Die Rigasche Rundschau war von 1894 bis 1939 eine deutschsprachige Tageszeitung in Livland beziehungsweise ab 1918 in Lettland. Die Vorgängerzeitung hieß Zeitung für Stadt und Land (1867–1894). Im Russischen Kaiserreich galt sie als das führende liberale Blatt. Nach 1919 entwickelte sie sich zur bekanntesten Zeitung der deutschen Minderheit in Nordeuropa. Ihren publizistischen Höhepunkt hatte die Rigasche Rundschau in den 1930er Jahren. Sie erschien im Rheinischen Format zehnseitig täglich, außer sonntags. Der Redaktions- und Verlagssitz befand sich in Riga am Domplatz. Die Herausgabe der Zeitung endete mit der Umsiedlung der Deutsch-Balten in das Deutsche Reich.

Gründung im Russischen Kaiserreich Vorgängerblatt war die 1867 von Georg Berkholz (1817–1886) und Gustav Keuchel (1832–1910) in Riga gegründete Zeitung für Stadt und Land. Die Nullnummer erschien am 13. Dezember 1866, die reguläre Nummer 1 am 3. Januar 1867 (1. Jahrgang).Kurzinformationen Zeitung für Stadt und Land, The Academic Library of Tallinn University, abgerufen am 1. Juni 2017. Die Zeitung stand dem Liberalismus nahe, mit deutlicher Kritik an der gegen Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Russifizierung des Baltikums, aber auch mit eindeutiger Gegenposition zu den antiklerikal und separatistisch orientierten Jungletten.Alfred Bilmanis: A History of Latvia. Princeton University Press, 1951, S. 32 f. 1894 übernahm Richard Ruetz (* 1850; † 1915Bibliografie Redakteure Zeitung für Stadt und Land, National Library of Estonia, abgerufen am 1. Juni 2017.) die Herausgeberschaft. Er benannte die Zeitung am 1. Oktober 1894 in Rigasche Rundschau um, unter Beibehaltung der Jahrgangszählung der Zeitung für Stadt und Land (28. Jahrgang, Ausgabe-Nr. 222, erste Nummer der Rigaschen Rundschau).

In der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts gerieten die Deutschbalten insbesondere in Städten wie Riga, Reval oder Dorpat zunehmend in eine Minderheitenposition, woraufhin Ruetz einen Richtungswechsel vollzog. Unter seiner Ägide entwickelte sich das Blatt zu einer dem Deutschtum nahestehenden Zeitung, ohne dabei die Zugehörigkeit Livlands zum Russischen Kaiserreich in Frage zu stellen. Diese Position vertrat bis 1914 die Mehrheit der Russlanddeutschen in allen Teilen des Zarenreiches. Bis 1915 zählte die Rigasche Rundschau neben der St. Petersburger Zeitung zu den zwei wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen in Russland, beispielsweise auch für Wolgadeutsche, Krimdeutsche und Sibiriendeutsche.Susanne Janssen: Vom Zarenreich in den amerikanischen Westen: Deutsche in Russland und Russlanddeutsche in den USA (1871–1928): die politische, sozio-ökonomische und kulturelle Adaption einer ethnischen Gruppe im Kontext zweier Staaten. LIT Verlag Münster, 1997, S. 37. Zu dieser Zeit galt sie als liberalste Zeitung im Russischen Kaiserreich., Univ. Heidelberg, abgerufen am 27. Mai 2017.

Im Frühjahr 1907 konnte Paul Schiemann als Redakteur gewonnen werden, der als späterer Chefredakteur den Charakter der Zeitung bis 1933 maßgeblich prägte. Schiemann etablierte von 1907 bis 1914 das Blatt als Organ der Baltischen Konstitutionellen Partei, die in der Duma vertreten und deren Mitbegründer er 1905 war.Ulrike von Hirschhausen: Die Grenzen der Gemeinsamkeit: Deutsche, Letten, Russen und Juden in Riga 1860–1914. Vandenhoeck & Ruprecht, 2006. S. 196. Während des Ersten Weltkrieges gelang es Ruetz das Verbot deutscher Zeitungen zu umgehen, indem das Blatt in russischer Sprache als Rishskoje Obozrenije weiterhin erschien. Auf diese Weise überstand die Rigasche Rundschau als einziges Blatt im Baltikum den Ersten Weltkrieg. 1915 verstarb Richard Ruetz. Sein Sohn Alfred Ruetz (* 1876; † 1955Daten Richard Ruetz, The Central European Journal of Social Sciences and Humanities, abgerufen am 3. Juni 2017.) führte das Unternehmen unter dem Namen „Buchdruckerei und Verlag Ruetz & Co.“ fort und übernahm die Herausgeberschaft der Rigaschen Rundschau.Kurzinformationen Rigasche Rundschau, National Library of Estonia, abgerufen am 1. Juni 2017.

