Der Relationale Konstruktivismus ist eine relationale Weiterentwicklung des Radikalen Konstruktivismus, die erkenntnis- und sozialtheoretische Grundlagen verbindet. Im Unterschied zum Sozialen Konstruktivismus bleibt der Relationale Konstruktivismus erkenntnistheoretisch rückgebunden und behält die radikalkonstruktivistische Annahme bei, dass Menschen die beschränkten Bedingungen ihres Erkennens nicht überwinden können (kognitive). Deswegen können Menschen grundsätzlich nicht zu beobachterunabhängigen Erkenntnissen über die Welt gelangen. Trotz der damit begründeten Subjektivität menschlicher Wirklichkeitskonstruktionen richtet der Relationale Konstruktivismus dann allerdings seine Aufmerksamkeit vor allem auf die relationalen Bedingungen menschlicher Erkenntnisprozesse.

Verortung In der ersten Hochphase konstruktivistischer Theorienbildung in den 1980er und frühen 1990er Jahren wurde konstruktivistischen Positionen im Allgemeinen und radikalkonstruktivistischen Positionen im Besonderen vorgeworfen, diese konzentrierten sich überzogen auf die Subjektivität menschlichen Denkens.R. Nüse, N. Groeben, B. Freitag, M. Schreier: Über die Erfindung/en des Radikalen Konstruktivismus. Kritische Gegenargumente aus psychologischer Sicht. Weinheim: Deutscher Studienverlag. Zur Kritik der Kritik, sowie zur Binnenkritik vgl. B. Kraus: Erkennen und Entscheiden. Beltz Juventa, Weinheim 1991 2013, S. 53f. Soziale Phänomene seien deswegen radikalkonstruktivistisch nicht erklärbar. Besonders deutlich wurde dieser Vorwurf beispielsweise an der Diskussion um die Frage, ob es so etwas wie Macht gebe. Bateson hat Macht als „erkenntnistheoretischen Schwachsinn“G. Bateson: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. 6. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp () 1996, S. 625. bezeichnet, und auch Heinz von Foerster oder Maturana haben ausdrücklich die Möglichkeit von Macht bestritten.B. P. Keeney: Ein (zweiter) Blick auf die „Macht“-Metapher: Ein Gespräch mit Bradford P. Keeney. In: Zeitschrift für systemische Therapie. 3, 1–2, S. 110–112 1985. An dieser Stelle setzen in den 1990er Jahren die Arbeiten von Björn Kraus an, der schon in seinen frühen Schriften betont, dass er zwar die erkenntnistheoretischen Grundannahmen des Radikalen Konstruktivismus teilt, sein Fokus aber darauf liegt, dessen „intersystemische Perspektive“Björn Kraus: Konstruktivismus – Kommunikation – Soziale Arbeit. Heidelberg, Carl Auer 2002. herauszuarbeiten. Indem er die erkenntnistheoretischen Grundlagen sozialwissenschaftlich abgleicht, entwickelt er eine konstruktivistische Theorie der sozialen Konstitution individueller Wirklichkeiten, die inzwischen als Relationaler Konstruktivismus ausgewiesen ist.Björn Kraus: Plädoyer für den Relationalen Konstruktivismus und eine Relationale Soziale Arbeit. In: Forum Sozial. Nr. 1, 2017, S. 29–35. (pedocs.de) Entscheidend ist dabei für Kraus ...„… , dass der Fokus weder alleine auf dem erkennenden und handelnden Subjekt, noch auf den sozialen und materiellen Strukturen und Umweltbedingungen liegt, sondern gerade auf den Relationen zwischen dem einen und dem anderen. Dieser Fokus soll zwar einer ausschließlichen Beachtung der Umwelt oder des Subjektes entgegenstehen, dabei aber keineswegs den Fokus auf die Relationen selber beschränken und die Relevanz von Subjekten als Konstrukteure und Umwelten als Bezugspunkte subjektiver Konstruktionen ausklammern. Es geht also um die Beachtung von Subjekten, Umwelten und deren Relationen.“Björn Kraus: Plädoyer für den Relationalen Konstruktivismus und eine Relationale Soziale Arbeit. In: Forum Sozial., Nr. 1, 2017, S. 29–35, hier S. 29. (pedocs.de)

