 1599 Spuren von römischen Straßen und Mauerzügen. Er fasste die Notwendigkeit der Errichtung eines Kastells und des Walls an diesem Standort mit folgenden Worten zusammen:

„Ich war zuerst verwundert, warum sie hier so große Befestigungen erbaut haben, wenn man sieht, dass sich die Bucht und die Meeresarme über acht Meilen hin erstrecken. Aber jetzt verstehe ich, denn dass Wasser ist bei jeder Ebbe so niedrig, dass Grenzgänger und Viehdiebe sie leicht passieren können.“

Camden stieß bei seinen Streifzügen in der Umgebung von Bowness auch auf die Überreste eines versandeten Hafens. Wahrscheinlich diente er aufgrund seiner exponierten Lage demselben Zweck wie sein östliches Pendant, nämlich als Logistik- und Nachschubzentrum für die Besatzungen im Westsektor des Walls und der Nordwestküste. Später könnte aber das am Endpunkt des Stanegate gelegene Lager von Kirkbride diese Funktion übernommen haben, da es über einen gut geschützten Hafen nahe der Mündung des Wampool in die Irische See verfügte. Wichtigste Versorgungsroute für den Wall blieb trotz Anlage der sogenannten Militärstraße unmittelbar südlich des Walls der Stanegate. Hauptaufgabe der Besatzung war danach die Überwachung des Schiffsverkehrs auf dem Solway Firth, die Signal- bzw. Nachrichtenweitergabe und die Sicherung seiner Küste, einschließlich der Mündungen der beiden Fjorde vor Eindringlingen von See her oder aus dem Norden Britanniens.

Keramikfunde deuten darauf hin, dass die Besatzung in der Mitte des zweiten Jahrhunderts für einige Zeit an den Antoninuswall verlegt wurde. Eventuell diente das Kastell in dieser Zeit noch einmal als Umschlaghafen für Nachschubgüter in den Norden. Seine strategisch wichtige Position spräche jedoch für eine kontinuierliche Besetzung. Im frühen 3. Jahrhundert wurde Maia anscheinend noch einmal umfassend renoviert, wahrscheinlich im Zuge der Vorbereitung für die Feldzüge des Septimius Severus und seiner beiden Söhne Caracalla und Geta in die Barbarengebiete nördlich des Walls. Da das Kastell in der Notitia Dignitatum nicht mehr erscheint, dürfte es noch im 4. Jahrhundert, vermutlich in der Zeit der Usurpation des Magnus Maximus (383) oder kurz danach von der Armee aufgegeben worden sein. Die militärische Bedeutung des Kastells war mit dem Abzug der Römer obsolet geworden. Aus dieser Zeitperiode konnten bislang keine diesbezüglichen Funde geborgen werden. Holzbauten neben der Ostwand einer Kaserne am Westtor dürften von der Zivilbevölkerung des Vicus oder des Umlandes errichtet worden sein, die das Kastell offensichtlich von den Soldaten übernommen hatte. Die günstige Lage an der Furt über den Solway war vielleicht u. a. ein Anreiz, auch ohne Schutz durch die römische Armee weiterhin dort auszuharren. Die neuen Bewohner hielten die Verteidigungsanlagen wohl weiter notdürftig instand bzw. passten sie ihren Bedürfnissen an. Die römischen Steingebäude innerhalb des Lagers wurden so lange verwendet, bis sie unbenutzbar geworden waren (siehe dazu auch Kastell Birdoswald). Das Lager dürfte noch während des 5. Jahrhunderts endgültig verlassen worden sein. Der Solway wurde nun von den Kleinkönigreichen Rheged und Northumbria kontrolliert. Der Kastellplatz lag wohl für mehrere Jahrhunderte brach. Es gibt nur wenige angelsächsisch geprägte Ortsnamen in diesem Gebiet. Die Angelsachsen waren vor allem an den fruchtbaren Flusstälern des Eden und Irthing und der Küstenebene interessiert.