Entwicklung in der Republik Lettland Ab September 1918 unterstützte die Zeitung die Unabhängigkeitsbestrebungen im Baltikum. Maßgeblich unter Paul Schiemanns politischer Beteiligung wurde nach der Aufteilung Livlands in Lettland und Estland der „organisatorische Einbau des bodenständigen baltischen Deutschtums in beiden neubegründeten Staaten vollzogen“.Hans von Rimscha: Paul Schiemann als Minderheitenpolitiker. In: Institut für Zeitgeschichte, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 4 (1956), Heft 1, S. 45. Das heißt, beide Länder gewährten ihren nationalen Minderheiten eine weitgehende kulturelle, wirtschaftliche und soziale Autonomie. 1919 übernahm Schiemann die Chefredaktion der Rigaschen Rundschau und übertrug seine demokratisch-parlamentarische Grundposition auf die Zeitung., Univ. Heidelberg, abgerufen am 27. Mai 2017. Über die Deutsch-baltische Demokratische Partei war er Leader der deutschen Fraktion im lettischen Landtag, der Saeima, und damit politischer Führer des lettischen Deutschtums. 1922 wurde er Präsidiumsmitglied im Verband der deutschen Minderheiten in Europa und 1925 Vizepräsident des Europäischen Nationalitätenkongresses (ENK).Hans von Rimscha: Paul Schiemann als Minderheitenpolitiker. In: Institut für Zeitgeschichte, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 4 (1956), Heft 1, S. 53.

Während Estland und Lettland in ihrer Minderheitenpolitik als Vorbildstaaten galten, waren in fast allen anderen von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs neu erschaffenen Staaten nationale Minderheiten – nicht nur die deutschen – Repressionen ausgesetzt. Unter anderem wurde wiederholt im SHS-Staat und Rumänien, zeitweise auch in Polen sowie in der Tschechoslowakei, die Herausgabe und der Vertrieb deutscher Zeitungen verboten. Mittels Sprachenzwang, Berufsverboten und Enteignungen versuchten verschiedene Staaten Auswanderungen von Bevölkerungsteilen zu erzielen, die sich nicht assimilieren lassen wollten. Neben deutschen Volksgruppen betraf das ungarische, kroatische, ukrainische und andere Minderheiten.Sebastian Bartsch: Studien zur Sozialwissenschaft. Minderheitenschutz in der internationalen Politik: Völkerbund und KSZE/OSZE in neuer Perspektive. Springer-Verlag, 2013, S. 107. Allein von der deutschen Minderheit in Polen wanderten bereits in den 1920er Jahren mehrere Hunderttausend Menschen nach Deutschland aus.Deutsche Minderheiten in der Zwischenkriegszeit, Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag, 2009, abgerufen am 23. Mai 2017. Diese Entwicklung führte bei der Rigaschen Rundschau, wie bei vielen deutschsprachigen Auslandszeitungen, zu einem Rückgang der Auflage und dementsprechend zu finanziellen Engpässen.