Ausgangspunkt Der Relationale Konstruktivismus kann als relationale Weiterentwicklung des Radikalen Konstruktivismus verstanden werden. Kraus selber verortet seinen Ansatz als eine spezifische systemisch-konstruktivistische Perspektive und benennt als relevante Ausgangs- und Bezugspunkte folgende konstruktivistische Zugänge: „Insbesondere sind dies philosophische und strukturgenetische (Glasersfeld von), neurobiologische (Maturana u. Varela, Roth), kybernetische (Heinz von Foerster), kommunikationstheoretische (Gerhard Rusch, Schmidt , NIKOL-Gruppe, Ungeheuer, Juchem), differenzlogische (Spencer-Brown) und soziologische (Hejl, Luhmann) Perspektiven (vgl. Pörksen 2011, Kraus 2013, S. 11 f., 16 f.).“Björn Kraus: Plädoyer für den Relationalen Konstruktivismus und eine Relationale Soziale Arbeit. In: Forum Sozial. Nr. 1, 2017, S. 29–35. (pedocs.de)

Dabei steht er in der Tradition eines schon von den Vorsokratikern oder von Immanuel Kant formuliertem grundlegenden Skeptizismus gegenüber menschlichen Erkenntnismöglichkeiten. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Kognition keinen direkten Zugang zur Realität hat und damit unsere „Erkenntnisse“ von der Welt in letzter Konsequenz nicht überprüft werden können. Davon ausgehend liegt der Fokus dann vor allem auf der Relevanz der sozialen und materiellen Umwelten für kognitive Konstruktionsprozesse. Infolgedessen ist für Kraus die „Doppelbindung menschlicher Strukturentwicklung“ die entscheidende Grundlage:

Helmut Lambers betont mit Blick auf die theoretischen Verortung des Relationalen Konstruktivismus:

Lebenswelt und Lebenslage als relationale Konstruktionen Auf diesem Verständnis aufbauend wird eine Trennung von individueller Wahrnehmung und den sozialen und materiellen Rahmenbedingungen des Wahrnehmenden vorgenommen. Kraus nutzt zur relational-konstruktivistischen Konkretisierung des Lebensweltbegriffs den Begriff der LebenslageVgl. Neurath 1931 / Weisser 1956 in Björn Kraus: Lebenswelt und Lebensweltorientierung – eine begriffliche Revision als Angebot an eine systemisch-konstruktivistische Sozialarbeitswissenschaft. In: Kontext. Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, Heft 37/02, 2006, S. 116–129. Schon 2004 in Portal Sozialarbeitswissenschaft (pedocs.de), S. 7. Siehe auch Björn Kraus 2013, S. 143 ff. und stellt die beiden Begriffe kontrastierend gegenüber und definiert sie wie folgt:„Als Lebenslage gelten die materiellen und immateriellen Lebensbedingungen eines Menschen. Als Lebenswelt gilt das subjektive Wirklichkeitskonstrukt eines Menschen, welches dieser unter den Bedingungen seiner Lebenslage bildet.“„Insofern ist (…) die Lebenswelt einerseits eine unhintergehbar subjektive Kategorie, die allerdings andererseits auf Grund der strukturellen Koppelung den Bedingungen der Lebenslage unterliegt. Konkret gehören zur Lebenslage eines Menschen seine materielle und immaterielle Ausstattung. Hierzu gehören nicht nur die Rahmenbedingungen im Sinne von materieller Ausstattung, Wohnraum, Finanzmittel u. Ä., sondern auch die immateriellen Ausstattungen, etwa das zur Verfügung stehende soziale Netzwerk. Darüber hinaus gehört auch die Ausstattung seines Organismus zur Lebenslage; etwa seine körperliche Verfasstheit wäre auch eine Bedingung der Lebenslage. Die Wahrnehmung dieser Bedingungen hingegen, macht die Lebenswelt eines Menschen aus.“Björn Kraus: Erkennen und Entscheiden. Grundlagen und Konsequenzen eines erkenntnistheoretischen Konstruktivismus für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2013, S. 153.Manfred Ferdinand kommt in seiner Auseinandersetzung mit den Lebensweltbegriffen bei Schütz, Husserl, Kraus und Wittgenstein zu dem Schluss: Kraus´ „Ausführungen zu einem konstruktivistischen Verständnis von Lebenswelten profiliert nun die von Invernizzi und Butterwege geforderte Integration mikro-, meso- und makroskopischer Ansätze: Diese Integration ist nicht nur notwendig, um die subjektiven Perspektiven und die objektiven Rahmenbedingungen miteinander in Beziehung zu setzen, sondern auch weil die objektiven Rahmenbedingungen erst in ihrer subjektiven Wahrnehmung und Bewertung ihre Relevanz zu den subjektiven Lebenswelten erhalten.“Manfred Ferdinand: Lebenswelten – Lebensschnüre. (= Heidelberger Studien zur praktischen Theologie). Münster, Lit Verlag 2014, S. 31.