Für die junge Weimarer Republik war die unkontrollierbare Einwanderung eine schwierige Herausforderung hinsichtlich der finanziellen und sozialen Integration von Zugewanderten. Vor diesem Hintergrund zielte die deutsche Politik bereits unter Gustav Stresemann darauf ab, Minderheiten zum Bleiben zu überreden – in verschiedenen Staaten auch, um sie als Hebel für künftige Grenzrevisionen benutzen zu können.Mark Mazower: Hitlers Imperium: Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. C.H.Beck, 2009, S. 52. Obwohl die deutsche Regierung in Lettland und Estland nachweislich keine revisionistischen Absichten verfolgte, unterstützte sie auch in diesen beiden Staaten finanziell angeschlagene deutschsprachige Zeitungen. Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes hatte schon in einem Schreiben vom 19. Januar 1922 an das Reichswirtschaftsministerium festgestellt, dass die Rigasche Rundschau die bedeutendste deutsche Zeitung auf dem Gebiet des früheren Russlands sei und gleichfalls in anderen Ländern einen großen Einfluss ausübe. Folglich setzte das Reichswirtschaftsministerium einen lettischen Strohmann als Treuhänder ein, gründete die „Concordia Literarische Anstalt GmbH“ und beteiligte sich über diese ab 1922 zu vierzig Prozent an dem Betrieb der Zeitung. Die Reichsregierung maß der Rigaschen Rundschau so viel Bedeutung bei, dass sie ihr sogar während der Inflationszeit 1922/23 jeden Monat drei Bahnwaggons Zeitungspapier über Mittelsmänner nach Riga zustellen ließ. 1924 übernahm die „Concordia“ (ergo der deutsche Staat) den Verlag Ruetz & Co. zu einhundert Prozent.Helga Wermuth: Max Winkler – Ein Gehilfe staatlicher Pressepolitik in der Weimarer Republik. Dissertation. München 1975. S. 95–97.

Die Unterstützung der Rigaschen Rundschau organisierte Max Winkler, lange Zeit Graue Eminenz des deutschen Zeitungswesens, der als Wirtschaftsberater den Regierungen in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Bundesrepublik bei der Verschleierung von staatlichen Zeitungsbeteiligungen zu Diensten stand. Das Engagement des Auswärtigen Amtes wirkte sich jedoch nicht auf die Handlungsfähigkeit und Richtung der Zeitung aus, zumal die deutschen Außenminister in der Weimarer Republik grundsätzlich eine auf Ausgleich, nicht auf Eskalation bedachte Politik betrieben.Dan Diner: Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur: Band 2: Co–Ha. Springer-Verlag, 2016, S. 285–290. Ruetz blieb zumindest bis 1930 Herausgeber und Schiemann konnte bis 1933 als Hauptschriftleiter ungehindert seine Linie fortsetzen.Helga Wermuth: Max Winkler – Ein Gehilfe staatlicher Pressepolitik in der Weimarer Republik. Dissertation. München 1975. S. 95.Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Franz Steiner Verlag, 1989, S. 213.Schiemann, Carl Christian Theodor Paul Deutsche Biografie online, abgerufen am 28. Oktober 2017

Bis 1939 setzten sich die Redakteure der Rigaschen Rundschau für eine aktive und rückhaltlose Mitarbeit am lettischen Staat und seinen Institutionen ein. Dabei vertraten sie offensiv die Standpunkte des Europäischen Nationalitätenkongresses. Neben regionalen und weltpolitischen Themen veröffentlichte die Rigasche Rundschau regelmäßig Artikel über grundsätzliche Minoritätenfragen, Berichte über die Lage einzelner Minderheiten oder Aufsätze über Minderheitenbewegungen in Europa. Die Darstellungen zur Minderheitenproblematik waren nicht einseitig: marxistische Theorien eines Karl Renner oder Otto Bauer kamen genauso zu Wort wie die zionistischen Vorstellungen eines Jitzchak Gruenbaum oder die Volkstumspolitik eines Albert Brackmann.Hans von Rimscha: Die Gleichschaltung der „Rigaschen Rundschau“ im Jahre 1933. In: Baltische Hefte, 1978, Heft 21, S. 178–197.

Auf dieser Basis entwickelte sich die Rigasche Rundschau zur bekanntesten Tageszeitung der deutschen Minderheit in Nordeuropa. Zeitweise unterstützte der Europäische Nationalitätenkongress die Zeitung redaktionell und ebenfalls finanziell, womit auch der Bezugspreis gering gehalten werden konnte. Anfang der 1930er Jahre kostete die Einzelnummer in Lettland 12 Santīmu, in Estland 10 Kronen und in Litauen 55 Litas. Im Deutschen Reich war das Blatt an größeren Bahnhöfen für 20 Pfennig erhältlich. Ein monatliches Abonnement inklusive Postzustellung kostete in Lettland 3,20 Lats, in Deutschland 4,20 Mark und im übrigen Ausland 1 Dollar.vgl. Rigasche Rundschau, Angaben Titelkopf, Ausgabe vom 30. September 1930.

Situation nach 1933