Das relationalkonstruktivistische Verständnis von Lebenswelt und Lebenslage wird in verschiedenen Disziplinen verwendet. Zum Beispiel in der Soziologie,Robert Nadler: Should I stay or should I go? International migrants in the rural town of Zittau (Saxony) and their potential impact on rural development. In: European Countryside. Heft 04/01, 2012, S. 57–72. (degruyter.com) in der Sozialen Arbeit,Peter Pantucek: Professionalität und Ambivalenz. 2006. (pantucek.com)Matthias Nauert: Diversität verstehen. Das „erweiterte Mehr-Ebenen-Modell“ als Orientierungshilfe in der Sozialen Arbeit. In: Herbert Effinger u. a. (Hrsg.): Diversität und Soziale Ungleichheit. Analytische Zugänge und professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit. Budrich, Leverkusen 2012, S. 56–67. in der Erziehungswissenschaft (Bildungsarbeit, Behindertenpädagogik und Gemeindepädagogik)Holger Klose: „Lebenswelten“ – Ein fotopädagogisches Projekt an einer internationalen Grundschule. In: Alfred Holzbrecher (Hrsg.): Foto + Text. Handbuch für die Bildungsarbeit. VS Verlag, Wiesbaden 2006, S. 101–114. (, PDF); Iris Beck, Heinrich Greving: Lebenslage und Lebensbewältigung. In: Wolfgang Jantzen (Hrsg.): Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Band 5. Kohlhammer, Stuttgart 2012; Dirk Oesselmann: Einleitung zum Teil C: Lebenswelten. In: Peter Bubmann u. a. (Hrsg.): Gemeindepädagogik. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2012, S. 185–188. und in der praktischen Theologie.Manfred Ferdinand: Lebenswelten – Lebensschnüre. (= Heidelberger Studien zur praktischen Theologie). Lit Verlag, Münster 2014. Im Zusammenhang mit Sozialer Arbeit ist es zudem die entscheidende Grundlage speziell für die Systemisch-konstruktivistische Lebensweltorientierung und Relationale Soziale Arbeit. Die grundlegenden Perspektiven des Relationalen Konstruktivismus wird sowohl zur Bestimmung der Zuständigkeit als auch der ProfessionalitätB. Dewe, H. U. Otto: Reflexive Sozialpädagogik. In: W. Thole (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2012. einer Relationalen Sozialen Arbeit genutzt. vor allem die Notwendigkeit von Reflexionskompetenzen betont.Björn Kraus: Plädoyer für den Relationalen Konstruktivismus und eine Relationale Soziale Arbeit. In: Forum Sozial. Nr. 1, 2017. (pedocs.de); Björn Kraus: Relationale Soziale Arbeit. In: socialnet Lexikon. 10. Juni 2021. (socialnet.de)

Relationalkonstruktivistische Machttheorie: Instruktive Macht und Destruktive Macht Angesichts des Vorwurfs konstruktivistische Theorien seien „machtblind“, schreibt Heiko Kleve „Kraus kommt der (sic!) Verdienst zu, die Machtthematik im Rahmen seiner konstruktivistischen Position diskutiert, sowie eine konstruktivistische Machttheorie (…) konzeptionalisiert zu haben“Heiko Kleve: Vom Erweitern der Möglichkeiten. In: Bernhard Pörksen (Hrsg.): Schlüsselwerke des Konstruktivismus. VS Verlag, Wiesbaden 2011, S. 506–519, hier S. 506. Ausgehend von Max Webers Macht-DefinitionMax Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Mohr, Tübingen 1972, S. 28. kommt Kraus zu dem Schluss, dass der Begriff der Macht differenziert werden muss. Zentral für seinen Ansatz ist die Differenzierung des Machtbegriffs in „instruktive Macht“ und „destruktive Macht“.Björn Kraus: Macht – Hilfe – Kontrolle. Grundlegungen und Erweiterungen eines systemisch-konstruktivistischen Machtmodells. In: Björn Kraus, Wolfgang Krieger (Hrsg.): Macht in der Sozialen Arbeit – Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung. Jacobs, Lage 2016, S. 101–130. (pedocs.de). Siehe auch Björn Kraus: Erkennen und Entscheiden. 2013, S. 126.